Bundestagswahl: Deutschlands Entscheider favorisieren Merz als Kanzler
Der Herr vorne auf der blau ausgeleuchteten Bühne will erst gar keine Zweifel aufkommen lassen, wie die Sache ausgeht. „In 70 Stunden ist das Ende der Ampel entschieden“, sagt Friedrich Merz. Applaus brandet auf. Das wollen sie hier hören, seine CDU-Anhänger, die am Donnerstagabend den Saal eines Tech-Campus in Berlin-Schöneberg gefüllt haben.
Keine Frage, der Kanzlerkandidat gibt sich bereits seit einigen Tagen sehr entschlossen und sehr siegesgewiss. Merz streift mit jedem Auftritt mehr den Kandidatenanzug ab und nimmt Kanzlerhaltung an. Er lässt sich – zumindest zurzeit – kaum provozieren, gibt sich staatstragend und entschlossen, zugleich reflektiert und zuhörend. Harsche Abgrenzung zur AfD fügt er stets hinzu, in der Hoffnung, die jüngste Kritik an seiner demokratischen Standhaftigkeit endlich zu zerstreuen.
Das kommt an, jedenfalls bei Deutschlands Führungskräften und Selbstständigen, die vom Meinungsforschungsinstitut Civey regelmäßig für das WirtschaftsWoche-Entscheiderpanel befragt werden, um die Stimmung in der Wirtschaftselite zu testen. In einer eigens für die Bundestagswahl durchgeführten Umfrage zur Kanzlerpräferenz führt der CDU-Mann vor der Konkurrenz – nicht überragend, aber eben doch deutlich:
Was hatten insbesondere die SPD und Olaf Scholz nicht alles versucht in den vergangenen Wochen, um Merz als Heißsporn und Regierungsnovizen darzustellen, als abgehobenen Pilotenscheinbesitzer und Multimillionär – es fruchtete alles nicht. Auch Merz‘ hochgradig umstrittene Abstimmung mit der AfD im Bundestag und die extrem emotional geführte Debatte haben weder ihm noch der Partei deutlich geschadet.
Anders als in allgemeinen Kanzler-Direktwahlumfragen, etwa der des ZDF-Politbarometers, schneidet Amtsinhaber Scholz bei Entscheidern übrigens noch einmal auffällig schlechter ab. Hier liegt er sogar hinter AfD-Frontfrau Alice Weidel auf dem letzten Rang. Der Noch-Kanzler als Wirtschaftsfachmann erzeugt keinen Wumms mehr.
Die prekäre Lage des Standorts und die hartnäckige Konjunkturschwäche sind aber ausweislich vieler Erhebungen das wichtigste Thema für die Wählerinnen und Wähler, noch weit vor Asyl und Migration.
Diese Problemanalyse dürfte bei den Entscheidern noch stärker ausgeprägt sein. Und Merz genießt hier, obwohl er noch nie exekutive Verantwortung innehatte, offenbar einen gewissen Vertrauensvorschuss.
Der Wirtschaftsanwalt und ehemalige Aufsichtsrat bringt seine berufliche Erfahrung jenseits der Politik offensiv in seinen Wahlkampf ein. Er wisse nicht zuletzt dank seiner Arbeit für den US-Vermögensverwalter Blackrock, wie in Amerika Geschäfte gemacht würden, betont er beispielsweise mit Blick auf US-Präsident Donald Trump.
Im Januar hatte Merz das Weltwirtschaftsforum im Davos besucht. Im kleinen Kreis traf er am Rande des Gipfels zahlreiche CEOs und Konzernchefs. Bei seinem öffentlichen Auftritt dort versprach er in makellosem Englisch dann etwas, das bei der versammelten Business-Elite sehr gut angekommen sein dürfte: Eine Bundesregierung unter seiner Führung werde sich immer die Frage stellen, ob eine Entscheidung zum Wohle der deutschen Wettbewerbsfähigkeit sei. Und nur bei einem Ja werde sie sie weiterverfolgen.
Zuletzt gab es auch von Weltmarktführern und Familienunternehmern eine Menge Zuspruch: Sie wünsche sich mit Blick auf die Politik „ein bissl Expertise“, sagte Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Maschinenbauers Trumpf, beim jüngsten WirtschaftsWoche-Gipfeltreffen der Weltmarktführer. Wen sie da meinte, war klar. Merz sprach übrigens auch dort in Schwäbisch-Hall vor – und überzeugte durchaus.
Der Wahlabend am Sonntag wird nun zeigen, welche Koalitionsoptionen sich Merz und der Union bieten, um eine Regierung zu bilden. Davon wird nicht zuletzt abhängen, ob er seinen selbstbewussten Worten auch Taten folgen lassen kann. Ob er das Mandat erhält, um seine genau vorbereitete Agenda umsetzen zu können. Die letzten Umfragen deuten zwar noch auf einen Dämpfer unter die 30-Prozent-Marke hin – aber wer weiß?
Er wolle wieder eine „starke, wachsende Volkswirtschaft“, verspricht Merz seinen Zuhörern am gestrigen Abend in Berlin. Letzte Plätze in Wachstumsrankings? „Da gehört Deutschland nicht hin. Wir können mehr."
Seine Chance, diesen Anspruch einzulösen, ist vielleicht keine 70 Stunden mehr entfernt.
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