US-Dollar: „Die Welt tendiert dazu, nur eine Leitwährung zu haben“
Was steckt hinter Trumps Strafzoll-Drohungen gegen die BRICS-Staaten, zu denen auch Russland zählt?
Foto: imago imagesDie BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – hatten beim Gipfel im Oktober Projekte wie etwa ein grenzüberschreitendes Zahlungssystem skizziert, die für weniger Dominanz des Dollars im globalen Handel sorgen soll. Donald Trump reagierte mit scharfen Drohungen. Doch was bedeutet das für die Vormachtstellung des Dollars? Die WirtschaftsWoche hat mit Ulrich Leuchtmann, Währungsexperte bei der Commerzbank, über eine Etablierung der Währung gesprochen und über mögliche Auswirkungen auf den Euro.
WirtschaftsWoche: Herr Leuchtmann, Donald Trump hat den BRICS-Staaten mit massiven Zöllen gedroht, sollten sie eine gemeinsame Währung als Konkurrenz zum US-Dollar einführen. Zeigt das die Stärke der USA – oder eher ihre Verwundbarkeit?
Ulrich Leuchtmann: Das ist ein Zeichen der Verwundbarkeit. Der Dollar ist bislang Leitwährung gewesen, weil andere Länder sich freiwillig dazu entschieden haben. Niemand musste sie dazu zwingen. Wenn Trump nun Zahlungsströme mit Zwang in den Dollar lenken will, deutet das auf Schwäche hin. Dabei wäre dieser Druck gar nicht nötig: Der Dollar bleibt auch ohne solche Maßnahmen dominierend.
Die BRICS-Staaten repräsentieren fast die Hälfte der Weltbevölkerung und rund 35 Prozent der globalen Wirtschaft. Wie praktikabel wäre eine gemeinsame Währung in einer solchen Konstellation?
Das hängt davon ab, wie diese Währung konzipiert wäre. Würde sie nationale Währungen ersetzen, wäre das äußerst problematisch – nicht zuletzt, weil eine einheitliche Geldpolitik bei so unterschiedlichen Volkswirtschaften schwer umzusetzen ist. Eine flexiblere Lösung könnte darin bestehen, dass die BRICS-Staaten diese Währung primär für den Außenhandel nutzen, also für Transaktionen untereinander und mit Drittstaaten. Das könnte die Dominanz des US-Dollars im Welthandel schwächen.
Und das wäre ein wirtschaftlicher Vorteil für die BRICS-Staaten?
Natürlich. Die BRICS-Staaten könnten ihren Außenhandel gesetzlich auf die eigene Währung umstellen und sich so von der Abhängigkeit zum Dollar lösen. Doch es stellt sich die Frage, ob eine solche Währung international akzeptiert wird. Ein Beispiel aus der Vergangenheit ist der Transfer-Rubel im Ostblock: Innerhalb des Systems wurde er genutzt, außerhalb war er bedeutungslos. Es ist keineswegs garantiert, dass eine solche Währung auch außerhalb der BRICS-Staaten Akzeptanz findet. Ich sehe die Erfolgsaussichten für eine derartige Währung daher eher skeptisch.
Sind denn Pläne der BRICS-Staaten bekannt, eine eigene Währung zu schaffen? Wie kommt Trump auf solch eine Drohung?
Es gab schon Ideen für eine eigene, künstliche Währung, die im Handel zwischen den BRICS-Staaten genutzt werden soll. Die Idee war, dass die BRICS-Staaten Teile ihrer Goldreserven verwenden, um diese Währung zu decken. Beim letzten BRICS-Gipfel im Oktober in Russland wurde diese Idee allerdings nicht weiter verfolgt. Daher vermuten einige Beobachter, sie sei verworfen worden.
Was sind die praktischen Herausforderungen bei der Einführung?
Die größte Hürde ist, genügend Momentum zu schaffen. Solange der Großteil der Welt den Dollar nutzt, ist es auch für andere einfacher, ebenfalls beim Dollar zu bleiben. Das System funktioniert, eine Abkehr davon ist kompliziert. Die Welt tendiert außerdem dazu, nur eine Leitwährung zu haben. Das vereinfacht den Handel.
Trump droht den BRICS-Staaten mit 100-Prozent-Zöllen und einem Ende des Handels mit den USA. Wie glaubwürdig sind diese Drohungen?
Solche Drohungen könnten kurzfristig einige BRICS-Staaten abschrecken, aber langfristig könnten sie die Gegenreaktionen verstärken. Wenn der Eindruck entsteht, dass die USA den Dollar anderen aufzwingen wollen, könnte das genau den Widerstand stärken, den sie eigentlich vermeiden möchten. Wäre alles wie bisher gelaufen, hätten die meisten Länder den Dollar vermutlich freiwillig weitergenutzt.
Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass der Dollar als Leitwährung ersetzt wird?
Der Dollar ist fest etabliert, eine neue Währung hätte es schwer, seinen Platz einzunehmen. Selbst der Euro, der viel stärker verankert ist als eine mögliche BRICS-Währung, konnte dem Dollar bislang keine ernsthafte Konkurrenz machen. Die Schwelle, eine solche Dominanz zu brechen, ist extrem hoch.
Könnte der Euro von einer Entdollarisierung der Welt profitieren?
Für Europa wäre es durchaus eine Gelegenheit, unabhängiger von den USA vom Dollar zu werden. Allerdings glaube ich nicht, dass die Europäer mit dem Euro als Leitwährung glücklich wären.
Warum nicht?
Der Status einer Leitwährung birgt auch Risiken. Je stärker eine Währung im globalen Handel genutzt wird, desto größer wird ihr Umlauf – und damit die Gefahr, dass sie irgendwann knapp wird. Der Euro könnte so weit aufwerten, dass Europas Exportindustrie belastet würde. Ob der Euro diesen Status langfristig tragen könnte, ist fraglich.
Muss sich Trump Sorgen um seinen Dollar machen?
Das hängt von den USA selbst ab. Wenn sie grobe Fehler machen – etwa aggressive Sanktionspolitik oder den Dollar der Welt mit Androhung von Zöllen aufzwingen oder sich anderweitig unbeliebt machen – könnte der Widerstand wachsen. Aber die Schwelle, eine etablierte Währung wie den Dollar abzulösen, ist sehr hoch. Die USA haben in der Vergangenheit eine vernünftige Geldpolitik betrieben, und ich sehe nicht viele Anzeichen dafür, dass sich dies drastisch ändern wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Dollar seinen Status in naher Zukunft verliert, halte ich für gering.
Warum dann die Drohung?
Ich denke, dass die kommende US-Administration davon ausgeht, mit Androhung von Zöllen vieles erreichen zu können – auch eine Beendigung der Diskussion um Alternativen zur US-Währung.
Lesen Sie auch: Was jetzt auf Europa und die deutsche Wirtschaft zukommt