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TauchsiederPutins alte Diktatur – und Xis moderne Tyrannei

Freundschaft zwischen Moskau und Peking? Nicht täuschen lassen. Die Demokratien des Westens bekommen es nicht mit einem autokratischen Block zu tun. Sondern mit zwei Ländern, die unterschiedlicher nicht sein können.Dieter Schnaas 01.05.2022 - 09:00 Uhr

Links: Moskau. Ein Polizeibeamter bereitet sich auf die Festnahme von Dmitry Reznikov vor, der vor dem Kreml im Hintergrund ein weißes Blatt Papier mit acht Sternchen in der Hand hält, die auf Russisch für «Nein zum Krieg» stehen könnten. Ein Gericht befand ihn der Verunglimpfung der Streitkräfte für schuldig und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 50.000 Rubel (618 US-Dollar).

Rechts: Shanghai. Polizisten in Schutzanzügen halten einen Mann fest. Anwohner protestieren gegen die Umwandlung benachbarter Wohngebiete in Isoliereinrichtungen für das Coronavirus (COVID-19).

Foto: REUTERS, dpa Picture-Alliance

Spätestens nach zwei, drei Tagen meint man alle Birken dieser Welt gesehen zu haben. Der Zug schleicht durch die Taiga, und immer dieselbe Herbstlandschaft zieht mit immer derselben Trägheit am Fenster vorbei, im unbewegten Rhythmus der Bahnschwellen, die phlegmatisch pochen, im Quintverhältnis 2:3 zum Ruhepuls, wie entspannend. Man liest Gontscharows Oblomow, wie passend, schaut abwechselnd ins Buch und aus dem Fenster, schläft und dämmert 23 Stunden täglich, von Zeitzone zu Zeitzone, lässt willenlos Stunden, Tage, Nächte verstreichen, angenehm enthoben allen Empfindens für das Datum, den Wochentag, die Uhrzeit, schreckt kurz hoch, wenn der Zug in Perm oder Omsk hält, in Novosibirsk oder Krasnojarsk, lässt sich von alten Mütterchen auf den Bahnsteigen ein paar heiße Kartoffeln und Teigtaschen durchs Fenster reichen – und wartet dann wieder ab, trinkt Tee, der Samowar ist immer voll mit heißem Wasser, darauf kann man sich verlassen in diesem Zug, der von Moskau unterwegs ist nach Wladiwostok.

Vier Wochen Russland im September und Oktober 2001, anschließend weiter nach China, Südostasien: Umzug nach Singapur, die Container sind auf dem Weg, das dauert, was liegt da näher als eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn? Vier, fünf Tage Moskau, je zwei, drei in Irkutsk und am Baikalsee, in Ulan Ude, Khabarowsk, Wladiwostok, wenn schon, denn schon, erst im sagenhaft breschnewjetischen 6000-Betten-Hotel Rossija (die schweren Vorhänge! die belebten Teppiche! die tanzenden Kakerlaken!), anschließend im Zug und bei Privatfamilien, die sich als Gastgeber ein bisschen was dazuverdienen (die Plattenbausiedlungen! die düsteren Treppenhäuser! die tanzenden Kakerlaken!).

Die Gespräche am Abend kreisen um die Terroranschläge auf das World Trade Center und die Hoffnung auf schnelle Wohlstandszuwächse in Russland, um die parasitäre Oligarchenwirtschaft und die Hoffnungen der Mittelschicht, um den jungen Staatschef Wladimir Putin, die Vorzüge einer demokratisch verfassten Gesellschaft und die neuen, globalen Informationsräume des Internets, um die deutsch-russische Geschichte natürlich und die Verbrechen der Wehrmacht, „Barbarossa“, Stalingrad – und um die Zukunft eines kulturstolzen Russlands in Europa: Eine Unterhaltung zwischen Deutschen und Russen entspinnt sich damals nicht über das Wetter oder den Fußball, sondern über Dostojewski und Goethe, Stravinsky und Beethoven, Kandinsky und Nolde, Kropotkin und Nietzsche, Lenin und Marx – sei es in Moskau oder in Wladiwostok.

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Einen Lindenblütentee für Gutsherr Wladimir!

von Dieter Schnaas

Und heute? Lieber nicht dran denken. Wladimir Putin zerstört in diesen Wochen nicht nur die internationale Ordnung, erklärt nicht nur dem Liberalismus und der Demokratie, den Menschenrechten und dem Selbstbestimmungsrecht der Völker den Krieg. Sondern er zerschneidet auch das starke kulturelle Band zwischen Russland und Europa. Kein Tourist wird mehr Bekanntschaft mit Putins Diktatur schließen wollen, sich dem Risiko einer Verhaftung aussetzen, nur weil er auf dem Newski-Prospekt zufällig ein gelbes T-Shirt zur Blue Jeans spazieren trägt. Die Hiltons und Hyatts ziehen sich zurück aus dem Land. So wie es auch die Mastercards und Visas tun.

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Aber das größte Land der Erde verschwindet nicht nur als Destination von der Weltkarte. Sondern auch als Seelen-Sehnsuchtsort der Deutschen und europäische Kulturnation von Rang und Bedeutung. Im vergangenen Schuljahr haben noch 94.000 Schülerinnen und Schüler in Deutschland Russisch gelernt, ein Minus von 83 Prozent gegenüber 1992/93 (565.000 Kinder und Jugendliche). Nun erlischt ziemlich sicher schnell das verbreitete Restinteresse in Ostdeutschland an der Sprache. Auch der Trend, sich gegen ein Studium der Slawistik (Leipzig: 600 Studierende vor 15 Jahren, heute: 250) zu entscheiden, dürfte sich in den kommenden Jahren deutlich verschärfen – es sei denn, die Unis bieten jetzt flugs Ukrainistik und Baltistik an. Und von den Lehrstühlen für Osteuropäische Geschichte wird klarer denn je das Signal ausgehen, dass es eine lineare Nationalgeschichte, so wie Russland sie sich selbst gern erzählt (Kiewer Rus - Moskauer Reich - Petersburger Zarenimperium - sowjetisch-russisches Moskau) historisch nicht haltbar ist – und aufgegeben werden muss zugunsten einer Geschichtsschreibung, die die komplexe Herausbildung ethnisch geprägter Selbstverständnisse und den Eigenwert pluraler, nationaler, kultureller und religiöser Identitäten zwischen Ostsee, Mittelmeer und Schwarzmeerküste in ihr Zentrum rückt.

Natürlich werden auch Literatur- und Musikliebhaber künftig Puschkin und Tchaikovsky anders lesen und hören, nämlich mit deutlichen Anklängen an den Putinismus – so wie wir Deutsche es gewohnt sind, Nietzsche und Wagner dissonant und verfremdet, nämlich durch Hitler und den Nazismus hindurch zu lesen und zu hören. Der abschätzige Blick zum Beispiel, den Puschkin in seinem Versepos „Poltawa“ und Tchaikovsky in seiner Oper auf „Mazeppa“ werfen; die Grausamkeit, die sie dem ukrainischen Kosaken (1639 - 1709) unterstellen; die Eindeutigkeit, mit der sie Mazeppas Freiheits- und Unabhängigkeitskampf als Verrat an der russischen Sache markieren – das alles wird künftig nicht mehr als Reiterfolklore und schon gar nicht als Stereotyp des ungezogenen Brudervolkes durchgehen – sondern zwingend zum Politikum, wann immer das Stück aufgeführt wird.

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Und – was lernen wir aus der Geschichte?

von Dieter Schnaas

Oder nehmen wir Schostakowitschts Siebte Sinfonie (1939/42): Wer wird beim furchterregenden „Invasionsthema“, den drängenden Trommelwirbeln und stampfenden Rhythmen der „Leningrader“ künftig nicht auch an den Vormarsch der Russen anno 2022 und die Vernichtung von Mariupol denken? Bisher hat man die ersten Minuten der Sinfonie als Sozialismusidyll gehört, das von einer erbarmungslos vorrückenden Todesmaschine der Wehrmacht niedergewalzt wird – gefolgt von einer Trauermusik, das die Gespenster des Schreckens nicht vertreiben kann: Putins zweijähriger Bruder Witja starb damals im belagerten Leningrad. Heute vernimmt man in Schostakowitschs Musik selbstverständlich auch ukrainische Unbekümmertheit, russische Brutalität – und trauriges Entsetzen über Butscha.

Einen irreparablen Schaden nimmt dabei vor allem unser romantisch geprägtes Bild von der russischen Seelentiefe, von der Duldsamkeit und Leidensfähigkeit des russischen Volkes, seiner Schwermut und Düsternis – man höre nur mal die zernichtende Ödnis von Schostakowitschs 15. Streichquartett, um nachzuempfinden, was der russische Philosoph und Nationalseelenkundler Nikolai Berdjajew (1974 - 1948) so umschrieben hat: „Das historische Los des russischen Volkes war es, unglücklich und reich an Leiden zu sein. Seine Geschichte ist erfüllt von Erschütterungen, Katastrophen und plötzlichen Wandlungen, manifestiert sich im Charakter der dem Land eigenen Zivilisation.“ Oder man badet gleich mit Dostojewski im Mythos der Melancholie, in der Transzendenz der Tragik, die Russland und den Russen angeblich eignet: „Ich glaube, das wichtigste… geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis, immer und unaufhörlich, überall und in allem zu leiden. Mit diesem Lechzen nach Leid scheint es von jeher infiziert zu sein. Der Strom der Leiden fließt durch seine Geschichte; er kommt nicht nur von äußeren Schicksalsschlägen, sondern entspringt der Tiefe des Volksherzens. Das russische Volk findet in seinem Leiden gleichsam Genuss.“

Diese Sätze lesen sich mit Blick auf den Vernichtungsfeldzug der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zynisch. Aber sie sind aufschlussreich für die wechselseitigen Selbstbilder und Fremdzuweisungen, mit der vor allem Deutsche und Russen sich seit 1945 begegnet sind – und künftig nicht mehr begegnen werden. Denn der Große Vaterländische Krieg war nicht nur „der wichtigste Gedächtnisort“ und „die existenzielle Legitimation der späten Sowjetunion“ (Andreas Kappeler) – sondern er wurde von Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion und „pater familias“ der geteilten Heimat und des heroisch verteidigten Vaterlands auch geschichtspolitisch monopolisiert. Es waren die „Völker Russlands“, die den Feind mit „eiserner Geisteskraft“ (Putin) zurückgedrängt hatten – und Putin ist sich sicher, dass es auch heute noch in ihrem „Charakter“ liegt, „ihre Pflicht zu erfüllen, sich selbst nicht zu schonen, wenn die Umstände dies erfordern“.

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Tun wir genug dafür, dass Putin diesen Krieg verliert?

von Dieter Schnaas

Kurzum: Die postsowjetische Ordnung ist für Putin eine Anomalie, weil Russland und das Russische als Russländisches immer größer sind als das politische Russland nach 1991. Und der Westen, speziell Deutschland? Hat diesen Anspruch drei Jahrzehnte lang realpolitisch zurückgewiesen, aber geschichtspolitisch legitimiert – was sich schon darin zeigt, dass selbst in Geschichtsbüchern noch immer von den „Russen“ die Rede ist, die Berlin und Wien befreiten, obwohl es natürlich die Rote Armee war, in der neben Russen etwa auch Ukrainer und Kasachen dienten. Und doch adressierte Berlin auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem Moskau, wenn es um geschichtspolitische Zeichen und Gesten der Buße und Demut ging – in Erinnerung an die neun Millionen sowjetischen Soldaten (darunter zwei Millionen Ukrainer) und 18 Millionen Zivilisten (darunter vier Millionen Ukrainer), die ihre Leben von deutscher Hand verloren. Auch mit dieser Geschichtspolitik ist es vorbei. Und es wird Deutschland in den nächsten Jahren in etwa gleich schwer fallen, seine Erinnerungskultur gegenüber der Ukraine zu korrigieren – und sie gegenüber einer russischen Diktatur zu bezeigen.

Natürlich wird auch Putin es nicht schaffen, uns den Spaß an Gogols Komödien zu vermiesen, Bulgakows faustische Meistersatire beiseite zu legen oder Malewitschs Quadrat schief anzusehen – so weit reicht die Macht eines Politikers nicht. Was er aber unbedingt geschafft hat: Erstens, dass wir Gogol, Bulgakow und Malewitsch künftig nicht mehr einfach „Russland“ zuschlagen – schon weil sie in Kiew geboren sind. Weil Gogol von seiner „doppelten Seele“ sprach, nicht „dem Kleinrussen vor dem Russen“ in ihm, „noch dem Russen vor dem Kleinrussen den Vorzug geben“ wollte. Weil Bulgakow 1919 als Arzt zunächst in die Ukrainische Republikanische Armee einberufen wurde. Weil Malewitschs Mutter polnischer Herkunft und Katholikin war, der Maler selbst sich abwechselnd als Ukrainer und Pole bezeichnete – und sich später als Mensch ohne Nationalität verstand. Zweitens, dass wir die russische Literatur und Musik des 19. und 20. Jahrhunderts künftig nicht mehr eingestimmt vom warmen Generalgefühl russischer Seelentiefe und Leidensfähigkeit lesen und hören werden.

Drittens verschattet Putins Gegenwartspolitik nicht nur die kulturelle Größe Russlands, sondern sie schärft auch abermals unseren Blick für die ungebrochene Gewalttradition des Zarenreiches, der Sowjetunion und Russlands, die Ruchlosigkeit Stalins und die strukturellen Defekte imperialer Reiche und Diktaturen, die nicht nur den Landraub ideologisch legitimieren und Kriege exportieren, sondern die dabei auch das eigene Volk zur Geisel nehmen (Holodomor), sein Leid ausbeuten und – besonders perfide – seine kulturell unterstellte Leidensfähigkeit politisch instrumentalisieren. Viertens zerstört Putin damit auch den zentralen Erinnerungsort Moskaus. Denn natürlich kann der 9. Mai 1945 in Russland seit dem 24. Februar 2022 nur noch in den Augen chauvinistisch verblendeter Hobbyhistoriker wie Putin ungebrochen als ruhmreiches Datum, Sinnbild selbstlosen Aufopferungswillens und verlustreicher Sieg über das radikal Böse erinnert werden. Statt dessen ist Russland heute selbst das Sinnbild des Bösen – und das Land wird nach Putin an der Bürde, nicht mehr auf der „richtigen Seite“ der Geschichte gestanden, Gewalt in Europa nicht nur erduldet, sondern auch exportiert zu haben, lange und schwer zu tragen haben – vor allem mit Blick auf sich selbst.

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Super-Soft-Power Deutschland?

von Dieter Schnaas

Zumal Putin damit fünftens das schroffe Gefälle zwischen der Abbruchdiktatur in Moskau und der Aufbruchdiktatur in Peking akzentuiert. Beide Regime eint der Wille zur Unterdrückung aller Kritik, zur Ausschaltung der Meinungsfreiheit, zur Kontrolle ihrer Bevölkerungen und zur gewaltsamen Durchsetzung ihres unbedingten Machtanspruchs. Und doch ist nichts irreführender in diesen Wochen als die gedankliche Parallelführung von Russland und China unter dem Eindruck ihrer im Vorfeld der Olympischen Spiele vereinbarten „unverbrüchlichen Freundschaft“. Viele junge Russen kehren unter dem Eindruck des Krieges gegen die Ukraine und der verschärften Tyrannei in ihrer Heimat auf Nimmerwiedersehen den Rücken; aus China hingegen strömten zuletzt (vor Corona) 800.000 Studenten pro Jahr ins Ausland, sechs Millionen seit 1978 allein in die USA – und die meisten kehrten wieder zurück. Auch die 134 Millionen chinesischen Touristen, die  etwa Europa, Australien, die USA oder Kanada bereisen, denken nicht im Traum daran, ihrer Diktatur zu entkommen.

Warum ist das so? Nun, weil die meisten Chinesen nie besser regiert wurden als in den vergangenen 40 Jahren. Ihre persönliche Freiheit war nie größer als heute. Ihre Lebensbedingungen haben sich so schnell und stark verbessert wie nie zuvor in der 2200-jährigen Geschichte des Landes. Man muss diese Dissonanzen schon aushalten, wenn man den kritischen Blick auf China richtet, so bitter es auch ist: Während Putin die letzten Tropfen Gas und Öl aus der russischen Erde presst, um mit den Erträgen seiner fossilen Feudalwirtschaft Cyberkrieger und Schlagstockpolizisten, Desinformationsprofis und Generäle hochzurüsten, haben Chinas Kader mit Sonderwirtschaftszonen, orchestrierten Technologieimporten und groß angelegten Infrastrukturmaßnahmen zugleich eine halbe Milliarde Menschen der Armut entrissen. Während Russland sich der Welt nurmehr als gestrige und destruktive Kraft aufdrängt mit dem Export von fossilen Brennstoffen und Falschnachrichten, mit den Fertigkeiten seiner Hackersoldaten und Militärmaschinerie, punktet China in der Welt mit künstlicher Intelligenz und avancierter E-Mobilität – als technologischer Superstaat von heute und morgen. Im übrigen hat China im Gegensatz zur Sowjetunion und Russland (und den USA) seit 1945 keine Interventionskriege geführt, sich mit zunehmender Macht und seit dem Ende des Kalten Krieges sogar weniger denn je eigemischt in die Belange anderer Staaten – und bietet sich anderen Nationen und zu seinen Gunsten (bisher) als stabiler, verlässlicher, wirtschaftlicher Partner an.

Kurzum: China hat der Welt viel Bejahbares anzubieten – ganz im Gegensatz zu Russland. Natürlich, nie vergessen: China hat sich Hongkong völkerrechtswidrig einverleibt und greift rücksichtslos auf Ressourcen zu, sichert sich seine Einflusssphäre im Südchinesischen Meer militärisch und expandiert mit kreditkolonialen Mitteln nach Afrika und Europa; es stiehlt gewohnheitsmäßig Technologie, Daten und Know-how, macht sich im eigenen Land kultureller Genozide schuldig, tritt die die Menschenrechte routiniert mit Füßen – und degradiert seine lückenlos überwachten Bürger zu algorithmisch bewirtschafteten Gehorsamszwergen: eine moderne Tyrannei.

Und doch werden die Kader in Peking getragen von den immensen Wohlstandszuwächsen im Land, prinzipiell unterstützt von einer wachstumshungrigen, nationalstolzen (han-chinesischen) Bevölkerung – und weltweit bewundert, mindestens respektiert, in vielen Schwellenländern Asiens, Afrikas, Südamerikas. Das heißt nicht, dass das Land mit seiner vulgärutilitaristischen Kollektivmoral schnell auf der Kippe steht, wenn es, wie im Moment in Shanghai, seinen Kontrollwahn auf die menschenverachtende Spitze treibt. Aber im Kern geht es darum, dass Xis China seiner Bevölkerung signalisiert, die Zukunft gewinnen zu wollen – während die Bürger in Putins Russland spüren, dass der Kreml es nicht mal mehr schafft, die Vergangenheit erfolgreich zu bewirtschaften.

Man konnte es übrigens schon vor 20 Jahren ahnen, am Grenzübergang Pogranitschny-Suifenhe, auf dem Weg von Wladiwostok ins nordchinesische Harbin: ein Nachtzug, vier Stunden Aufenthalt, Spurwechsel – und was für ein Kontrast zwischen der letzten Kartoffel im funzelgrau ausgeleuchteten Dunkel des unbelebten russischen Bahnhofs und der marktschreierischen Lebenslust zwei Kilometer weiter östlich: lachende, geschäftshungrige Mitternachtsmenschen, eine Kette von bunt blinkenden Garagengeschäften mit technischem Schnickschnack, gefälschten Markenklamotten und Garküchen im Dutzend, mit allem, was der Magen begehrt.

Wir wussten damals genau, dass wir uns aus Sicht der Demokratieforschung verschlechterten, uns von einer „elektoralen Autokratie“ in eine „geschlossene Autokratie“ bewegten. Aber wir spürten nach vier Wochen vor allem Erleichterung. Wir hatten tolle Menschen getroffen, die fantastische Kultur Russlands ein klein wenig näher kennengelernt und verließen ein wundervolles Land, das sich alles in allem wie ein eingefrorenes 1980 angefühlt hatte. Und kamen endlich wieder in China an, in dem Land, das wir seit vielen Jahren schon bereisten – und uns von Minute eins wieder von seiner Zukunftslust überzeugen zu wollen schien. 

Heute scheint sicherer denn je: Wir werden in den nächsten Jahrzehnten außen- und sicherheitspolitisch vor allem mit der scheinriesenhaften Schwäche eines Russlands umgehen müssen, das die Traumata seiner Vergangenheit und die ruinöse Politik seines Staatschefs aufzuarbeiten hat. Und mit einem mächtig starken China, das sehr dezidierte Vorstellungen von der Gestaltung der Zukunft hat. Das ist der Unterschied.

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