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Die Pumpe der Nation bebtDie politische Instrumentalisierung der Familie Viessmann

In Berlin grassiert das Viessmann-Syndrom: Das Familienunternehmen verkauft sein Wärmepumpen-Know-how und die Hauptstadt überschlägt sich. Über ein paar politisch unreife Tage im April. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Max Haerder 29.04.2023 - 08:36 Uhr

Der geplante Viessmann-Verkauf versetzt viele in Deutschland in Aufregung

Foto: imago images

Siegfried Russwurm hat einen sehr eigenen Kopf. Der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) ist in der Vergangenheit auch nie verdächtig gewesen, im Nebenjob einen Fanclub für die Grünen oder die SPD zu betreiben (auch keinen für eine andere Partei, aber das nur nebenbei). Umso interessanter ist es zu wissen, was Russwurm zu dem Wirtschaftsthema dieser Woche zu sagen hat: dem Teil-Verkauf des Familienunternehmens Viessmann.

Es ist Dienstagmorgen 10.30 Uhr, als sich der Verbandsboss aus seinem Urlaub für ein Interview mit der WirtschaftsWoche zuschaltet. Die Meldung, dass der Heizungsspezialist Viessmann für rund elf Milliarden Euro seine Wärmepumpen-Sparte an den US-Konkurrenten Carrier veräußert, ist da noch sehr frisch. In der Hauptstadt steigt allerdings schon der Puls.

Russwurm aber – bleibt ganz entspannt. Frage: Ob man gerade den Ausverkauf deutschen Know-hows in einem zentralen technologischen Feld erlebe? Die Schultern zucken locker am anderen Ende der digitalen Leitung. „Ich finde es positiv, wenn amerikanische Unternehmen hierzulande investieren und deutsche Unternehmen in den USA“, antwortet er. „Dass Amerikaner viele Milliarden Euro in eine innovative mittelständische Firma bei uns investieren, zeigt die Klasse von Technik und Unternehmen in Deutschland.“

Business as usual, globalization at its best – das also ist Russwurms Botschaft. Dass ein BDI-Chef offene Märkte hochhält und gleich die Gelegenheit für ein kurzes Loblied auf eine deutsche Unternehmensperle nutzt – geschenkt. Interessant an seiner Antwort ist, dass sie in ihrer positiven Grundgelassenheit eher den Reaktionen von SPD und Grünen ähnelt, während von den Liberalen über die Union bis hin zu manch anderem Verband die Lautstärke am Panikregler teilweise ziemlich hochgedreht wird.

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„Der Fall Viessmann zeigt, wie sich die hastige und komplizierte Heizungswende von Robert Habeck negativ auf die deutsche Wirtschaft auswirken kann“, sagt zum Beispiel FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai. Oder Unionsfraktionsvize Jens Spahn: Der protokollierte schon mal vorsorglich den „Ausverkauf der deutschen Wärmepumpe“. Die Wärmewende „mit der Brechstange erzeugt großen Druck auf deutsche Hersteller“. Gemach, gemach, möchte man rufen.

Im anderen Lager haben die Reaktionen hingegen irritierend gesundbeterische Züge. Viessmann zeige, dass Klimaschutztechnologien die Technologien der Zukunft seien, deutsche Unternehmen viel Kapital anzögen, sagte etwa Wirtschaftsminister Robert Habeck. Ähnlich klang der Kanzler. Wichtig sei nun, so Habeck, dass „die Vorteile unserer Energiepolitik und Gewinne, die damit erwirtschaftet werden, auch weiter dem Standort Deutschland zugutekommen. Darauf werden wir achten.“ Aha. Da sprach das Prinzip Hoffnung.

Strich drunter. Sicher ist nur: Die vergangenen Tage werden nicht als Glanzstück der politischen Debatte in Erinnerung bleiben. Der Viessmann-Deal war kaum verkündet, da war die parteiliche Lesart sofort gefunden – und zwar buchstäblich. Wer in der seit Wochen bis ins Irrwitzige kippenden Debatte um Sanierungen (Heizungs-Hammer! Enteignung! Rausreiß-Pflicht!) eher auf Seiten eines, sagen wir, proaktiven Wärmewendekurses stand, wertete den Fall Viessmann sofort als gutes Zeichen. Seht her, das ist ein Wachstumsmarkt, da kommt jetzt richtig Bewegung rein. Und P.S.: Die Amerikaner sind doch nun wirklich unsere Partner.

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Diejenigen hingegen, die schon immer den Standpunkt vertraten, dass der grüne Wirtschaftsminister nichts lieber täte, als die Besitzer von Haus und Grund schnurstracks in die Armut zu sanieren, machten aus Viessmann ebenso willig ein Fanal: Jetzt killt der deutsche Klimaschutz schon unsere besten Familienunternehmen! Wie soll ein Viessmann das ertragen?!

Günstiger geht es kaum. Scheuklappiger auch nicht. Die Entscheidung der Familie Viessmann wurde in diesen Tagen in einer Art und Weise politisch instrumentalisiert, dass einem angesichts der Unreife der politischen Streitkultur angst und bange werden muss. Schuldig im Sinne des Parteibuches. Wer sich für Details, Hinter- und Beweggründe interessiert, hat ja wohl keine feste Meinung!

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Deshalb, zur allgemeinen Abkühlung, einfach ein paar Fragen: Ist die Wärmepumpe wirklich systemkritisches Know-how, das Deutschland schützen müsste – oder doch eher Klimaanlage deluxe? Und waren die, die sich nun um die Versorgung mit der Pumpe der Nation sorgen, nicht bis eben noch vehement für Technologieoffenheit? Wie verlässlich sind wiederum die Garantien, die der amerikanische Eigentümer in spe für Jobs und Standort und Forschung abgibt? Was glauben Bosch und Vaillant anders und aus eigener Kraft besser machen zu können als Viessmann? Oder werden sie auch noch einknicken müssen vor der mit Macht anrollenden Konkurrenz aus den USA und Asien? Und zu guter Letzt: Interessiert sich überhaupt jemand für die Argumente von Familie Viessmann selbst?

Die politische Überhitzung hat jedenfalls keinen der Gedanken zur Kenntnis genommen, die Viessmann selbst geleitet haben. Was die sonst so hoch gelobten Familienunternehmer dazu gebracht hat, so zu handeln, wie sie handelten – es spielte von Anfang an keinen Hauptstadtwalzer. Dabei muss man, nach all dem, was Max Viessmann selbst zu der Sache sagt (auch gegenüber der WirtschaftsWoche), anerkennen: das Unternehmen hatte seine guten, abgewogenen Gründe. 

Die Moral vom Deal? Die deutsche Gesetzesoffensive hat an der Entscheidung ihren Anteil – was Habeck und Co. tunlichst reflektieren sollten. Aber sie war eben auch nur ein Aspekt unter vielen – was die Abteilung Weltuntergang anerkennen sollte. 

Und jetzt alle einmal tief durchatmen.

Lesen Sie auch das Interview mit Max Viessmann dazu, warum die Familie sich für den Verkauf entschied und warum auf der Vollversammlung trotzdem Tränen flossen

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