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IAA 2023 in MünchenProbleme der deutschen Autoindustrie: Tempomat auf Tiefschlaf

Rückzug aus der Lidar-Technologie, Verlierer in Innovationsrankings: Während die deutsche Autobranche ächzt, wird die IAA zur China-Show. Eine alarmierende Entwicklung für den Standort Deutschland. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Sonja Álvarez 06.09.2023 - 09:37 Uhr

Lasershow zur Präsentation des neuen BMW auf der IAA 2023

Foto: dpa Picture-Alliance

Was für eine fatale Entwicklung: Erstmals haben chinesische Autohersteller mehr Softwareinnovationen zur Marktreife gebracht als deutsche Autobauer. Im neuen Innovationsranking des Center of Automotive Management (CAM) ziehen die Chinesen an den Deutschen vorbei – und das ausgerechnet zum Start der Münchner Automobilmesse IAA.  

Im Bereich „Connected Car“, der zentrale Säulen umfasst wie Interfaces, also Bedien- und Anzeigekonzepte, Connectivity-Innovationen und autonomes Fahren, zeigen die Chinesen mit einem Innovationsanteil von 34,8 Prozent den Deutschen die Rücklichter (28,4 Prozent). „Die Chinesen werden einfach immer stärker“, sagt CAM-Chef Stefan Bratzel. Und Deutschlands Autobranche? Hat ihren Tempomat offensichtlich viel zu lange auf Tiefschlaf eingestellt.

Angriff auf die Technologieführer

Dabei war die Ausgangslage hervorragend: Jahrhundertelang sind die deutschen Autobauer Technologieführer gewesen. 1886 hat Carl Benz hier sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ zum Patent angemeldet, seine Patentschrift DRP 37435 gilt als die Geburtsurkunde des Automobils. Heute beschäftigt die Industrie rund 800.000 direkt Beschäftigte, hat einen Jahresumsatz von rund 400 Milliarden Euro und ist damit der bedeutendste Industriezweig.  

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Mit dem Ende des Verbrennerzeitalters und dem Umstieg auf die Elektrifizierung hat nun aber eine gigantische Transformation begonnen – und wenn die deutschen Autobauer daran nicht erfolgreich teilnehmen, droht dem gesamten Standort ein erheblicher Wohlstandsverlust.

Über diese Debatte freut sich nur die Konkurrenz

Statt sich nun aber mit aller Kraft auf die E-Mobilität zu konzentriert, werden große Runden auf Nebenstrecken gedreht. BMW-Chef Oliver Zipse preist „Technologieoffenheit“ an als den „besten Weg“ und Finanzminister Christian Lindner (FDP) will E-Fuels jetzt von der Kfz-Steuer befreien. Wer sich über solche Debatten am allermeisten freut? Die Konkurrenz.  

VW hat erst 2019, also vor 4 Jahren, mit dem ID3 sein erstes E-Auto vorgestellt. Da hatte Tesla schon rund eine Million Autos verkauft. Und heute? Führt Tesla das Ranking der meistverkauften E-Autos in Europa an und ist an der Börse mit rund 800 Milliarden Dollar mehr wert als alle drei deutschen Autohersteller zusammen.

Kein faradayscher Käfig

Neben Tesla drängen nun die chinesischen Hersteller auf den Markt – und sie greifen die deutsche Autoindustrie genau in dem Bereich an, in dem sie bisher wenig zu bieten hat: bei günstigen Kleinwagen, also im Massenmarkt. Was allerdings nicht heißt, dass Premium-Marken wie Mercedes mit ihren Louis-Vuitton-Taschen auf Rädern vor den Chinesen sicher sind wie in einem faradayschen Käfig. Die chinesischen Hersteller werden ihnen den Luxusmarkt mit hohen Margen gewiss nicht freiwillig überlassen.

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Schon heute bekommt VW auf dem chinesischen Markt die Konkurrenz schmerzhaft zu spüren. Die Wolfsburger waren dort seit den 80er-Jahren Marktführer, sie verkauften dort 40 Prozent ihrer Produktion und machten dort bisher ein Drittel ihres Gewinns – und werden nun von den chinesischen Herstellern verdrängt, allen voran von dem erst 2003 gegründeten BYD („Build Your Dreams“), der im ersten Quartal 2023 an VW und Toyota vorbeigezogen ist und so viele Fahrzeuge verkauft wie kein anderer Hersteller. Und noch eine bittere Zahl: Unter den zehn meistverkauften E-Autos in China befindet sich kein einziger deutscher Hersteller.

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Volle Ladung in Chinas Batteriefabriken

Zumal die Chinesen nicht nur Autos bauen wollen, sondern auch die innovativste Software und die besten Batterien – und hier ist die Entwicklung ähnlich alarmierend: So wird die Produktionskapazität in Chinas Batteriefabriken in diesem Jahr voraussichtlich 1500 Gigawattstunden erreichen und damit mehr als doppelt so hoch sein wie die prognostizierte Nachfrage von 636 Gigawattstunden. Eine Leistung, die für 22 Millionen Elektrofahrzeuge reicht, zeigen Daten der britischen Analysefirma CRU Group, über die die „Financial Times“ berichtet.

Die Überkapazität der chinesischen Batteriefabriken werde bis 2027 auf fast das Vierfache dessen ansteigen, was das Land benötige. Das sei doppelt so viel, wie der gesamte chinesische Fahrzeugbestand bräuchte, um bis 2030 vollständig elektrisch zu werden. 

Branchenführer warnen laut „FT“, dass chinesische Batteriehersteller damit einem Muster folgen, das bereits in anderen Industriezweigen wie Stahl, Aluminium und Solarzellen zu beobachten ist: Chinesische Unternehmen profitieren von heimischen Subventionen, um sich den großmöglichen Anteil am Weltmarkt zu sichern und damit die internationale Konkurrenz auszuschalten.

Ablenken von strategischen Fehlern

Wenn Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), jetzt über zu hohe Energiepreise in Deutschland klagt, über langsame politische Entscheidungen und fehlende Rechtsrahmen bei Themen wie Künstliche Intelligenz, dann hat sie zwar recht – doch lenkt sie dabei von dem eigentlichen Hauptproblem ab: von den strategischen Fehlern der eigenen Zunft.

„Die Deutschen haben ganz sicher die Chance, an die Spitze zurückzukommen“, ist Bosch-Chef Stefan Hartung überzeugt – zugleich aber hat Bosch gerade erst verkündet, sich aus der Lidar-Entwicklung zurückzuziehen, also aus dem Geschäft mit Lasersensoren, einer Schlüsseltechnologie für das autonome Fahren. Aufgeben, weil andere dominieren? So werden freilich keine Märkte erobert.

Mehr Ambitionen, überzeugendere Innovation und konkurrenzfähigere Angebote, gerade auch für den Massenmarkt, müssen die Antwort der deutschen Autobauer sein – sonst fährt Deutschland die Zukunft davon.

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