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FDP-ParteitagOne-Man-Show-Finale: Christian Lindner startet eine Karriere à la Friedrich Merz

Noch ein Auftritt, dann endet eine FDP-Ära. Christian Lindner will nun als Autor und Redner arbeiten. Wird er der neue Sehnsuchtsmann der Wirtschaft?Benedikt Becker 16.05.2025 - 07:27 Uhr aktualisiert
Bock auf Zukunft: Christian Lindner verabschiedet sich beim FDP-Parteitag aus der aktiven Politik. Zu Wort melden will er sich weiterhin. Foto: REUTERS

Die politische Karriere eines Ausnahmetalents endet dort, wo er sich immer besonders wohlfühlte: auf der Bühne, im Lichte der Scheinwerfer, im Fokus der Kameras. Die liberale Familie im Publikum, Fans und Neider, wenige echte Weggefährten.

Christian Lindner tritt ab. Jetzt auch offiziell. Beim Parteitag der FDP in Berlin gibt der scheidende Chef sein letztes Solo, eine letzte Kür in der Kunst der freien Rede. Ein One-Man-Show-Finale.

Offen ist nur, ob sich in diesem Abschied ein Cliffhanger versteckt.

Es ist das Ende einer Ära. Das schreibt sich leicht, wenn einer elf Jahre und fünf Monate Vorsitzender der Freien Demokraten war. Länger als Genscher, deutlich länger als Westerwelle, gar kein Vergleich zu Rösler. Als Lindners Vorgänger 2013 aufgab, war die Verabschiedung eine Formalität. Die einzige Parallele: Auch Rösler hatte eine Bundestagswahl verloren. Aber ohnehin hatte ihm die Partei wenig zu danken, abgesehen von bösen Metaphern für den politischen Alltagsgebrauch vielleicht.

Bei Lindner liegt die Sache anders. Völlig anders.

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Wenn er nun die Bühne verlässt, übergibt er die FDP in genau der Situation, in der er sie einst übernommen hatte. Frisch aus dem Bundestag geflogen. Verunsichert. In großer Sorge um die Zukunft. Lindner hat seinen Teil dazu beigetragen, keine Frage. Nur hätte die Partei ohne ihn schon 2013 keine Zukunft mehr gehabt. Das kann ihm niemand nehmen.

Was umso mehr die Frage aufwirft: Ist dieser Abgang wirklich für immer? Lindner ist 46. Das ist ja kein Alter.

Warum Lindner die Entwöhnung leicht fällt

In den Wochen nach der Wahl war Lindner erst mal weg. Keine Interviews, keine Auftritte, Privatleben first. Für die Auszeit konnte er den besten Grund anführen, den Männer des öffentlichen Lebens für eine Auszeit geltend machen können. Nein, nicht die Wahlniederlage. Viel besser. Lindner wurde Vater. Es ist sein erstes Kind. Da fällt die Entwöhnung von der Politik gleich leichter.

Doch Lindner wäre nicht Lindner, würde er über seine neuen Vaterpflichten nicht irgendwann doch öffentlich philosophieren. Vergangene Woche meldete er sich mit einem Video zurück. Lindner spaziert darin durch einen Wald, die Vögel zwitschern.

Er spricht über sein Leben nach der Niederlage und über Platons Höhlengleichnis, was selbst die Platon-Kenner in der FDP nicht so recht zu deuten wissen. Wie auch immer. Die Philosophie-AG am Städtischen Gymnasium Wermelskirchen muss ihn wirklich geprägt haben.

Etwas mehr weiß man hingegen über Lindners berufliche Zukunft, über seine „Anschlussverwendung“, wie man in der FDP sagt. Hartnäckig hielt sich in parteinahen Unternehmerkreisen das Gerücht, er werde bald bei einem großen Private-Equity-Unternehmen aufschlagen. Lindner dementierte.

Stattdessen meldete er – als Minister a.D. in den ersten 18 Monaten des Übergangs dazu verpflichtet – bei der Bundesregierung an, künftig als Autor und freischaffender Redner zu arbeiten. Lindner habe „Einladungen insbesondere von internationalen Kongressen angenommen, um globale Entwicklungen einzuordnen“, erklärte sein Sprecher. Wien, Zürich, Sofia. Die Bundesregierung hatte keine Einwände.

Lindners neue Freiheit beginnt also als Autor und Redner. Für die hart arbeitende Mitte, für diejenigen, die morgens aufstehen und ihren Job erledigen, für die Leistungsträger der Gesellschaft, die der Politiker Christian Lindner als Zielgruppe seines Schaffens so oft beschworen hat, für diese vielen Menschen mag das nicht unbedingt nach einer tagesfüllenden Aufgabe klingen. Ihn wird das wenig kümmern. Weitere berufliche Entscheidungen will er später noch treffen. Statt direkt auf die Seite der Wirtschaft zu wechseln, sucht Lindner nun erst mal seinen Platz an der Seitenlinie.

Neuanfang als Obermufti der Ordnungspolitik

An Möglichkeiten, im Gespräch zu bleiben, wird es ihm in der neuen Rolle nicht mangeln. Vielleicht schreibt er ein Buch gegen den linken Zeitgeist, „Mehr Kapitalismus wagen“ böte sich als Titel an. Vielleicht beklagt er auf internationaler Bühne, dass Deutschland in Standort-Rankings innerhalb von zehn Jahren von Platz 6 auf 22 gefallen ist. Oder dass die letzte Unternehmenssteuerreform bald 20 Jahre her ist. Das wäre zwar etwas langweilig, schließlich war das schon als Finanzminister Lindners liebster Text. Es wäre allerdings überaus erfolgversprechend.

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Der Posten des Obermuftis der Ordnungspolitik ist schließlich gerade frei geworden. Ein ehemaliger CDU-Politiker hat ihn geräumt, hat ein hartnäckiges Comeback hingelegt, eine unvollendete Karriere doch noch vollendet. Nun mag Lindner einwenden, er habe ja alles erreicht, mehr als Finanzminister sei nicht drin als Liberaler.

Und doch, der Vergleich liegt nahe: Lindner startet eine Karriere als Friedrich Merz. Als Projektionsfigur für alle Familienunternehmer, Bankmanagerinnen und Start-up-Gründer, deren Lust auf den großen Knall Merz als Kanzler nicht befriedigen konnte. Als Handelsreisender für Kettensägen und Meckerrentner am Rand des Schlachtfelds.

In einer Situation, in der das Original mit einer Schuldenwende vorbelastet regieren muss, ist Lindner bestens vorbereitet, mit seiner Wirtschaftswende auf Welttournee zu gehen. Zum perfekten Glück fehlt eigentlich nur noch ein Vizepräsidenten-Posten beim Wirtschaftsrat der CDU.

In der FDP jedenfalls ist niemand überrascht. Parteifreunde, die ihn jahrelang aus nächster Nähe erlebt haben, wunderten sich bereits, wie er das aushalten wolle. Ein Leben ohne Gesetzentwürfe und Gremiensitzungen mag lebenswert bleiben. Aber ein Leben ohne die vielen Reden, ohne diese Augenblicke der ungeteilten Aufmerksamkeit, die Lindner auskostete wie nur wenige Spitzenpolitiker? Nein, das konnten sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Merz hat in seinen Jahren als Projektions-Merz lernen müssen, dass sich so ein Image als Hoffnungsträger der Neoliberalen schnell verselbstständigen kann. Es gibt da diese Geschichte vom verlorenen Notebook, das ein Obdachloser fand, es brav bei der Polizei abgab – und dann von Merz zum Dank dessen neuestes Buch bekam, signiert versteht sich, Titel: „Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion – Kursbestimmung für unsere Zukunft“.

Das passte natürlich. Der kaltherzige Kapitalist Merz schenkt einem Obdachlosen seine Leistungs-Anleitung. Das Problem war nur: Es stimmte nicht. Merz wusste, so erzählt er diese Episode, überhaupt nicht, wer sein Notebook gefunden hatte. Doch über Jahre prägte das Gleichnis vom undankbaren Finderlohn sein Bild in der Öffentlichkeit.

Man darf davon ausgehen, dass Lindner ähnliche Schlagzeilen gern vermeiden möchte. Für den Anfang ist ihm das nicht gelungen. Auf dem Parkplatz eines Berliner Restaurants hat er neulich einen Hund überfahren. Das passt natürlich. Der Brummbrumm-Liberale Lindner räumt mit seiner Karre mal eben einen Köter ab. Da hilft es kaum, dass die Karre kein Porsche, sondern ein Mini gewesen sein soll. Und dass Lindner einem „Bild“-Bericht zufolge sofort erste Hilfe leistete.

Diese Episode gehört nun zu seinem Karriereende. Und zum Neuanfang. Das ist der Preis, der mit diesem Nicht-Abschied immer verbunden sein wird. Auch als Friedrich Merz in spe bleibt Lindner eine Person des öffentlichen Lebens.

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