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TraditionsunternehmenMiele-Chef: „Regierung muss auch mit AfD und Linken sprechen“

Miele hadert mit der Flaute am Bau und den Corona-Nachwehen. Manager Reinhard Zinkann äußert sich aber auch selbstkritisch zur Situation des Hausgeräteherstellers.Florian Weyand 01.05.2025 - 09:45 Uhr
Mehr als 700 Mitarbeiter fertigen im Miele-Werk in Bünde Kochfelder oder Dampfgarer. Foto: picture alliance / SvenSimon

Einst florierte im ostwestfälischen Bünde der Handel mit Tabak. Im dortigen Museum im Zentrum der 50.000 Einwohner großen Stadt ist seit einigen Jahren die mit 1,50 Meter Länge größte Zigarre der Welt ausgestellt.

Heute gibt es nur noch wenige Tabakwarenhersteller in der Stadt, stattdessen ist Miele einer der größten Arbeitgeber der Region. Mehr als 700 Menschen arbeiten im dortigen Werk, das sich auf die Herstellung von Kochfeldern, Dampfgarern und Wärmeschubladen spezialisiert hat. Mehr als 450.000 Geräte werden dort jedes Jahr hergestellt.

In den Standort hat das Traditionsunternehmen aus Gütersloh zuletzt mehr als 25 Millionen Euro investiert. Das Geld floss unter anderem in verschiedene Entwicklungsbereiche und in eine neue Pressanlage. Das Werk hat trotz der von Miele zuletzt verkündeten Sparpläne eine Zukunft. Auch, weil in Bünde eines der wohl erfolgreichsten Miele-Produkte der vergangenen Jahre hergestellt wird: das Induktionskochfeld mit integriertem Dunstabzug. Bereits Mitte der 1980er-Jahre entwickelt, fand Miele damals kaum Kunden für die Produktneuheit. Erst viele Jahre später setzte sich die Idee in der Küche durch – und sorgt nun für gute Umsätze.

Scharfe Kritik an der Ampel-Regierung

Innovationen braucht es, um das Traditionsunternehmen wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Ende Februar dieses Jahres vermeldete Miele wieder ein Umsatzplus. Nach einem schwachen Jahr 2023 zog das Geschäft beim Hausgerätehersteller etwas an und die Gütersloher verkündeten einen Umsatzsprung von 4,96 auf 5,04 Milliarden Euro. Aber: In den Zahlen ist ein jüngst gegründetes Joint Venture teilweise eingerechnet. Ohne die Umsätze von SteelcoBelimed, das Miele 2024 erstmals in der Bilanz konsolidierte, dürfte das Unternehmen das Jahr 2024 wohl mit einem Umsatzrückgang abgeschlossen haben.

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Noch immer machen Miele die Corona-Nachwehen und auch die konjunkturelle Lage in Deutschland und auf den Weltmärkten zu schaffen. Die scheidende Ampel-Regierung hatte es nicht geschafft, den Markt für den Wohnungsbau wieder anzukurbeln. 2024 ging die Zahl der genehmigten Wohnungen um mehr als 40.000 zurück und sank auf etwa 215.000. Damit reduzierte sich die Zahl der Baugenehmigungen im dritten Jahr in Folge. Wo nicht gebaut wird, werden auch keine Waschmaschinen, Geschirrspüler oder Backöfen benötigt. Die Umsätze im Inland, die in etwa ein Viertel des Gesamtumsatzes ausmachen, entwickelten sich bei Miele zuletzt rückläufig. Zudem leidet die Wirtschaft unter hohen Energiepreisen und ökologischen Auflagen.

Wirtschaftsminister Robert Habeck, der noch einige wenige Tage im Amt ist, gehört für Miele-Manager Reinhard Zinkann zu den Mitverursachern der Krise. „Auf dem Altar des Green Deals und der grünen Wirtschaftspolitik ist das Opfer viel zu groß gewesen“, kritisiert der geschäftsführende Gesellschafter von Miele Anfang dieser Woche vor einer kleinen Runde von Journalisten auf dem Wasserschloss Gut Böckel in Rödinghausen (Nordrhein-Westfalen). Zinkann, der dort auf Einladung der „Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche“ spricht, habe jedoch die Hoffnung, dass sich die neue Regierung aus Union und SPD den wirtschaftlichen Problemen des Landes annehmen und die Baukonjunktur ankurbeln wird.

Man muss immer im Gespräch bleiben: auch mit AfD und der Linkspartei
Reinhard Zinkann
geschäftsführender Gesellschafter von Miele

Mit Sorge blickt er jedoch auf das starke Abschneiden von AfD und Linkspartei bei den vergangenen Bundestagswahlen. Der 65-Jährige wirbt für einen Dialog unter den Parteien. „Ich halte nichts davon, dass wir jemanden ausgrenzen. Man muss immer im Gespräch bleiben: auch mit AfD und der Linkspartei“, sagt er.

Doch nicht nur die von Zinkann kritisierten Politiker, auch Miele muss die eigenen Hausaufgaben abarbeiten. Nachdem die Coronapandemie 2023 abgeebbt war, schlitterte das Traditionsunternehmen in die Krise. Eine Lage, auf die das Miele-Management offenbar nicht gut genug vorbereitet war, wie der Manager selbstkritisch erklärt. Zu Beginn der Pandemie habe er – wie viele andere Top-Manager der Branche – an eine große Krise gedacht. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Fachgeschäfte mussten schließen. „Doch dann ging der Hype los“, erinnert sich der Miele-Manager.

Vom Corona-Boom überrascht

Anstatt während des Lockdowns auf ihren Produkten sitzenzubleiben, profitierten viele Hausgerätehersteller plötzlich von einer Sonderkonjunktur. Restaurants waren geschlossen und Urlaubsreisen kaum möglich. Daher investierten die Konsumenten oftmals in die eigenen vier Wände, kauften Backöfen oder Waschmaschinen. Als Folge gingen die Umsätze bei Miele steil nach oben. Setzte der Hausgerätehersteller im Jahr 2019 noch 4,22 Milliarden Euro um, stieg der Absatz innerhalb von drei Jahren auf 5,43 Milliarden Euro in 2022. Die Zahl der Mitarbeiter stieg von etwa 20.000 (2019) auf mehr als 22.300 (2023).

Reinhard Zinkann, Geschäftsführer und Mitinhaber der Miele-Gruppe, spricht auf der Pressekonferenz des Hausgeräteherstellers Miele zu den Geschäftszahlen 2024. Foto: picture alliance/dpa

Doch nach der Pandemie war es mit dem Boom schnell vorbei. Ernsthaft gerechnet hatten die Verantwortlichen in Gütersloh damit nicht. Im Gegenteil, wie Zinkann erklärt. „Wir haben auf Wachstum gesetzt und mussten dann reagieren“, sagt er. Die Folge war ein massives Sparprogramm, mit dem das Unternehmen Anfang des vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit ging.

Miele gab einen Job-Abbau von etwa 2000 Stellen bekannt. Ein Großteil der Arbeitsplätze sollte in Deutschland gestrichen werden. Zudem verkündete das Management die Verlagerung eines Teils der Waschmaschinenfertigung von Deutschland ins polnische Ksawerów. 500 Millionen Euro sollen am Ende eingespart werden. Harte Entscheidungen, die dem erfahrenen Manager Zinkann nicht leicht gefallen sind, wie er betont. „Das tut uns als Unternehmen schon weh“, sagt er.

Für den Sparkurs musste das Traditionsunternehmen öffentlich viel Kritik einstecken. Auf der ganzen Welt berichteten Zeitungen und TV-Sender kritisch über den Job-Kahlschlag in Gütersloh. Ein Händler machte sogar Werbung damit, dass Kunden bei ihm die letzte in Deutschland produzierte Miele-Waschmaschine kaufen können. Und mit jeder neuen Schlagzeile stieg die Verunsicherung bei Mitarbeitern, Händlern und Kunden. Man habe in der Zeit viel Gegenwind gespürt. „Gerade die ersten Monate waren hart“, kommentiert ein erfahrener Manager. Die Kritikwelle traf Miele unvorbereitet. Mit einer derartigen Berichterstattung hatten die Verantwortlichen in Gütersloh nicht gerechnet, heißt es aus Unternehmenskreisen.

Mieles Image ist angekratzt

Um das ramponierte Ansehen wiederherzustellen, investierte Miele zuletzt in Marketingkampagnen. Das Unternehmen ist nun noch mehr in den Sozialen Medien und auf YouTube zu finden. Eine Partnerschaft mit einer Netflix-Serie wurde gestartet. Zudem schaltete das Unternehmen Werbespots vor der Sendung „Börse vor Acht“ in der ARD. Die Spots und Kampagnen sollen unabhängig von der Kritik am Sparprogramm geplant worden sein, sagt man in Gütersloh. Allerdings ist man sich bei Miele offenbar auch bewusst, dass man nach den negativen Schlagzeilen des vergangenen Jahres „wieder mehr Glaubwürdigkeit herstellen“ müsse, heißt es aus Unternehmenskreisen.

Immerhin: Zuletzt teilte Miele mit, dass das Sparprogramm ohne betriebsbedingte Kündigungen gestaltet werden soll. Mitarbeiter hätten ein freiwilliges Ausstiegsprogramm oder Altersteilzeit- und Vorruhestandmodelle genutzt. Der notwendige Stellenabbau sollte so sozialverträglich wie möglich gestaltet werden. „Das ist uns gelungen“, meint das Miele-Geschäftsleitungsmitglied Rebecca Steinhage. Zudem gibt sie eine Garantie für die heimischen Produktionsstätten: „Die Standorte in Deutschland stehen nicht zur Disposition und sind sicher.“

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