Immobilien: Finden Sie Wohnen auch ziemlich anstrengend?

Die eigene Immobilie wird in Deutschland für viele Bürger entweder unerschwinglich oder zu einer unerwartet hohen Last.
Foto: imago imagesVor einiger Zeit kam mir ein seltsamer Satz unter. Ich glaube es war auf einer jener Home-Warming-Partys, auf denen man drinnen über die Farbtöne von Farrow & Ball spricht und draußen auf der Terrasse den quadratmeterstarken Gasgrill bewundert: „Wohnen ist anstrengend geworden.“
Der Satz ist insofern seltsam, weil das Verb wohnen in der Regel ohne Adverb daherkommt, man wohnt allenfalls „lange“, „ewig“ oder „gern“. Warum also anstrengend? Der Satz kam mir dieser Tage wieder hoch, als das Land sich im Wärmepumpenfieber befand und Millionen Deutsche erste Abschiedsbriefe an ihre Ölkessel und Gasthermen verfassten.
Damals hatte der Satz freilich einen anderen Kontext: Das Geld war billig, die Häuser waren viel zu teuer. Und wer besser und großzügiger und vor allem im Eigenheim wohnen wollte, musste entweder die Rücklagen der Eltern anzapfen, erben oder sehr, sehr gut verdienen. Aber auch dann war es stressig, ein Strecken, Kürzen und Rechnen, und viele Leidensgenossen meiner Generation mussten den Traum vom eigenen Haus begraben. Oder der Traum wurde ein Kompromiss, ja ganze Kohorten zogen in geschrumpfte Versionen dessen, was sie sich einst ausgemalt hatten.
Da nützten auch die 0,9 Prozent Zinsen nichts, wenn das ungedämmte Reihenhaus mit 105 qm und feuchtem Keller für 890.000 Euro zum Verkauf stand. Die Partys gaben dann meist jene, die es geschafft hatten – mit Ach und Krach unters neue Dach. (Beim Gartenzaun wurde noch gespart, den nächsten Skiurlaub zahlten die Eltern.) Um den Gasgrill standen damals meist Menschen mit breitem Grinsen, die gern erzählten, dass sie „ja schon 2014 gekauft“ hatten. Wohnen war auch ein Insider-Outsider-Problem.
Jedes Haus braucht ein Mega-Update
Diese Zeit ist Geschichte, denn die Anstrengung rund ums Thema Wohnen vollzieht sich nun als Zangenangriff: Die Zinsen sind rasant gestiegen, die Preise bisher nur moderat gefallen. Für Millionen Menschen ist die eigene Immobilie noch unerschwinglicher geworden. Immer mehr Experten warnen zudem vor einem „Zinsstress“, dass steigende Finanzierungskosten Immobilienbesitzer in ganz Europa überfordern könnten. Das ganze Drama können Sie auch in diesen drei Grafiken nachvollziehen.
Auf alle jene, die ein Haus oder eine Wohnung haben, kommt zudem bis 2030 eine gewaltige Aufgabe zu. Ihr Haus braucht ein Mega-Update, und Farrow & Ball spielt dabei keine Rolle.
Wird Wohnen anstrengend? Das habe ich vergangenen Sommer auch Rolf Buch gefragt, den Chef von Vonovia. Und er antwortete: „Das kann man so sagen, ja. Die Herausforderung ist groß.“ Die EU sehe vor, dass bis 2030 die 15 Prozent der Gebäude, die sich heute in der schlechtesten Energieklasse befinden, saniert sein müssten. „Wer das aber nicht macht, wird Strafen zahlen müssen.“
Derzeit werde in Deutschland jedes Jahr ein Prozent des Gebäudebestands saniert (Vonovia, inzwischen selbst in einer Krise, schaffte da noch immerhin drei Prozent.) „Wenn wir in der Geschwindigkeit weitermachen“, so Buch, „werden mindestens sieben Prozent des gesamten deutschen Bestands unter das Strafregime der EU fallen.“
Wenn die Großeltern samt Ölkessel einziehen
Fenster, Fassade, Dach, Dämmung, Heizung, jeder Hausbesitzer muss sich also einen Plan machen. Ob als Eigentümer oder Vermieter. Da kann man auf die EU schimpfen oder Habeck doof finden, das hilft wenig. Mein Rat ist: Auch wenn es Zuschüsse und Ausnahmen geben wird, und wir immer mehr eine Republik der Härtefälle werden – besser man macht sich diesen Plan.
Das ist dieser Tage nicht einfach, denn es sickern immer neue Details der Heizungsauflagen durch, die ein wenig an die Corona-Regeln erinnern. Manches fliegt raus und steht dann wieder in Entwürfen, man liest über Quoten von 65 Prozent, Übergangsfristen von zwei oder drei Jahren – und wer über 80 Jahre alt ist, darf sein Lebensende sogar mit Ölkessel verbringen. Man darf gespannt sein, wer alles entscheidet, dass die Eltern nun doch zu Hause einziehen – und nicht ins Heim abgeschoben werden. (Das Alter bekommt einen ganz neuen Wert.) Es braucht also Geduld, bis alles Gesetz ist. Aber auch dann wird es kompliziert. Da jedes Gebäude anders ist, gibt es nur wenig Lösungen von der Stange.
Die Grünen haben völlig unterschätzt, dass sie mit ihren Plänen für Verbrenner und Heizungen den Menschen „ganz nahekommen“, wie es Robert Habeck selbst einmal ausgedrückt haben soll. Klimaschutz ist nicht mehr abstrakt wie in einer Umfrage, in der man ihn natürlich prima findet. Oder weit weg, wenn ThyssenKrupp mit grünem Stahl experimentiert, oder ein Gründer von Bill Gates viele Millionen für seinen neuen CO2-reduzierten Superzement bekommt.
Klimaschutz wird konkret, kompliziert, manchmal existentiell – und eben anstrengend. Das Ministerium von Habeck wollte diese Programme durchziehen, als hätten die Grünen ein breites Mandat aller Deutschen (und nicht 14,8 Prozent). Sie haben es so getan, dass es psychologisch ein Backlash wurde.
Und ökonomisch ein Irrsinn werden könnte: Denn entweder bauen viele noch schnell eine Last-Minute-Gasheizung oder gar Ölkessel ein (was Fachkräfte bindet, die dann keine Wärmepumpen einbauen). Oder wir erleben das, was Ifo-Chef Clemens Fuest den „Havanna-Effekt“ nennt: In Kuba werden bekanntlich Limousinen der 1950er mit allen Mitteln am Laufen gehalten.
In diesem Frühjahr, können wir festhalten, schlugen die Herzpumpen zum Rattern der Wärmepumpen in diesem Land. Wir erlebten ein Lehrstück, wie man eine solche Transformation nicht gestaltet. Besser wären längere Fristen, klare Regeln – und ein etwas größeres Vertrauen auf die Marktkräfte. (Man könnte den Austausch der Heizungen auch weiter über den CO2-Preis steuern.)
Aus Erfahrung kann ich allerdings sagen: Dämmen ist gar nicht so schlimm. Im Haus meines Bruders, einem Fachwerkbau, haben wir vor vielen Jahren sogar eine Hanfdämmung eingebaut – davor wusste ich gar nicht, was es alles so gibt. Wenn das Haus einmal abbrennen sollte, witzeln wir seitdem, wird man nicht nur schreien, sondern grinsen.
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