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Riedls Dax-Radar
Die Börsen haben die angekündigten Zinserhöhungsschritte der US-Notenbank gut weggesteckt. Quelle: imago images

Letzte Börsenrally vor der Zinswende

Die Notenbanken bereiten den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik vor, derweil schwinden am Anleihemarkt vorerst die Zinsängste. Bis zu den ersten Zinserhöhungen könnten sich Aktien nochmal deutlich erholen. 

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Mit einem Wechselbad der Gefühle reagieren die Börsen auf die jüngsten Verlautbarungen der Notenbanken. Deutlicher als erwartet hat sich die amerikanische Fed für einen Ausstieg aus der extrem expansiven Geldpolitik ausgesprochen. Bis zu dreimal könnten die Zinsen im nächsten Jahr angehoben werden. Die Bank of England, die schon seit längerem in Sachen Geldpolitik umsteuert, hat die Zinsen gleich um 0,15 Prozentpunkte auf 0,25 Prozent erhöht. Selbst in der EZB wächst der Druck, sich ebenfalls mit dem Gedanken einer Zinsstraffung zu befassen. Hintergrund sind enorme Preissteigerungen, die derzeit den Bereich um sieben Prozent erreicht haben. 

An den Börsen fielen die Reaktionen besonders bei den Technologiewerten heftig aus. Im Vorfeld der Fed-Rede gingen die Notierungen erst kräftig nach unten; dann, direkt nach Jerome Powells Äußerungen, kam es zu einem schnellen Kursanstieg, der sich am nächsten Tag aber wieder in Luft auflöste. 

Technologieaktien werden immer wieder als besonders zinssensitiv eingestuft, weil viele Unternehmen hier vermehrt von Finanzierungen abhängig seien. Dieses Argument trifft allerdings nur bei jungen, kleinen Unternehmen zu und nicht bei Apple, Microsoft, Google Alphabet, Amazon oder Nvidia, die allesamt reichlich kapitalisiert sind. Der Grund für die jüngsten heftigen Nasdaq-Schwankungen waren vor allem Shortpositionen vor den Fed-Verlautbarungen, die dann, als die Märkte nicht wie erwartet einbrachen, schnell zurückgekauft werden mussten. Im Dax kam es, ähnlich wie an der Nasdaq-Börse, in den Tagen vor den Fed-Äußerungen zu rückläufigen Kursen. Danach folgten eine kurzen Erleichterungs-Rally von 300 Punkten, die am folgenden Tag wieder komplett zurückgenommen wurde. 

Sensibler als die Aktienmärkte zeigen die Anleihemärkte, wohin die Zinsen in Zukunft gehen könnten. Der Grund ist einfach. Während die Zinsentwicklung bei Aktien nur einer von mehreren Gründen für die weitere Entwicklung ist, hängen die Kurse von Staatsanleihen zuallererst und direkt mit den Zinsen zusammen. Und die Entwicklung, die sich beim weltweit wichtigsten Bond-Barometer zeigt, ist bemerkenswert: Die Renditen für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen sind zwar im Zuge der Fed-Äußerungen zunächst um einige Basispunkte auf 1,47 Prozent gestiegen, haben sich danach aber schnell wieder mit einem Rückgang auf 1,42 Prozent beruhigt. 

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    Die Renditen an den Anleihemärkten haben als Reaktion auf die Fed weder eine neue Richtung eingeschlagen noch sind sie in neue Höhen vorgedrungen. Mehr noch: Mit Werten zwischen 1,35 und 1,55 Prozent pendeln sie schon seit Wochen deutlich unterhalb den diesjährigen Spitzen, die bei 1,75 Prozent lagen. Der von vielen Beobachtern beschriebene Zinsanstieg findet, jedenfalls wenn es um die Tendenz seit Oktober geht, an den Anleihemärkten gar nicht statt. Auch bei den in Europa dominierenden Bundesanleihen sind die Renditen mit minus 0,36 Prozent deutlich unter den diesjährigen Spitzen um minus 0,1 Prozent. 

    Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass die US-Bonds in den nächsten Wochen, etwa auf abermals horrende Inflationszahlen, dann doch noch im Kurs kräftig nachgeben und die Renditen damit zulegen. In der gegenwärtigen Verfassung aber signalisieren die Anleihemärkte keineswegs einen weiteren, massiven Zinsanstieg sondern eher eine weitere Schaukelpartie wie sie sich schon seit Frühjahr abspielt. Erst wenn die US-Renditen wieder in den Bereich 1,7 bis 1,8 Prozent vordringen sollten und diesen dann womöglich übersteigen, dürften die Anleihemärkte eine neue Zinserhöhungsphase einleiten. Die könnte sich dann schnell in den Bereich 2,0 bis 2,5 Prozent ausdehnen. Im Augenblick aber sind die Märkte noch nicht soweit. Auch der jüngste Anstieg des Goldpreises, der wieder über 1800 Dollar gekommen ist, bestätigt das Signal von den Anleihemärkten, dass es aktuell keine akute Zinsgefahr gibt. 

    Cornonagewinner runter, Energieaktien rauf 

    Im Dax ist derzeit ein weiterer Trend sichtbar: Auffallend schwach sind seit einigen Tagen Hellofresh, Zalando und Delivery Hero. Allen drei Online-Versendern gemeinsam ist, dass sie in den akuten Phasen der Pandemie überdurchschnittlich zugelegt haben. Bei Hellofresh wirkt zudem die Enttäuschung nach, dass aufgrund hoher Kosten und hoher Investitionen die Margen weiter und länger gedrückt werden als bisher erwartet. Auch die jüngsten Kursverluste bei den Favoriten Siemens Healthineers und Sartorius dürften darauf zurück zu führen sein, dass der deutsche Aktienmarkt schrittweise aus dem Pandemiemodus kommt. 

    Aktuell Stärke zeigen die Energieaktien E.On und RWE. Beide profitieren vom politischen Umfeld, das den Ausbau der erneuerbaren Energien forciert – und dabei führt kein Weg vorbei am größten Stromproduzenten und am größten Netzbetreiber des Landes. Beiden Aktien sind moderat bewertet und bieten eine ansprechende Dividende. E.On-Aktien dringen gerade über die Kursspitzen der vergangenen zwei Jahre, die bei 11,50 Euro lagen. RWE-Aktien sind noch nicht soweit, geben aber mit dem Anstieg über 33,50 Euro eine positive Indikation. Seit 2015 läuft bei RWE eine Erholungsbewegung, die das Papier langfristig durchaus noch in den Bereich 60 bis 70 Euro führen kann. 

    Entscheidend für den Dax wird, ob sich seine Schwergewichte nun wieder stabilisieren und nach den jüngsten Verlusten eine Gegenbewegung starten können. Dafür gibt es durchaus Anhaltspunkte. Volkswagen-Aktien haben sich nach der Beilegung des Machkampfs um die Konzernspitze vom Tief gelöst und könnten nach dem ersten, schnellen Anstieg auf 180 Euro nun bis zum Jahresende noch in den Bereich um 200 Euro vordringen. SAP hat das Niveau um 110 bis 115 Euro verteidigt, die Tiefspitzen der vergangenen neun Monate, und könnte kurzfristig noch bis 130 klettern. Eine Entspannung in der Coronakrise wäre ein Vorteil für SAP, weil viele Unternehmen die in der Pandemie aufgeschobenen Investitionen dann nachholen könnten. Selbst die Allianz kann sich um 200 Euro stabilisieren. Hier schwingt die Hoffnung mit, dass der Versicherer aus seinem Hedgefonds-Debakel in den USA vielleicht doch mit einem blauen Auge davonkommt. Das Versprechen steigender Dividenden hilft zusätzlich. 


    Fazit für den Dax: Mit Notierungen über 15.500 Punkten hält sich sich der Deutsche Aktienindex knapp oberhalb der 200-Tagelinie. Die Anfang Dezember eingeleitete Aufwärtsbewegung ist immer noch intakt, wenngleich es in den vergangenen Tagen bisher noch nicht zu neuer Aufwärtsdynamik gekommen ist. Die Ankündigung der Fed, 2022 die Zinsen womöglich mehrmals zu erhöhen, hat der Markt gut weggesteckt. 

    Für das positive Szenario wäre es gut, wenn der Dax das traditionell starke Zeitfenster von Mitte Dezember bis Mitte Januar bald nutzt, um noch einmal die Kursspitzen bis 16.300 Punkte anzulaufen. Die Entspannung auf den Anleihemärkten und die leichte Stärke seiner Schwergewichte machen das durchaus möglich. Ein abermaliger Rückfall unter die 200-Tagelinie wäre dagegen keine gute Indikation; ein Rutsch unter 15.000 könnte sogar als große Abwärtswende interpretiert werden, dem dann massive Verluste folgen dürften. Noch überwiegen die Chancen für das positive Szenario, doch lange sollte sich der Dax für seinen nächsten Anstieg nicht mehr Zeit lassen. 

    Mehr zum Thema: Der Kollaps der türkischen Lira eröffnet am Anleihemarkt Chancen. Das Gute daran: Dank der Weltbank ist ein Ausfallrisiko nahezu ausgeschlossen. 26 Prozent Jahresrendite sind mit dem Erdogan-Zock drin.

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