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Taurus, ATACMS, Scalp, Storm ShadowMarschflugkörper für die Ukraine: Warum Taurus besser als die anderen ist

Seit Monaten steht die Lieferung westlicher Marschflugkörper an die Ukraine im Fokus der Debatte um Waffenlieferungen. Um welche Systeme es geht und was sie im Krieg mit Russland bewirken können. Eine Übersicht.Max Biederbeck 05.10.2023 - 12:07 Uhr aktualisiert

Taurus, ATACMS, Storm Shadow, Scalp: Welche Waffensysteme für die Ukraine interessant sind.

Foto: imago images, dpa Picture-Alliance , REUTERS

Spätestens seit dem Start der ukrainischen Gegenoffensive im eigenen Land sind Marschflugkörper eine der dringlichsten Forderungen von Präsident Wolodymyr Selenskyj an seine Verbündeten geworden. Russland hat seine Verteidigungsbunker befestigt, nur mit gezielten Schlägen gegen die feindliche Militärinfrastruktur, so scheint es, lässt sich der Geländegewinn noch schaffen. 

Doch so klar, wie es die Ukraine gerne gehabt hätte, hat sich die Sache nicht entwickelt. Statt schnell zu liefern, zögerte der Westen, vor allem Deutschland.

Jetzt kam mit einer neuen US-Entscheidung wieder Bewegung in die Frage nach neuen Raketenlieferungen. Um welche Systeme es geht und was die Probleme sind, zeigt folgender Überblick:

ATACMS-Raketen

Das „Army Tactical Missile System“, kurz ATACMS.

Foto: imago images

Was kann das System

Beim „Army Tactical Missile System“, kurz ATACMS, handelt es sich um eine spezielle Gattung von Artilleriemunition. Abgefeuert wird sie von Himars- oder MLRS-Raketenwerfern am Boden, die beide bereits in der Ukraine im Einsatz sind. Die vier Meter langen ATACMS fliegen mit dreifacher Schallgeschwindigkeit bis zu 300 Kilometer weit. Damit können sie Ziele weit hinter den feindlichen Linien treffen. 

Wann und von wem gebaut?

Hersteller Lockheed Martin, der auch die neuen F-35-Tarnkappenbomber für die Bundeswehr produziert, baut und entwickelt die Artillerieraketen bereits seit den Achtzigerjahren stetig weiter. Die US-Amerikaner setzten unterschiedliche Versionen bereits in den Golfkriegen oder beim Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ ein. Möglich ist die Bestückung mit robustem Sprengkopf (interessant für die Ukraine), aber etwa auch mit Streumunition. 



Was bringt es der Ukraine?

Die ukrainische Armee hat mit Himars- und MLRS extrem leistungsfähige Abschuss-Plattformen, wünscht sich aber effektivere Munition. Bisher verschießen die Soldatinnen und Soldaten in ihrem Kampf gegen Russland vor allem Präzisionswaffen mit einer Reichweite von rund 80 Kilometern. Das schafft aktuell sogar die eine oder andere Haubitze. Mit ATACMS wären Angriffe auf Ziele weit hinter der Frontlinie möglich, die die bestehenden Abschussanlagen besser ausnutzen. Das ist deshalb wichtig, weil Russland seine Munitionsdepots und Kommandostützpunkte mittlerweile weiter weg hinter der Front aufbaut, um sie zu schützen. ATACMS könnte diese strategisch wichtigen Ziele noch immer treffen.

Kann die Ukraine das nutzen?

Technisch steht dem nichts im Wege. Die Abschussvorrichtungen sind bereits im Krieg angekommen. Auch den politischen Widerstand gegen die Lieferung haben die USA mittlerweile aufgegeben. Nun ist zunächst die Rede von der Auslieferung einer relativ kleinen Stückzahl – aber geliefert wird. Bisher hatte das Weiße Haus die Auslieferung aus Sorge vor Angriffen seitens der Ukraine auf Russlands Kerngebiet verzögert. 

Taurus

Das „Target Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System“ (kurz Taurus) ist ein Luft-Boden-Marschflugkörper.

Foto: dpa Picture-Alliance

Was kann das System?

Hinter der komplizierten Bezeichnung „Target Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System“ (Taurus) steckt ein Luft-Boden-Marschflugkörper, der aus dem Flugzeug abgeworfen wird. 

Rund fünf Meter lang und einen Meter breit sind die kofferartigen Raketen in der Lage, nahe des Bodens feindliches Radar zu unterfliegen und dann in feindliche Bunkeranlagen einzuschlagen. Ein Höhenradar, Infrarotsensor und GPS-Navigation steuern selbstständig auf ihr Ziel zu. Dann schlägt Taurus mit einem 400 Kilo schweren Metallpenetrator voller Sprengstoff ein. Laut Bundeswehr ist der Marschflugkörper einer der modernsten der Welt und hat eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern.

Wann und von wem gebaut?

Das Konsortium Taurus Systems GmbH baut die Rakete. Dahinter steckt ein Joint Venture von MBDA Deutschland und der schwedischen Saab Dynamics AB. Einen ersten Testflug gab es bereits 1999 – nachdem unterschiedliche Versionen der Rakete stetig weiterentwickelt und letztendlich vereinheitlicht wurden, bestellte die Bundeswehr 2005 eine Stückzahl von 600 Flugkörpern zum Gesamtpreis von 570 Millionen Euro.

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Was bringt es der Ukraine?

Während ATACMS vor allem gegen Munitionslager geeignet ist, fehlt den Artillerieraketen die Reichweite und Durchschlagskraft von Taurus. Die Ukraine möchte damit vor allem Versorgungswege, Brücken und Bunker weit hinter der Frontlinie angreifen. Möglich wäre auch ein gezielter Beschuss der Krim, wo die russische Schwarzmeerflotte ankert. Einen Angriff auf russisches Kerngebiet, so versichert Kiew, wolle man mit Taurus nicht einleiten.

Kann die Ukraine es nutzen?

Noch nicht, denn der Bundeskanzler hat eine Entscheidung zur Lieferung Stand heute noch nicht getroffen. Zu groß sind Olaf Scholz' Bedenken, die Ukraine könne mit den Raketen entgegen eigener Versprechen doch weit ins russische Gebiet hineinzielen. Auch der theoretisch notwendige Einsatz von deutschen Soldatinnen und Technikern auf ukrainischem Boden zur Vorbereitung des Einsatzes fürchtet Scholz. In der Ampelkoalition steht das Kanzleramt damit ziemlich allein da. Auch Verteidigungsminister Pistorius selbst hat wohl keine Bedenken gegen eine Lieferung. Schließlich sind die mit Taurus verwandten „Storm Shadow“- und „Scalp“-Raketen längst im Einsatz.

„Die Ukraine könnte Taurus binnen weniger Monate einsetzen“, hieß es auch in der Industrie im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Die Plattform müsse lediglich an Kampfjets der ukrainischen Luftwaffe angepasst werden. Die Industrie versichert weiter, dass die Reichweite der Marschflugkörper technisch reduziert werden und auch die Ausbildung und Vorbereitung von Personal in Deutschland vorgenommen werden könne.

Storm Shadow/SCALP-EG

Storm Shadow ist ein luftgestützter, konventionell bewaffneter Marschflugkörper. In Großrbitannien heißt das System Storm Shadow, in Frankreich trägt es den Namen Scalp.

Foto: REUTERS

Was kann das System?

Storm Shadow ist ein luftgestützter, konventionell bewaffneter Marschflugkörper mit einer Länge von rund fünf Metern. Die Rakete ist das englisch-französische Gegenstück zum deutsch-schwedischen Taurus. In Großbritannien heißt das System Storm Shadow, in Frankreich trägt es den Namen Scalp.

Beide Varianten des Marschflugkörpers sollen stationäre Ziele angreifen, haben dabei allerdings nur eine Reichweite von 250 Kilometern. Gedacht sind die Raketen für tiefe Angriffe rund 30 bis 40 Meter über dem Boden unter dem feindlichen Radar, die auch unter schwierigen Witterungsbedingungen stattfinden können. Ziele werden mit einem Infrarotsensor anvisiert. Die Raketen in der Ukraine nutzen außerdem offenbar sogenannte Täuschkörper, um die gegnerische Flugabwehr zu verwirren. 

Wann und von wem gebaut?

Auch die Scalp/Storm-Shadow-Raketen baut das europäische MBDA-Konsortium. Bereits 1997 begann die Entwicklung. 2002 stellte die britische Royal Air Force die Waffe in Dienst. Die Auslieferung an Frankreich begann 2004.

Kann die Ukraine es nutzen und was bringt es? 

Ja, die Ukraine setzt die Marschflugkörper bereits aktiv im Krieg gegen Russland ein. Offenbar können die ukrainischen Flugzeuge sowjetischer Bauart die Raketen mittlerweile ohne Probleme starten. Über den genauen Einfluss der Luftschläge lässt sich wenig sagen. Klar ist nur, dass Russland seine Versorgungsstützpunkte mittlerweile weit hinter die Front zurückziehen musste. Das spricht dafür, dass die Reichweite von Scalp/Taurus Wirkung zeigt.

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