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  4. Warum Anleger der EZB-Chefin jetzt genau zuhören sollten

EZB-RatssitzungDiese Notenbanksitzung wird für Anleger entscheidend

Die EZB-Chefin dürfte im Zuge der anstehenden Notenbanksitzung kaum Überraschendes verkünden, könnte aber subtile Hinweise auf die Zins-Zukunft der Eurozone geben. Auf diese Formulierungen sollten Anleger besonders achten.Julia Groth 09.06.2022 - 06:00 Uhr

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank EZB

Foto: dpa

Wenn Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), am Donnerstagnachmittag die Ergebnisse der jüngsten Ratssitzung verkündet, wird nicht nur wichtig sein, was sie sagt. Sondern auch, wie sie es sagt. Lächelt Lagarde oder runzelt sie die Stirn? Strahlt sie Zuversicht aus oder Sorge? Man könnte fast sagen: Vom Habitus dieser Frau hängt das wirtschaftliche Schicksal der Eurozone ab. Es wäre nur minimal übertrieben.

Die Notenbank soll – so lautet eine ihrer Hauptaufgaben – im Euroraum für Stabilität sorgen, bei den Preisen und an den Finanzmärkten. Eines der wichtigsten Instrumente, die ihr dafür zur Verfügung stehen, ist die Pressekonferenz nach ihren Sitzungen. Denn die Kommunikation der EZB kann enorme Auswirkungen auf die Märkte haben. An den Börsen werden Erwartungen gehandelt. Die pure Antizipation steigender oder fallender Zinsen, die schiere Aussicht auf eine Neuauflage oder ein Ende von Wertpapierkaufprogrammen kann deshalb heftige Marktbewegungen auslösen.

In den vergangenen Monaten hat die EZB bei Investoren und Verbrauchern viel Vertrauen verspielt. Die Inflation stieg und steigt noch immer auf lange nicht gesehene Höhen. Die Notenbank-Oberen wie Lagarde oder EZB-Direktorin Isabel Schnabel weigerten sich zunächst, das Problem überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, spielten es dann herunter und fahren seitdem einen schwer nachvollziehbaren Schlingerkurs.

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Lagarde muss dringend Vertrauen zurückgewinnen – und dafür eine klare Ansage machen. Das könnte ihre wichtigste Aufgabe bei der Juni-Ratssitzung sein. Die Inflation in der Eurozone stieg im Mai auf das Rekordhoch von 8,1 Prozent, die Netto-Anleihekäufe der Zentralbank sollen Ende Juni auslaufen. Ein Anheben der Leitzinsen ist also sowohl geboten als auch möglich und wird allgemein für Juli erwartet. Die Frage ist nun, mit welchem Tenor die EZB-Chefin diesen Schritt ankündigen wird. Und welche versteckten Hinweise sie Anlegern womöglich gibt.

Die EZB knüpft ihren Zinsschritt an das Ende ihrer Anleihekäufe: Ende März lief bereits das Corona-Hilfsprogramm PEPP aus, ab Juli ist voraussichtlich Schluss mit neuen Käufen im Rahmen des regulären Programms APP. Lagarde könnte also eine Zinsanhebung im Juli als folgerichtige Konsequenz darstellen. Sie könnte aber auch einräumen, die Inflation unterschätzt zu haben.

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Ob als logischen Folgeschritt oder als Feuerwehrmaßnahme gegen die Teuerung: Wie Lagarde einen Anstieg der Leitzinsen in Aussicht stellt, macht einen Unterschied. Viele Ökonomen kritisieren die Notenbank dafür, nicht längst auf die massiv gestiegenen Verbraucherpreise reagiert zu haben. Bemühte sich Lagarde nun um „business as usual“, würde das von einer gewissen Unbelehrbarkeit zeugen. Verloren gegangenes Vertrauen würde die Notenbank so kaum zurückgewinnen.

Ein Hintertürchen für die Falken

Mit dem Eingeständnis, die Inflation unterschätzt zu haben, würde Lagarde klare Kante zeigen. Allerdings nicht nur das: Sie würde der EZB auch die Möglichkeit offenhalten, die Leitzinsen bei anhaltend hoher Teuerung rascher anzuheben. Für Anleger wäre eine solche Entwicklung schwierig, denn unvermutet starke oder schnelle Zinsanstiege ziehen oft Turbulenzen an den Aktien- und Anleihemärkten nach sich.

Lesen Sie auch: Mit der näher rückenden Zinswende beginnt eine neue Ära an den Kapitalmärkten. Das sind die Folgen für Anleger

Bisher gehen Anleger davon aus, dass die EZB die Zinsen im Juli, September und Dezember um jeweils 25 Basispunkte (also 0,25 Prozentpunkte) anheben wird. Lagarde könnte aber andeuten, dass Zinsanhebungen in Schritten von je 0,25 Prozentpunkten „nicht unter allen Bedingungen angemessen“ seien, sagt Konstantin Veit, Portfoliomanager bei Pimco, einer Investmenttochter der Allianz-Versicherung. Übersetzt heißt das: Gerät die Inflation noch stärker außer Kontrolle, könnten die Zinsen in Schritten von 50 Basispunkten beziehungsweise einem halben Prozentpunkt steigen – also doppelt so schnell wie meist erwartet.

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In der EZB-Kommunikation sind Zwischentöne wichtig. So heißt es von der Notenbank mit Blick in die etwas fernere Zukunft meist nicht, dass dieser oder jener Schritt geplant sei. Sondern nur, dass er nicht ausgeschlossen werde. Anleger sollten also nicht nur darauf achten, was Lagarde explizit ankündigt. Sondern auch, was sie implizit in den Bereich des Möglichen rückt. 

Das Ziel bleibt im Ungefähren

Auf einen Zielwert für die Leitzinsen dürfte sich Lagarde nicht festlegen. „Wir glauben nicht, dass die EZB viele Hinweise auf das mögliche Ziel der Zinsreise geben wird“, sagt Veit. Kein Wunder, denn sie balanciert auf einem schmalen Grat: Die Notenbank muss die Inflation unter Kontrolle bekommen, darf aber die Wirtschaft nicht abwürgen. Ebenso schmal ist der Grat, auf dem sie sich mit ihrer Kommunikation bewegt. Kommuniziert sie zu forsch, macht sie sich angreifbar und provoziert Unruhe, wenn ihre Ziele den Erwartungen widersprechen oder nachjustiert werden müssen. Bleibt sie zu sehr im Ungefähren, verunsichert sie die Anleger und untergräbt ihre eigene Autorität.

Letztlich ist die Erwartungshaltung vieler Anleger genauso zwiespältig wie die Kommunikation der EZB: Einerseits soll die Notenbank die Zinsen deutlich anheben, um die Teuerung einzudämmen. Andererseits soll sie die Zinsen nicht zu sehr anheben, um die Konjunktur nicht abzuwürgen. Dieser Zielkonflikt führt dazu, dass eine der beiden Erwartungen bei der anstehenden Ratssitzung auf jeden Fall enttäuscht wird. Die einzige Folge der Sitzung, die man mit relativer Sicherheit voraussagen kann, sind deshalb zunehmende Kursschwankungen an den Börsen.

Lesen Sie auch: Die EZB bastelt an einem neuen Hilfsprogramm für den Süden. Mal wieder.

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