Jahrestag des Gaslieferstopps: Wann sich ein Anbieterwechsel lohnt
Ein Jahr Gas-Lieferstopp: Wie Gaskunden mit einem Tarifwechsel viel Geld sparen können.
Foto: imago images, Collage: Marcel ReyleDeutschland feiert diese Woche einen Unabhängigkeitstag der besonderen Art: Am 31. August 2022 drehte Russland der Bundesrepublik den Gashahn zu. Die deutschen Gasimporte brachen um ein Drittel ein. Das Wort „Versorgungssicherheit“ bekam eine neue Bedeutung. Viele Bürger dürften vor einem Jahr zum ersten Mal von der Existenz der Bundesnetzagentur erfahren haben, die plötzlich jede Woche in den Nachrichten war. Die allgemeine Unsicherheit kondensierte in der Frage: Kommen wir auch ohne Russland klar?
Ein Jahr später weiß man: Deutschland kommt klar. Der Schock ist überstanden. Zeit für eine Bestandsaufnahme: Wie finden Verbraucher heute die besten Tarife? Warum sind die Preise für Strom und Gas so rasch wieder gesunken? Und, natürlich: Wie stabil ist die Energieversorgung für den kommenden Winter?
Wie stark stiegen die Gas- und Strompreise?
Um zu verstehen, wie stark die Gas- und dadurch mittelbar auch die Strompreise in den vergangenen Monaten in Bewegung waren, hilft ein Blick auf die Börsen. Dort unterscheidet man zwischen Spot- und Terminmarkt. Am Spotmarkt werden Strom und Gas für den folgenden Tag gehandelt, auf dem Terminmarkt werden Lieferverträge oft bis zu sechs Jahre im Voraus abgeschlossen. Vor allem der Spotmarkt ist so ein Indikator für den Grad der Unsicherheit.
Der Erdgaspreis am Spotmarkt in Deutschland schnellte nach dem russischen Gas-Stopp im Spätsommer 2022 rasant in die Höhe – von rund 170 Euro je Megawattstunde im Juli auf 236 Euro im August. Dabei waren die Preise bereits nach dem Beginn des Ukrainekriegs im Februar enorm gestiegen. Weil für die Stromerzeugung hierzulande auch Gaskraftwerke benötigt werden, erklommen die Stromkosten ebenfalls neue Höhen. Der Börsenstrompreis am EPEX-Spotmarkt stieg im selben Zeitraum von 315 Euro je Megawattstunde auf 465 Euro.
Was bedeutete das für Verbraucher?
Verbraucher spürten von diesen Preissprüngen zunächst wenig. Aufgrund der langfristigen Lieferverträge kamen die höheren Preise erst mit Verzögerung bei den Kunden an. Dann aber wurde es ernst: Vor allem Neukunden sollten für Strom- und Gasverträge von heute auf morgen ein Vielfaches zahlen.
Manche Anbieter hätten das Neukundengeschäft aufgrund der unsicheren Lage am liebsten ausgesetzt, erinnert sich Lundquist Neubauer vom Vergleichsportal Verivox. „Viele Kunden haben deshalb in der Grundversorgung überwintert“, sagt er. Das war auch nicht verkehrt: In vielen Fällen waren die Preise für Strom und Gas dort plötzlich niedriger als bei privaten Anbietern. Obendrauf kamen dann die diversen Energiepreisbremsen der Regierung.
Was bewirken die Energiepreisbremsen?
Die Bundesregierung will mit Strom-, Gas- und Wärmepreisbremsen Privathaushalte und Unternehmen bei den Energiekosten entlasten. Im Rahmen der Gaspreisbremse bekommen Verbraucher zum Beispiel einen Zuschuss zum Gaspreis. Der Strompreis wiederum wurde für Haushalte und Kleingewerbe auf 40 Cent pro Kilowattstunde gedeckelt. Der günstigere Preis gilt für 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs. Die Maßnahmen gelten eigentlich bis Juni 2024, die Ampelparteien wollen aber im Herbst neu darüber beraten.
Der Wettbewerb am Gas- und Strommarkt ist trotz der Preisbremsen intakt. Zudem werden heute Verträge geschlossen, die bereits über den Befristungszeitraum der Energiepreisbremsen hinausgehen. „Kein Unternehmen kann es sich erlauben, seine Preise nicht zu senken, wenn es nur irgendwie möglich ist“, sagt Kerstin Andreae, Vorsitzende des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
Lohnt jetzt ein Anbieterwechsel?
Nach dem rasanten Anstieg der Strom- und Gaspreise im vergangenen Herbst und Winter hat sich die Lage wieder beruhigt. Genauso, wie die gestiegenen Strom- und Gaspreise im vergangenen Jahr nicht unmittelbar an die Kunden weitergegeben wurden, sinken sie aber nicht sofort, wenn die Preise an den Spotmärkten fallen. „Jedes Unternehmen hat seine individuelle Beschaffungsstrategie, und jede Beschaffungsstrategie wirkt sich unterschiedlich auf die Bildung der Endkundenpreise aus“, sagt Andreae.
Das führt dazu, dass zum Beispiel Unternehmen mit einer kurzfristigeren Beschaffungsstrategie ihre Preise früher senken können als andere. Inzwischen gibt es wieder viele interessante Angebote, auch für Neukunden. Während im vergangenen Winter die Grundversorgung für viele Strom- und Gaskunden eine akzeptable Notlösung war, haben seit dem Frühjahr viele Anbieter ihre Konditionen massiv verbessert.
Wie viel Geld können Kunden jetzt sparen?
„Der günstigste Gastarif mit guten Vertragsbedingungen kostet durchschnittlich neun Cent pro Kilowattstunde“, sagt Verivox-Experte Neubauer. Die Grundversorgung koste derzeit im Bundesschnitt 15,3 Cent ohne Preisbremse beziehungsweise 12,9 Cent mit Preisbremse. Für eine durchschnittliche Familie mit einem jährlichen Gasverbrauch von 20.000 Kilowattstunden ergibt das ein Sparpotenzial von 775 Euro.
Ähnlich ist es bei den Stromtarifen. Die Grundversorgung kostet derzeit im Bundesschnitt pro Kilowattstunde 47,4 Cent ohne und 43,6 Cent mit Preisbremse. Bei vielen Anbieter kostet die Kilowattstunde inzwischen aber nur noch 30 Cent. Eine Familie mit einem jährlichen Stromverbrauch von 4000 Kilowattstunden kann beim günstigsten Anbieter im besten Fall bis zu 516 Euro im Jahr sparen. Da die Preisbremsen bald auslaufen, könnte sich der Preisvorteil sogar noch vergrößern.
Zwar sei gerade ein großer Wechselwille bei Verbrauchern zu beobachten, sagt Neubauer. Gleichzeitig geht er aber davon aus, dass noch rund ein Viertel der Kunden Strom oder Gas über ihren Grundversorger beziehen. Mit anderen Worten: Sie zahlen unnötig viel Geld. Dabei ginge ein Wechsel in der Regel einfach und schnell. Innerhalb von zwei Wochen können Verbraucher aus der Grundversorgung austreten und einen alternativen Anbieter finden. „Kunden, die jetzt wechseln, können sehr viel Geld sparen“, fasst Neubauer zusammen.
Wie geht es jetzt weiter mit den Preisen?
Das traut sich im Moment niemand vorherzusagen. Zum einen kommt es auf den Gasbedarf in Deutschland an, zum anderen auf den Ausbau alternativer Energieträger und auf neue Lieferanten. Alle Prognosen enthalten viele Unbekannte.
Kurzfristig könnten zum 1. Oktober die Gaspreise noch einmal sinken. Grund ist der vorläufige Wegfall zweier Gasumlagen, die 2022 stark angehoben wurden, um die Gasversorgung zu stabilisieren. Neubauer rät dennoch, sich besser früher als später die aktuell relativ günstigen Konditionen zu sichern. „Im letzten Winter waren extrem kurze Vertragslaufzeiten von einem bis zwei Monaten sinnvoll. Mittlerweile raten wir wieder zu Laufzeiten von mindestens zwölf Monaten“, sagt er.
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