G7-Finanzministertreffen: Lars Klingbeil und das doppelte Prinzip Hoffnung
Manchmal gehört es zum Zauber eines neuen Jobs, sich nicht von alten Gewohnheiten trennen zu müssen. So gesehen kann Lars Klingbeil wenig falsch machen. Er sagt Sätze wie:
„Wir müssen jetzt zu Sicherheit und Stabilität beitragen.“
„Wir müssen dafür sorgen, dass es zu wirtschaftlicher Stärke kommt und dass Arbeitsplätze gesichert werden.“
„Wir brauchen mehr internationale Zusammenarbeit.“
Es sind Beschwörungsformeln, die jedes beliebige Statement eines SPD-Vorsitzenden noch beliebiger wirken lassen. Doch Klingbeil sagt sie nicht im Foyer des Willy-Brandt-Hauses. Nein, er steht neun Flugstunden plus knapp zwei Stunden Autofahrt entfernt von Berlin im fensterlosen Konferenzraum eines Tagungshotels. Neben ihm der Bundesbankpräsident, vor ihm zwei Dutzend mitgereiste Journalisten.
Klingbeil sieht müde aus. Er hat den vorherigen Tag mit Besprechungen und Arbeitsessen verbracht. Mit Speed-Dating für Mächtige. Ja, das ist jetzt seine Welt. Als neuer Finanzminister. Und als deutscher Vizekanzler.
In Banff, Kanada, hat Klingbeil die Finanzminister der anderen G7-Staaten getroffen, also der größten Industrienationen der westlichen Wertegemeinschaft. Er hat seinen Amtskollegen vom „special fund“ berichtet, vom 500-Milliarden-Sondervermögen, mit dem die Bundesregierung Deutschland modernisieren will. Er hat gemeinsam mit ihnen dem ukrainischen Finanzminister „ungebrochene Unterstützung“ versprochen.
Vor allem aber drehten sich Klingbeils Gespräche, wenig überraschend, um die drängendste Frage der Weltwirtschaft: Wie sieht eine Lösung im Handelsstreit mit den USA aus? Wie kann man US-Präsident Donald Trump überzeugen, dass alle gewinnen, wenn keiner verliert?
Was Klingbeil sich traut – und was noch nicht
Für Klingbeil war die Reise eine Premiere. Der erste Auftritt auf internationaler Bühne jenseits von Europa. Das erste Familienfoto im Kreise der G7. Einmal lächeln für den Zollfrieden, bitte! Endlich Staatsmann.
Nur: Was für einer?
In der illustren Reihe seiner Vorgänger findet Klingbeil einiges an Anschauungsmaterial. Manches kann er sich abschauen. Anderes sollte er besser lassen. Christian Lindner und Olaf Scholz zum Beispiel mögen in Stil und Auftritt unterschiedlich Typen gewesen sein. Lindner, der Mann ohne Zweifel. Scholz, der Klassenbeste. Dahinter aber stand dasselbe Amtsverständnis: Ich habe jedes Problem durchschaut, ich habe jede Entwicklung kommen sehen, ich weiß es besser – und zwar immer vor allen anderen.
Der Neue im Finanzressort gibt sich im Vergleich dazu erst mal als demütiger Novize. Das sei nur ehrlich, findet Klingbeil. Schließlich hatte er mit Haushalt und Handelskrieg bislang wenig bis gar nichts zu tun gehabt. Weder mit den Themen, noch mit den Akteuren. Man spürt es etwa bei der Pressekonferenz mit Joachim Nagel, dem Präsidenten der Bundesbank. Nagel ist SPD-Mitglied. Die beiden könnten sich duzen, wie das unter Genossen üblich ist. Sie könnten. Klingbeil bleibt höflich förmlich.
Und man spürt es auch, als ein Journalist der „New York Times“ eine Frage auf Englisch stellt. Klingbeil könnte locker in derselben Sprache beantworten, schließlich hat er selbst mal einige Monate in Manhattan gelebt. Doch er reagiert auf Deutsch. Vorsicht first. Nicht, dass er versehentlich mit einem Halbsatz die Märkte bewegt.
Der Ernst der Lage kommt ihm entgegen, was nicht zynisch klingen soll. Klingbeil muss bei seiner G7-Premiere nicht gleich Detailtiefe beweisen. Das große Ganze ist bedrohlich genug. Und überschattet alles andere.
Im Zollstreit setzt Klingbeil auf das Prinzip Hoffnung – und zwar gleich doppelt. Er rechnet damit, dass Trump nicht noch einmal erleben möchte, was seine Zoll-Ankündigungen im Frühjahr in den USA ausgelöst haben. Da sanken in New York die Aktienkurse. Und da stiegen plötzlich die Renditen für US-Staatsanleihen. Für Trump und seine Regierung wurde es also teurer, sich zu verschulden. Gerade erst gestern verlief eine Auktion der US-Treasuries beunruhigend mau. Das kann Trump nicht gefallen haben. So lautet jedenfalls die Analyse der neuen Bundesregierung.
Eine Einladung nach Washington
Der Vizekanzler hofft zudem, dass sein amerikanischer Amtskollege im Weißen Haus Gehör findet. Scott Bessent, der unscheinbare US-Finanzminister, gilt als effizienter Profi und Ruhepol dieser erratischen Regierung. Als Mann, mit dem man vernünftig reden kann.
Bessents Botschaft an die Völker der Welt lautet in diesen Tagen: Macht einen Deal mit uns, dann bleiben Euch die schlimmsten Zoll-Aufschläge erspart. Mit den Briten hat man sich gerade geeinigt, mit den Chinesen auch. Andere könnten nun folgen.
Noch bis Juli hat Trump seine Zollattacke in Teilen zurückgestellt. Für Deutschland und Europa verhandelt die EU-Kommission mit den USA. Momentan stellt man sich gegenseitig Forderungen. „Die müssen sich jetzt anstrengen“, sagt Klingbeil – und meint die EU-Kommission. Es ist ein seltener Augenblick in Kanada, in dem der Vizekanzler richtig deutlich wird.
In Kanada traf Klingbeil seinen US-Kollegen Bessent zum ersten Mal. Man habe länger miteinander gesprochen als geplant, hieß es anschließend aus der deutschen Delegation. Klingbeil habe betont, der Handelsstreit müsse schnell beigelegt werden. Schließlich seien Arbeitsplätze auf beiden Seiten des Atlantiks bedroht. Bessent wiederum hat Klingbeil nach Washington eingeladen.
„Wir waren uns einig darin, dass wir Lösungen finden wollen“, sagte Klingbeil nach dem Treffen. Die deutsche Hand sei ausgestreckt. Und er habe den Eindruck gehabt, dass Bessent sie annehmen wolle. „Wir haben immer nach vorne diskutiert.“
Bundesbank-Präsident Nagel hingegen scheint den Schock des Frühjahrs, als Trump seine Zölle auf postergroßen Tafeln präsentierte, noch nicht hinter sich lassen zu wollen. Manchmal, sagte Nagel, habe er das Gefühl gehabt: „Wir sind nicht weit weg von der Kernschmelze an den Finanzmärkten.“ Kernschmelze? Ja, den Begriff könne man verwenden, glaubt Nagel.
Wie lange hält die doppelte Hoffnung?
Während Klingbeil in Kanada weilte, gab sich daheim in Berlin auch der Kanzler zuversichtlich. „Es gibt erkennbare Anzeichen dafür, dass die amerikanische Regierung bereit sein könnte, mit uns eine Verabredung zu treffen, dass wir runterkommen von den hohen Zöllen“, sagte Friedrich Merz am Mittwoch. Der Kanzler fliegt in drei Wochen selbst nach Kanada. Dann treffen sich die Staats- und Regierungschefs der G7, auch Trump wird erwartet.
Ob der Zollstreit bis dahin mit einem Deal beigelegt ist? Eher unwahrscheinlich. In Washington jedenfalls hat das Repräsentantenhaus gerade massive Steuersenkungen beschlossen. Was dazu führt, dass die Renditen auf US-Staatsanleihen weiter steigen. Und was nicht dafür spricht, als störe Trump und seine Republikaner dieser Umstand besonders.
Klingbeil mag in Kanada etwas Zoll-Zuversicht gefunden haben. Aber er wird wissen, wie einen das gute Bauchgefühl täuschen kann. Dafür ist er lange genug SPD-Chef.
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