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Bundeskartellamt erlaubt Fusion Protokoll: Diese Fehler trieben Kaufhof in die Arme von Karstadt

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„Zusammenschluss unter Gleichen“

Willingen, 7. November 2017: Wie weit Kaufhof-Chef Link von seinem Ziel entfernt ist, rasch einen Sanierungstarifvertrag auszuhandeln, um die Personalkosten zu senken, zeigt eine Betriebsrätetagung im Sauerland. Ein Kaufhof-Betriebsrat nach dem anderen steht auf und zerschlägt mit lautem Getöse jene Kaffeetassen, die die Kaufhof-Mitarbeiter einst zum Start von HBC bekommen hatten. „Wie versteinert“ hätten Link und seine Managementkollegen das Spektakel mitangesehen, erinnert sich ein Teilnehmer.

Auch sonst läuft es nicht rund für Link. Zwar hat er die Führung des operativen Geschäfts von Kaufhof an den erfahrenen Sanierer und früheren Real-Manager Roland Neuwald abgegeben und konzentriert sich auf seinen Posten als HBC-Europachef. Doch auch jenseits von Deutschland rumort es: Die ersten Hudson’s-Bay-Kaufhäuser in den Niederlanden starten mit erheblichen Anlaufverlusten, und die Saks-Off-5th-Filialen werfen weit weniger ab als erwartet.

Toronto, 5. Februar 2018: Braune Augen, talkshowerprobtes Lächeln, marathongestählter Ehrgeiz – und vor allem Erfahrung. Lange Jahre war Helena Foulkes im Top-Management der US-Drogeriekette CVS tätig. Nun soll sie als Chefin von HBC in den Kampf gegen die „Retail Apocalypse“ ziehen, wie der Niedergang des stationären Einzelhandels in den USA genannt wird. „Helena ist eine echte Führungspersönlichkeit in Sachen Transformation, die das Geschäft mit einer neuen Perspektive beleben wird“, lobt Baker.

Bei der Bewertung der Kaufhof-Offerte gibt es allerdings keinen Perspektivwechsel: Ein Verkauf an Benko wird von HBC offiziell abgelehnt. Man glaube an die eigene Fähigkeit, „die Ergebnisse unserer traditionsreichen Warenhausmarken zu steigern“, heißt es zur Begründung.

Im Fall von Kaufhof bedeutet das vor allem: sparen. 400 der 1600 Stellen in der Zentrale sollen bis 2020 wegfallen.

Berlin, 21. Februar 2018: Der Moderator kündigt ihn als einen der bedeutendsten Immobilienmanager Europas an. Zwei Jahre habe er um ihn buhlen müssen. Nun ist Benko zum Branchentreff in den Ballsaal des Hotels Adlon gekommen und sieht aus wie ein Schulbub, der seine Bartstoppeln etwas zu lang hat stehen lassen. Seiner Attitüde tut das freilich nichts. Der Arm lehnt lässig über dem Sofa, das Bein überschlagen. Er freue sich über das Lob, lässt er wissen – und beginnt den Bau am eigenen Mythos: Alle gegen Benko – und er gegen alle Widerstände. Dass er gerade zum dritten Mal mit seinen Kaufhof-Plänen abgeblitzt ist? Geschenkt.

Trotzdem scheint sein Glaube an die eigenen Fähigkeiten unerschüttert. „Wer mehr Torchancen vorbereitet, der macht auch mehr Bälle rein“, sagt er. Und: „Alles, was ich tue, bringe ich auch zu Ende.“

„Deutsche Warenhaus AG“ – So könnte die Fusion von Karstadt und Kaufhof aussehen

Im Publikum ahnen in diesem Moment viele, dass Kaufhof für Benko nicht erledigt ist. Tatsächlich ist bald von Geheimtreffen in Wien und London die Rede, unter den Codenamen „Donau“ und „Maple“ würden Signa und HBC erneut verhandelt, heißt es. Wie zum Beweis findet eine vertrauliche Präsentation ihren Weg zur Gewerkschaft Verdi, die von den Segnungen einer „Deutschen Warenhaus Holding“ kündet.

Anders als bei den bisherigen Vorstößen werde nun „ein Zusammenschluss unter Gleichen“ angestrebt, heißt es darin. Erklärtes Ziel sei es, möglichst viele der zusammen 175 Standorte von Kaufhof und Karstadt zu erhalten, allerdings könnten in den kommenden fünf Jahren zwischen 15 und 20 Standorte „geschlossen werden“. Die beiden Marken Kaufhof und Karstadt sollen dagegen erhalten bleiben. In Summe könnte das deutsche Warenhausdoppel so Synergieeffekte von 200 Millionen Euro einspielen.

Köln, 2. Juli 2018: Kaufhof-Gründer Leonhard Tietz schaut mit strengem Blick von der Wand. Um einen langen Holztisch stehen dunkelgrün gepolsterte Stühle. Nur die beiden Dolmetscherkabinen wirken wie Fremdkörper im Saal. Alle paar Wochen trifft sich hier der Aufsichtsrat, um sich unter dem Tietz-Gemälde auszutauschen.

Diesmal ist der Gesprächsbedarf besonders groß. Die Gerüchte um den Zusammenschluss mit Kaufhof bewegen die Arbeitnehmerseite. Die Antworten des Managements fallen spärlich aus. „Die haben selbst keine Ahnung, wohin die Reise geht“, vermutet ein Kontrolleur. Dabei unterzeichnen Vertreter von HBC und Signa tags darauf eine rund 200 Seiten starke Absichtserklärung mit dem sperrigen Titel „Vereinbarung zu einer Fusion unter Gleichen im europäischen Warenhaus-Geschäft“. Danach sollen Kaufhof, Karstadt und Karstadt Sport in ein Joint Venture eingebracht werden. Benkos Firma Signa würde nach den Plänen rund 50,01 Prozent der Anteile an dem Gemeinschaftsunternehmen bekommen und Karstadt-Chef Fanderl das operative Geschäft managen. Als relativ sicher gilt, dass der Karstadt-Stammsitz in Essen über kurz oder lang wegfällt.

Als die WirtschaftsWoche über den Stand der Verhandlungen berichtet, rumort es gewaltig. Essens Oberbürgermeister spricht von einer Zäsur, der Deutsche Städtetag schaltet sich ein. Betriebsräte beider Unternehmen verlangen Auskunft. Doch offiziell dringt weiter nichts nach außen. Man befände sich in Gesprächen, teilt HBC nur mit, während im Hintergrund hektisch um die Details des Deals gerungen wird. Bilanzexperten von HBC durchkämmen das Zahlenwerk, Rechnungsleger des österreichischen Karstadt-Besitzers Signa kalkulieren letzte Einzelheiten, Anwälte wälzen die Verträge, Banker schalten sich ein - und Egos prallen aufeinander. Mehrfach stehen die Verhandlungen vor dem Abbruch. Doch am Ende reißen sich alle Beteiligten zusammen, zügeln ihre Temperamente.

Köln, 11. September 2018: Kaufhof und Karstadt verkünden die Fusion. „Die Galeria Kaufhof GmbH und die Karstadt Warenhaus GmbH, zwei traditionsreiche Namen des deutschen Einzelhandels, schließen sich zu einem starken Unternehmen zusammen“, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Die Führung über den neuen Kaufhauskoloss soll wie erwartet Fanderl übernehmen. In einem Brief informiert HBC-Chefin Foulkes die Kaufhof-Mitarbeiter über den „Zusammenschluss unter Gleichen“, der „für beide Seiten die beste Lösung“ sei. „Unser gemeinsames Ziel ist es, ein stärkeres Einzelhandelsunternehmen zu formen, das die heutigen und zukünftigen Kundenanforderungen auf allen Kanälen bestmöglich erfüllt“, schreibt Foulkes darin. Der Schritt sei mit vielen Chancen verbunden. „Allerdings befinden wir uns erst am Anfang des Prozesses.“ Der Zusammenschluss müsse von den Wettbewerbsbehörden geprüft und freigegeben werden. Erst dann könne es wirklich losgehen. „Mit besten Grüßen, Helena.“

Bonn, 9. November 2018: Der Andreas Mundt residiert im Chefbüro eines strahlend weißen, landschlossartigen Gebäudekomplexes in Bonn. Als er sein Amt als Präsident des Bundeskartellamtes im Jahr 2009 antrat, lag Karstadt in Trümmern und kämpfte ums Überleben. Jetzt soll die Fusion mit Kaufhof den Handelsveteranen neues Leben einhauchen. Mundt und seine Behörde haben kaum Bedenken. Zu gering ist letztlich der Verhandlungsmacht selbst eines fusionierten Unternehmens gegenüber Lieferanten, zu sehr sind Umsätze und Bedeutung der Warenhäuser in den vergangenen Jahren zusammengeschmolzen. Es gebe weder aus Sicht der Verbraucher noch der Hersteller und Lieferanten wettbewerbliche Bedenken, erklärt Mundt. Kaufhof und Karstadt hätten nur in einzelnen Warengruppen und Regionen Marktanteile von mehr als 25 Prozent. Die Warengruppen Gepäck, Wäsche, Sport und Outdoor, Spiele und Spielwaren, Heimtextilien sowie Büro- und Schreibwaren seien näher geprüft worden, weil die Marktstellung der beiden Händler hier am stärksten sei. Es hätten sich aber keine wettbewerbsrechtlichen Bedenken ergeben, die eine Untersagung des Vorhabens rechtfertigen würden. Im Klartext: Die Fusion ist durch – und die eigentliche Mission kann starten, "eine Phase, die von harter Arbeit, großen betrieblichen Herausforderungen und fordernden Marktveränderungen geprägt ist", hatte Fanderl bereits im Vorfeld erklärt. Tatsächlich kommt nun ein Kraftakt auf Kaufhof und Karstadt zu. Die Warenwirtschaftssysteme mit Hunderttausenden Artikeln müssen angeglichen werden, die Preise der Lieferanten verglichen, Pläne geprüft, Verträge neu verhandelt werden. Offiziell ist zudem noch immer offen, welche der beiden Zentralen bestehen bleibt. Jede Sparmaßnahme und jede Neuerung, die Fanderl im künftigen Gemeinschaftsunternehmen durchsetzt, wird zum Politikum, argwöhnisch beobachtet von den Betriebsräten der jeweiligen Teile. „Das wird ein riesiges Stück Arbeit“, „Das wird ein riesiges Stück Arbeit“, ist der frühere Kaufhof-Chef Lovro Mandac überzeugt. Ein Mix aus Kärrnerjob und diplomatischer Mission. Fünf bis sieben Jahre werde es dauern, die Rivalen zu einen, ist Warenhauskenner Mandac überzeugt.

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