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Umbruch in der Logistikbranche „Schiere Größe heißt noch nicht, dass man die Digitalisierung meistert“

Digitalisierung: die Logistikbranche im Umbruch Quelle: dpa

Start-ups wie Freighthub wollen die Logistikbranche von Faxgeräten weglocken und endlich digitalisieren. Doch daran arbeiten auch große Spieler wie Kühne und Nagel oder DHL.

Als nächstes geht es nach Hong Kong. Ferry Heilemann lächelt, wenn er das erzählt. Mit der Expansion seines Unternehmen Freighthub ist er so einen großen Schritt weitergekommen. Hong Kong ist bereits der dritte Standort, den das Start-up eröffnet, nach Hamburg und Berlin. Er ist der erste im Ausland – und damit vielleicht der wichtigste.

Seit etwa zwei Jahren bauen Ferry Heilemann und sein Bruder Fabian an Freighthub, „einer volldigitalen Spedition“. Die Brüder sind bekannt in der Start-up-Szene. 2009 gründeten die Heilemanns DailyDeal, eine deutsche Variante des US-Rabattportals Groupon. Keine drei Jahre später verkauften die beiden das Unternehmen an Google – für 114 Millionen Dollar.

„Die nächste Firma, sollte eine nachhaltigeres Geschäftsmodell haben in einem großen Markt in dem man jahrzehntelang arbeiten kann“, sagt Ferry Heilemann. Die Brüder sahen sich um, analysierten Märkte und ihre eigenen Verbindungen. Sie entschieden sich – gemeinsam mit den Freighthub-Mitgründern Erik Muttersbach und Michael Wax – für die Logistik, mit der sicheren Erkenntnis: Sie hat es nötig.

Die Logistik gilt als eine der am wenigsten digitale Branchen. Das verwundert, schließlich beschäftigt sich die Branche pausenlos damit, wie man etwas am einfachsten und am schnellsten vermitteln kann.

Doch an den Grenzposten und Flughäfen braucht man auch heute noch Faxgeräte und Papier. Auch in der Unternehmens-IT sieht es selten modern aus. Die Systeme sind mit den Unternehmen gewachsen, häufig unkoordiniert und das seit Jahren.

Das Potenzial, diese Systeme zu digitalisieren, gilt als gewaltig. Investoren wittern gute Geschäfte. Fast elf Milliarden Dollar Venture-Kapital flossen seit 2006 in Transportportale und Frachtbörsen, ermittelte die Unternehmensberatung Oliver Wyman. Erst vor wenigen Wochen verkündete der Risikokapitalgeber Target, 100 Millionen Dollar in Mobilitäts-Start-ups in Deutschland und Israel investieren zu wollen.

Nicht nur die Heilemanns haben die Digitalisierung von Transportabwicklung als Zukunftsfeld entdeckt. Auch die Brüder Samwer (Rocket Internet) haben in das französische Pendant Convargo investiert. In Israel wächst Freightos, in den USA Flexport. Sie alle treten an, um den etablierten Großlogistikern wie Kühne und DHL mit einfacheren und transparenteren Serviceangeboten das Geschäft abzujagen. Doch die Platzhirsche der Branche haben mittlerweile selbst erkannt, dass sie etwas tun müssen – und stecken Millionen in den Ausbau ihrer Infrastrukturen.

Wer kommt zuerst ans Ziel?

Das Wettrennen um die Digitalisierung der Logistik hat begonnen. Wer kommt zuerst ans Ziel?

Heute funktioniert das Geschäft bei den vielen Speditionen meist noch so: Kunden suchen einen Transport für ihre Waren und melden sich dazu bei den zuständigen Mitarbeitern. Diese Disponenten checken Frachtraten von Reedereien oder Airlines, sie suchen LKW-Dienstleister zusammen und bauen eine Route. Manchmal vergehen bis zu 72 Stunden, bis der Kunde diese samt Kostenvorschlag erhält. Auch weil in manchen Unternehmen die Disponenten bislang lieber zu Listen als zu Programmen greifen. Eine Studie des Beratungsunternehmen Prolog unter Mittelständlern in Deutschland ergab, dass 70 Prozent der Unternehmen noch Transportanfragen via Telefon, Fax oder E-Mail erhalten. Nur jedes siebte Unternehmen nutze Frachtsoftware.

Bei Freighthub, verspricht Heilemann, soll es nur einige Sekunden dauern, bis die Kunden aus mehr als 200 mögliche Optionen für ihren Transport wählen können. „Das ist so einfach wie eine Flugbuchung.“

Von den Fluglinien hat Freighthub sich noch mehr abgeschaut. „Wir wissen von jedem Kunden, wie groß er ist, welche Waren er hat und wohin die gehen“, sagt Heilemann. „Dementsprechend bekommt der Kunde auch einen auf seine Größe passenden Preis.“ Und der passe sich automatisch an Nachfragen und Engpässe an.

Freighthub betreibtdabei das gleiche Geschäft wie große Spieler wie Kühne, Nagel oder DHL. Es sucht sich Partner, von Reedereien über Fluglinien und großen LKW-Speditionen, kauft ihnen Kapazitäten ab, und gibt diese an Kunden weiter. Allerdings haben DHL und Co wesentlich mehr Partner – und damit mehr Optionen für ihre Kunden.

Heilemann fühlt sich trotzdem im Vorteil. „Große Kunden, die tausende Container verschicken, verlassen sich eh nicht nur auf einen Anbieter. Die wollen keine zu starke Abhängigkeit und arbeiten typischerweise mit mehreren Spediteuren zusammen.“

Freighthub habe einen Pluspunkt: seine Algorithmen. „Wir können unsere IT-Infrastruktur von Anfang an perfekt bauen. Nicht umsonst werden auch Häuser abgerissen, wenn man etwas Neues bauen will. Weil ein Umbau manchmal zehnmal so teuer und zehnmal so komplex ist“, sagt Heilemann. „Schiere Größe und eine Milliarde Euro in der Hand heißt noch nicht, dass man die Digitalisierung meistert.“

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