Riedls Dax-Radar: Deutsche Aktien vor wichtigem Trendtest
Porsche, Telekom, Fresenius: Gleich mehrere deutsche Aktien stehen vor einem Trendtest.
Foto: dpa, PRDas Entscheidende für Börsianer am jüngsten Zinsschritt und den Statements der EZB ist, dass die Notenbanker die Inflation nun doch als hartnäckig ansehen. Obwohl die EZB die Zinsen wie angekündigt gesenkt hat und auch weitere Senkungen erwarten lässt, hat sie den Zinsoptimisten den Wind aus den Segeln genommen. Natürlich verweist die EZB dabei wiederum auf die aktuelle Datenlagen, fährt also erst einmal weiter auf Sicht. Dennoch zeigt sich darin insgesamt eine restriktivere Einschätzung, die in den nächsten Monaten zu einer längere Wartephase in der Geldpolitik führen könnte.
Auf die Justierung der EZB reagieren die Märkte mit gemischten Gefühlen. Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen, die wichtigste Kurve des europäischen Zinsmarkts, ist in der Woche vor der Zinssenkung von 2,70 auf 2,50 Prozent gesunken. Dieser Rückgang fiel weniger stark aus als der Verfall der entsprechenden US-Renditen von 4,63 Prozent auf 4,27 Prozent. Und während die US-Renditen aktuell mit 4,30 Prozent sich von diesem Tief kaum erholen, haben die Bundrenditen nach der Zinsentscheidung deutlicher zugelegt.
Insgesamt ist an den europäischen Anleihemärkten die seit dem September-Tief bei 1,90 Prozent anhaltende Aufwärtsbewegung intakt. Die Statements der EZB lassen in den nächsten Wochen keine neue Entspannung vermuten. Die Aufwärtsbewegung der Renditen könnte sich damit noch einige Monate fortsetzen, womöglich in den Bereich 2,60 bis 2,80 Prozent. Brisant könnte es werden, wenn die Renditen sogar das Hoch vom Oktober 2023 erreichen sollten, das bei 3,00 Prozent lag.
Spätestens dann nämlich stellt sich die entscheidende Frage für die Wertpapiermärkte: Stellt die gesamte Schwankungsphase zwischen 1,90 und 3,00 Prozent, in der sich die europäischen Bondmärkte seit September 2022 befinden, das obere Zinsplateau dar, von dem aus die Kletterpartie nicht mehr weitergeht? Oder kommt es doch zu einer unerwarteten, neuen Anstiegsphase über die entscheidende Obergrenze bei 3,00 Prozent hinaus? Dann nämlich könnten die Zinsen langfristig in den Bereich 4,7 bis 5,6 Prozent vordringen; einem Niveau, das durch zahlreiche Tief- und Hochspitzen aus den Jahren 1986 bis 2008 markiert wird.
Ein solches Szenario eines neuen und nachhaltigen Zinsanstiegs dürfen derzeit weder die Bond- noch die Aktienmärkte in Europa auf der Rechnung haben. Und auch die EZB wäre dann mit ihrem Wunschszenario der zweiprozentigen Inflation weit hinter der Kurve.
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Kurzfristig, in den nächsten Wochen, droht eine solche Zinsgefahr sicherlich nicht. Dennoch gibt es keinen Automatismus, der die Zinsen wie von 1980 bis 2020 permanent nach unten drückt. Wahrscheinlich ist sogar das Gegenteil der Fall: Dass Anleihen und Aktienbörsen nach vier Jahrzehnten Zinsrückgang nun Schritt für Schritt mit steigenden Zinsen leben müssen – und wie an Märkten oft üblich, solche Trends länger anhalten als ursprünglich gedacht.
Porsche AG: Banges Warten auf bessere Zahlen
Zu den Opfern eines nachhaltigen Zinsanstiegs gehören die im Dax stark vertretenen Autoaktien. Sie stehen derzeit vor einer mehrfachen Herausforderung: Von der Revolution der Antriebstechnik über die neue, große Konkurrenz aus China bis hin zu dem Problem, dass sich immer weniger Konsumenten noch ein Auto leisten können – das ja in der Regel finanziert wird, also direkt abhängig ist vom Zinsniveau. Der Leasing-Boom der Autobranche in den vergangenen Jahrzehnten wurde durch den säkularen Zinsrückgang erst möglich gemacht.
Selbst eine Ikone wie Porsche kommt mittlerweile ins Stottern. Sah es kurz nach dem Börsengang des Stuttgarter Autoherstellers im Herbst 2022 nach einer glänzenden Rally aus, ist die Aktie mittlerweile bei 75 Euro sogar unter das Startniveau von 2022 gesunken.
Das Jahr 2024 begann enttäuschend: 3,9 Prozent weniger verkaufte Autos und 10,8 Prozent weniger Umsatz. Schon diese Relation zeigt, dass Porsche die schwächere Nachfrage offensichtlich nicht mehr über hohe Preise ausgleichen kann. Der Reingewinn von 926 Millionen Euro bedeutet bei 9,01 Milliarden Euro Umsatz zwar immerhin noch eine zweistellige Nettorendite, der Geldfluss aus dem operativen Geschäft ist aber um ein Drittel zurückgegangen. Und beim Absatz des elektrischen Taycans kam es zu einem regelrechten Einbruch, mit dem sich die E-Auto-Quote von Porsche auf nur noch 5,6 Prozent halbierte. Immerhin weist Porsche hier auf den anstehenden Modellwechsel, mit dem sich diese Relation wieder verbessern dürfte.
Banken erwarten von Porsche in diesem Jahr rund 40 Milliarden Euro Umsatz und 4,6 Milliarden Euro Nettogewinn. Dafür müsste Porsche vor allem unterm Strich etwas zulegen, was angesichts neuer Modelle durchaus möglich ist. Der Börsenwert von 69 Milliarden Euro ist daran gemessen moderat, wenn auch nicht preiswert.
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Bei Kursen um 75 Euro notieren Porsche-Aktien fast wieder auf dem Niveau des Januar-Tiefs. Gut möglich, dass nach der jüngsten Hauptversammlung wieder Hoffnung aufkommt und auch die Aktie hier den Dreh schafft. Aus dem Schneider sind die Schwaben erst, wenn der Kurs wieder über das Niveau von 95 Euro klettert. Dazu bedarf es Zahlen, die substanziell besser ausfallen als die zum ersten Quartal.
Deutsche Telekom: Staat soll Großaktionär bleiben
Zu den stabilen Aktien im Dax gehört derzeit die Deutsche Telekom. Das Unternehmen profitiert als Träger der kritischen Infrastruktur von seiner zentralen Rolle in der Kommunikationsbranche. Das wichtige US-Mobilfunkgeschäft floriert, die europäische Konkurrenz schwächelt, der bereinigte operative Gewinn legte im ersten Quartal um 5,1 Prozent zu. Weltweit haben die Aktien der großen Telekomkonzerne derzeit einen guten Lauf, weil die Nutzerzahlen durchweg steigen und hochwertige Netze nicht nur teure Investitionen darstellen, sondern auch wertvolle Assets.
Offene Flanke ist der Schuldenberg von 133,1 Milliarden Euro. Er ist zwar bei einem in diesem Jahr möglichen Ebitda (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Wertveränderungen) von vielleicht 48 Milliarden Euro noch verträglich, angesichts hoher Investitionen und den an der Börse beliebten Aktienrückkäufen aber auch ein Bremsklotz. Und bei der Dividende wird die Telekom mit weniger als vier Prozent Rendite mittlerweile von anderen Dax-Schwergewichten wie der Allianz oder Mercedes-Benz in den Schatten gestellt.
Größten Anteil an den Schulden haben finanzielle Verbindlichkeiten. Sie machen derzeit 98,3 Milliarden Euro aus. Bankschulden davon waren in der jüngsten Jahresbilanz nur 3,6 Milliarden; der Löwenanteil hingegen, 87,8 Milliarden Euro, waren Anleihen und sonstige verbriefte Verbindlichkeiten.
Die Telekom ist damit von zwei Entwicklungen ganz besonders abhängig: Vom allgemeinen Zinsniveau und von der eigenen Bonität. Und genau hier gibt es derzeit Entwicklungen, die der Telekom Unsicherheiten bereiten könnten: Das schon erwähnte steigende Zinsniveau und ein weiterer Rückzug des Großaktionärs Bundesrepublik Deutschland.
Mit 27,8 Prozent ist der Bund (inklusive seiner Förderbank KfW) nach den jüngsten Anteilsverkäufen von T-Aktien nach wie vor wichtigster Großaktionär. Nachdem der Verkauf schon seit Monaten angekündigt wurde, hält sich die Reaktion an den Aktienmärkten in Grenzen.
Dennoch, grundsätzlich ist ein schrittweiser Rückzug des Bunds durchaus eine Unsicherheit für die Bonität: Denn zwischen der Bonität des Bundes (AAA) und der Bonität der Telekom (BBB+) sind sieben Ratingstufen Unterschied. Das bedeutet: Je weniger Bund in der Telekom steckt, desto weniger kann sich auch die AAA-Note des Bunds in der Gesamtbewertung der Telekom auswirken. Eine schwächere Bonität aber wiederum bedeutet höhere Zinszahlungen für Fremdkapital – also letztlich eine weitere Belastung für die Verschuldung.
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Kein Wunder, dass der Bund betont, er bleibe „zentraler Aktionär“ der Deutschen Telekom und werde „eine dafür erforderliche Beteiligungshöhe wahren“. Die dürfte letztlich bei der Sperrminorität von 25 Prozent plus eine Aktie liegen. So gesehen könnte es mittelfristig sogar noch zu weiteren Teilverkäufen des Bundes kommen.
Telekom-Aktien werden derzeit durch den Rückzug des Bundes noch nicht bedroht, weil sich faktisch an der Großaktionärsstruktur damit nichts ändert. Doch je näher der Bund eines Tages der magischen 25-Prozent-Schwelle käme, desto wackliger wird dieser Rückhalt – und desto dringender muss es die Telekom allein schaffen, ihren Schuldenberg substanziell abzutragen. Wahrscheinlich gelingt es der Aktie auch nur dann, nachhaltig über das wichtige Niveau um 23 Euro zu kommen.
Fresenius: Hoffnungsvolle Genesung mit Chance auf Kaufsignal
Nach mehrmaligen Anläufen ist die Fresenius-Aktie wieder an der kritischen Kursmarke um 30 Euro angelangt. Für den Ausbruch über dieses Niveau fehlte bisher der notwendige strategische und operative Rückhalt. Doch hier zeichnen sich Fortschritte ab.
Im ersten Quartal kletterte der Umsatz von Fresenius um vier Prozent auf 5,7 Milliarden Euro. Schon dieses leichte Wachstum ist im schwierigen Umfeld des Gesundheitsmarkts und angesichts des Konzernumbaus von Fresenius kein schlechtes Ergebnis. Ein klarer Fortschritt ist der 15prozentige Zuwachs des Gewinns vor Zinsen und Steuern (Ebit), von dem letztlich unterm Strich ein Ertragsplus von zehn Prozent blieb. Nach 429 Millionen Euro Nettogewinn könnten die von Banken für 2024 erwarteten erwarteten 1,4 Milliarden Euro erreicht, wenn nicht sogar übertroffen werden.
Ein Vorteil für Fresenius dürfte die anstehende Krankenhausreform werden. Sie könnte den spezialisierten und auf Rendite pochenden Häusern des Klinikablegers Helios in die Hände spielen. Ebenso vorteilhaft ist die operative Entwicklung beim Dialyse-Ableger Fresenius Medical Care, der nicht mehr Kernbestandteil von Fresenius ist, sondern nur noch Finanzbeteiligung.
Mit 17 Milliarden Euro Börsenwert ist Fresenius für einen der weltgrößten Gesundheitskonzerne günstig bewertet. Die Konzentration auf Kliniken, medizinische Ernährung und Generika trägt langsam Früchte. Vor allem den notwendigen Abbau der Verschuldung könnte dies erleichtern.
Fresenius-Aktien sind eine Wendespekulation im Dax, für die allerdings Geduld gefragt ist. Ein nachhaltiger Anstieg des Kurses über 30 Euro wäre dafür ein gutes Zeichen.
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Fazit für den Dax: Nachdem der Aktienindex vom Hoch bei 18.869 Punkten in den Bereich 18.400 bis 18.500 korrigiert hat, konnte er sich im Umfeld der jüngsten Zinssenkung wieder etwas erholen. Allerdings, nachhaltig ist dieser Anstieg bisher noch nicht. Ein Grund dafür sind zuletzt wieder steigenden Anleihezinsen. Eine weitere Belastung ist die latente Schwäche des amerikanischen Börsendurchschnitts Dow Jones, der im Gegensatz zum Technologieindex Nasdaq deutlich unter seinen Rekordkursen rangiert.
Die Schwergewichte des Dax laufen zwar in ausgeprägten, langfristigen Aufwärtsbewegungen, stecken aber kurzfristig weiter in Korrekturen: SAP setzt nach schwachen Zahlen des Konkurrenten Salesforce seine Seitwärtsphase zwischen 165 und 182 Euro fort; Airbus könnte bei 150 Euro langsam wieder auf Käufer stoßen; die Allianz sollte möglichst nicht nachhaltig unter 160 Euro rutschen; und die Telekom hat zumindest den weiteren Rückzug des Bunds gut weggesteckt.
Sollte der Dax das Niveau um 18.400 bis 18.500 Punkte nicht halten, könnte eine Schaukelpartie hinab bis in die Zone 18.300 bis 17.700 drohen. Das Problem dabei: Der seit Dezember laufende mittelfristige Aufwärtstrend wäre dann gefährdet. Immerhin, spätestens im Bereich um 17.000 Punkten, in den die 200-Tagelinie bis Juli vordringen sollte, dürften dann vermehrt wieder Käufer kommen.
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