Lime-Chef Wayne Ting: „Ich werde häufig auf Fotos verlinkt, wenn jemand wütend ist“
Kein seltenes Bild in deutschen Großstädten: Fahrzeuge von Sharing-Anbietern sind wie hier in Düsseldorf nicht ordnungsgemäß abgestellt.
Foto: imago imagesIn der Diskussion um achtlos abgestellte E-Scooter sieht der Chef des Sharing-Anbieters Lime, Wayne Ting, auch die Städte und Kommunen in der Pflicht. „Wir unternehmen eine Menge, dass unsere Plattform an dieser Stelle besser wird und es gibt immer noch viel zu tun“, sagte Ting der Deutschen Presse-Agentur.
„Aber der zweite Aspekt sind auch immer Infrastruktur und Regulierung.“ Lime habe sich immer für eine stärkere Regulierung durch die Städte ausgesprochen, betonte er. Die Regulierung in Deutschland müsse jedoch zielgerichtet und diskriminierungsfrei gegenüber anderen gemeinsam genutzten Verkehrsträgern, insbesondere aber auch gegenüber dem privaten Pkw sein.
Platzproblem in den Städten
Es brauche zudem mehr Abstellplätze und auch mehr Radspuren, auf denen Leihfahrräder und E-Scooter neben Fahrradfahrern genug Platz hätten. „Ich werde häufig verlinkt auf Fotos auf den sozialen Plattformen, wenn jemand wütend ist über ein falsch abgestelltes Elektrorad“, sagte Ting.
„Aber egal, wie das Foto aufgenommen wurde: Hinter dem E-Bike sieht man immer ein parkendes Auto hinter dem nächsten.“ Das Platzproblem in den Städten liege nicht an zu vielen E-Scootern oder zu vielen Elektrorädern, sondern an zu vielen Autos. Eine Stadt wie Berlin etwa habe rund 1,2 Millionen Fahrzeuge und für diese noch einmal deutlich mehr Parkplätze.
Lime selbst versuche über mehrere Maßnahmen die Nutzerinnen und Nutzer zu einem richtigen Umgang mit den Fahrzeugen anzuhalten und notfalls auch zu sanktionieren. Die Fahrerinnen und Fahrer müssten Fotos von den abgestellten Scootern machen, es gebe Strafzahlungen im Falle des nicht ordnungsgemäßen Abstellens. Pilotweise probiere Lime derzeit Sensoren aus, die ermitteln, ob jemand auf dem Gehweg fährt. Dann könne es ein Warnsignal geben oder der Roller abbremsen. Hier sei man aber noch in der Testphase, betonte Ting.
Bedarf nach Sharing-Fahrzeugen nicht gedeckt
Das Unternehmen mit Sitz im kalifornischen San Mateo bietet auf seiner Plattform sowohl Elektroräder als auch E-Scooter zum Verleih an. Nach den USA sei Deutschland der zweitgrößte Markt des Konzerns, sagte Ting. Gemessen am Umsatz seien die E-Scooter das wichtigere Geschäft. Der Lime-Chef sieht den Bedarf nach den Sharing-Fahrzeugen bei weitem noch nicht gedeckt. „Die Nachfrage ist heute höher als jemals zuvor, auch mit Blick auf die Jahre vor der Pandemie“, sagte er.
Insbesondere in Deutschland spürten gleich mehrere Anbieter zuletzt aber die verschärften Wettbewerbsbedingungen für den Sharing- und Start-up-Markt: Das Unternehmen Voi hat seine E-Scooter inzwischen aus Deutschland abgezogen. Der Berliner Konkurrent Tier entließ vergangenes Jahr Hunderte Mitarbeiter und stellte die Geschäftsstrategie von Wachstum auf Profitabilität um. Lime-Chef Ting geht davon aus, dass sich der Markt weiter konsolidieren wird. „Es gibt noch immer jede Menge Anbieter da draußen, die Probleme haben“, sagte er.
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Lime selbst habe bereits im vergangenen Jahr erstmals profitabel gewirtschaftet und zumindest vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen auf Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte schwarze Zahlen geschrieben.
Italien will Vorschriften verschärfen – Paris verbietet E-Roller
Auch in anderen Ländern gibt es teils hitzige Diskussionen um Sharing-Fahrzeuge. Nach mehreren Unfällen will Italien die Regeln für E-Scooter verschärfen – etwa mit einer Helmpflicht. Das Kabinett von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat Ende Juni Änderungen in der Straßenverkehrsordnung verabschiedet. Diese sehen eine härtere Gangart für die Leih-Elektroroller vor. Den neuen Vorschriften zufolge müssen Fahrer von E-Scootern künftig einen Helm tragen sowie eine Versicherung abschließen. Es wird zudem ein Nummernschild vorgeschrieben. Die neuen Vorschriften müssen noch vom Parlament abgesegnet werden.
Paris reagiert: Ab September verbietet Frankreichs Hauptstadt den Verleih von E-Rollern.
Foto: imago imagesEs soll außerdem künftig verboten sein, die E-Scooter auf Gehwegen abzustellen, um „ein bisschen Ordnung zu schaffen“, wie Italiens Infrastruktur- und Transportminister Matteo Salvini nach der Vorstellung der Vorschriften sagte. Das „Wildparken“ soll demnach unter Androhung hoher Strafen verboten werden.
In Italien kam es immer wieder zu teils tödlichen Unfällen. Außerdem stören sich Einheimische an Touristen, die mit den Rollern zu schnell auf Gehwegen fahren oder diese einfach mitten auf dem Bürgersteig abstellen.
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Salvini wehrte sich gegen Vorwürfe, Italien würde „übermäßig restriktiv“ gegen die E-Roller vorgehen. Er erinnerte an das Referendum in Paris, bei dem die Bewohner mit großer Mehrheit für ein Verbot des E-Scooter-Verleihs in der Stadt gestimmt hatten. Ab dem 1. September wird das Verbot der Roller dort greifen. „Hier kann sie jeder nach eigenem Ermessen nutzen“, sagte Salvini.
In Paris hatten sich bei einer Bürgerbefragung 89 Prozent der Befragten für ein Verbot von E-Scootern ausgesprochen. Die Stadt hat reagiert und verbietet ab September den Verleih der E-Roller. Dass sich an dem Votum nur 7,46 Prozent der 1,3 Millionen Wahlberechtigten beteiligten, ist für die Stadt indes kein Hindernis.
Deutschland, Italien und Frankreich sind nicht alleine mit der Diskussion um Sharing-Fahrzeuge: Zahlreiche Großstädte rund um die Welt haben die Benutzung von E-Rollern mittlerweile reguliert und eingeschränkt.
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