Rhetorik: Wie hart darf die Sprache im Job sein?
Das Tünkram-Drama: Bundeskanzler Olaf Scholz hat Friedrich Merz mit ungewöhnlicher Wortwahl vorgeworfen, Unwahrheiten zu verbreiten. (Archivbild 2023)
Foto: imago imagesDas ist passiert
Kurz nachdem Olaf Scholz im Bundestag das Vertrauen verloren hatte, wurde er im ZDF-Interview deutlich. Sehr deutlich sogar. Angesprochen darauf, dass Oppositionsführer Friedrich Merz ihn dafür kritisiert hatte, als Bundeskanzler auf EU-Gipfeln eher zu schweigen als sich einzuschalten, sagte Scholz: „Fritze Merz erzählt gern Tünkram.“
Tünkram? Das steht im Plattdeutschen für „dummes Zeug“. Und Fritze statt Friedrich? Merz reagierte empört: „Ich verbitte mir, dass der Herr Bundeskanzler mich in dieser Art und Weise hier persönlich bezeichnet und angreift.“
Das können Sie daraus lernen
Offenbar war der Kanzler nach der Vertrauensfrage emotional geladen, wie so häufig in den Wochen seit dem Ampel-Aus. Souveräner wäre es gewesen, CDU-Chef Friedrich Merz nicht persönlich anzugreifen, betont Marie-Theres Braun, Trainerin für Rhetorik und Verhandlungsführung. Doch eben das fällt vielen Menschen schwer. Auf Kritik im Beruf reagieren sie angefressen, beleidigt, konfrontativ. Das geht besser: Wie halte ich meine Emotionen im Griff? Wie reagiere ich souverän auf Kritik und bleibe in der Sache doch deutlich?
1. Kritik umdeuten
Marie-Theres Braun kennt viele Arten, wie der Bundeskanzler mit der vorausgegangenen Kritik von Merz besser hätte umgehen können. Und die lassen sich auch auf den Alltag vieler anderer Menschen im Job übertragen. Eine davon: das Reframing, die positive Umdeutung. „Ich nehme den Vorwurf gewissermaßen an, drehe ihn aber ins Positive“, erläutert Braun. Wenn jemand im Büro den Kollegen dafür kritisiert, heute im Meeting wieder so aufbrausend gewesen zu sein, würde die positive Umdeutung lauten: „Ja, richtig, ich bin leidenschaftlich – und das Thema ist mir wichtig.“
Eine andere Technik wäre die „Gerade-weil-Methode“: Wirft der Kollege einem vor, viel zu jung und unerfahren zu sein, könnte die Antwort lauten: „Gerade, weil ich so jung bin, sehe ich Dinge, die ihr vielleicht noch nicht betrachtet habt.“
Das Ziel solcher Taktiken sei stets, Diskussionen nicht unnötig emotional aufzuladen – schon gar nicht mit Beleidigungen, betont Braun. Wer die Gegenseite mit deren Verhalten konfrontiert, kann sachlich aufdecken, dass sie zu weit gegangen ist. Wichtig sei dabei, nicht in der Ich-Form zu sprechen. „So zeige ich meinem Gegenüber, dass ich mich nicht rechtfertige und mir den Angriff nicht zu Herzen nehme“, sagt Braun.
2. Emotionen kontrollieren
Es gelte, die Sache von dem Menschen zu trennen – und nicht mit Vorwürfen und direkter Ansprache zu arbeiten. Eher Sätze wie: „Diese Äußerung ist komplett falsch.“ Und eben nicht: „Du redest völligen Unsinn!“
Um die eigenen Emotionen im Zaum zu halten, helfe es, sich nach einer Kritik oder einem persönlichen Angriff Zeit zu verschaffen, rät Braun. „Die Emotionen sind nach fünf Sekunden nicht mehr so drastisch wie nach einer. Bevor ich reagiere, sollte ich für eine Pause sorgen.“ Etwa mit einer konkretisierenden Nachfrage: Was genau stört dich an meiner Aussage? Worauf beziehst du dich? Oder indem man mit eigenen Worten und deutlich wohlwollender wiedergibt, was die oder der andere gerade gesagt hat. Braun erläutert: „So richte ich den Fokus auf die andere Person und nehme die Schärfe aus der Debatte.“
3. Bloß nicht zu authentisch
Manche politische Beobachter erkennen in Scholz' Ansage an Merz authentisch: So sei er eben, der Kanzler, hanseatisch überheblich. Braun hält das nicht unbedingt für falsch - aber für tückisch: Wer besonders authentisch ist, würde auf eine Kränkung womöglich mit einer Beleidigung reagieren, die ihm gerade im Kopf herumschwirrt. „Impulsivität schadet der Beziehung und der Debatte“, sagt Braun. Die Rhetoriktrainerin zitiert die Psychoanalytikerin Ruth Cohn: „Alles, was gesagt wird, soll echt sein; nicht alles, was echt ist, soll gesagt werden.“ Authentizität sollte also mit Sensibilität und Wirkungsbewusstsein einhergehen.
4. Vorsicht mit Ironie!
Auch als Olaf Scholz auf die mit „Könnten Sie...“ eingeleitete Frage einer Journalistin mit „Nö“ antwortete, interpretierten das manche als trockenen Humor. Und andere als respektlos. Das zeigt: Mit Humor ist es so eine Sache. Marie-Theres Braun warnt: „Im Streit hat Ironie wenig zu suchen.“ Sie müsse eindeutig gekennzeichnet sein. Denn die Emotionen sind in einem Konflikt ohnehin meist feindselig. „Und diese Emotionen wollen wir bestätigen. Alles, was mein Gegenüber sagt, deute ich negativ.“
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