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Riedls Dax-RadarWette auf neue Kursrekorde an den Börsen

Zinshoffnungen und Geschäftszahlen der Unternehmen lassen Aktien wieder steigen. Früher als erwartet könnten die Börsen neue Höchstkurse erreichen – bevor es danach zum entscheidenden Trendtest kommt. Eine Kolumne.Anton Riedl 26.01.2024 - 14:52 Uhr
Foto: Getty Images, Illustration: Marcel Reyle

Noch ist der Inflationsdruck zu hoch, das Lohnwachstum zu ungestüm, die Diskussion über eine Zinssenkung verfrüht, so das jüngste Fazit der Europäischen Zentralbank zur geldpolitischen Lage. Dazu dürften die Währungshüter die leidigen Erfahrungen aus den Siebziger Jahren im Hinterkopf haben, als sich die Preise nach einer ersten Welle zwar beruhigten, dann aber noch einmal nach oben schossen, weil die Notenbanken den Hebel zu früh umgelegt hatten. All das spricht nicht dafür, dass die EZB in den nächsten Wochen schon die Zinsen senkt

Dennoch dürften sich die Notenbanker langsam an eine Lockerung der Geldpolitik heranpirschen. Mit Deutschland und Frankreich zeigen die wichtigsten Volkswirtschaften der EU konjunkturelle Bremsspuren. In großen, für Europa zentralen Branchen wie der Autoindustrie und der Chemie haben sich Hoffnungen auf eine schnelle Erholung bisher nicht erfüllt. Die einstige Konjunkturlokomotive China, an der viele große europäische Unternehmen nach wie vor hängen, ist zum Risikofaktor geworden. Und im Wettbewerb um erfolgreiche Unternehmen, aussichtsreiche Technologien und qualifizierte Facharbeiter 
spielt mittlerweile auch die Geldpolitik eine Rolle. 

Und was, wenn dann auch noch die amerikanische Notenbank eines Tages vorprescht? Zwar ist die US-Wirtschaft nach wie vor erstaunlich robust und zuletzt stärker gewachsen als erwartet. Doch das dürfte die pragmatisch denkende Fed kaum davon abhalten, bei einem weiteren Rückgang des Inflationsdrucks eine erste Zinssenkung vorzunehmen. Die EZB wird sich dieser Tendenz dann kaum entziehen können – und so ist es sicher nicht unrealistisch, wenn es nach einer möglichen US-Zinssenkung im Frühjahr vielleicht dann auch in Europa Mitte des Jahres zu einem Zinsschritt kommt. 

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Für ein solches Szenario spricht etwa die Entwicklung an den Bondmärkten. Noch kurz vor dem jüngsten Statement der EZB kletterte die Rendite für zehnjährige Bundespapiere, das wichtigsten Barometer europäischer Anleihen, bis auf 2,37 Prozent – danach ging es schlagartig auf 2,25 Prozent in den Keller. Dieser Rutsch, der nahtlos in die Entwicklung der Bundrenditen passt, macht aus der Anstiegsphase seit Dezember nun eine Zwischenerholung. Das bedeutet: Die größere Abwärtsbewegung der Renditen, die im Oktober vom Top aus von fast 3,0 Prozent begann, könnte nun in eine weitere Abwärtsphase übergehen. Zumindest ein Rückgang in den Bereich zwischen 2,0 bis 1,8 Prozent könnte bis ins Frühjahr bevorstehen. 

Tesla-Desaster: Schock oder Chance für deutsche Autobauer?

Die Aussicht auf mögliche Zinssenkungen kommt an den Aktienbörsen gut an. Umso mehr, da die volkswirtschaftlichen Makroprobleme sich mittlerweile deutlich bemerkbar machen. Selbst ein Jahrhundertunternehmen wie Tesla, das zuletzt wie kein anderes die Entwicklung zur neuen Mobilität revolutioniert hat, gerät derzeit ins Stocken, weil es unter hohen Kosten leidet, klammen Konsumenten und starker Konkurrenz aus China. Wie soll es da erst den europäischen Rivalen gehen, die erst spät auf den großen Elektrotrend aufsprangen und im Vergleich zu Pionier Tesla technisch und strukturell um Jahre hinterherfahren? 

Erstaunlicherweise gar nicht so schlecht. Bei Volkswagen etwa ist das vierte Quartal 2023 durchaus gut gelaufen. Die Kernmarke VW schaffte ein Plus bei den Auslieferungen von 6,7 Prozent, reine Elektrofahrzeuge legten um 21 Prozent zu. Auf dem wichtigen US-Markt ziehen die Verkaufszahlen an. Bei neuen technischen Entwicklungen wie der Feststoffbatterie gibt es Fortschritte, im Wolfsburger Stammwerk sind Extraschichten eingeplant – und die Hoffnungen auf gute Verkaufszahlen im 50. Jahr des Erfolgsmodell Golf sind durchaus realistisch. 

Beim Eigenkapital spielt Volkswagen in einer Liga mit Microsoft

Insgesamt dürfte 2023 unterm Strich ziemlich gut ausgefallen sein. Wahrscheinlich haben die Wolfsburger mit bis zu 315 Milliarden Euro Umsatz und rund 16 Milliarden Euro Nettogewinn ihr bestes Ergebnis aller Zeiten erzielt. Geradezu goldgerändert dürfte dabei die Bilanz ausfallen. Hier standen schon Ende September 189 Milliarden Euro Eigenkapital in den Büchern. Zum Vergleich: Das ist kaum weniger, als die 220,7 Milliarden Dollar Eigenkapital, die das weltweit reichste Börsenunternehmen hier stehen hat, Programmkonzern Microsoft

Und selbst wenn aus der VW-Bilanz sämtliche immateriellen Vermögenswerte (86,8 Milliarden Euro) komplett herausgerechnet werden, bleiben immer noch 102 Milliarden Euro materielle Substanz. Das ist weit mehr als die 60 Milliarden Euro, mit denen derzeit alle Vorzugs- und Stammanteile von Volkswagen an der Börse bezahlt werden. 

Diese extreme Unterbewertung, die sich ebenso in einem Kurs-Umsatzverhältnis (KUV) von 0,2 und einem Kurs-Gewinnverhältnis (KGV 2024) von rund 4,0 zeigt, ist der entscheidende Grund, warum Volkswagen-Aktien im Gegensatz zu den immer noch sehr hoch bewerteten Tesla-Aktien (KGV 2024 um 65, KUV 5,3) derzeit nicht mehr absturzgefährdet sein sollten. Im Gegenteil: Gelingt den im Dax notierten VW-Vorzugsanteilen der nachhaltige Anstieg über die Hürde um 115 Euro, könnte dies eine längere Aufwärtsbewegung einleiten. 

Operativ und substanziell ähnlich günstig wie VW-Aktien sind die Anteile von BMW. Allerdings führten Meldungen über Probleme mit Abgastechnik zuletzt zu einer schwächeren Kursperformance. Zudem ist BMW über seinen Ableger Brilliance besonders eng mit dem Schicksal des chinesischen Markts verknüpft. Die vergleichsweise junge Modellpalette, technische Innovationen wie die Produktion mit humanoiden Robotern und nach wie vor passable Absatzzahlen sollten der Aktie helfen, sich spätestens im Bereich um 85 bis 87 Euro wieder zu stabilisieren. 

Hoffnung bei Sartorius, Adidas weiter im Rennen

Einen kräftigen Kurssprung gibt es bei Labor- und Pharmazulieferer Sartorius. Zwar ist der Umsatz im vergangenen Jahr um 16,6 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro gesunken und der Nettogewinn hat sich auf 339 Millionen etwa halbiert – noch immer drückt der andauernde Lagerabbau bei den Kunden nach der Sonderkonjunktur der Coronaprodukte. Doch nach mehreren Enttäuschungen rechnet Sartorius nun für 2024 wieder mit profitablem Wachstum. Dass sich weltweit zuletzt immer mehr tief gesunkene Aktien der Biotechbranche stabilisieren, kommt Sartorius zusätzlich zugute. Auch Dax-Werte wie Merck KGaA, Qiagen und Siemens Healthineers geben vermehrt Erholungssignale. 

Die im Dax notierten Sartorius-Vorzugsaktien, die sich in gut zwei Jahren Baisse fast gedrittelt haben, konnten sich zuletzt wieder über die wichtige Marke von 300 Euro retten. Damit stehen die Chancen gut, dass Sartorius im Bereich zwischen 300 und 370 Euro in diesem Jahr einen Kursboden ausbildet. Die nach wie vor ambitionierte Bewertung der Aktie kann zwischenzeitlich immer wieder zu Schwächephasen führen – und dies könnten dann langfristig Einstiegsgelegenheiten werden.

Auch Adidas-Aktien gelang zuletzt ein Erholung auf dem wichtigen Kursniveau um 165 Euro. Dieser Anstieg ist bemerkenswert, da sich die Signale aus der weltweiten Sportartikelbranche zuletzt eingetrübt haben. So hat Konkurrent Puma, der nicht mehr im Dax notiert, 2023 schlechter als erwartet abgeschnitten und den Ausblick für 2024 gesenkt. Auch Nike klagte vor allem auf dem wichtigen chinesischen Markt über zähen Absatz. 

Ausführlich wird Adidas am 13. März über seinen Geschäftsverlauf berichten. Eckdaten dazu kommen womöglich vorher auf den Tisch. Dass die Herzogenauracher von der aktuellen Konsumschwäche unberührt bleiben, ist wenig wahrscheinlich. Das besondere Problem des Konkurrenten Puma, der voll von der Schwäche des Argentinischen Peso erfasst worden ist, besteht bei Adidas so nicht. Zudem läuft bei Adidas nach den Managementfehlern der vergangenen Jahre ein eigener Turnaround. 

Für Adidas-Aktien wäre es wichtig, in den nächsten Monaten mindestens das Kursniveau zwischen 155 bis 165 Euro zu halten. Dann könnte eine weltweite Erholung des Sportartikelmarkts, etwa im Umfeld der Fußball-Europameisterschaft und der Olympischen Spiele, ab Juni und Juli der Aktie wieder Auftrieb geben. 

Fazit für den Dax: Auch wenn die Notenbanken kurzfristig keine geldpolitischen Lockerungen einleiten, verfestigt sich mittelfristig die Aussicht auf sinkende Zinsen. Der zeitliche Vorlauf, den die Märkte derzeit gegenüber einer möglichen Zinssenkung haben, ist dabei mit rund einem halben Jahr geradezu typisch. 

Zweiter Motor für die Kletterpartie im Dax sind die insgesamt passablen bis guten Zahlen und Perspektiven der Unternehmen. Nachdem es Software-Champion SAP dank starker Ergebnisse gelungen ist, auf ein neues Hoch vorzudringen, sind selbst die Aussichten gebeutelter Branchen wie der Autoindustrie keineswegs nur düster. Die eklatante Unterbewertung führender Aktie wie Volkswagen oder BMW jedenfalls ist zumindest ein Puffer gegen Rückschläge. 

Dem Dax gelang in diesem Umfeld der Ausbruch aus einer sechswöchigen Konsolidierungsphase. Das wichtige Unterstützungsniveau zwischen 16.400 bis 16.500 Punkten hat gehalten. Nach einem kleinen Rücksetzer könnte dann das alte Hoch um 17.000 Punkte wieder angelaufen werden – und womöglich geht es dann sogar noch ein Stück höher. Der Abstand zur 200-Tagelinie (aktuell bei 15.919 Punkten) ist merklich, aber nicht überzogen.

Bleibt es bei den für den Dax typischem kurzfristigen Schwankungsphasen von etwa sechs Wochen, könnte der Markt Ende Februar bis Anfang März ein Hoch erreichen – bevor es dann im weiteren Frühjahrsverlauf zur entscheidenden Nagelprobe für den großen Aufwärtstrend kommt. 

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