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Gründerszene Reise-Start-ups: Totgesagte reisen länger

Zumindest nach Mallorca geht's wieder: Die Deutschen reisen – und wecken damit Hoffnungen auch bei Start-ups, die sich auf den Tourismus spezialisiert haben. Quelle: AP

Reise-Start-ups galten in der Coronakrise bereits als erledigt. Doch viele junge Unternehmen können die massiven Umsatzeinbrüche aussitzen. Und Investoren wittern die Chance, nun günstiger einzusteigen.

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Ob Klettergarten, Wassersport oder Freizeitparks: Die Lust auf Ausflüge kehrt nach den Wochen in der häuslichen Isolation zurück. Das spiegelt sich in den Zahlen des Berliner Start-ups Bookingkit wider. Mit der Software des jungen Unternehmens können Anbieter von Freizeitveranstaltungen ihre Buchungen organisieren und verwalten. Viele bei Bookingkit registrierte Anbieter in Deutschland, Österreich und der Schweiz vermeldeten Anfang Juni immerhin schon wieder 85 Prozent des Buchungsniveaus, das sie vor dem Ausbruch der Krise Anfang März hatten. 

Gute Nachrichten für die vielen kleinen Unternehmen, die mit Reiseerlebnissen und Ausflügen ihr Geld machen. Und auch gut für das 2014 gegründete Start-up. Denn Bookingkit nimmt nicht nur eine Grundgebühr von den Veranstaltern, sondern verdient an jedem Ticket mit, das mit seiner Software verkauft wird. In der Coronakrise, als an Ausflüge nicht zu denken war, brach der Umsatz des Start-ups innerhalb von wenigen Tagen um 80 Prozent ein. Die Belegschaft ging in Kurzarbeit. „Das war eine Bewährungsprobe für unser Unternehmen“, sagt Mitgründer Christoph Kruse.

Von Boom auf den Boden

Damit war das Start-up nicht allein. In den vergangenen Jahren hatten sich Tech-Unternehmen aufgemacht, die Reisebranche im Sturm zu erobern. Die Aktivitäten-Plattform Getyourguide sammelte fast eine halbe Milliarde Euro ein, zahlreiche Geschäftsreise-Start-ups überboten sich mit Finanzierungsrunden.

Doch als Corona kam, prallte die Branche nahezu ungebremst auf den Boden. Die Hotelbuchungsplattform Trivago meldete einen Umsatzrückgang von 95 Prozent. Getyourguide-Mitgründer Tao Tao konstatierte: „2020 existiert für uns nicht.“ Eine Umfrage des Bundesverbandes Deutsche Start-ups in den frühen Tagen der Krise offenbarte das Ausmaß der Verzweiflung: Knapp 96 Prozent der teilnehmenden Reise-Start-ups sahen sich in ihrer Existenz bedroht.

Reise-Start-ups kämpfen sich durch die Krise

Jetzt zeigt sich jedoch: Viele der schon totgesagten Firmen dürften die Krise überstehen. Und könnten sogar gestärkt aus der Tiefschlafphase zurückkehren. „Wer nur wenige Umsätze macht, der hat eher Zeit gewonnen, um bei geringerer Nachfrage die Technologie weiterzuentwickeln“, sagt Jan Valentin. Er leitet den Risikokapitalgeber Ennea Capital Partners, der vor allem in Reise- und Mobilitäts-Start-ups investiert.

Dazu kommt: Viele der Start-ups haben nur wenige Mitarbeiter und kaum eigene Vermögenswerte. Damit haben sie es deutlich leichter als etablierte Anbieter. „Es werden die Unternehmen verschwinden, die zwar umsatzstark waren, aber hohe Kosten hatten und nicht technologisiert waren“, gibt sich Valentin überzeugt. Fluggesellschaften oder Touristikkonzerne geraten unter Druck. Für Start-ups in der Frühphase ändert die Coronakrise dagegen erst einmal nur wenig. In den ersten Jahren nach der Gründung arbeiten die jungen Firmen planmäßig nicht profitabel.  Mit Kurzarbeit und eisernem Sparzwang können diese Start-ups vergleichsweise gut die Zeit überbrücken, bis wieder Geld fließt.

„Man hat versucht, die Kosten so gut wie möglich in den Griff zu kriegen“, berichtet auch der Schweizer Unternehmer und Investor Roland Zeller, der an zahlreichen Reise-Start-ups beteiligt ist. „Etablierte Firmen mussten sich erst einmal digital organisieren – ein Start-up funktioniert von Haus aus so.“ Auch kreative Ideen lassen sich in den kleinen Teams leichter umsetzen. Bei Viselio, das Visa für Geschäftsreisende organisiert, brach das Geschäft zusammen. Kurzerhand organsierte das junge Unternehmen, bei dem sowohl Zeller als auch Valentin engagiert sind, Selbsttest-Kits für Covid19. „So ein schnelles Umschwenken gehört zu den normalen Entwicklungen eines Start-ups“, sagt Zeller. Wenn die Menschen wieder mehr reisen, hofft Viselio, dass auch das Kerngeschäft wieder anzieht: „Die Beantragung eines China-Visums für Geschäftsreisende wird sicherlich nicht weniger Arbeit werden“, sagt Zeller.

Investoren hoffen auf neue Schnäppchen

Komplizierter ist die Lage für die Digitalfirmen, die mit dem Boom der vergangenen Jahre bereits große Teams aufgebaut haben. Schon früh vermeldete etwa die Tech-Firma Uniq, die hinter dem Schnäppchenportal Urlaubsguru steht, sich von 40 Mitarbeitern trennen zu müssen. „Gerade bei den sehr schnell gewachsenen Start-ups gab es Entlassungen, vor allem im Kundenservice“, sagt Valentin.

Immerhin: Manche Trends, von denen vor allem Reise-Start-ups profitierten, haben sich in der Coronakrise sogar verstärkt – etwa die Nutzung digitaler Dienstleistungen. Viele traditionelle Reisefirmen mit teuren Filialnetzen oder großen Flotten tun sich schwer. „Es wird Gelegenheiten für wendige und kosteneffiziente digitale Anbieter geben, sich mehr Marktanteile zu sichern“, sagt Shmuel Chafets, General Partner des Risikokapitalgebers Target Global. Die in Berlin ansässige Investmentfirma ist unter anderem am Kreuzfahrten-Vermittler Dreamlines oder dem Geschäftsreise-Start-up Travelperk beteiligt. 

Reise-Start-ups vermitteln zwischen Angebot und Nachfrage – ob bei Flügen, Hotels oder Geschäftsreisen. Ihre Algorithmen durchforsten Tarifdaten und stellen Urlaubssuchenden den passenden Mix von Flügen und Unterkünften zusammen. Oder sie stellen Technologie bereit, mit denen Reisebüros oder Unternehmen die Arbeit erleichtert wird.

Viele Geldgeber schauen daher weiterhin mit großer Neugier auf diese Anbieter: Man habe über die vergangenen Jahre signifikant in den Reisesektor investiert, sagt etwa Chafets, „und wir sehen das Segment weiterhin als ein Kernthema für die Zukunft“. Mit seinen Fonds – der aktuelle Topf ist 120 Millionen Euro schwer – begleitet Target Global die Wachstumsfirmen über mehrere Finanzierungsrunden. Aktuell suche man nach „Möglichkeiten entlang des gesamten Spektrums“, so Chafets – von frühen Gründungen bis in die Wachstumsphase. „Covid-19 hat für eine enorme Krise in der Reiseindustrie gesorgt, aber diese Krise sorgt ebenfalls für neue Möglichkeiten.“

Software im Zoo

Die große Hoffnung der Geldgeber: „Firmenbewertungen, die akzeptabler sind als vorher“, wie Investor Valentin es ausdrückt. Und der Schweizer Zeller hat von Digitalfirmen gehört, die bei der Suche nach Kapital ihren eigenen Firmenwert innerhalb von vier Monaten um knapp 50 Prozent nach unten korrigieren mussten. „Die Auswüchse der letzten zwei, drei Jahre sind deutlich gedämpft worden“, sagt der Investor, der sich unter anderem früh an Getyourguide beteiligt hatte. Das sorgt für günstige Gelegenheiten für die Investoren, das eingesetzte Kapital um einen möglichst hohen Faktor zu vergrößern. Milliarden-Verkäufe scheinen erst einmal zwar nicht realistisch, dafür kommen die Investoren für weniger Millionen als vorher an Anteile. 

Und einige Start-ups spüren bereits jetzt, wie es wieder aufwärts geht. Bei Bookingkit etwa gab es weniger Kündigungen von Anbietern aufgrund von Insolvenzen als erwartet. Und jetzt häufen sich nach Angaben des Unternehmens die Anfragen von neuen Veranstaltern und Anbietern. Im deutschsprachigen Raum sorgten die ersten Feiertagswochenenden und Urlaubspläne für den Schub. Kruse hofft, dass Italien und Frankreich bald nachziehen.

Der Vorteil für Bookingkit: Die Anbieter – ob es nun um eine Bootstour oder in den Hochseilgarten geht – müssen häufig Hygienekonzepte einhalten, den Zugang begrenzen und die Kontaktdaten der Gäste einsammeln. Dabei kann die Software helfen. „Früher ging es für viele um den Ticketverkauf um jeden Preis“, sagt Kruse, „jetzt geht es um ein intelligentes Teilnehmermanagement.“ Kürzlich stellte etwa binnen weniger Tage ein deutscher Zoo seine Buchungen auf das System des Start-ups um. „Viele kleine Anbieter stehen unter einem enormen Druck, schnell wieder aufzumachen“, sagt Kruse. „Das ist quasi eine vom Staat verordnete Digitalisierung.“

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