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Ceconomy-Chefwechsel Kann Jürgen Fitschen Media-Markt-Saturn retten?

Ex-Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen Quelle: imago images

Ceconomy, Betreiber der Elektronikkette Media-Markt-Saturn, hat schon wieder einen neuen Chef. Ceconomy-Oberaufseher, Ex-Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen, ist stärker als erwartet gefordert – oder sogar überfordert?

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Bei der Deutschen Bank zählte Jürgen Fitschen über Jahrzehnte fest zum Inventar. Von manchen belächelt, von manchen bewundert war der Sohn eine Landwirts aus der niedersächsischen Provinz unermüdlich mit dem Ziel unterwegs, dem Geldhaus bei großen deutschen Unternehmen ein freundlich-seriöses Gesicht zu verleihen. Seine Karriere schien längst auf der Zielgeraden angekommen zu sein, als sie 2012 noch einmal einen unerwarteten Höhepunkt erreichte. Als eine Art Anstands-Sidekick des in Deutschland als schwer vermittelbar geltenden Investmentbankers Anshu Jain rückte Fitschen mit an die Spitze des Konzerns – und wurde im folgenden Abwärtsstrudel zunehmend zu dessen tragischer Figur. Als die Polizei etwa einmal in einer Großrazzia in seine Bank stürmte, erschreckte das die damals noch nicht an derartigen Besuch gewöhnten Angestellten so, dass sich Fitschen telefonisch bei der Landesregierung beschwerte – und fortan mit dem Vorwurf leben musste, die Justiz beeinflussen zu wollen.

Als der pflichtbewusste Bankchef im Mai 2016 seinen Posten räumte, konnte man sein Aufatmen fast schon in ganz Frankfurt hören. Er hatte es hinter sich und fortan viel Zeit für Pferde, Familie und ein paar nicht allzu aufregende Aufsichtsratsmandate – was Manager halt so machen, wenn sie während der Arbeitszeit ausreichend verdient und sich gut vernetzwerkt haben. Das unerfreuliche Geschehen in der Bank, der er als Berater verbunden blieb, soll ihn zuletzt eher maßvoll aufgewühlt haben.

Kirch-Pleite, Ceconomy-Chaos

Nun aber wird seine als grundentspannt eingeplante Lebensphase noch einmal richtig aufregend. Am kommenden Dienstag verhandelt der Bundesgerichtshof in Karlsruhe, ob ein Strafprozess um die Pleite des Medienunternehmers Leo Kirch im Jahr 2002 noch einmal aufgerollt wird – Fitschen müsste dann wieder neben seinen Vorgängern Josef Ackermann und Rolf Breuer auf der Anklagebank Platz nehmen. Vor allem aber fordert ihn sein neben dem Dax-Konzern Vonovia wichtigstes Aufsichtsratsmandat bei der Elektronikmarktketten-Holding Ceconomy deutlich mehr als zu erwarten war. Und zumindest auf den ersten Blick macht Fitschen hier eine unglückliche Figur.

Denn es herrscht offenkundig Chaos beim Düsseldorfer Konzern. Der von Fitschen mitinstallierte bisherige Chef Jörn Werner muss die Dachgesellschaft von Media-Markt und Saturn nach gerade mal gut 200 Tagen schon wieder verlassen. Für ihn springt übergangsweise und für die Dauer von zwölf Monaten Bernhard Düttmann ein, bis dato neben dem Vorsitzenden Fitschen Mitglied des Aufsichtsrats. Das Kontrollgremium wacht über eine latent permanent konfliktträchtige Konstellation. „Das große Problem ist die Zweistufigkeit des Konzerns mit der Autonomie der Media-Saturn-Holding“, sagt ein Unternehmenskenner. Der Chef der unter dem Ceconomy-Dach angesiedelten Holding und der Chef von Ceconomy müssten unbedingt gut miteinander auskommen.

Die Hoffnungen ruhen nun auf dem neuen, alten Duo

Das taten sie zuletzt nicht wirklich. Auf der einen Seite steht Ferran Reverter, früherer Spanien-Chef von Media-Saturn, und erst seit November 2018 neuer Hauptgeschäftsführer der Holding. Auf der anderen Seite besagter Jörn Werner, der erst im April zum neuen Ceconomy-Chef ernannt worden war. Zuvor hatte er die Auto-Werkstattkette ATU und den Elektronikhändler Conrad geleitet. Die beiden zuständigen Manager hätten, so heißt es, zunehmend erbittert um eine Strategie gerungen, wie die mit 1000 stationären Märkten größte Kette Europas dem Online-Konkurrenten Amazon am besten entgegentreten könne. Aus Sicht vieler Experten hat Ceconomy dem Online-Handel viele Jahre lang zu wenig Beachtung geschenkt, nicht genügend investiert – und muss nun weiter nacharbeiten. Über den richtigen Weg dorthin verkrachten sich die zuständigen Manager schon nach kurzer Amtszeit. Offenbar hat Jörn Werner diesen Machtkampf nun verloren.

Sein Nachfolger könnte mit dem Spanier Reverter besser auskommen. In der Zeit von Januar bis März 2019 war Düttmann bereits kurzfristig als Ceconomy-Chef eingesprungen, nachdem der Niederländer Pieter Haas die Geschäftsführung nach drei Gewinnwarnungen zusammen mit dem damaligen Finanzchef Mark Frese verlassen musste. Ein mit der Situation Vertrauter sagt, dass sich die Hoffnungen der Beteiligten nun auf diese überschaubare Zeit stützen: „Die Chemie stimmt zwischen Reverter und Düttmann, der das ja schon bewiesen hat. Alle gehen davon aus, da beide schon Anfang des Jahres gut zusammengearbeitet haben, dass nun alles auf einen guten Weg kommt.“ Zudem bewertet es ein Insider als gutes Signal, dass Düttmann nun mehr Kompetenzen innerhalb der Media-Saturn-Holding eingeräumt werden sollen.

Es dürfte einige im Unternehmen geben, deren Erinnerungen an Düttmann noch frisch sind. In seiner ersten kurzen Zeit als Ceconomy-Interimschef hatte er bleibenden Eindruck hinterlassen, bei manchen nicht nur positiven. Düttmann hatte Anfang des Jahres rigoros aufgeräumt in der Führungsebene der Media-Saturn-Holding: Im Februar 2019 sorgte er dafür, dass nicht weniger als 16 Manager aus der ersten und zweiten Führungsebene die Holding verlassen mussten für einen „strategischen Neuanfang“. Er wurde damals mit den Worten zitiert: „Wir müssen (…) Leute haben, die auch exekutieren wollen.“

Steigender Online-Anteil

Die braucht es wohl auch bei einem Unternehmen dieser Größe: Die Ceconomy AG erwirtschaftet mit 62.000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 21 Milliarden Euro. Der Börsengang erfolgte im Zuge der Abspaltung von der früheren Metro AG im Sommer 2017. Im vergangenen Jahr rutschte die Ceconomy-Aktie vom M-Dax in den S-Dax ab. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs 2018/2019 vermeldete Ceconomy einen um 15,8 Prozent gestiegenen Online-Anteil am Gesamtumsatz verglichen mit dem Vorjahreszeitraum. Im Internet erwirtschaftete das Unternehmen demnach rund 2,3 Milliarden Euro, das entspricht 14 Prozent am Gesamtumsatz. Allerdings ging das Gesamtumsatzwachstum um rund 1,7 Prozent zurück. In der dazugehörigen Quartalsmitteilung wird der damalige Chef Jörn Werner noch mit den Worten zitiert: „Die Transformation unseres Geschäftsmodells ist und bleibt wesentlich für Ceconomy und Media-Markt-Saturn.“ 

Das immerhin ist unbestritten. Als Deutsche-Bank-Chef hatte Fitschen ebenfalls eine Transformation des Geschäfts angekündigt – und sie alles andere als erfolgreich abgeschlossen. Der digitale Wandel ist für die Handelskette eine mindestens ebenso überlebenswichtige Frage, wie es die Umbrüche im Bankgeschäft für Fitschens alten Arbeitgeber waren. Aus seiner Zeit dort weiß er, wie sehr Störmanöver und Intrigen den notwendigen Prozess blockieren können. Als Kontrolleur muss er nun beweisen, dass er aus den teils bitteren Erfahrungen gelernt hat.   

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