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Riedls Dax-Radar
Die gestiegenen Zinsen bei US-Dollar-Anleihen bergen Rückschlagpotenzial für die Börse Quelle: imago images

Zitterpartie um Chipmangel und hohe Zinsen

Versorgungsengpässe bei Halbleitern, ungebrochen steigende Rohstoffpreise und Anleihezinsen, die einfach nicht mehr runter gehen, schüren neue Unsicherheiten an den Aktienmärkten. Eine Kurskorrektur liegt in der Luft: Wie tief sie gehen könnte – und ob der große Aufwärtstrend sich nachher fortsetzt. 

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Nach zwei Monaten dynamischer Rally und mehr als zehn Prozent Kursgewinn im Dax stoßen immer mehr Aktien an Grenzen. Die Fahrzeugwerte BMW, Daimler, Volkswagen und Continental (wobei man hier wegen seines umfangreichen Automotive-Geschäfts auch Covestro dazuzählen könnte), von denen der Trend der vergangenen Monate vorangebracht wurde, sind in eine Korrektur übergegangen. Auslöser sind die Engpässe bei der Versorgung mit Halbleitern. Gerade weil die Branche besonders auf Digitalisierung, E-Mobilität, Vernetzung und moderne Kommunikation setzt, wirkt eine unzureichende Versorgung mit Halbleitern umso heftiger als Produktionsbremse. 

Bisher sind die Abschläge bei BMW, Daimler und Volkswagen ziemlich moderat. Das deutet darauf hin, dass die aktuelle Halbleiterfrage nicht zum Game-Changer werden sollte. Zudem stützt es die Kurse, dass der Chipmangel keinen Einfluss auf die Nachfrage der Autokäufer hat – und die ist, wie die aktuellen Absatzzahlen zeigen, nach wie vor vom weltweiten Erholungsprozess nach den Coronatiefen geprägt. Zudem sind die Autowerte im Dax aus fundamentaler Sicht nicht überbewertet und glänzen, wie vor allem BMW, auch mit soliden Bilanzen. Insgesamt verlaufen die Aktien der Fahrzeugbranche in dynamischen, intakten Aufwärtsbewegungen, die so ausgeprägt sind, dass sie selbst eine mehrmonatige Korrektur verkraften.

Zu den Dax-Aktien, die seit mehreren Monaten Ermüdungserscheinungen zeigen, gehört Adidas. Die Entwicklung in den vergangenen Jahren ist zunehmend ins Stocken geraten, vom ursprünglichen Wachstumstempo ist nicht mehr viel geblieben. Für eine Aktie, die wie Adidas eine hohe Bewertung hat, ist das eine gefährliche Mischung. Immerhin bezahlt die Börse die 21 Milliarden Euro Geschäftsvolumen, die Adidas in diesem Jahr erzielen sollte, mit einem Börsenwert von 50 Milliarden. Das ist sportlich. Seit Sommer haben sich die Kurse zwischen 260 und 300 Euro festgefahren. Am 7. Mai werden neue Quartalszahlen vorgestellt. Spätestens dann müsste sich die Aktie wieder erholen. Schafft sie das nicht und taucht womöglich sogar unter 260 Euro, wäre das ein Verkaufssignal, das sogar eine längere Baisse auslösen könnte. 

Rückenwind für Henkel, Fresenius und die Deutsche Bank 

Nach längerer Stagnation dürfte Henkel in diesem Jahr wieder auf Wachstumskurs gehen. Die Kerngeschäftsbereiche von Henkel bieten Investoren einen vielversprechenden Mix: Industriekleber profitieren von der robusten Bauwirtschaft, die durch Infrastrukturinvestitionen am Laufen gehalten wird. Reinigungs- und Waschmittel werden durch Corona beflügelt. In der Pflegesparte sollte durch die neue Führung ebenfalls eine Belebung eintreten. Dass nach dem Ausscheiden von Beiersdorf aus dem Dax nun Henkel der einzige Konsumchemiker in der Aktien-Bundesliga ist, dürfte auch kein Nachteil sein. Entsprechend ausgerichtete Investorengelder können sich nun auf Henkel konzentrieren. Am 6. Mai kommen Quartalszahlen. Der jüngste Anstieg der Aktie über die Hürde von 92 Euro war ein gutes Vorzeichen. Fallen die Zahlen passabel aus, liegen die nächsten Kursziele bei 110 bis 115 Euro.

Zu den lange gesunkenen Aktien im Dax, die auf ermäßigtem Niveau wieder interessant werden, gehört Fresenius. Das Unternehmen ist mit 36 Milliarden Euro Jahresumsatz einer der größten Gesundheitskonzerne weltweit, wird an der Börse aber nur mit 22 Milliarden Euro bezahlt. Das ist, vor allem gemessen an den Geschäftsumsätzen der operativen Ableger Dialyse, Kliniken, medizinische Ernährung und Gesundheitsprojekte sehr wenig. Hauptgründe dafür sind die Coronakrise und die Folgen der umstrittenen Übernahmepolitik, mit der sich Fresenius Abschreiberisiken aufgeladen hat. Jetzt wird im Management darüber diskutiert, wie sich das Potenzial von Fresenius über einen Konzernumbau heben ließe, etwa durch Aufspaltungen und Börsengänge. Würden die einzelnen Sparten Bewertungen erreichen wie börsennotierte Spezialunternehmen, könnte Fresenius deutlich heraufgestuft werden. Im Bereich um 40 Euro ist die Aktie ein Investment, das durch Aufspaltungsfantasie für spekulative Investoren wieder infrage kommt. 

Einen langen Atem brauchen die Aktionäre der Deutschen Bank. Immerhin hat die Aktie nach einer mehrjährigen Bodenbildung nun die Marke um 10 Euro hinter sich gelassen, aktuell notiert sie sogar über 11 Euro. Die jüngste Kursdynamik spricht dafür, dass die Erholung der Deutschen von Investoren bisher unterschätzt wurde. Die Deutsche Bank profitiert nicht nur von internen Fortschritten, vor allem in der Kosten- und Risikokontrolle sowie im Wertpapiergeschäft; sie bekommt zudem Rückenwind von erhöhten Zinsen – ein Umfeld, das derzeit die weltweite Bankbranche beflügelt: von ING, BNP und HSBC in Europa bis JP Morgan und Goldman Sachs in den USA. 



Die Zinsen dürfen alles, nur nicht hektisch steigen

Für den Dax als Gesamtmarkt ist die Konsolidierung bei Auto- und Industrieaktien und die Stabilisierung von Nachzüglern keine schlechte Mischung. Sie passt ins Bild eines robusten Markts, der in den vergangenen Monaten trotz erheblich gestiegener US-Anleihezinsen gut gelaufen ist. Immerhin sind die Renditen für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen seit Sommer von 0,51 Prozent auf bis zu 1,77 Prozent gestiegen. In der zweiten Aprilhälfte kam es zu einer leichten Entspannung auf 1,55 Prozent, aktuell haben die Renditen wieder auf 1,65 Prozent angezogen. 

Steigende Ölpreise, die Hausse bei Industriemetallen (vor allem bei Kupfer und Aluminium) sowie umfangreiche Konjunkturprogramme sprechen gegen einen deutlichen Zinsrückgang in den nächsten Monaten. Auf der anderen Seite sind Anleiherenditen in der Bandbreite zwischen 1,5 bis 2,0 Prozent unter langfristigem Blickwinkel immer noch ziemlich niedrig. Selbst mit einem Anstieg auf etwa 3,0 Prozent würde der Markt erst die Spitzen von 2013 und 2018 erreichen. 

Entscheidend bei der Zinsfrage wird es sein, dass der durchaus mögliche Anstieg nicht überhastet stattfindet – das wäre für Anleihen wie für Aktien eine gefährliche Belastung. Aufgabe der Notenbanken ist es, dafür zu sorgen, dass die Märkte bei dieser Entwicklung nicht aus dem Ruder laufen. 

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Fazit für den Dax: Nach den dynamischen Kursgewinnen der vergangenen zwei Monate tut dem Aktienmarkt eine Konsolidierung gut. Das Problem: Sollte der Index dabei unter die Marke von 15.000 Punkten rutschen, würde er den seit dem Coronatief bestehenden Aufwärtstrend brechen. Das wiederum könnte aus einer Konsolidierung dann eine ausgewachsene Korrektur machen, die mehrere Monate anhalten und womöglich in den Bereich 14.500 bis 14.000 Punkte zurückgehen könnte. Immerhin, die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Tage, die aktuell bei 13.533 Punkten liegt, könnte im Sommer das Niveau um 14.000 erreichen. Das wiederum heißt: Selbst eine Marktkorrektur von rund zehn Prozent sollte den großen Aufwärtstrend im Dax nicht beenden. 

Mehr zum Thema: Vermögensverwalter richten die Portfolios ihrer Kunden auf höhere Inflation aus. Privatanleger können es den Profis nachmachen.

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