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Riedls Dax-Radar

Schwere Turbulenzen im Vorfeld der Brexit-Entscheidung

Die Krise Europas lastet auf den Kursen deutscher und europäischer Aktien. Seit die Umfragen einen Brexit möglich erscheinen lassen, kracht es an der Börse. Im Dax überwiegen die Risiken - aber es gibt noch Hoffnung.

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Flaggen. Quelle: dpa

Nur noch wenige Tage bis zur Entscheidung der Briten, ob sie nun in der EU bleiben oder nicht. Konnte man vor einigen Monaten noch davon ausgehen, dass sich wohl gegenüber dem Status Quo nichts ändern werde, so zeichnet sich nun eine Mehrheit der Europagegner ab. Und an den Börsen kracht der Dax unter die Marke von 10.000 Punkten.

In Frankfurt gibt es Banker, die Wetten darauf abschließen, dass die Briten aussteigen und Frankfurt dann der große Gewinner wird: Weil die Mieten noch weiter klettern, es reichlich neue Finanzjobs gibt, und Frankfurt überhaupt gegenüber seinem alten Rivalen London als europäisches Finanzzentrum deutlich vorankommt.

Als Börsianer ist man gern geneigt, positive Dinge auch in einem negativen Umfeld zu suchen. Doch die Augen vor dem Offensichtlichem zu verschließen, ist wenig sinnvoll.

Ein Votum der Briten gegen Europa wäre ohne Frage ein schwerer Rückschlag für die europäische Wirtschaft, für den europäischen Kapitalmarkt – und damit auch für europäische Assets.

Es geht ja nicht nur darum, ob eine Bank nun ihre Trading-Abteilung von London nach Frankfurt verlegt und mit welchen Vertragsklauseln ein England-Exporteur hierzulande nun rechnen muss. Es geht um viel mehr: Wenn sich ein wirtschaftliches Schwergewicht, wie es Großbritannien nun einmal ist, von Europa entfernt, dann wird Europa leichter. Und das ist gerade jetzt, wo es mehr denn je auf die Stärke Europas ankäme, höchst brisant.

Die besten deutschen „Marathon-Aktien"

Im Süden Europas verlieren immer mehr Länder den wirtschaftlichen Anschluss und werden durch die Flüchtlingsproblematik zusätzlich belastet. Im Osten und Südosten gibt es starke nationalistische Bewegungen. Einst potenzielle Kandidaten wie die Türkei erleben eine geradezu schrille Entwicklung. Und sollte in Amerika auch noch ein ebenfalls schriller Milliardär Präsident werden, kann einem angst und bange werden. Gerade in dieser Situation wäre es wichtig, dass das alte Europa zusammenhält.

Wer als Börsianer meint, die geopolitische Großwetterlage gehe ihn nichts an, der hat den Schuss nicht gehört. Natürlich gibt es kurzfristig immer divergierende Entwicklungen: Wenn die Briten aussteigen, werden die Aktien von Frankfurter Immobilienunternehmen deutlich steigen. Und wenn Trump gewinnt, werden sich Besitzer von Rüstungsaktien wie Lockheed oder Raytheon die Hände reiben. Doch ein förderliches Umfeld, in dem Handel, Wirtschaft und Investitionen blühen und damit die Basis für dauerhaft steigende Kurse gelegt wird, wäre das nicht.

Janet Yellen macht es viel besser als Mario Draghi

Obwohl die amerikanische Wirtschaft zuletzt nur verhalten zulegte, deutet Janet Yellen Zinserhöhungen an. Sie setzt damit ihre bisherige Linie fort, die Zinswende in den Vereinigten Staaten einzuleiten. Insgesamt, unabhängig von kurzfristigen Schwankungen, betrachtet sie die US-Wirtschaft dafür als stark genug.

Das ist, alles in allem, keine schlechte Botschaft für Anleger. Denn selbst wenn Yellen die Zinsen erhöht, werden die Renditen nicht so massiv steigen, dass sie die Wirtschaft abschnüren. Vielmehr ist Yellens Festhalten an der tendenziellen Zinserhöhungspolitik ein Zeichen von Stärke – und das honorieren die Märkte eher als die exorbitante Flutungspolitik der EZB.

Zieht man eine Zwischenbilanz der Notenbanker, so stehen die USA eindeutig besser da als Europa: Die Wirtschaft legt stetig zu; die Zinsen sind heute schon einem wirtschaftlich vertretbaren Niveau näher als in Europa.  Und Angst vor der Zinswende besteht offensichtlich nicht: An den amerikanischen Börsen notieren alle drei wichtigen Aktienbarometer (Dow, S&P, Nasdaq) nahe am absoluten Hoch. In den USA sind die langfristigen Trends voll intakt.

Wo Strategen den deutschen Leitindex Ende 2016 sehen
Jahresendprognosen Quelle: dpa
Baader Bank Quelle: dpa
Bankhaus Lampe Quelle: dpa
Barclays Quelle: REUTERS
BayernLB Quelle: dpa
Commerzbank Quelle: dpa
Deka Bank Quelle: AP

Immer mehr Wackelkandidaten im Dax

In Europa dagegen wird es knapp. Von Februar bis Ende April hat der Dax in mehreren Schüben eine mustergültige Aufwärtsbewegung absolviert. Im Mai kam es zu einer ebenso klassischen Korrektur, die Ende des Monats sogar mit einem deutlichen Anstieg Hoffnung auf ein gutes zweites Halbjahr  gemacht hat.

Diese Anstiegsphase kam allerdings (Ende Mai) nicht mehr an den Höchststand vom April heran. Schlimmer noch: Seitdem gibt es immer mehr schwache Tage, an denen die Marktdynamik nach unten zeigt – ein Kräftesammeln für einen Anstieg sieht anders aus.

Im gesamten Markt macht sich Schwäche breit. Wie vor einer Woche an dieser Stelle angedeutet, gibt es im Dax kaum noch wichtige Aktien, die kurzfristig nach oben tendieren.

Allianz, Bayer, BASF, Daimler, Siemens, SAP

Bei der Allianz wächst die Gefahr, dass aus den beiden Kursspitzen 2015/2016 oberhalb von 160 Euro eine große Abwärtswende wird. Kurzfristig hat die Aktie den Kampf um die 200-Tagelinie verloren, die zudem nach unten dreht. Eine solche Konstellation ist eine Warnung.

Bayer hat aus technischer Sicht die große Abwärtswende komplett vollzogen. Aktuell befindet sich die Aktie in einem hochdynamischen und absolut stabilen Abwärtstrend. Theoretisch lässt sich ein Kursziel um 60 Euro ausmachen.

BASF ist zwar in den vergangenen Wochen wieder an die wichtige Zone 65 bis 70 Euro herangekommen, vor allem wegen der Ölpreiserholung; es besteht aber die Gefahr, dass es in der aktuellen Schwäche abermals unter 65 geht. BASF sieht nicht mehr so angeschlagen aus wie vor einigen Monaten, aber kurzfristig kaufen muss man die Aktie deshalb nicht.

Diese Dax-Werte haben langfristiges Potential

Daimler ist schon das ganze Jahr 2016 über eine Enttäuschung: Nach unten immer voll dabei, nach oben nur mit angezogener Handbremse. Mittelfristig hat sich ein Abwärtstrend etabliert, die aktuelle Stabilisierung im Bereich um 60 ist sehr mühsam. Damit wächst die Gefahr, dass sogar das Tief von 2014 (knapp 57 Euro) unterboten wird.

Siemens ist unter den klassischen Industriewerten derzeit der beste. Der stabile Kursverlauf bestätigt, dass sich Siemens nach der zeitlich unglücklichen Übernahme von Dresser-Rand operativ wieder gefangen hat. Zudem ist es für die Gesamtentwicklung der Wirtschaft ein gute Indikation, wenn ein so breiter Industriewert wie Siemens Muskeln zeigt.

SAP ist ebenfalls stabil. Der jüngste Rücksetzer dürfte im Bereich 68 bis 70 aufgefangen werden. Tiefer allerdings sollten SAP-Aktien nicht sinken, sonst wird das bisher positive Chartbild neutralisiert.

Fazit: Unter den großen Dax-Werten ist Siemens stark, SAP stabil, Allianz und BASF wacklig, Daimler schwach und Bayer voll im Abwärtstrend. Das ergibt ein Gesamtbild, bei dem aktuell die Risiken überwiegen. Im Dax könnten damit die nächsten Stationen bei 9750 und dann bei 9400 Punkten liegen, die womöglich im Umfeld der Briten-Entscheidung getestet werden. Und sollte dann – was ja immer noch keineswegs ausgeschlossen ist – sogar ein Votum für Europa zustande kommen, wäre eine massive Erholung drin. Darauf jetzt schon zu wetten, ist natürlich verwegen.

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