Siemens Healthineers: So tickt der vielleicht rätselhafteste aller Dax-Konzerne
CEO Bernd Montag. Der Konzern Siemens Healthineers ist einer der derzeit erfolgreichsten Konzerne im Dax.
Foto: WirtschaftsWoche„Es gibt 100 Bücher über Führung und eins darüber, wie man ein guter Kollege ist“
Wer das Geschäft von Siemens Healthineers verstehen will, der muss erstmal seine Maßstäbe anpassen. Räumlich, aber vor allem auch finanziell.
Röntgengeräte heißen bei dem wichtigsten deutschen Medizintechnikkonzern „Brot- und Butter-Geschäft“. Zwar kosten die Maschinen sechsstellige Beträge – im Vergleich zu den futuristischen CT-Scannern mit Photonenzähl-Technologie sind sie dennoch vergleichsweise günstig. Dafür wurden alle Parameter optimiert: Die Strahlung beträgt nur noch ein Bruchteil der Menge, mit der Erfinder Wilhelm Konrad Röntgen vor über 100 Jahren seine Frau durchleuchtete. Dessen Porträt sieht man gleich zu Beginn, wenn man den Showroom betritt, den das Unternehmen an seinem wichtigen Produktionsstandort Forchheim nahe Bamberg hat.
In der Mitte des Raums stehen die MRT-Scanner. Abklappbare Vorrichtungen und Bahren erlauben es, Patienten in kürzeren Abständen zu untersuchen – was für Krankenhäuser wiederum bedeutet, dass mehr Scans durchgeführt werden können und sich die Geräte schneller amortisieren.
Gezüchtete Kristalle zur Bildgebung
Der neueste Schrei in der Medizintechnik aber sind CT-Scanner, die mit speziellen Kristallen arbeiten, mit denen es möglich ist, Photonen zu registrieren. Damit sollen bildgebende Verfahren um ein Vielfaches exakter werden. Die Kristalle werden in einem aufwendigen Verfahren über Monate „gezüchtet“, und dann in Scheiben geschnitten und wie modernste Halbleiter mit einem Lithografie-Verfahren „bedruckt“.
Alles klar? Nun ja. Der Konzern Siemens Healthineers ist nicht nur einer der derzeit erfolgreichsten Konzerne im Dax – es ist für viele Menschen auch der rätselhafteste. Mercedes baut Autos, die Allianz verkauft Versicherungen. Und Siemens Healthineers, inzwischen auch seit immerhin sechs Jahren Teil der Riege der größten deutschen börsennotierten Konzerne, macht was? Baut komplizierte medizintechnische Apparaturen – und verdient mit jeder von ihnen sehr, sehr viel Geld.
„Menschen werden krank und brauchen Heilung – egal ob die Wirtschaft mit null, zwei oder vier Prozent wächst“, sagt CEO Bernd Montag im Podcast „Chefgespräch“ der WirtschaftsWoche. Der ehemalige Basketball-Profi begann seine Karriere bei Siemens im Jahr 1995. Leicht sei es nicht gewesen, seine Profi-Karriere an den Nagel zu hängen, erzählt der Zwei-Meter-Mann. „Was ich aber mitgenommen habe vom Sport, ist die Überzeugung, dass zusammen gewinnen mehr Freude bereitet, als alleine zu gewinnen.“ Montag wurde 2015 Geschäftsführer des Unternehmens, welches im selben Jahr vom Mutterkonzern abgespalten wurde und 2018 an die Börse gegangen war. Und bis heute ist Montag oft noch auf Erklär-Mission unterwegs.
Das Geschäft der Healthineers ruht auf vier Säulen, von denen Diagnostic Imaging die umsatzstärkste ist. Es folgen Diagnostics, Advanced Therapies und Varian, ein Unternehmen aus dem Silicon Valley, welches die Forchheimer im Jahr 2021 übernahmen. Damit soll die Kette von der Diagnose, über die Datenanalyse bis zur Therapie und Nachsorge quasi komplettiert werden.
Unternehmen statt Konzern
Der Umsatz liegt bei rund 20 Milliarden Euro im Jahr, davon fließt fast ein Zehntel in den Bereich Forschung und Entwicklung. Den Begriff „Konzern“ mag Bernd Montag trotzdem nicht. Man habe sich ja von einem Konzern als Unternehmen abgespalten, sagt er im Chefgespräch mit der WirtschaftsWoche. Überhaupt ist viel die Rede von Bescheidenheit. Das ist sympathisch, täuscht aber auch über die immense Größe der Branche hinweg: Nimmt man Ärzte und Pflegekräfte hinzu, beschäftigt die Gesundheitsindustrie mehr Menschen als die Autobranche.
Künstliche Intelligenz spielt hier nicht erst seit dem Erfolg von ChatGPT eine Rolle. Automatisierte Verfahren werden seit 20 Jahren erprobt und angewendet. So kann KI bestimmte Ergebnisse bereits früh ausfiltern. Bei auffälligen Mustern wie Tumoren wird dann der Arzt hinzugezogen.
Die wichtigsten Märkte der Healthineers sind die USA und China. Danach folgt Japan. Die Unterschiede sind teils frappierend. Während in den USA das meiste für neues medizinisches Gerät ausgegeben wird, sinkt dort die Lebenserwartung. In Ostasien steigt sie hingegen. China macht mittlerweile rund 15 Prozent des Umsatzes aus.
China ist einer der wichtigsten Märkte
Wie der ehemalige Mutterkonzern, von dem sich Healthineers im Jahr 2018 endgültig trennte, setzt man in Forchheim auf eine global-dezentrale Struktur. In China wird maßgeblich für den chinesischen Markt produziert, ebenso wie in den USA für den amerikanischen. Im ersteren liegt die Lokalisierungsrate bei 80 Prozent. Das gilt auch für die Forschung: Entwicklungszentren betreibt der Konzern sowohl in Erlangen, als auch im amerikanischen Princeton und in Shanghai in China. Ein weiteres im indischen Bangalore wird gerade ausgebaut.
Ein gut funktionierendes Unternehmen brauche immer die Antwort auf die Frage „Warum?“, sagt Montag im Gespräch mit der WiWo. Diese Frage könnten zwar bei Unternehmen in der Medizin-Technik einfacher beantwortet werden. Schließlich gehe es am Ende um das Gemeinwohl. „Stellen muss man sie trotzdem“, sagt er.
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