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TauchsiederDie Bonner Bubble-Republik

Der politmediale Betrieb in Berlin kreist seit dem Ampel-Aus um die Parteien der alten Bundesrepublik – und hyperventiliert an einem Drittel der Wähler vorbei. Das könnte sich rächen. Höchste Zeit für einen Empathieschub. Eine Kolumne.Dieter Schnaas 08.12.2024 - 09:11 Uhr

Ein historisches Foto des Bonner Kanzleramtes mit der Statue von Henry Moore (Two Forms) im Vordergrund.

Foto: imago images

Sage noch einer, das Niveau sei nicht gesunken, der Umgangston nicht rauer, ruppiger, rüder als früher, die politische Debatte nicht sprücheverklopft und tiktokverflacht. Doch, doch, genau so ist es. Der ehemalige Finanzminister Christian Lindner will jetzt „mehr Milei und Musk wagen“, um von der leidigen „D-Day-Affäre“ seiner Partei abzulenken und mit der Simulation einer Art Staatsbankrott in diesem Land jeden 20. Wähler zu erreichen für die FDP.

Je nun, mag er’s versuchen: feuchte Durchregierungsträume eines Leichtliberalen, der seine Partei an den Rand des Ruins geführt hat und jetzt um fünf Prozent Zustimmung bettelt in der Arena der deutschen Mediendemokratie – der jetzt um jeden Preis Aufmerksamkeit organisieren muss und mit Überspitztem nach Aufschrei, Reaktion und Empörung giert. 

Und Christian Lindner macht es nicht schlecht. Er versteht die Mechanismen der sozialmedialen Kaskadenpolitik gut, spricht mit „Milei und Musk“ die Neustartwilligen und Aufbruchsbereiten an, um sie zu Wendetragikern fortzuverbilden, als Reformradikale auf sich einzuschwören – und bringt damit alle, die er ohnehin nicht überzeugen kann von seinem eingebildeten Notstaatsdrama, gegen sich auf: symmetrische Maximalmobilisierung. Das ganze Land spricht seit zwei Wochen über Lindners FDP, als spiele die Partei, mutwillig heruntergewirtschaftet zur CLP, noch eine signifikante Rolle im politischen Betrieb. Peak False Balance. 

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Aber siehe, es funktioniert: Es hagelt Einwände und Zitatexegesen, also führt Lindner noch einmal deutungsoffen aus, was er mit „Milei und Musk“ womöglich gemeint haben will, um abermals halbwegs (miss-)verstanden zu werden. Woraufhin Friedrich Merz ihn recht wörtlich versteht und deshalb „entsetzt“ ist, klar, er muss nicht jeden 20. Wähler überzeugen, sondern jeden dritten erreichen - was wiederum Lindner die Gelegenheit gibt, darauf hinzuweisen, dass sich sogar der wahrscheinlich nächste Kanzler noch mit ihm befasst und die Deutschen allein von der FDP wirklich Reformen…

So geht das nun schon seit Wochen. Der politmediale Betrieb in Berlin kreist seit dem Ampel-Aus um Politik-Politik und die Parteien der alten Bundesrepublik – um die Kabale in der SPD und die Küchentischgespräche des Robert Habeck, um eine Union zwischen Angela Merkel und Friedrich Merz und die Demissionspläne einer kairosseligen FDP – statt um den Zerfall der Demokratie in den USA und die Handlungsunfähigkeit Europas, die Globalisierung von Russlands Krieg gegen die Ukraine und einen offenen Ideenwettbewerb zur Renovierung unseres Wirtschaftsmodells. Bonner Bubble-Republik. 

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Man fragt sich in dieser altbundesrepublikanischen Politikmedienblase etwa, ob Olaf Scholz noch aufholen und Merz zum Duell fordern kann, ob Schwarz-Rot dem Land weiterhelfen würde, was Habeck noch für die Grünen rausholt, ob Lindner die FDP an die Wand fährt – und diskutiert damit konsequent an einem Drittel der Wähler vorbei. Übrigens auch inhaltlich. Speziell die Union spricht rhetorisch distanziert, wie in Elefantenrunden, in denen ältere Herren ihre gewählten Worte noch in Rauchwolken einkleiden durften, von „Wirtschaftswende“ und „Inflation“, „Bürokratieabbau“ und „Sicherheit“ als wahlbestimmenden Themen – statt leicht fassbar und konkret von „Arbeitsplatzsorgen“, „Preisen“ und „Löhnen“, von „vererbtem Reichtum“, „Rentenminus“ und „Altersarmut“, von „Mietsteigerungen“, „Unterrichtsausfall“ und „Heizkosten“ – von Themen, die inzwischen jeden beschäftigen, der nicht mindestens sechsstellig verdient. Das könnte sich noch rächen. Denn mit abstrakter Rede gewinnt man gewiss nicht Wähler zurück, die Umfragen zufolge für die AfD und das BSW, die Linken oder die Sonstigen optieren: Parteien, denen inzwischen 30 bis 35 Prozent der Deutschen zuneigen – und die „Bonn“ noch nicht kannte. 

Mächtig aufgepumpt wird die „Bonner Blase“ von Lautsprechern in „Bonner Medien“, die sich schon immer durch parteiliche Nähe ausgezeichnet haben, sich aber inzwischen nicht mal mehr entblöden, in den Sozialen Medien auch Partei zu ergreifen.

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Wie kommen „Journalisten“ beispielsweise darauf, sich als erklärte Fans, ja: Groupies Lindners zu gerieren, ihre Accounts mit dem Konterfei eines argentinischen Präsidenten zu zieren - und einen selbstinteressierten Staatsverächter als letzten Fackelträger der Freiheit zu verklären? Wie kommt man als professioneller Beobachter des Betriebs überhaupt darauf, als Kombattant einer Partei in den Wahlkampf zu ziehen – und mit tragischem Tremolo etwa das Narrativ der „Disruption“ und „radikalen Wirtschaftswende“ zu reproduzieren, das die Parteizentralen der FDP und CDU in Umlauf bringen – als würden die meisten Menschen weltweit nicht gerne die Probleme der Deutschen haben und als reichten die „mutigen Reformen“ nicht mehr aus, die Angela Merkel 2005 beinahe noch die Kanzlerschaft gekostet haben?

Und weiter: Warum wird Wirtschaftsminister Robert Habeck bereits seit Wochen von politischen Wettbewerbern und „Journalisten“ vorgehalten, er zeige Beleidigungen an? Ziehen sich nicht inzwischen fast im Wochentakt Politiker auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene zurück, weil sie nicht mehr permanent und routiniert verachtet, herabgesetzt und bedroht werden wollen? Und warum wird Habeck von „Journalisten“ gleich als Feind der freien Meinungsäußerung gegeißelt, nur weil er sich darüber Gedanken macht, wie man der organisierten Hassrede und Feindpropaganda im Netz politisch begegnet? Zeigen die korrumpierten Wahlen in Moldawien, Georgien und Rumänien nicht, dass liberale Demokratien neumedial verwundbar sind – und müssten nicht alle demokratischen Parteien und Medienmenschen daran interessiert sein, das Thema seriös zu bearbeiten? 

Der übermäßige Gebrauch und Konsum Sozialer Medien verengt offenbar auch in Redaktionen den Blick auf die Welt und begünstigt einen aktivistischen „Journalismus“: Man nähert sich den übrigen „Nutzern“ stilistisch an und senkt damit die Hemmschwellen, fördert die eigene Bereitschaft zu gedanklichen Kurzschlüssen und vergiftet damit die Psyche (der Nation), weil Smartphone und Kurznachrichtendienste Hirne und Daumen direkt verschalten, die Strecke zwischen Reizreaktion und Triebabfuhr verkürzen – und Sender und Empfänger zu Like-Gemeinschaften verschweißen. Man däumelt Affekte, Vorurteile und Halbsätze mit Ausrufezeichen, um schnelle Daumenhoch-Erträge abzuschöpfen – und fragt nicht mehr nach Gründen, Argumenten und Einwänden mit Relativpronomen, um das Grundkapital einer demokratischen Öffentlichkeit zu mehren. 

Jeder Mensch fühlt sich heute bekanntlich berufen, fast alles permanent zu bemeinen - ohne zugleich dazu befähigt zu sein. Das ist der Kern dessen, was die „Revolutionäre“ des neuen Medienbetriebs unter seiner „Demokratisierung“ verstehen. Elon Musks „You are the media“ bedeutet weniger, dass etablierten Anbietern journalistischer Waren endlich eine Konkurrenz entstünde (es sei denn, man wollte Äpfel mit Birnen vergleichen, also die „New York Times“ mit TikTok). Es bedeutet weniger, dass Nachrichten sich endlich vorbei an professionellen Türstehern verbreiten können (thanks, God!), und weniger, dass das Potenzial politischer Selbstwirksamkeit durch die omnipräsente Möglichkeit, sich vernehmbar zu machen und gehört zu werden, endlich ausgeschöpft werden kann. Es bedeutet vielmehr, dass das Meinungsäußern und das Meinungsmachen dem Meinungsbilden heute technologisch - und damit kategorial - vorgeschaltet sind. 

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Zu den Folgen zählen ein steigendes Qualität-Quantitäts-Gefälle und eine Inflation begründungsloser Behauptungen im öffentlichen Raum – darunter die, dass die Meinungsfreiheit in unseren Demokratien heute „irgendwie“ eingeschränkt sei. Tatsächlich ist das Meinungsklima gereizter geworden, ansonsten aber das Gegenteil der Fall: Die Meinungsfreiheit ist auf den virtuellen Marktplätzen des Meinens über alle Verantwortung hinaus entgrenzt. Ein Dorffaschist etwa hatte früher noch mit seiner Ächtung zu rechnen, sobald er sich auf dem Marktplatz als solcher bemerkbar machte. In der Anonymität des virtuellen Raums kann er dagegen seinen Arm jederzeit sanktionslos zum Gruße heben – und noch dazu auf Applaus hoffen.  

Anders gesagt: Niemand muss auf TikTok, Instagram oder X mehr durch das gehen, was Bazon Brock mal seine „Besucherschule“ genannt hat. Das Ziel des großen Kunstvermittlers war die „Professionalisierung des Betrachters“. Brock verstand sich bei seinen Documenta-Führungen daher einerseits als (über-)sprudelnde Inspirationsquelle, verlangte seinen Schülern aber andererseits vier, fünf Stunden unbedingte Aufmerksamkeit ab – plus Vorbereitung. Es ging Brock darum, Kunstkonsumenten zu mündigen Kunstbürgern zu promovieren, die auratische Kunst durch anspruchsvolles Zeigen und Betrachten zu „demokratisieren“.

Sein Credo: Es gibt die Bringschuld des Künstlers, dass sein Kunstwerk verständlich ist – und es gibt die Pflicht des Besuchers, das Kunstwerk verstehen zu wollen. Nur auf der Basis dieses doppelseitigen Zueinanderstrebens und sei ein wechselseitig bereicherndes Bemeinen und Beurteilen von Kunst möglich. 

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Überträgt man diese Gedanken auf die politischen Nachrichten-Produzenten und -Konsumenten von heute, kann man leicht depressiv werden: Lindner zum Beispiel will ja mit „Milei und Musk“ nicht richtig, sondern falsch verstanden werden – und darf dabei in den (Sozialen) Medien auch noch auf das Entgegenkommen „journalistischer“ Rezensenten hoffen, die seine Irreführungen multiplizieren. Und wenn Friedrich Merz einen „grundlegenden Neuanfang“ in der Wirtschaftspolitik verspricht so wie Robert Habeck einst eine „grüne Transformation“ versprochen hat, ohne dabei zugleich erkennen zu lassen, dass er damit etwa auch gute Löhne und ausreichend Industriearbeitsplätze, einen Abbau des Preisdrucks sowie bezahlbare Mobilitäts- und Wohnkosten meint, dann wird das womöglich zu einem relativen Wahlsieg reichen - allerdings nicht für ein gemeinsam entwickeltes Verständnis dafür, was heute unter einer „Wirtschaft für alle“ zu verstehen wäre. 

Schleunigst raus aus der sozialmedialen Bubble also, rein ins Leben, ran an die Menschen. Und mehr Adam Smith wagen als Musk und Milei: Es wird in den nächsten Wochen nicht gelingen, die Menschen mit der Reproduktion abstrakter Entfesselungszusagen und selbstgewisser Wendeversprechen nachhaltig von sich zu überzeugen - sondern allein mit  mehr „sympathy“. Sie eignet Smith zufolge allen Menschen und bestimmt sie „dazu, am Schicksal anderer Anteil zu nehmen“. Speziell Politiker. Ohne Anteilnahme an den Alltagssorgen der Menschen, ohne Empathie, Mit-Gefühl und ein glaubhaftes Nach-Empfinden dessen, was Schwarze, Grüne, Rote, Liberale, was Arbeiter, Angestellte, Selbstständige und Handwerker, was Familien und Singles, was Gut- Mittel- Niedrig- und Normalverdiener abseits ihrer politischen Vorlieben und Bubbles bewegt, wird jede „Wirtschaftswende“ misslingen – und Widerstand provozieren.  

Oder wenden wir es positiver: Nur mit mehr „sympathy“ wird es gelingen, den AfD-Zynikern und BSW-Schlechtrednern das Wasser abzugraben und die sozialmedialen „Bubbles“ der schimpfenden Partikularinteressierten zum Platzen zu bringen, die Deutschen für Reformen zu gewinnen, sie auf notwendige Veränderungen einzustimmen, sie wieder für ihre Zukunft einzunehmen – und dafür, dass es sich lohnt, sie selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. 

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