Weniger private Vorsorge: Diese Rentensorgen haben junge Deutsche
Schlecht informiert
Die Deutschen kaufen Autos, Computer, Küchengeräte und gehen auf Reisen. Vor dem Kauf werden oft zahlreiche Testberichte gelesen. Geht es allerdings um Versicherungen und die eigene Vorsorge, sieht dies anders aus. Dabei sind ausreichende Informationen wichtig, um teure Fehlabschlüsse zu vermeiden.
Quelle: Institut GenerationenBeratung IGB
Foto: FotoliaLückenhafte Vorsorge
Oft werden einzelne, wichtige Teile der Altersvorsorge vergessen. Dazu gehören:
1) individuelle Vorsorgevollmacht
2) Patientenverfügung
3) Klärung der Finanzen im Pflegefall
4) Testament
Foto: FotoliaDie falschen Berater
„Freunde, Familie und Bekannte in alle Vorsorgefragen einzubeziehen, ist wichtig und stärkt die Bindung zueinander. Doch sich allein auf ihren Rat zu verlassen, wäre fatal“, sagt Margit Winkler vom Institut GenerationenBeratung. Denn nur ausgebildete Finanzberater könnten auch in Haftung genommen werden. Sie sind verpflichtet, alle besprochenen Versicherungen und Vorsorgeprodukte zu dokumentieren.
Foto: FotoliaVorsorge ist nicht gleich Vorsorge
Jeder sollte seine Altersvorsorge an seine eigenen Bedürfnisse anpassen, pauschale Tipps von Beratern oder Freunden taugen in der Regel wenig. Je nach Familiensituation können andere Versicherung und Vorsorgeleistungen wichtig sein. „Vor allem in Patchwork-Situationen oder bei angeheirateten Ehepartnern gelten andere Spielregeln in der Vorsorge", sagt Winkler.
Foto: FotoliaSchwarze Schafe
Deshalb ist bei der Auswahl des Beraters Vorsicht geboten, in der Branche sind schwarze Schafe unterwegs. Geht ein Berater nicht auf die persönliche Situation ein oder preist ein bestimmtes Produkt besonders an, sollten die Kunden hellhörig werden.
Foto: WirtschaftsWoche, FotoliaInformiert ins Gespräch
Wer Fehlern im Zuge von Falschberatung entgehen will, der muss sich vorher selber informieren. Je besser der Kunde im Beratungsgespräch selber informiert ist, desto eher kann er schlechte Berater enttarnen.
Foto: FotoliaVorsorge-Flickenteppich
Beraterin Winkler warnt davor, zu viele Verträge bei vielen verschiedenen Beratern abzuschließen. Am Ende drohten Versicherte, den Überblick zu verlieren, besser sei eine ganzheitliche Lösung, die auf die individuelle Situation abgestimmt ist.
Foto: FotoliaSinnlose versus sinnvolle Versicherungen
Einige Versicherungen, wie die private Haftpflichtversicherung, sind essentiell. Auch die Berufsunfähigkeitsversicherung ist wichtig und sollte vorhanden sein. „Wer seinen Kindern später nicht auf der Tasche liegen möchte, sollte auch den Pflegefall unbedingt absichern“, rät Winkler. Gleichzeitig gibt es aber auch zahlreiche überflüssige Policen, die nicht für jeden und in jedem Alter notwendig sind.
Foto: Fotolia
Hochriskante Anlagen
Wer im Alter gut versorgt sein will, der sollte nicht auf hochriskante Anlagen setzen. Anteile an geschlossenen Fonds oder Genussscheine bringen nicht unbedingt eine sichere Rente.
Foto: FotoliaAlles auf eine Karte setzen
Winkler warnt davor, nur auf eine Anlageart zu setzen. Neben der gesetzlichen und betrieblichen Altersvorsorge ist auch private Vorsorge wichtig, etwa durch ein gut gestreutes Portfolio, welches beispielsweise offene Fonds oder Immobilienwerte enthalten könne.
Foto: FotoliaJunge Deutsche im Alter von 17 bis 27 Jahren zweifeln an der privaten Altersvorsorge. Lediglich 23 Prozent sind der Meinung, dass man durch private Vorsorge bessere Erträge erwarten kann als durch die staatliche Rente. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 sagten das noch 31 Prozent.
Zugleich wächst der Wunsch an die Politik, die staatliche Rente zu verbessern. 39 Prozent sagen, es könne auch in Zukunft eine gute staatliche Rente geben, wenn die Politik nur wolle. Im Vergleichsjahr 2010 sagten das lediglich 31 Prozent.
Diese Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage hat die „Metallrente“, ein Versorgungswerk für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie, am Donnerstag veröffentlicht. Für die Untersuchung hat das Meinungsforschungsinstitut Infratest 2500 junge Leute im Alter zwischen 17 und 27 Jahren befragt. Die Daten zeigen, dass der von der Politik gewünschte Mentalitätswechsel bei der jungen Generation ausbleibt - und sich sogar in Richtung Staat statt privat verschiebt.
Die Riester-Rente, die derzeit von CSU und SPD in Frage gestellt wird, ist unter jungen Leuten zunehmend weniger beliebt. Im Jahr 2010 sagten 50 Prozent derjenigen, die für das Alter vorsorgen, dass sie eine Riester-Rente abgeschlossen haben. Sechs Jahre später ist dieser Wert auf 42 Prozent gesunken. Zugleich wird die betriebliche Altersvorsorge beliebter. 2010 sorgten 31 Prozent der 17- bis 27-Jährigen damit vor, heute sind es immerhin 40 Prozent.
Dies hängt offenbar mit der Komplexität der Produkte zusammen. Knapp 40 Prozent der Befragten gaben an, sie könnten eine betriebliche Altersversorgung einem Freund erklären. Aber nur 27 Prozent trauen sich zu, die Riester-Förderung beschreiben zu können. Noch vor Riester-Rente und betrieblicher Vorsorge entscheiden sich im Übrigen 60 Prozent für das klassische Sparbuch oder Festgeld-Anlagen, um für das Alter vorzusorgen, 56 Prozent vertrauen auf den Bausparvertrag.
Aufschlussreich sind auch die Pläne derjenigen, die noch nicht vorsorgen, sich das aber künftig vorstellen können. Nur 19 Prozent wollen demnach eine Riester-Rente abschließen. 2010 waren es noch 42 Prozent. Für eine private Rentenversicherung würden sich noch 38 Prozent entscheiden – statt 51 Prozent vor sechs Jahren. Die Lebensversicherung finden nur noch 35 Prozent attraktiv, 2010 waren es noch 44 Prozent.
Durchschnittsrenten
Laut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen.
Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016
Foto: dpaOst-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten Renten
Die Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten.
Aktuell bekommen männliche Rentner:
in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat
in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat
in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat
in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat
in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat
in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat
in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat
in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat
in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat
in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat
in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat
im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat
in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat
in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat
in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat
in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat
Foto: APFrauen mit deutlich weniger Rente
Frauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz.
Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente:
in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat
in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat
in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat
in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat
in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat
in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat
in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat
in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat
in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat
in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat
in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat
im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat
in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat
in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat
in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat
in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat
Foto: dpaBeamtenpensionen deutlich höher
Staatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent.
Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro.
Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro.
Foto: dpaRentenerhöhung
Im Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent.
Foto: dpaReserven der Rentenkasse
Dabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen.
Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können:
Foto: dpaAbweichungen vom Standardrentner
Wer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt.
Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro.
Foto: FotoliaDurchschnittsrente Ost nach Arbeitsjahren
In den neuen Bundesländern liegt die Rente nach 45 Arbeitsjahren und durchschnittlichem Lohn bei 1217 Euro.
Für 40 Jahre in Arbeit gibt es aktuell 1082 Euro. Bei 35 Jahren sind es in den neuen Bundesländern 947 Euro.
Foto: FotoliaHalbtags arbeiten erhöht das Armutsrisiko
Je nach Verdienst, kann die Rente aber stark schwanken. Wer etwa im Berufsleben auf die Hälfte vom Durchschnittsverdienst kam, dessen Rentenansprüche halbieren sich auch. In den alten Bundesländern wären das aktuell nach 45 Berufsjahren 657 Euro. In den neuen Bundesländern bei gleicher Arbeitszeit 609 Euro.
Foto: dpaMaximale Rentenhöhe für Gutverdiener
Umgekehrt verdoppelt sich die Rente, wenn der Lohn während des Arbeitslebens über der Bemessungsgrenze lag. In den alten Bundesländern könnte ein Vielverdiener so auf 2628 Euro kommen. In den neuen Bundesländern sind theoretisch bis zu 2434 Euro drin.
Foto: dapdDie Skepsis gegenüber der privaten Vorsorge spielt der Bundesregierung aus Union und SPD in die Hände. In dieser Woche hatte die große Koalition satte Rentenerhöhungen beschlossen. In Westdeutschland steigt die Rente zum 1. Juli um 4,25 Prozent, im Osten um 5,95 Prozent. Das ist die kräftigste Rentenerhöhung seit 23 Jahren. In diesem Jahr fallen für die gesetzliche Rentenversicherung zusätzliche Kosten in Höhe von 6,4 Milliarden an, ab kommendem Jahr sind es sogar 12,7 Milliarden Euro.
SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert noch in dieser Legislaturperiode eine große Rentenreform, da die Bevölkerung es nicht akzeptieren würde, wenn das Rentenniveau auf 40 bis 42 Prozent des letzten Bruttogehalts sinken sollte. SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles will die umlagefinanzierte Rente als „die zentrale Säule unseres Alterssicherungssystems“ erhalten und bekommt Unterstützung von CSU-Chef Horst Seehofer, der das Rentenniveau ebenfalls nicht weiter absenken möchte.
Heribert Karch, Geschäftsführer des Versorgungswerks "Metallrente", warnt davor, dass die rot-grüne Rentenreform aus dem Jahr 2001 hin zu mehr privater Vorsorge scheitern wird. „Die Bereitschaft zur Vorsorge ist im Sinkflug, die Beteiligung an der privaten Riester-Rente rückläufig“, sagt Karch. „Wenn es eigenes Geld kostet, handeln die jungen Menschen nun mal nicht automatisch im Sinne der Rentenreform.“
Die Idee der Rentenreform, die vor 15 Jahren beschlossen wurde, gehe nicht auf. Junge Menschen sollten im Umlagesystem weniger für den alten Rentner zahlen und stattdessen mit der staatlich geförderten Riester-Rente vorsorgen. „Die Generation Y wird von der vermeintlich gerechter behandelten zur prekären Generation der Rentenpolitik“, sagt Krach.
Das Versorgungswerk Metallrente fordert nun, dass die zusätzliche Altersvorsorge nicht mehr auf die Grundsicherung im Alter angerechnet werden soll. Nur so würden sich Eigenvorsorge sowie betriebliche oder tarifliche Leistungen lohnen. „Der Staat darf nicht auf Altersersparnisse zugreifen“. sagt Krach, der sich im Sinne seiner Branche selbstverständlich mehr Betriebsrenten wünscht.
Eine große Rentenreform noch vor der Bundestagswahl im Herbst des kommenden Jahres ist indes unwahrscheinlich, auch wenn CSU und SPD das fordern. Die CDU will das Thema aus dem Wahlkampf raushalten. Begonnen hat er längst.