Spätfolgen der Siemens-Aufspaltung: Die langwierige Abnabelung der Healthineers von Siemens
Die Sache ging in den vergangenen Jahren unter, kurios ist sie trotzdem: Der Dax-Konzern Siemens Healthineers, mit 60 Milliarden Euro Börsenwert fast so wertvoll wie Mercedes-Benz, hat keinen mitbestimmten Aufsichtsrat. Im Kontrollgremium des Medizintechnik-Weltmarktführers bleiben die zehn Vertreter des Aktionariats unter sich. Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter sind außen vor, schon seit dem Börsengang 2018. Noch vor drei Jahren verteidigte Siemens Healthineers diesen ungewöhnlichen Zustand sogar vor Gericht.
Im nächsten Frühjahr aber soll sich der anachronistische Zustand nun ändern. Dann sollen erstmals Arbeitnehmervertreter ins Gremium einziehen, sogar ganz ohne Klageschriften etwa des Vereins der Siemens-Belegschaftsaktionäre, der einst geklagt hatte. Siemens Healthineers teilte soeben im Bundesanzeiger vorbereitende Transaktionen mit, die ab der Hauptversammlung 2024 einen mitbestimmten Aufsichtsrat ermöglichen werden.
Vorbote für Anteilsreduktion durch Siemens?
Eine Folge hat die durchaus komplizierte Veränderung jetzt schon: Um die Veränderung umsetzen zu können, ist die Healthineers-Hauptversammlung erst für den 18. April terminiert statt wie sonst üblich für einen Termin im Februar.
Es ist ein Meinungsumschwung um 180 Grad: Siemens Healthineers habe sich in den vergangenen Jahren zu „einem großen und an der Börse deutlich sichtbaren Unternehmen entwickelt“, begründete eine Konzernsprecherin. Durch die Übernahme des US-Strahlentherapiespezialisten Varian im Jahr 2021 habe sich zudem die geografische Verteilung der Geschäftsaktivitäten verändert. Dies lege „einen globaleren Ansatz der Mitbestimmung auf Ebene der Siemens Healthineers AG“ nahe, so die Sprecherin.
Was Siemens Healthineers nicht sagt: Aktionäre und auch Teile des Healthineers-Managements hoffen seit längerem, dass die 75-Prozent-Mutter Siemens doch irgendwann die Bindungen zu der Cash- und wachstumsstarken Tochter lockert. „Womöglich könnte der mitbestimmte Aufsichtsrat auch ein Schritt sein, damit die Siemens AG künftig Anteile reduziert“, spekuliert ein Analyst. Das bisherige Konstrukt passe definitiv nicht zur öffentlichen Erzählung, wonach Siemens Healthineers ein eigenständiges Dax-Unternehmen sei.
In Aufsichtsräten besser ohne Betriebsräte
Wie kam es zu dem kuriosen Konstrukt? Der bei der Abspaltung 2018 für die Medizintechniktochter verantwortliche Siemens-Vorstand Michael Sen (heute Fresenius-Chef) habe damals die IG Metall schlicht über den Tisch gezogen, glauben manche, die damals dabei waren. Unter anderem stand damals als Drohkulisse im Raum, Siemens Healthineers in New York statt in Frankfurt notieren zu lassen.
Sen gilt als Anhänger der Meinung, dass es sich in Aufsichtsräten ohne Betriebsräte am Tisch ziel- und sachorientierter diskutieren lässt. Um das zu ermöglichen, war Sen sogar bereit, die Aufsichtsstruktur an anderer Stelle deutlich komplizierter zu machen. So wurden für die neue Gesellschaft zwei Aufsichtsgremien geschaffen: ein Kontrollgremium für die damals neu gegründete Siemens Healthineers AG, das arbeitnehmerlos blieb. Und einen Aufsichtsrat der deutschen Tochter Siemens Healthcare GmbH, die im Wesentlichen die deutschen Einheiten des Unternehmens bündelte; hier wurden acht Arbeitnehmervertreter eingebunden. Bis heute muss jede wichtige Entscheidung bei Siemens Healthineers durch diese beiden Kontrollgremien. „Das macht uns jedenfalls nicht schneller“, wird in Kreisen von Siemens Healthineers eingeräumt.
Drei Aufsichtsräte sind einer zu viel
Doch wie ist dies mit dem deutschen Mitbestimmungsgesetz vereinbar? Siemens Healthineers argumentierte jahrelang – auch nachdem Sen das Unternehmen längst verlassen hatte – die operativen Maßnahmen würden im mitbestimmten Aufsichtsrat der Siemens Healthcare GmbH entschieden, die grundsätzlichen und strategischen Entscheidungen hingegen im ebenfalls mitbestimmten Kontrollgremium der Mutter Siemens AG getroffen.
Der Aufsichtsrat der Dax-notierten Siemens Healthineers AG wäre gemäß dieser Argumentation ein zahnloses Zwischengremium. „Einen Aufsichtsrat, der von einem anderen Aufsichtsrat die Marschroute vorgegeben bekommt, braucht man nicht. Das bietet Einsparpotenzial“, folgert Werner Fembacher, Vorsitzender der Belegschaftsaktionäre, messerscharf.
Dennoch schloss sich das Landgericht München Anfang 2020 der Argumentation der Siemens Healthineers an und wies den Antrag der Belegschaftsaktionäre auf einen mitbestimmten Aufsichtsrat zurück. Das Gericht übernahm etwa die Unternehmensargumentation, man sei als Tochter der Siemens AG gegenüber der Siemens AG berichtspflichtig, die Siemens AG bezeichne Siemens Healthineers als „strategische Einheit“. Ganz so, als stünde nicht im Aktiengesetz, dass Vorstand und Aufsichtsrat der Siemens Healthineers AG weitgehend weisungsfrei agieren müssen: „Der Vorstand hat unter eigener Verantwortung die Gesellschaft zu leiten. Der Aufsichtsrat hat die Geschäftsführung zu überwachen.“
Jahre später die Emanzipation
Nun, Jahre später, wird der mitbestimmte Aufsichtsrat auf AG-Ebene eingeführt – womit sich Siemens Healthineers auch rechtlich weiter von der Mutter Siemens emanzipiert. Dafür werden die Geschäfte der Siemens Healthcare GmbH auf die Siemens Healthineers AG übertragen. Dies schon zum Zeitpunkt des Börsengangs zu machen, „hätte den Zeitplan des IPOs gefährdet, ist jetzt aber möglich“, kommentiert eine Healthineers-Sprecherin.
Sämtliche Mitarbeiter der Healthcare GmbH wurden nun bereits Anfang Dezember auf die Healthineers AG überführt, wie Elisabeth Mongs, erste Bevollmächtigte der IG Metall Erlangen, sagt. „Unser Ziel war immer, aus zwei Unternehmen eins zu machen. Wir sind glücklich, dass dieser Schritt vollzogen ist.“ Welche zehn Vertreter für die Arbeitnehmerseite im Frühjahr in den Aufsichtsrat einziehen, steht laut Mongs noch nicht fest. „Diese Entscheidung wird Anfang des nächsten Jahres getroffen.“ Dem GmbH-Aufsichtsgremium gehören bisher nur Betriebsräte und Vertreter der bayerischen IG-Metall-Dependancen an.
Anzunehmen ist, dass sich die mächtige Zentrale der IG Metall in Frankfurt die reputierlichen Posten nicht vollends entgehen lässt. Auch beim Spin-off von Siemens Energy zog mit Jürgen Kerner ein IG-Metall-Vorstand aus Frankfurt ins Kontrollgremium ein.
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