Start-up-Standort Deutschland: In diesen Bereichen gibt es die meisten Neugründungen
Gute Aussichten? Die Zahl der neu gegründeten Start-ups ist im ersten Halbjahr 2023 wieder gestiegen.
Foto: imago imagesDie Neffen von Olaf Scholz (SPD) wollen es wieder wagen. Nach der Pleite ihrer Spar-App Rubarb haben die beiden Brüder Fabian und Jakob Scholz ein neues Start-up gegründet. Mit ihrer Firma „Welcome to Europe Group“ wollen die beiden Hamburger laut Website Fachkräfte und Firmen miteinander vernetzen, seit Februar ist das Unternehmen im Handelsregister eingetragen.
Damit sind die Kanzler-Neffen Teil des Start-up-Aufschwungs, der sich derzeit in Deutschland abzeichnet – zumindest, was die Zahl der Neugründungen angeht.
Nach einem erheblichen Einbruch im zweiten Halbjahr 2022 ist die Gründungsaktivität im ersten Halbjahr 2023 wieder gestiegen: im Vergleich um 16 Prozent, wie die am Dienstag veröffentlichte Erhebung vom Start-up-Verband und der Datenbank Startupdetector zeigt. 1300 Start-ups wurden demnach neu in Deutschland gegründet.
„Das ein wichtiges Signal für die Wirtschafts- und Innovationskraft unseres Landes“, sagt Verbandspräsident und Investor Christian Miele. Er mahnt jedoch zugleich: „Diese Dynamik ist kein Selbstläufer“, die Bundesregierung müsse nun zügig die Maßnahmen aus der Start-up-Strategie angehen, die im vergangenen Juli unter Federführung des Wirtschaftsministeriums verabschiedet worden ist.
Wie sehr die Start-up-Szene von zwei Trends profitieren könnte, zeigt sich anhand von zwei Branchen: So hat es im Bereich Software mit 239 neuen Start-ups die meisten Neugründungen gegeben, insbesondere Anbieter von KI-Lösungen (Künstliche Intelligenz) dürften von der großen Aufmerksamkeit rund um ChatGPT & Co profitieren wollen.
Denn auch immer mehr etablierte Unternehmen wollen KI einsetzen, wie eine Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom zeigt – auch, in dem sie die Zusammenarbeit mit Start-ups ausbauen.
Der zweite große Trend spiegelt die Erholung nach der Coronapandemie wider: 38 Start-ups haben sich im Bereich Tourismus neu gegründet, das ist ein Plus von 111 Prozent im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2022.
Neben der Medizin mit 140 Neugründungen (+ 18 Prozent) zählen auch die Bereiche Lebensmittel mit 97 Neugründungen (+ 29 Prozent) und Mobilität mit 52 Neugründungen (+30 Prozent) zu den wachsenden Sektoren.
Verlierer ist hingegen der Sektor Blockchain und Krypto mit nur noch 18 Neugründungen (- 62 Prozent), aber eine negative Entwicklung gibt es ausgerechnet auch in den Bereichen Umwelttechnologie (- 18 Prozent mit 37 Neugründungen) sowie Landwirtschaft (- 13 Prozent auf 21 Neugründungen), wo offensichtlich trotz der Regierungsbeteiligung der Grünen im Bund kein besseres Gründungsklima herrscht.
Auch bei den Standorten gibt es bemerkenswerte Entwicklungen: So kann Berlin nach einem massiven Einbruch im vergangenen Jahr wieder mit einem starken Anstieg von 40 Prozent zurück und ist mit 264 neuen Start-ups wieder Deutschlands Gründungshauptstadt, während München mit seinem starken Ökosystem aus Forschung und Industrie zwar mit 95 Neugründungen und nur einem leichten Plus von 25 Prozent zwar stagniert, aber in den vergangenen 12 Monaten bei den Gründungen pro Kopf an der Spitze bleibt.
Intel könnte den Kampf um Fachkräfte verschärfen
Zu den Schlusslichtern zählen hingegen das Saarland mit nur sechs Neugründungen wie die drei ostdeutschen Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern mit nur vier Neugründungen, Thüringen mit sieben Neugründungen und Sachsen-Anhalt mit nur neun Neugründungen.
Fraglich, ob die Ansiedlung des US-Chipherstellers Intel, die mit zehn Milliarden Euro von der Bundesregierung subventioniert wird, den Aufbau eines Start-up-Ökosystem stärken kann oder sich der Wettbewerb um die knappen (IT-)Fachkräfte eher noch verschärft und die jungen Techfirmen das Nachsehen haben.
Für viele Start-ups gehört die Fachkräftegewinnung bereits heute schon zu den größten Wachstumsbremsen. Fraglich ist, ob das neue Fachkräftegesetz der Bundesregierung tatsächlich die gewünschte Erleichterung bringt.
„Fachkräftemangel bei der Behebung des Fachkräftemangels“
„Ausländerbehörden und Kommunen stehen vor einem enormen Vollzugsproblem“, kritisiert Magdalena Oehl, Vize-Vorsitzende des Start-up-Verbands. Die Visaprozesse seien durch die föderale Struktur nicht einheitlich. Zudem fehle es den Behörden an Personal zur schnellen Umsetzung.
„Wir haben einen Fachkräftemangel bei der Behebung des Fachkräftemangels“, sagt Oehl. „Hier muss durch Digitalisierung und Harmonisierung der Prozesse schnell gegengesteuert werden. Sonst spitzt sich das Vollzugsproblem in der Verwaltung weiter zu“, mahnt sie. Zudem müssten sich ausländische Fachkräfte auch willkommen fühlen. „Deshalb brauchen wir dringend eine echte Willkommenskultur“, betont Oehl.
Wann kommt das Zukunftsfinanzierungsgesetz?
Dringend warten die Start-ups auch auf Fortschritte beim Zukunftsfinanzierungsgesetz, das die Bedingungen für die Mitarbeiterkapitalbeteiligung verbessern soll, die ein wichtiger Baustein ist bei der Talentgewinnung auch im internationalen Vergleich. Der zuständige Finanzminister Christian Lindner (FDP) will das Gesetz zwar bis zum Jahresende verabschieden, doch noch ist in der Koalition keine Einigkeit in Sicht.
Schon unter Scholz hatte es bei der Mitarbeiterkapitalerleichterung kaum Fortschritte gegeben, seine Neffen hielten sich damals nicht mit Kritik an ihrem prominenten Onkel zurück.
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