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Hüther, Juul, Precht und Co.Die Stunde der Propheten in Sachen Bildung

Bestsellerautoren verkünden die Schulrevolution, allen voran der "Hirnforscher" Gerald Hüther. Mit Wissenschaft hat das alles nicht viel zu tun.Martin Spiewak 30.08.2013 - 14:01 Uhr Quelle: Zeit Online

Mit "Wer bin ich und wenn ja wie viele?" hat Richard David Precht die Philosophie wieder salonfähig gemacht

Foto: dpa

Die Schulrevolte geht von Berlin aus. An diesem Wochenende ist es so weit: Da treffen sich Deutschlands populärste Bildungsreformer zum "Vision Summit EduAction". Mehr als tausend Besucher haben sich angemeldet, Dutzende Initiativen stellen sich vor. Das Ziel des Gipfels gibt der Bestsellerautor Richard David Precht in seinem Festvortrag vor: "Wir brauchen eine Bildungsrevolution!"

Star und Mittelpunkt des Kongresses ist jedoch nicht Precht, sondern ein anderer: Gerald Hüther, der in Berlin gleich fünf Auftritte hat. Er wird vorbildliche Bildungskonzepte preisen, mit Unternehmern über "zukunftsfähige Kompetenzen" diskutieren und mit Pädagogen über die Grenzen der Frühförderung. Und stets wird ihn dabei eine Aura umstrahlen: Denn Hüther beruft sich auf die neue Königsdisziplin der Wissenschaft, die Hirnforschung. Wo andere nur darüber spekulieren, wie Kinder richtig lernen, scheint es der Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. von der Uni Göttingen neurobiologisch erklären zu können.

Gerald Hüther ist damit der umtriebigste Vertreter einer Gattung von Bildungsgurus, die mit starken Thesen ein großes Publikum fesseln und die klassische Erziehungswissenschaft alt aussehen lassen. Dabei ist Hüther weder ordentlicher Professor, noch kann er auf eigene empirische Forschung zum Thema Schule verweisen. Seine Kenntnisse über den Schulalltag beschränken sich größtenteils auf Angelesenes oder Gehörtes. Das tut seinem Erfolg jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil. Befreit von den Mühen der Empirie, betören Hüther und andere Bildungskritiker ihre Zuschauer wie einst die fahrenden Wunderdoktoren mit gewagten Diagnosen und Vorschlägen für bizarre Kuren zur Rettung des angeblich todkranken Patienten Schule. Als letzte Begründung muss meist die Hirnforschung herhalten.

Tausende kommen, wenn Gerald Hüther durch Deutschland tourt

Das findet Resonanz. Wann immer Gerald Hüther (Jedes Kind ist hochbegabt), Jesper Juul (Schulinfarkt) oder Richard David Precht (Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern) ein Buch übers Lernen schreiben, ist der Verkaufserfolg sicher. Dabei senden diese Bücher eine unheilvolle Botschaft aus. Sie erklären unsere Schulen für irreparabel krank und beleidigen damit unzählige Lehrer, die sich anstrengen, den Schulalltag zu verbessern. In Baden-Württemberg fand die radikale Schulkritik kürzlich sogar in der Politik Gehör: Auf ähnlich windige Thesen wollte die inzwischen zurückgetretene Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer allen Ernstes das Konzept der neuen Gemeinschaftsschulen im Ländle bauen.

Gewiss, es gibt zu viele gescheiterte Bildungskarrieren und zu viel langweiligen Unterricht. Viele deutsche Schulen brauchen Erneuerung. Doch das ist den Bildungsrevoluzzern zu wenig. Sie sehen Schulen als "Dressureinrichtungen", wo "gehorsame Pflichterfüller" (Hüther) ausgebildet werden oder "Kinder Tag für Tag leiden" (Juul), sodass man "einer normalen Mittelschichtsfamilie" nicht mehr empfehlen könne, ihr Kind auf eine öffentliche Schule zu schicken (Precht). Da müssten eigentlich alle Lehrer beleidigt aufschreien. Aber der Nimbus der Autoren – "Europas bedeutendster Familientherapeut", "Deutschlands bekanntester Philosoph" – scheint alles zu rechtfertigen.

Wer sich gar zu Deutschlands "renommiertesten Hirnforschern" zählen darf, dem ist das Gehör in Medien, Stiftungen und der Öffentlichkeit garantiert. So kommen Tausende, wenn Gerald Hüther mit "Schule im Aufbruch" durch Deutschland tourt. Die Initiative wirbt für Schulen, in denen Kinder die Bildungsexperten sind und Lernen Spaß macht – und nicht so krank wie an normalen Lehranstalten. Egal, ob in München, Berlin oder Heilbronn: Die Säle sind voll, wenn Schüler vom Lernen ohne Noten schwärmen oder die Rektorin einer Privatschule die staatliche Konkurrenz als "Beziehungsverhinderungsanstalten" geißelt.

Si tacuisses, philosophus mansisses

Hättest du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben.

Mit diesem Sinnspruch können Sie Gesprächspartner richtig schön bloßstellen. Es ist eine Abwandlung eines Dialogs von Boethius (im Bild) in dessen „Trost der Philosophie“: „Intellegis me esse philosophum?“ („Erkennst du nun, dass ich ein Philosoph bin?“) - „Intellexeram, si tacuisses.“ ( „Ich hätte es erkannt, wenn du geschwiegen hättest.“)

Foto: dpa

Si vis pacem, para bellum

Wenn du Frieden willst, bereite Dich auf den Krieg vor.

Der Gedanke hinter dieser Maxime der Abschreckungspolitik findet sich schon bei Platon. In der Moderne entstand aus dem Spruch der Name der legendären Militärpistole Luger „Parabellum“, mit der deutsche Soldaten in zwei Weltkriege zogen.

Foto: dpa

Hic Rhodus, hic salta!

Hier ist Rhodos, hier springe! bedeutet: Zeig hier, was du kannst.

Die passende Antwort auf jede Angeberei. Die Worte stammen ursprünglich aus der Fabel "Der Fünfkämpfer als Prahlhans“ von Äsop und galten einem Athleten, der auf herausragende Leistungen beim Weitsprung auf der Insel Rhodos (im Bild) hingewiesen hatte.

Foto: GNU

Non scholae sed vitae discimus

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.

Das ursprüngliche Zitat des Dichters Seneca lautet umgekehrt: Non vitae sed scholae discimus. Es war eine Kritik an den römischen Philosophenschulen seiner Zeit.

Foto: dpa

Delirant isti Romani –

Die spinnen, diese Römer

Die jüngste Redewendung dieser Reihe stammt von keinem Römer, sondern von dem Gallier Obelix, beziehungsweise seinem Schöpfer, dem Comic-Autoren René Goscinny. Das Praktische daran: Man kann je nach Bedarf die Romani durch jede andere Menschengruppe ersetzen. Im Bild ein Mann in der Ausrüstung eines Centurio (Hauptmann) der römischen Armee im Römer-Museum in Xanten.

Foto: AP

De gustibus non est disputandum

Über Geschmack kann man nicht streiten.

Der Satz stammt nicht aus der Antike. In der scholastischen Philosophie heißt es: „De gustibus et coloribus non est disputandum“ (Über Geschmäcke und Farben kann man nicht streiten). Meist wird dies so verstanden, dass es in Geschmacksfragen kein „richtig“ oder „falsch“ geben kann, da sie jenseits aller Beweisbarkeit liegen.

Foto: dpa

Divide et impera -

Teile und herrsche.

Dieser weise Rat an alle Machthaber kommt nicht aus der Antike und auch nicht von Macchiavelli (obwohl er zu ihm passen würde), sondern ist vermutlich eine Latinisierung eines Ausspruchs des französischen Königs Ludwig XIV.: „Diviser pour régner.“

Foto: dpa

Do ut des

Ich gebe, damit du gibst.

Prinzip, welches das Wesen des römischen Begriffs "beneficium" wiedergibt – und vermutlich das Wesen eines Großteils aller zwischenmenschlichen Handlungen: Eine Gefälligkeit (beneficium) verpflichtet den Empfänger zur Dankbarkeit, d. h. zu einer Gegengabe, die in nicht zu kurzer Zeit und keinesfalls geringer zu leisten ist.

Foto: dpa

Dulce et decorum est pro patria mori

„Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben.“

Dieses berühmte Zitat des Dichters Horaz gilt heute als Inbegriff der Kriegsverherrlichung und wird kaum noch als Aufforderung verstanden, sondern eher sarkastisch verwendet. Erasmus von Rotterdam hielt dagegen: Dulce bellum inexpertis (Den Unerfahrenen (erscheint) der Krieg süß). Im Bild ein sowjetisches Ehrenmal für die Gefallenen des zweiten Weltkrieges.

Foto: REUTERS

Fortes fortuna adiuvat

Den Tüchtigen hilft das Glück.

Der Spruch wird vom Dichter Terenz in der Komödie "Phormio" verwendet und von Cicero als altes Sprichwort bezeichnet. Es gibt mehrere Varianten, unter anderem „Audentis fortuna iuvat“ (Das Glück hilf den Kühnen), die auch zahlreiche Wappen von militärischen Einheiten zieren.

Foto: dpa

Wissenschaftsformate feiern Erfolge

Das Denken wird zum lukrativen Geschäft

von Christopher Schwarz und Dieter Schnaas

Besonders andächtig wird die Stimmung im Saal, wenn Gerald Hüther selbst die Bühne betritt. In sanftem Tonfall erzählt er, dass es unterschiedliche Begabungen nicht gebe, weil "jedes Kind ein wunderschönes Gehirn hat" und dass Lernen nur funktionieren könne, wenn "das kognitive und emotionale Netzwerk gleichzeitig aktiviert wird". Nur am Ende erhebt der Redner die Stimme, wenn er in den Saal ruft: "Die Hirnforschung hat es gezeigt: Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei!"

Dieser Verweis auf die Hirnforschung spielt bei all den neuen Bildungspropheten eine zentrale Rolle. Doch was kann die Verknüpfung von Neurowissenschaft und Didaktik leisten? Und wie ist es um die Expertise der so dramatisch auftretenden Bildungskritiker bestellt? Das lässt sich an ihrem bekanntesten Vertreter Gerald Hüther – der auch anderen wie Precht die Stichworte liefert – exemplarisch zeigen.

Viele Zeitungsartikel und Bücher

Als Mitbegründer von "Schule im Aufbruch" ist Hüther deren wissenschaftliches Aushängeschild. Tatsächlich ist die Universität Göttingen eine gute Adresse für die Neurowissenschaften. Dort gibt es sowohl ein Exzellenzcluster als auch eine Graduiertenschule zum Thema. An keiner dieser Einrichtungen aber ist Hüther beteiligt. Auch in den anderen neurowissenschaftlichen Instituten taucht sein Name nicht auf – dafür aber an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie als einer von drei Dutzend "wissenschaftlichen Mitarbeitern". Hinter seinem Professorentitel verbirgt sich eine außerplanmäßige (apl.) Professur. Mit ihr dekorieren Universitäten habilitierte Mitarbeiter, die ohne reguläre Hochschullehrerstelle bleiben. Und was ist mit der "Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung", der Hüther als Leiter vorsteht? So lässt er sich ankündigen, so steht es in der Vita, die seine Vorträge begleitet. "Zentralstelle" – das klingt nach vielen Mitarbeitern und bedeutender Forschung.

Ein Studium und eine gute Berufsausbildung zahlen sich in wirtschaftlichen Krisenjahren besonders aus. So gibt es für Akademiker und Meister in Deutschland laut dem aktuellen Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nahezu Vollbeschäftigung. Nur 2,4 Prozent von ihnen waren in der Bundesrepublik 2011 erwerbslos - während es im Schnitt der 30 wichtigsten OECD-Industrienationen 4,8 Prozent waren. Aber selbst für EU-Krisenländer wie Griechenland und Spanien gilt: Je höher die Qualifikation, desto niedriger die Arbeitslosenquote.

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Laut dem Bericht ist die Zahl der Studienanfänger in Deutschland zwischen 2005 und 2011 von 36 auf 46 Prozent eines Altersjahrganges gestiegen - im Schnitt der anderen Industrienationen im gleichen Zeitraum von 54 auf 60 Prozent. 28 Prozent der jungen Deutschen zwischen 25 und 34 verfügen über einen akademischen Abschluss (OECD-Schnitt: 39 Prozent).

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Als besonders positiv für die Bundesrepublik wird der überdurchschnittliche Anstieg der Studienanfängerzahlen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern herausgestellt. Und bei den Abschlüssen in diesen Disziplinen dringen zunehmend Frauen nach vorn: So ist in den Naturwissenschaften der Anteil der weiblichen Absolventen innerhalb von zehn Jahren von 27 Prozent auf 42 Prozent (2011) gestiegen.

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Viele Akademiker lohnen sich auch für den Staat: Pro ausgebildetem Akademiker erhält der Staat in Deutschland über das gesamte Lebenseinkommen gerechnet im Schnitt 115.000 Euro mehr an Steuern zurück als er in die Studienkosten investiert hat. Erstmals hat der OECD-Bericht auch Nebenaspekte wie die Gesundheit von unterschiedlich gebildeten Bevölkerungsgruppen untersucht. Danach neigen Akademiker seltener zu Fettsucht und rauchen auch deutlich weniger.

Foto: dpa/dpaweb

Und eine gute Ausbildung zahlt sich aus: Akademiker verdienten 2011 nahezu zwei Drittel mehr als Absolventen einer Lehre. Im Jahr 2000 waren dies erst 40 Prozent mehr. „Bei Spitzenqualifikationen hat die Bundesrepublik nach wie vor Nachholbedarf“, sagte OECD-Experte Andreas Schleicher. Dies schlage sich auch in den hohen Gehälter für Akademiker nieder.

In Deutschland ist der Einkommensunterschied zwischen Akademikern und beruflich ausgebildeten Fachkräften in den vergangenen zehn Jahren laut OECD sprunghaft gestiegen, und zwar um 20 Prozentpunkte. Das ist mehr als in jeder anderen Industrienation.

Foto: dpa

Doch auch eine sehr gute Ausbildung schützt nicht vor Gehaltsunterschieden: In Deutschland verdienen Frauen nur etwa 74 Prozent des Gehalts der Männer. Besonders deutlich wird der Unterschied bei Spitzenfunktionen. So erhalten 43 Prozent der Männer mit akademischer Qualifikation mehr als das doppelte des Durchschnittseinkommens. Bei den Frauen sind dies hingegen nur 11 Prozent.

Als eine mögliche Begründung verweist der Bericht darauf, dass 56 Prozent der Frauen mit akademischem Abschluss nur Teilzeit beschäftigt sind, während dies nur für 19 Prozent der Männer gilt.

Foto: dapd

Bei den Doktorarbeiten liegt Deutschland im weltweiten Vergleich an der Spitze. 2,7 Prozent eines Altersjahrganges schließen ihre akademische Ausbildung mit einer Promotion ab. Nur in der Schweiz (3,2 Prozent) und Schweden (2,8) werden mehr Doktorhüte vergeben.

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Die OECD lobt aber nicht nur die akademische Ausbildung in Deutschland. Der Bericht weist darauf hin, dass Deutschland auch bei den Erwerbstätigen mit abgeschlossener beruflicher Lehre diesmal gut abschneidet. Mit einer Erwerbslosenquote von 5,8 Prozent liegt die Bundesrepublik hier noch deutlich unter dem Schnitt der 30 weltweit wichtigsten Industrienationen (7,3 Prozent). Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) resümierte: „Ein abgeschlossenes Studium oder eine erfolgreiche Ausbildung sind immer noch die besten Voraussetzungen gegen Arbeitslosigkeit.“ Bund und Länder würden weiterhin auf dieses „zweigleisige Bildungssystem“ setzen.

Foto: dpa

Dabei gibt es weder eine Disziplin namens "neurobiologische Präventionsforschung" noch eine entsprechende Forschungseinrichtung. Wer in Göttingen danach sucht, findet am Ende eines langen Flures nur Raum E105 – das Zimmerchen von Gerald Hüther. Bis vor Kurzem suggerierte die Homepage der "Zentralstelle", sie sei eine Einrichtung der Hochschule. Das jedoch ist falsch. Laut Universität war sie allein ein "Projekt von Herrn Prof. Hüther". Das Gleiche gilt für seine Vorträge, Stiftungsaktivitäten und Bücher. Auf zwei Werke brachte es Hüther im vergangenen Jahr, mindestens drei werden es dieses Jahr werden. Die Liste seiner Zeitschriftenbeiträge ist ebenfalls bemerkenswert lang. Mit neurobiologischer Forschung im strengen Sinn aber haben Aufsätze wie Zitronenbäume pflanzen statt Zitronen ausquetschen (veröffentlicht in der Zeitschrift Gralswelt) nur wenig zu tun. Das Gleiche gilt für seine DVDs (Die Grenzen der Selbstvermarktung, 9,95 Euro).

Meist arbeitete er mit Ratten

Auf Anfrage der ZEIT stellt Hüther klar, die Zentralstelle sei nur eine "Arbeitsplattform" zur Koordinierung verschiedener Forschungsprojekte, etwa mit der Universität Mannheim/Heidelberg, gewesen. Seit Anfang dieses Jahres habe er diese Tätigkeit beendet "und damit auch diese Zentralstelle aufgelöst", auf Klappentexten aktueller Bücher taucht sie freilich noch auf. Im Übrigen sei er mit Schulthemen als Experte in vielen Gremien befasst, habe aber "nie behauptet, Forschungen auf dem Gebiet von Bildung, Schule oder Pädagogik durchgeführt zu haben".

Letzteres stimmt tatsächlich. Stattdessen hat Hüther viele Jahre lang in der neurobiologischen Grundlagenforschung gearbeitet, Untergebiet Neurochemie. Anfang der neunziger Jahre erhielt er eines der begehrten Heisenberg-Stipendien. Bis 2006 leitete er an der Göttinger Klinik eine Arbeitsgruppe. In der Hauptsache widmete er sich der Wirkung von Serotonin im Gehirn, einem wichtigen Botenstoff. Meist arbeitete er mit Ratten. Einmal sorgte er für Aufsehen mit seiner Forschung oder besser: mit seiner eigenwilligen Deutung derselben. Nach einem Rattenversuch legte er im Jahr 2001 nahe, dass Kinder, die das ADHS-Medikament Ritalin bekommen, ein höheres Risiko für eine spätere Parkinsonkrankheit trügen. Forscherkollegen im Projekt bezeichneten diese Interpretation empört als "Mischung von blumiger Rhetorik und mageren Spekulationen". Bald danach versiegte Hüthers Publikationstätigkeit in seriösen Fachzeitschriften.

Sokrates -(469 v. Chr. - 399 v. Chr.)
"Sokrates vor Augen zu haben, ist eine der unerlässlichen Voraussetzungen unseres Philosophierens", schrieb Karl Jaspers. Heute gilt er als der Stammvater der griechischen Philosophie, und alle Vorgänger sind nur "Vorsokratiker". Die Zeitgenossen des großen Mannes sahen das anders. Seine öffentlichen Vorträge auf dem Athener Forum Er wurde von seinen Athener Mitbürgern wegen Atheismus und Aufwiegelung der Jugend angeklagt und zum Tode durch Gift verurteilt. Durch die Dialoge seines berühmten Schülers Platon, die auch die Todesszene beschreiben, wurde Sokrates unsterblich.

Foto: dpa

Johannes Gutenberg (ca.1400 - 1468)
Seine weltverändernde Erfindung brachte ihm den Ruin: Der Mainzer Patriziersohn Henne Gensfleisch - so sein ursprünglicher Name – hatte sich mit seinem aufwendigen Druckverfahren mit beweglichen Lettern finanziell überhoben. 20 Helfer waren beim Druck seiner Bibel beschäftigt, doch dann konnte Gutenberg ein Darlehen nicht zurückzahlen und musste mit ärmlicheren Mitteln weitermachen. Zu Lebzeiten hatte er keinen beruflichen Erfolg mehr. Im19. Jahrhundert glaubten manche Experten, der holländische Drucker Coster sei der erste gewesen. Heute wissen wir es besser. Die Universität von Mainz trägt Gutenbergs Namen.

Foto: dpa

Friedrich Hölderlin (1770 - 1843)
In einem Tübinger Turm verbrachte einer der größten deutschen Dichter seine letzten Jahrzehnte. In geistiger Verwirrung dichtete er rätselhafte Verse, die er mit0 "Scardanelli" unterschrieb. Dabei war Hölderlin theologischer Elite-Zögling, hatte Geistesgrößen wie Schelling und Hegel kennengelernt. Erst im frühen 20. Jahrhundert wurden seine gewaltigen Spät-Hymnen herausgegeben und ihr Autor als großer Poet anerkannt.

Foto: Gemeinfrei

Albrecht Ludwig Berblinger (1770-1829)
Der "Schneider von Ulm" war zu Lebzeiten nur ganz kurz ein Star. Seine bekannteste Erfindung ist ein Hängegleiter, den er nach Vorbild der Eule baute. Erste Versuche machte er heimlich in den Weinbergen am Michelsberg von Ulm, die offenbar ermutigend waren. König Friedrich von Württemberg gewährte ihm finanzielle Unterstützung. 1811sollte Berblinger die Flugtauglichkeit seines Gerätes beweisen und über die Donau fliegen. Der Versuch misslang, vermutlich wegen der ungünstigen Abwinde. Unter dem Gelächter der Zuschauer stürzte er in die Donau – und auch ins wirtschaftliche Elend. Mittlerweile ist erwiesen, dass sein Gleiter durchaus flugfähig war. Er wurde nicht nur in Romanen und Filmen zum Helden, sondern auch als Namensgeber eines Preises der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt.

Foto: Presse

Herman Melville (1819 - 1891)
Sein Roman "Moby Dick" gilt heute als eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur. Vordergründig eine Geschichte über den Walfang, in Wirklichkeit eine Seelenstudie. Aber zu Melvilles Lebzeiten wurden gerade mal 3000 Exemplare verkauft. Die Kritiker zerrissen seine Bücher. Einer sah darin nur eine "schlampig hergestellte Mixtur". Melville musste das Schreiben aus Geldnot aufgeben und wurde 1866 Zollinspektor im New Yorker Hafen. Erst in den zwanziger Jahren begann eine Melville-Renaissance. Seither ist die Prosa des großen Seelen-Seefahrers millionenfach gedruckt und mehrfach verfilmt worden.

Foto: Gemeinfrei

Friedrich Nietzsche (1844-1900)
"Warum ich so klug bin", erklärte er in seinem Spätwerk "Ecce Homo". Nietzsche selbst wusste immer, dass er ein großer Philosoph war, die Welt um ihn herum nicht. Vor Beginn seiner geistigen Umnachtung 1890 wurden seine Bücher kaum öffentlich wahrgenommen. Er hatte stets große Mühe, einen Verlag zu finden. Den völlig neuen Stil in „Also sprach Zarathustra“ nahmen selbst seine wenigen Freunde nur mit Unverständnis auf. In seinen letzten Lebensjahren, als er geistig umnachtet vor sich hindämmerte, setzte dann allmählich der bis heute ungebrochene Nietzsche-Kult ein.

Foto: Gemeinfrei

Louis Chevrolet (1878-1941)
Der Rennfahrer und Autokonstrukteur Louis Chevrolet konnte am Erfolg der nach ihm benannten Automarke nicht teilhaben. Weil er sein 1911 in Detroit gegründetes Unternehmen bereits nach zwei Jahren für wenig Geld an seinen Kompagnon William Durant verkaufte, musste er sich mühsam als Rennfahrer und einfacher Mechaniker durchschlagen. Durant behielt den Markennamen Chevrolet bei, als Teil der von ihm geformten Firma "General Motors", und wurde ein sehr reicher Mann.

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Paula Modersohn-Becker (1876-1907)
Zu Lebzeiten verkaufte Paula Modersohn-Becker nur ganze fünf Bilder. Selbst ihr Ehemann, der damals etablierte Maler Otto Modersohn, verstand ihre Bilder nicht. Sie trennte sich von ihm und starb mit nur 31 Jahren. Heute gelten ihre Werke als wegweisend für den Expressionismus und erzielen weit mehr Aufmerksamkeit als die ihres zu Lebzeiten erfolgreichen Mannes.

Foto: dpa

Andy Warhol - 1928-1987
Im Herbst 1956 wollte Andy Warhol dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York eines seiner Bilder schenken: den "Shoe". Beim MoMA lehnte man dankend ab. Es gebe nicht genug Platz, nicht einmal im Lager. Herr Warhol solle sein Bild daher wieder abholen. Heute wäre Warhols Schuh viele Tausend Dollar wert. Wenig später war Warhol einer der erfolgreichsten Vertreter der Pop-Art.

Foto: dpa

Konrad Zuse (1910-1995)
Heute weiß jeder Nerd, wer Konrad Zuse ist. Er machte sich Mitte der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Wohnzimmer seiner Familie in Berlin-Kreuzberg daran, jenes Gerät zu erschaffen, das heute die Welt verbindet: den Computer. Am 12. Mai 1941 führte er seine Z3, die erste digitale Rechenmaschine der Welt, vor. Er erfand auch die erste universelle Programmiersprache der Welt. Aber als epochaler Pionier war er lange verkannt. Fast drei Jahrzehnte lang stritt er mit Patentämtern und Gerichten. Noch 1967 entschied ein Gericht: "Eine patentwürdige Erfindung liegt nicht vor."

Foto: dpa

Heute bezieht Gerald Hüther zwar das Gehalt eines wissenschaftlichen Mitarbeiters. Wissenschaftlich tätig im herkömmlichen Sinn ist er aber seit Langem nicht mehr. Sein ehemaliger Chef Peter Falkai, bis 2012 Direktor der Psychiatrie in Göttingen, ließ ihn gewähren und "sich seinem literarischen Werk widmen", wie er sagt. Bei Festangestellten an der Universität habe man als Vorgesetzter kaum Disziplinierungsmöglichkeiten. "Da herrscht maximale Freiheit der Forschung." Laut Universität hat Hüther in den vergangenen sechs Jahren einmal einen 90-minütigen Vortrag samt Diskussion vor angehenden Biologielehrern gehalten. Fragt man Göttinger Neurobiologen nach Hüther, so erhält man meist eine von zwei Antworten: "Die Veröffentlichungen des Kollegen sind mir nicht bekannt" oder "Ist das der aus dem Fernsehen?".

Dead wood nennt man solche Hochschulangehörigen in den USA. Nur selten aber kommt es vor, dass das, was innen als "totes Holz" gilt, nach außen als blühendes Beispiel der Disziplin erscheint. So wird Hüther in der Öffentlichkeit mal als Arzt (Neurologe) vorgestellt, mal als Experte, der "weltweit zum richtungweisenden Dutzend seines Fachs gehört" (manager magazin). Schmunzelnd erinnert sich der Klinikchef Falkai an Fragen von Bekannten, ob er "an Herrn Professor Hüthers Klinik" arbeite. Eines müsse er dem Kollegen aber lassen, sagt Falkai: "Er ist ein begnadeter Redner."

Zivilisationskritik mit Ironie

Grauer Anzug, weißes Hemd, die eine Hand in der Hosentasche, so betritt Gerald Hüther die Szenerie. Die Rede, die dann folgt, ist mit leichten Variationen ähnlich, egal, ob er vor Schulleitern, Unternehmern oder Krankenhausmanagern spricht. Hüther verknüpft kleine Anekdoten mit psychologischem Lehrbuchwissen, basale Erkenntnisse der Bindungsforschung mit Lebensweisheiten. Anfangs schlägt er oft einen pessimistischen Ton an und weist auf "die begrenzten Ressourcen" hin oder die "Zunahme psychischer Krankheiten". Ängstigen aber muss sich niemand. Hüther verpackt die Zivilisationskritik in Ironie und Geschichten. Jahrelang würden Kinder spielend und ungezwungen lernen, schwärmt er – "und dann schicken wir sie in die Schule". Da ist ihm der erste Lacher sicher.

Hüther spricht immer frei, kaum ein "Äh" stört den Strom seiner Worte. Dabei schreitet er langsam die Bühne ab. Unwillkürlich sieht man einen amerikanischen Prediger vor sich, wenn er ruft: "Es ist nicht zu spät, das Ruder herumzureißen!" Denn natürlich gibt es Hoffnung. Der Mensch ist gut, das Kind unschuldig. Nur die Welt ist es leider nicht. Da sind Eltern, die an ihnen herumerziehen, Ärzte, die Ritalin verschreiben, und Lehrer, die Noten geben. Dabei sollte man die Kinder nur sich selbst überlassen: im freien Spiel, in der Natur, im gemeinsamen Unterrichtsprojekt. Dann wüchsen sie von selbst und die Synapsen mit ihnen. "Im vorherigen Jahrhundert dachte man noch, Unterricht könne das Gehirn beeinflussen", ruft Hüther. Mehr braucht er nicht zu sagen. Der Saal jubelt.

Die Hoffnung auf eine andere Welt

Diese Botschaft von dem guten Kind und der bösen Gesellschaft mit ihren Zwangsanstalten verkünden neben Gerald Hüther auch Richard David Precht oder Jesper Juul. Man kennt sie seit Jean-Jacques Rousseaus Émile. Für die Pädagogik ist sie weitgehend fruchtlos. Aber das hindert nicht einmal die vielen Lehrer unter den Zuschauern am Applaus. Die Sehnsucht, endlich von den Mühen des Alltags zwischen erster Stunde und abendlicher Klassenarbeitskorrektur befreit zu werden, scheint groß zu sein. Ebenso die Hoffnung, dass es doch eine andere Welt gibt. Eine Welt, in der die Schüler ganz von alleine einsehen, dass sie sich anstrengen müssen. In der Lehrer nicht mehr Lehrer sind, sondern Coachs und, ja, Freunde. "Aus der Alltagsverzweiflung vieler Lehrer erwächst der Wunsch nach Feldgottesdiensten und Priestern", sagt der Journalist und Filmemacher Reinhard Kahl. Jahrelang hat Kahl (auch als ZEIT-Autor) Gerald Hüther mit seinen Beiträgen selbst ein Forum gegeben. Heute sieht er manches kritischer.

Die Bildungsprediger nähren alle dieselbe Illusion. Mit Verweis auf die Hirnforschung suggerieren sie: Kinder wollen lernen – aber die Schule hindert sie daran. Das Problem, dass englische Vokabeln oder der Dreisatz anders gelernt werden müssen als Krabbeln und Laufen, lösen die Bildungsgurus in pädagogischer Poesie auf. Für Hüther heißen die zentralen Metaphern "Begeisterung" und "Potenzialentfaltung". In jedem Vortrag kommen sie vor. Denn was man mit Begeisterung lerne, bleibe hängen, sei "Dünger fürs Hirn".

Mit neurobiologischer Forschung hat das wenig zu tun. Genau genommen kommt die Hirnforschung in Hüthers Vorträgen kaum noch vor. Der Biologe vertraut auf die Magie, die Wörter wie "präfrontaler Kortex", "emotionale Zentren im Mittelhirn" oder "neuroplastische Botenstoffe" im Publikum entfalten. " Applied Neuroscience " nennt Hüther diese inzwischen perfektionierte Kunstform.

Mit ihrer Hilfe wurde aus dem einst seriösen, aber unbekannten Arbeiter im Weinberg der Wissenschaft ein Popstar der Hirnforschung. Heute ist Hüther Mitglied im Rat für kulturelle Bildung, er begleitet das Thüringer Kultusministerium beim Aufbau einer "Neuen Lernkultur in Kommunen" und die Vodafone-Stiftung in Fragen der "schulischen Elternarbeit". Sogar Berater Angela Merkels darf Hüther sich nennen: In einem Gesprächsforum unter der Schirmherrschaft der Kanzlerin gehörte er zu den "Kernexperten" für die Bildung. Daneben ist er Gründer eines halben Dutzends von Stiftungen und Vereinen, die nach den Erkenntnissen der "modernen Hirnforschung" mal Unternehmen, mal die Männer und immer wieder die Schule "radikal" verändern wollen.

Ein großes Philosophie-Netzwerk

In dem Organisationsnetzwerk tauchen stets dieselben Namen auf, etwa Jesper Juul oder auch Reinhard Kahl. Dieser erhält auf dem Bildungskongress am Wochenende eine Auszeichnung, den Vision Award 2013. Die Lobrede wird Richard David Precht halten, den Kahl wiederum beim Verfassen seines Buches unterstützte. Im vergangenen Jahr ging der Preis an die Mitinitiatorin von "Schule im Aufbruch", Margret Rasfeld. Ihr Laudator hieß damals Gerald Hüther, der seinerseits erster Gast in Prechts Philosophie-Talk im ZDF war.

Bei so viel Netzwerkaktivität kann man schon mal den Überblick verlieren. Das scheint Hüther bei seiner "Sinn-Stiftung" passiert zu sein. Dort war er nicht nur Präsident, sondern auch Anstifter einer Aktion, mit der die Stiftung bundesweit bekannt wurde: einer Ferienfreizeit in den Südtiroler Alpen für Kinder mit ADHS. "Alm statt Ritalin" nannte Hüther die Idee. Er prognostizierte, dass der Aufenthalt in der Natur bei den Kindern zu einer "massiven Nachreifung des Frontalhirns" führen werde und diese dann auf die Medikamente verzichten könnten.

Warnung vor der Sinn-Stiftung

Wieder protestierten Fachleute gegen die vereinfachte Sicht auf die Aufmerksamkeitsstörung. Anfang dieses Jahres warnte sogar der Sektenbeauftragte der katholische Kirche in München vor der Sinn-Stiftung. Deren Arbeit beruhe "auf wissenschaftlich nicht belegbaren Erkenntnissen" –jenen von Gerald Hüther. Dann wurde bekannt, dass es auf der Alm zu sexuellen Übergriffen durch einen Betreuer gekommen war. Da zog Hüther die Notbremse und verließ die Sinn-Stiftung.

Evaluiert wurde das Alpenprojekt niemals. Nach drei Versuchen wurde es still beendet. Dasselbe Schicksal droht Hüthers großem Bildungsprojekt "Schule im Aufbruch". Denn auch hier sind die Belege des "Gelingens" – ein weiteres Hüther-Lieblingswort – rar. Im Grunde gibt es nur ein Beispiel, um das die ganze Bewegung kreist: die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ), eine typische Reformschule. Sie kennt keine Jahrgangsklassen und bis Stufe neun keine Noten, der herkömmliche Unterricht wird weitgehend durch sogenannte Lernbüros ersetzt, in denen die Schüler sich selbst den Lehrplan erarbeiten. Einmal im Schuljahr sind die Jugendlichen beim Reisen, Werken oder Musizieren drei Wochen lang ganz auf sich gestellt, "Herausforderung" nennt sich das Projekt.

Keine dieser pädagogischen Ideen ist neu. Auch verwundert es nicht, dass sie anscheinend an einer Privatschule gelingen, in der Akademikereltern nicht nur Geld zahlen, sondern auch noch die Lehrer im Alltag unterstützen. Doch zum einen arbeiten die wenigsten deutschen Schulen unter solchen Bedingungen. Zum anderen lernen Kinder sehr unterschiedlich. Während es einem Schüler aus dem bildungsbürgerlichen Berlin-Mitte leichtfallen mag, sich den Unterrichtsstoff selbst zu erarbeiten, kann der Hartz-IV-Junge aus Neukölln damit große Probleme haben. Er braucht eher klare Strukturen statt Selbstorganisation. Erst kürzlich hat die große Metaanalyse des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie belegt, wie gefährlich es ist, den Pädagogen im Klassenraum zu marginalisieren.

Natürlich lernt sich im Wald oder an der Werkbank manches besser, als wenn man ein Lehrbuch liest. Nur lässt sich eine Partizipialkonstruktion leider nicht so lehren, dass es "unter die Haut geht" (Hüther).

"Die Bildungsrevolution steht bevor"

Doch mit Studien oder anderem pädagogischen Klein-Klein schlagen sich Gerald Hüther und die anderen Bildungspropheten nicht herum. Umsetzungsprobleme, die endlose Historie didaktischer Illusionen, die Widerständigkeit des Unterrichtsalltags: für sie kein Thema. Die Reformjünger verkaufen der Republik stattdessen lieber einzelne Vorzeigeeinrichtungen wie eine Berliner Privatschule als Leitbild – dabei hat diese bisher noch nicht einen Jahrgang durchs Abitur gebracht.

"Die Bildungsrevolution steht bevor", prophezeit Richard David Precht, die alte Schule werde es in sechs Jahren nicht mehr geben, sagt Gerald Hüther. Dabei gibt es die alte Schule schon heute nicht mehr, auch wenn die Gurus die "Lernfabrik aus der Blütezeit der Industrialisierung" (Juul) für ihre Argumentation reanimieren. Doch dieses Zerrbild ist genauso falsch wie die Utopie einer Schule ohne Klassen, Fächer und Lehrer, die lehren. Da hilft nicht einmal die Hirnforschung.

Dieser Artikel ist auf Zeit Online erschienen

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