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„Sonst lösche ich die einfach“ Corona-Warn-App sorgt für Frust

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Solche Warnungen haben zuletzt immer mehr Menschen auf dem Handy. Doch vielen Nutzern sind sie zu diffus. Sie wünschen sich konkretere Informationen zu möglichen Risikokontakten. Quelle: imago images

Aus Angst vor dem Virus laden sich immer mehr Menschen die Corona-Warn-App herunter – und sind genervt von den unzureichenden Informationen. Doch dass die App viele mit ihren Warnungen allein lässt, hat seinen Grund.

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Mit der Ansteckungsgefahr in der aktuellen Pandemie steigen nun auch die Nutzerzahlen der deutschen Corona-Warn-App: Im Laufe der vergangenen Woche erhöhte sich die Zahl der App-Downloads nach offiziellen Angaben um weitere 800.000 auf etwa 21,1 Millionen. Gleichzeitig schnellte die Anzahl der über die App verschickten Infektionswarnungen auf mittlerweile mehr als 29.000 empor – eine Zunahme um mehr als 11.000 Infektionsmeldungen allein im Verlauf der vergangenen Woche.

Mit den damit auch immer häufiger auf den Handys auftauchenden Warnungen vor Risikobegegnungen können aber offenbar viele Nutzer wenig anfangen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsunternehmens Civey für die WirtschaftsWoche unter insgesamt 5000 Menschen im Verlauf der vergangenen Woche.

Jeder dritte zu Problemen mit der App befragte Nutzer wünscht sich demnach genauere Hinweise, etwa zu Zeitpunkt, Ort oder Dauer von gemeldeten Risikokontakten. Gut jeder Sechste beurteilt die verfügbaren Informationen sogar als „unzureichend“, zeigt die Civey-Umfrage.



Bisher bildet die App nur ab, ob es im Verlauf der vergangenen 14 Tage überhaupt Begegnungen mit Menschen gab, die sich später als coronainfiziert herausstellten. Dazu erscheint der Hinweis, ob mit diesen Kontakten ein geringeres, „grünes“, oder höheres, „rotes“, Ansteckungsrisiko verbunden ist. Wann und wo die Begegnung war, wie lange sie dauerte und wie weit der oder die Andere entfernt war, wird teils nicht vom Handy erfasst, teils den App-Nutzern nicht angezeigt.

Zur Berechnung des individuellen Infektionsrisikos nutzen die Programmierer eine komplexe Formel, in die unter anderem die Stärke und die Dauer empfangener Bluetooth-Funksignale einfließen, aber auch wie lange eine Begegnung zurückliegt oder ob es mehrere Kontakte mit Risikopersonen gab. Die Informationen zum genutzten mathematischen Modell haben die Entwickler im Netz veröffentlicht.

Eine Auflistung zu den Details der einzelnen Risikobegegnungen „kann aus Datenschutzgründen nicht erfolgen, da so eine Identifizierung einzelner Personen unter Umständen möglich würde“, betont eine Sprecherin des Robert-Koch-Institutes, das die App herausgibt. Das stößt unter einigen Nutzern auf Unverständnis: „Ich finde derart diffuse Angaben ziemlich unbefriedigend“, kritisiert beispielsweise Thomas Classen, Mediengestalter und Eventmanager aus dem rheinischen Heiligenhaus. „Es würde mir doch helfen, mein Risiko besser einzuschätzen, wenn ich wüsste, ob ich mit vielen Leuten zusammen in der Bahn saß oder alleine im Auto neben einem Bus gestanden habe, als mein Handy App-Signale einer später erkrankten Person empfangen hat.“

Der strikte Fokus auf den Datenschutz ist das Ergebnis einer heftigen Diskussion im Frühjahr. Um Infektionsketten besser nachverfolgen zu können, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeitweise erwogen, sogar mithilfe der Bewegungsprofile von Smartphone-Nutzern die Ausbreitungswege des Virus nachzuvollziehen. Pandemieforscher wiederum wünschten sich, per App erfassen zu können, wann und wo sich wer getroffen hat, um so Infektionen zurückzuverfolgen.

Verzicht auf fast jede nützliche Sensorik

Nach einem Aufschrei von Datenschützern verschwanden all diese Pläne tief in den Schubladen, und für die heutige Corona-Warn-App verzichteten die Entwickler auf viele nützliche Sensorik. Mehr als Zeitpunkt, Dauer und Stärke des Distanzsignals werden nicht erfasst, wenn zwei Smartphones mit aktivierter App in die Reichweite ihrer jeweiligen Bluetooth-Sender kommen. Man habe, heißt es heute aus Spahns Ministerium, alle anderen denkbaren Anwendungen, „so wünschenswert sie aus wissenschaftlicher oder diagnostischer Sicht sein könnten, dem konsequenten Datenschutz untergeordnet, um größtmögliche Akzeptanz der Anwender zu erreichen“.

Nun aber, da die Angst vor der Infektion wieder wächst, rückt bei Vielen der Datenschutz in den Hintergrund. Vor allem bei „grünen“ Warnungen mit geringem Infektionsrisiko fühlen sich viele Nutzer eher allein gelassen als wirklich informiert: „Ich finde das nur noch nervig!“, „Was soll ich damit anfangen?“, beschweren sich Anwender etwa bei Twitter. Mancher erwägt sogar, „die App demnächst einfach zu löschen, um die nutzlosen Warnungen loszuwerden“.

Derart genervt ist laut Civey-Erhebung zwar nur eine Minderheit der App-Nutzer. Umgekehrt aber könnten mehr Funktionen und konkretere Angaben zu Risikokontakten die Akzeptanz der Warn-App offenbar deutlich steigern. Und das überraschenderweise nicht bloß bei denjenigen, die das Programm bereits auf dem Smartphone nutzen, sondern auch bei denen, die die App bisher noch gar nicht installiert haben.

So wäre die Mehrheit der App-Nutzer laut der Umfrage bereit, zu Lasten des Datenschutzes deutlich mehr persönliche Informationen von der App aufzeichnen zu lassen, um dafür umgekehrt konkretere Angaben zu den Umständen eventueller Risikokontakte zu bekommen. Gut 85 Prozent der Befragten, die die App bereits einsetzen, würden den Zeitpunkt, knapp 80 Prozent zudem den Ort und gut 77 Prozent die Distanz von Risikokontakten erfassen lassen, um diese Informationen im Fall von Warnungen später abrufen zu können.



Mehr noch: Würde die App konkretere Informationen zu Warnungen anzeigen, könnte das laut Erhebung sogar jeden Fünften, der die App noch nicht nutzt, dazu bewegen, sie doch noch aufs Smartphone zu installieren. Auch hier wären Informationen zu Zeitpunkt und Ort eventueller Risikokontakte für die Befragten besonders interessant.



Zwei Drittel der Nichtnutzer allerdings, auch das ergab die Umfrage, würden sich auch von solchen Zusatzangaben nicht dazu bringen lassen, die App zu installieren. Gut ein Viertel der Nichtnutzer lehnt sie weiterhin wegen Datenschutzbedenken ab, knapp die Hälfte der Verweigerer bezweifelt grundsätzlich, „dass die Warn-App etwas nützt“



Spielerisch Abstand trainieren

Dass der Nutzen der App nicht deutlich genug werde, sieht auch Tim Bosenick als eine der größten Schwächen. Der Hamburger Soziologe ist Chef und Gründer des auf die Benutzerfreundlichkeit von Produkten spezialisierten Unternehmens Uintent und findet, die App habe „ein Kommunikationsproblem“. Sie sei viel zu unauffällig und melde sich nur mit schlechten Nachrichten, so Bosenick. Dabei wäre gerade wichtig, „dass das Programm Anwendern immer wieder den Vorteil des Gebrauchs verdeutlicht“. 

Dabei ließen sich über den Einsatz der App sogar positive pädagogische Effekte erzielen. Denkbar sei etwa, dass der Nutzer in der App regelmäßig den durchschnittlichen Abstand angezeigt bekomme, den das Handy im Tagesverlauf bei Begegnungen mit anderen Menschen erfasst. So könnte man etwa Bonuspunkte sammeln, wenn man es schafft, über der empfohlenen Entfernung von 1,5 Metern zu bleiben, schlägt Experte Bosenick vor: „Solche Gamification-Elemente wären für manchen Anwender ein Anreiz, die Abstände bewusster einzuhalten und sich zugleich, wie etwa bei Fitness-Apps, kleine Belohnungserlebnisse abzuholen.“

Ob sich so etwas umsetzen lässt, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Das RKI verweist auf eine entsprechende Nachfrage auf technische Grenzen beim Auslesen der Daten aus den jeweiligen Schnittstellen von Google und Apple in den Smartphones. App-Experten hingegen betonen, dass sich Gamification-Funktionen durchaus in die Programme integrieren ließen.

Datenschützer offen für Zusatzfunktionen

Zumindest müssten derartige Erweiterungen nicht zwangsläufig am Veto der Datenschützer scheitern. „Wir könnten uns eine ganze Reihe zusätzlicher Funktionen vorstellen, die nicht mit rechtlichen Vorgaben kollidieren“, versichert ein Experte beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) in Bonn, der als Aufsichtsbehörde für das RKI als App-Herausgeber zuständig ist. Bisher aber lägen aber keine konkreten Vorschläge vor, ob und um welche Funktionen die App erweitert werden könnte.


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Mit dem grenzüberschreitenden Austausch von Infektionswarnungen sowie der Möglichkeit, nach Infektionen in der App ein Symptomtagebuch zu führen, seien gerade zwei neue Funktionen dazu gekommen, heißt es dazu aus dem Berliner Bundesgesundheitsministerium. Kurzfristig sei keine zusätzliche Erweiterung geplant. Derzeit gehe es erst einmal darum, dass die App und der länderübergreifende Datenaustausch zuverlässig funktionierten.

Das zumindest scheint der Fall zu sein, wie die Civey-Umfrage zeigt. Knapp die Hälfte der Befragten hatte noch gar keine Probleme mit der App, und mehr als vier Fünftel der Nutzer sagten, sie sei immer funktionsfähig.

Mehr zum Thema: Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland ist auf über 19.000 hochgeschnellt.

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