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Blick hinter die Zahlen #5 – Autoindustrie und Jobs Wo in Deutschland die meisten Jobs an der Autobranche hängen

Kaum eine Branche in Deutschland beschäftigt so viele Menschen wie die Autoindustrie. Umso größer ist die Angst, da erste Unternehmen einen Sparkurs einschlagen. So abhängig ist Ihre Region von der Autoindustrie.

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Brose, Bosch und Schaeffler streichen jeweils mindestens 2000 Stellen, Schlemmer und Eisenmann mussten gar Insolvenz anmelden: Es steht nicht gut um Deutschlands Autozulieferer. Und selbst die großen Autobauer haben der Krise bislang wenig entgegenzusetzen, das zeigen nicht erst die ernüchternden neuen Daimler-Zahlen.

Schreckensmeldungen aus der Autobranche bewegen die Deutschen so sehr wie kaum ein anderes Thema. Kein Wunder, ist die Autoindustrie doch einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. Schwächelt die Branche, fürchten hunderttausende Menschen um ihre Jobs.

Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) zufolge arbeiteten 2018 mehr als 850.000 Menschen in Deutschland in der Automobilindustrie. Das sind 17 Prozent mehr als im Jahr 2009, wo es noch etwa 730.000 Beschäftigte waren. Die Zahl der Betriebe blieb mit knapp 1360 ungefähr konstant.

Ein Blick auf die Bundesländer zeigt, dass die Automobilbranche je nach Region sehr unterschiedlich stark präsent ist. So beschäftigt sie beim Spitzenreiter Baden-Württemberg über 233.000 Menschen, gefolgt von Bayern mit knapp 208.000 Menschen. Danach klafft eine große Lücke – kein anderes Bundesland hat laut offizieller Statistik Automobil-Beschäftigte im sechsstelligen Bereich.


Das heißt jedoch nicht, dass es kein anderes Auto-Bundesland gäbe. Viel mehr weist die Statistik für Bremen, Hamburg und Niedersachsen schlicht keine Beschäftigtenzahlen aus. Grund ist die sogenannte statistische Geheimhaltung. Die Fallzahlen sind so gering, dass die Statistik nicht mehr anonym wäre und Einzelangaben identifiziert werden könnten.

Für Bremen und Hamburg leuchtet das ein, gibt es hier doch nur einen beziehungsweise 13 Betriebe mit überschaubar vielen Beschäftigten. Niedersachsen hingegen beherbergt mit Volkswagen einen der größten deutschen Autobauer. Doch wenn zu viele Beschäftigte nur bei diesem einen Arbeitgeber arbeiten, sehen die Statistiker die Geheimhaltung auch hier verletzt – und dürfen wiederum die Zahlen nicht veröffentlichen.

Abhilfe schafft hier VW selbst: Der Konzern beschäftigt nach eigenen Angaben allein in Niedersachsen über 131.000 Menschen. Damit belegt das Land den dritten Rang der Auto-Beschäftigten.

Die Zahl der Betriebe wiederum ist ebenfalls in den beiden Flächenstaaten im Süden besonders groß (Bayern: 240, Baden-Württemberg: 285). Interessant ist, dass NRW mit 246 sogar mehr Betriebe vorweist als Bayern, aber mit knapp 84.000 nur einen Bruchteil der Beschäftigten.

So unterschiedlich die Zahlen, so unterschiedlich ist die Struktur der beiden Länder. In Bayern beschäftigt allein der Auto-Multi BMW nach eigenen Angaben 77.000 Menschen und damit fast so viele, wie in NRW insgesamt in der Autoindustrie arbeiten. Hinzu kommt mit Audi in Ingolstadt ein weiteres Schwergewicht. In NRW wiederum sitzen vor allem kleine und mittelständische Betriebe, die auf vergleichsweise wenige Mitarbeiter kommen.

Am meisten zu leiden unter der Krise der Autoindustrie hatte schon bis 2018 Rheinland-Pfalz. Arbeiteten hier 2009 noch 27.000 Menschen im Bereich „Kraftwagen und Kraftwagenteile“, wie er bei Destatis definiert ist, so waren es neun Jahre später nur noch 22.000 Menschen. Selbst so bleibt die Automobilindustrie die zweitwichtigste Branche des Landes.

Und die amtliche Statistik liefert nicht nur die Daten nach Bundesländern, sondern sogar bis auf Ebene der Kreise und kreisfreien Städte. Diese geben jedoch vor allem Aufschluss über Regionen, in denen die Autoindustrie stark vertreten ist. Der Grund auch hier: Werden die Fallzahlen zu klein, müssen die Statistiker sie geheim halten, um Anonymität zu gewährleisten.


Je kleinteiliger die Daten, desto schwieriger wird leider die Darstellung: Da auf Landkreisebene oft nur ein Arbeitgeber dominiert, werden dort keine Beschäftigtenzahlen ausgewiesen. Das gilt ausgerechnet für einige große Standorte wie Stuttgart, Wolfsburg oder Ingolstadt (s. Karte).

Ein Blick auf die Ebene der Regierungsbezirke zeigt jedoch deutlich die regionalen Cluster. So arbeiten allein im Regierungsbezirk Stuttgart nahezu 160.000 Menschen im Bereich Kraftwagen und -teile. Kein Wunder, produzieren hier doch Mercedes-Benz und Porsche, Bosch und Zulieferer wie ElringKlinger. Auch in Oberbayern mit BMW und Audi arbeiten mit 105.000 besonders viele Beschäftigte.

Die Krise der Autoindustrie, sie lässt sich also bislang nicht an den Beschäftigtenzahlen der Branche ablesen, im Gegenteil. Sowohl VW als auch BMW haben in ihren Heimatbundesländern zwischen 2009 und 2019 nach eigenen Angaben deutlich Personal aufgebaut, nämlich von 62.000 auf 77.000 (BMW in Bayern) beziehungsweise sogar von 95.000 auf 131.000 (VW in Niedersachsen).

Damit stehen die beiden Autobauer für einen größeren Trend: Wie das statistische Bundesamt im Januar in einer Pressekonferenz mitteilte, geht die Wertschöpfung in der Automobilindustrie zwar zurück. Das schlägt sich aber nicht auf die Beschäftigtenzahlen nieder. Der Grund: Die Firmen richten sich zwar auf eine Konjunkturdelle ein. Angesichts von demografischem Wandel und Fachkräftemangel wäre es trotzdem kurzsichtig, jetzt auf Fachkräfte zu verzichten. So hoffen die Autobauer auf das Ende der Krise – und setzen in der Zwischenzeit lieber auf Kurzarbeit, als Mitarbeitern endgültig den Laufpass zu geben.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis).

Logo des Statistischen Bundesamtes (Destatis)
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