Fachkräftemangel: Deutschland braucht Inder. Aber brauchen sie Deutschland?
Sollen junge Inder lieber Germanistik studieren – oder Bäcker werden, wenn sie auf der Suche nach einem sicheren Job sind? Aus Sicht von Micha Schmid ist die Entscheidung klar: Rein ins Handwerk. Schmid kommt aus einer Bäckerdynastie aus der Nähe von Pforzheim, er ging in jungen Jahren erst nach Berlin, dann nach Indien, um eine Einberufung zum Wehrdienst zu vermeiden.
Sein Rezept für Apfelkuchen hatte er im Gepäck: mit seinem „German Apple Pie“ belieferte er gehobene Hotels, gründete in Neu-Delhi die „Brown Bread Bakery“, in der es auch Bienenstich und bauchige badische Brezeln gibt – und startete sein eigenes Ausbildungsprogramm: „Learn for Life“, eine informelle Berufsausbildung für junge Inderinnen und Inder, aber auch für Flüchtlinge aus Afghanistan oder Syrien, die heute in Delhi leben. Die, die es aus seiner Sicht schaffen können, vermittelt er nach Deutschland, wo Bäcker-Azubis und Fachkräfte händeringend gesucht werden.
Soria, 21, gehört zu Schmids Schützlingen. 2009 kam sie mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Indien, sie spricht gut Englisch und will nach Deutschland zum Brezelbacken. An diesem Donnerstag zeigt sie Hubertus Heil (SPD), welche Kniffe sie schon beherrscht: Den Teig mit Druck nach außen ausrollen, dann bildet sich mittig der Bauch. Der Arbeitsminister steht ihr gegenüber, das Bäcker-Haarnetz auf dem Kopf, und nickt anerkennend.
Heil ist zu den deutsch-indischen Regierungskonsultationen nach Delhi gereist. Mitte Oktober hatte die Bundesregierung eine eigene Fachkräftestrategie für Indien verabschiedet, die er dem indischen Kabinett vorstellen will.
Deutschland braucht die indischen Fachkräfte
Knapp 140.000 Inderinnen und Inder arbeiten bereits in Deutschland und zahlen Beiträge an die Sozialversicherungen, ein Plus von 85.000 Personen in den vergangenen fünf Jahren. Rund 50.000 Inderinnen und Inder seien zum Studieren in der Bundesrepublik. „Es können noch mehr werden“, wirbt Heil.
Schon jetzt hat sich Indien zu einem wichtigen Herkunftsland entwickelt, wenn es darum geht, wie die Bundesrepublik ihre Fachkräftelücke schließen will. Denn Inder sind überdurchschnittlich qualifiziert: Mehr als die Hälfte der indischen Beschäftigten hierzulande sind als Spezialisten oder Expertinnen tätig, sind also Meister, haben einen Bachelorabschluss oder sogar ein vierjähriges Hochschulstudium absolviert. Insgesamt trifft das in Deutschland nur auf 28 Prozent der Beschäftigten zu.
Solche Arbeitskräfte kann die deutsche Wirtschaft gut gebrauchen. Entsprechend verwendet die Bundesregierung einiges an Energie darauf, noch deutlich mehr Zuwanderer aus Indien anzulocken. Schon vergangenes Jahr reiste Heil nach Indien. Mit der neuen Fachkräftestrategie werden nun dreißig konkrete Maßnahmen angegangen, um die Fachkräftegewinnung aus dem Land weiter auszubauen.
Schlag, Run und Sieg? Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) glaubt an das deutsche Einwanderungsgesetz. Bei einem Cricket-Spiel im Berliner Olympiapark sprach er mit indischen Fachkräften über ihr Leben und ihre Arbeit in Deutschland.
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpaDazu gehören: effiziente Anerkennungsverfahren für Berufsabschlüsse, wirksame Verwaltungsverfahren fürs Ankommen (Visaerteilung) und Bleiben (Aufenthaltstitel). Alles Dinge, die schon lange gefordert und immer wieder zugesagt werden. Noch zu oft kritisieren deutsche Arbeitgeber, ausländische Beschäftigte und Dienstleister allerdings: Die deutsche Verwaltung brauche zu lange. Trotz guter Gesetze: Das Papier ist geduldig, die Praxis immer noch sperrig.
Dabei ist auch das Interesse von indischer Seite groß. Das Durchschnittsalter in Indien beträgt rund 28 Jahre, in Deutschland etwas über 45 Jahre. Das inzwischen bevölkerungsreichste Land mit mehr als 1,4 Milliarden Menschen wächst weiter. Viele Junge strömen auf den Arbeitsmarkt. Bis 2030 werden schätzungsweise 84 Millionen Arbeitskräfte neu auf den Arbeitsmarkt hinzukommen. Deshalb wird die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten, auch von der indischen Regierung unterstützt.
Mohammad Shakir hat den Schritt gewagt. Er hat ein Germanistikstudium begonnen, jetzt macht er eine Lehre in der Bäckerei Nussbaumer bei Karlsruhe. Von dort ist er an diesem Donnerstag in den Keller nach Delhi zugeschaltet. „Essen ist immer mit dem Herzen verbunden“, beschreibt der junge Mann über den Laptop-Bildschirm in ziemlich gutem Deutsch, wie er die Deutschen verstehen lernen will: „Die Bäckerei ist also ein Weg zum Herzen.“
Nicht immer klappt es mit dem Deutsch so gut, die Sprache ist oft eine Hürde. Das ist vor allem ein Problem für die Bundesrepublik, die freilich in Konkurrenz zu anderen Zielländern für indische Fach- und Arbeitskräfte steht.
Deutsche Sprache als Hürde
Zwar könnten sich etwa acht Prozent der 18- bis 34-jährigen Inder vorstellen, dauerhaft in einem anderen Land zu leben, ergab eine Befragung des Gallup World Poll, das sind um die 30 bis 40 Millionen Personen. Aber gut ausgebildete Inderinnen und Inder sind international auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Viele machen die Erfahrung, dass sie in englischsprachigen Ländern einfacher Jobs finden als hierzulande.
Das zeigt auch eine Umfrage der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) unter Fachkräften im Ausland. Die mit Abstand größte Gruppe unter den Teilnehmenden: Inderinnen und Inder, sagt Thomas Liebig, der die Onlinebefragung verantwortet hat. Im Vergleich zu den übrigen an Deutschland Interessierten seien sie jünger und besser qualifiziert – 90 Prozent hätten einen Hochschulabschluss. Mehr als die Hälfte sei im IT-Bereich oder als Ingenieure tätig, auch dies ein überproportional hoher Wert.
Die Deutschkenntnisse seien hingegen niedriger als bei den übrigen Interessierten, berichtet Liebig, die Mehrheit habe keinerlei Kenntnisse. „Die deutsche Sprache wird entsprechend auch überproportional als Hürde wahrgenommen“, sagt er.
Für bessere Startbedingungen sorgen will da die Fachoberschule G.D. Goenka in Neu-Delhi. Das Goethe-Institut fördert den Deutschunterricht an der Schule, an der 7500 Jungen und Mädchen von der der 6. bis zur 12. Klasse unterrichtet werden. Morgens lernen die Mädchen an dieser öffentlichen Schule, nachmittags die Jungen. Alle belegen Kurse in praktischen Berufen.
An diesem Donnerstag stellen einige Schülerinnen ihre Werke Minister Heil und Vanessa Ahuja, Vorständin der deutschen Bundesagentur für Arbeit, vor. Die Mädchen bohren und feilen, sie verbinden Elektroden und verkaufen selbstgemachtes Kunsthandwerk. Ab 2025 sollen 30 junge Erwachsene nach dem Schulabschluss bei Handwerksbetrieben in Nordrhein-Westfalen ihre Ausbildung machen. Industrie- oder Zerspanungsmechaniker, Mechatronikerin oder Metallbauerin sind zunächst im Angebot. Alle Firmen erklären sich bereit, sich um einen Platz zum Wohnen und ums Wohlbefinden der Schützlinge zu kümmern.
Die 15-jährige Ambika hat dem Besuch aus Deutschland gerade ein paar elektrische Schaltkreise gezeigt. Die Zehntklässlerin kann zwar noch kein Deutsch, will es aber in der Schule nun angehen. Mechatronikerin sei eine gute Sache für sie, sagt die Schülerin. Sie denkt groß, traut sich den Schritt ins Ausland zu. Der ihr dann vielleicht noch weitere Wege ermöglicht. „Am Ende will ich einmal Jura studieren.“
Bäcker Micha Schmid hat dagegen seine Heimat und seine Berufung in Indien gefunden. Er fühle sich wohl, solange es „Käse, Kaffee und Brot“ gebe. Bis auf den Kaffee stellt er inzwischen alles selbst her.
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