Landwirtschaftsmesse: Grüne Woche – grüne Hölle?
Cem Özdemir (Grüne), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, und Robert Habeck (Grüne), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz bei einem Statement auf der Grünen Woche, einer internationalen Leitmesse für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau, statt.
Foto: dpaDiese enorme Landwirtschaftsschau auf dem Berliner Messegelände ist eine Bühne – aber nicht nur für Rindviecher, Esel, Kühe und Schweine. An diesem Mittwochnachmittag nutzen sie auch zwei Grünen-Politiker: Agrarminister Cem Özdemir und Vizekanzler Robert Habeck sind gekommen, um zu loben, zu werben und um verlorenen Boden gut zu machen bei den Bauern, Land- und Forstwirten.
Viele Bauern waren in den vergangenen Wochen mit ihren Treckern in die Hauptstadt gefahren, um der Ampelregierung eins zu hupen. Die Dreierkoalition musste am Jahresende schnell sparen, weil das Bundesverfassungsgericht ihre doch sehr großzügige Deutung der Schuldenbremse abgeschmettert hatte. Und erwischte – Stichwort: Agrardiesel – dabei überproportional die Bäuerinnen und Bauern, die schon länger Wertschätzung und Wertschöpfung zu ihren Gunsten vermissten.
Jetzt sind die Kürzungen etwas abgemildert – und die Vertreter der Ökopartei suchen Wege der Verständigung und auch der Wieder-Annäherung. Mal sind sie als Ökos dem Landvolk eigentlich nah, weil sie doch beanspruchen, Nachhaltigkeit und Naturnähe schon im Parteiprogramm zu tragen. Dann wieder scheinen sie den Dörflern und Kleinstädterinnen aber wieder so fern, weil sie urban abgehoben von Diskursen sprechen und von Veggie, aber vielleicht noch nie einen Stall von innen gesehen haben.
Das also ist die Lage, als Bauernminister Cem Özdemir an diesem Mittwoch in Berlin die Bühne im großen Saal der Messe betritt und erst einmal Besserung gelobt. Er habe die Bauern-Demos verstanden, die der Regierung „zu Recht die gelbrote Karte gezeigt“ hätten. Özdemir betont immer mal, er sei von den konkreten Kürzungen beim Agrardiesel und der (später ganz zurückgenommenen) Kfz-Steuer in der Landwirtschaft selbst überrascht worden und habe dann alles in Bewegung gesetzt, um Teile abzuwenden.
Er habe auch die anderen Demonstrationen gegen eine Spaltung der Gesellschaft und gegen Rechtsextreme verstanden, fügt Özdemir hinzu. Bei denen gehe es um Zusammenhalt, die auch zwischen Stadt und Land so wichtig sei: „Die sind auch ein Fingerzeig gewesen in Richtung Ampel, weniger von den Menschen zu verlieren, die in der Demokratie besser aufgehoben wären.“ Dafür bekommt er Applaus.
Morgens hübsch machen, abends müffeln
Wirtschaftsminister Robert Habeck, der in Schleswig-Holstein selbst mal Landwirtschaftsminister war, spielt danach die gleiche Klaviatur: Zusammenhalt sei das Maß in der Demokratie. Der wahre Unterschied zwischen Stadt und Land sei eigentlich nur „der Zeitpunkt, wann wir duschen“, kalauert er das Publikum rhetorisch auf seine Seite. In der Stadt duschten die Menschen morgens, „um sich hübsch zu machen fürs Büro“. Auf dem Land sei das abends nach harter Arbeit, „wenn man vielleicht müffelt“. Sonst sei es gleich: „Wasser ist es überall und alle sind wir nackt.“
Nach diesem Auftritt beim „Zukunftsforum Ländliche Entwicklung“ fahren die Minister übers Messegelände zu Halle 23, in der das Ministerium von Cem Özdemir eine Leistungsschau organisiert hat. Technologie und Digitales für Fischerei, in Dorfläden und bei der Schweinezucht bekommen sie erklärt.
Wenige Minuten verbringen sie an jedem Stand, ein Dutzend Sicherheitsleute und ein Tross Kameras wuseln dauernd um sie herum, um bunte Bilder einzufangen, wie das Landleben in einigen Jahren aussehen könnte. Es ist knapp dosierte Öffentlichkeit. Eine Frage erreicht Habeck dann aber doch: Ob er denn bereue, mit seinem Kollegen Landwirtschaftsminister nicht vor der Sparrunde mit Kanzler Olaf Scholz und Finanzminister Christian Lindner gesprochen zu haben? „Ich habe mit Cem vorher drüber gesprochen“, sagt Habeck nur allgemein. Und: „Seine Warnungen wurden auch gehört.“
Das lässt offen, wann und wie viel Gehör der Landwirtschaftsminister bei den Sparrunden hatte. Trotz des gemeinsamen Auftritts hier auf der Grünen Woche ist noch nicht alles wieder gut – weder in der Ampelregierung noch auf der Straße.
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