VW-Abgasskandal "Kein Schutzzaun um den fossilen Verbrennungsmotor!"

Die Regierung versucht, den Abgasskandal kleinzureden. Wir müssen ihn aber als Weckruf für die Autobranche zu einer emissionsfreien Zukunft begreifen – damit der Industrie und ihren Beschäftigten kein Nokia-Moment droht.

Cem Özdemir Quelle: dpa

Krisen lassen sich nur selten durch einmalige Beschlüsse beenden. Das gilt auch für den Abgasskandal. Auch wenn die schwarz-rote Mehrheit den Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses beschließt: Viele Regionen sind durch giftige Stickoxide weiter hoch belastet. Schmutzige Diesel-Pkw sind die Hauptursache.

Gerichte können absehbar gar nicht anders, als strenge Fahrverbote zu verordnen. Das wird die Fahrer von Diesel-Pkw stinkig machen – zu Recht. Sie haben sich im Vertrauen auf zum Teil modernste Abgasreinigungssysteme für einen Diesel entschieden. Die Bundesregierung trägt eine große Verantwortung dafür, dass deutsche Autohersteller gerade ziemlich alt aussehen.

Der Abgasskandal verschwindet nicht, indem CDU/CSU und SPD im Bundestag das jahrelange Wegschauen staatlicher Behörden decken und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt zweifelhaft Software-Updates anordnet. Um wieder Vertrauen herzustellen, braucht es jetzt zügig eine wirksame und rechtssichere Nachrüstung von Diesel-Pkw. Nur so können Fahrverbote unterbleiben. Auch wer in München, Stuttgart oder Düsseldorf lebt, hat ein Recht auf saubere Luft.

Welche Schadstoffe im Abgas stecken

Im Abschlussbericht von CDU/CSU und SPD sucht man all dies jedoch vergebens. Wer ihn liest, stößt auf ein lautes „Weiter so“. Es ist ein weiterer Versuch, einen der größten Industrieskandale der Bundesrepublik zu einem Vorkommnis bei einem einzelnen Hersteller kleinzureden.

Unsere Autobauer müssen rechtzeitig die Kurve kriegen!

Klug reagiert Deutschland, wenn es den Abgasskandal als Weckruf begreift und ihn als Chance nutzt. Die Automobilwirtschaft steht vor dem größten Veränderungsprozess ihrer 125-jährigen Geschichte. Das Auto von morgen fährt mit erneuerbarer Energie, leise, sicher und schadstofffrei – unabhängig von Benzin oder Diesel. Es ist vernetzt, zunehmend selbstfahrend und kombinierbarer Teil der Reisekette.

Die Frage lautet also nicht, ob der Abschied vom fossilen Verbrennungsmotor kommt, sondern ob unsere Autobauer rechtzeitig die Kurve kriegen. Sie müssen bei der Energie- und Antriebswende vorangehen und ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos herstellen. Nur so können sie rund um die Megatrends Digitalisierung, Sharing Economy und automatisiertes Fahren eine Führungsposition erlangen. Das sichert in unseren Automobilregionen Jobs und schafft zudem Neue. Dass dies schnell gehen kann, sehen wir auf erfreuliche Weise gerade bei der Ehe für alle, wofür wir Grüne seit unserer Gründung gekämpft haben.

Als Grüner möchte ich hierfür die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Weltweit sind Lebensqualität in Städten und Klimaschutz die neuen Leitplanken einer starken Wirtschafts- und Verkehrspolitik. Die Menschen wollen raus aus Dauer-Smog und Dauer-Staus. Die Nachfrage nach neuen, emissionsfreien Autos beschleunigt sich rasant. China gibt als größter Automarkt die Trends vor und führt eine Absatzquote für Elektroautos ein – andere Länder werden folgen. Damit ist klar: Autos aus deutscher Produktion werden Mobilitätsgarant und Exportschlager bleiben, wenn sie mit klimafreundlichen Antrieben überzeugen und sich in intelligente Verkehrssysteme einpassen.

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