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Nutri-Score, Ampel oder Sterne-Logo? Händler streiten um Nährwertangaben

Quelle: imago images

Damit Kunden leichter erkennen können, ob viel Zucker, Fett oder Salz in Lebensmitteln steckt, fordern Verbraucherschützer seit Jahren eine bessere Kennzeichnung. Aldi und Lidl unterstützen jetzt die Pläne. Andere Händler sind skeptischer.

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Die Pläne der großen Koalition für die Einführung einer Nährwertampel stoßen bei den großen Supermarktketten und Discountern auf ein geteiltes Echo. Während aus Sicht von Rewe und Penny die bestehenden Nährwertangaben ausreichend sind, hält Aldi eine weitergehende Kennzeichnung „für sinnvoll“, insbesondere für Fertiggerichte. Auch Lidl „befürwortet“ nach eigenen Angaben „eine branchenweit einheitliche, leicht verständliche Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln“. Einer „Einführung bei unseren Eigenmarkenprodukten stehen wir offen gegenüber“, teilt das Unternehmen mit. Kaufland plädiert für eine „europaweit einheitliche Lösung“, die selbsterklärend ohne Text auskommt, da dieser „auf internationalen Verpackungen in jeder Landessprache aufgebracht werden müsste.“ Nur Edeka, Deutschlands größter Lebensmittelhändler, wagt sich nicht aus der Deckung und will sich „aus Wettbewerbsgründen“ nicht äußern.

Damit Kunden einfacher erkennen können, ob viel Zucker, Fett oder Salz in Lebensmitteln steckt, fordern Verbraucherschützer seit Jahren eine klarere Kennzeichnung. Die große Koalition strebt ebenfalls eine Kennzeichnung an. Wie die jedoch aussehen soll, ist umstritten.

Gesucht: Kennzeichen D

Ein Favorit in der Debatte ist Nutri-Score, eine Kennzeichnungsvariante, die die Nährwertqualität der Lebensmittel in einer Farbskala auf der Verpackung zusammenfasst und schon auf ersten Produkten in Supermärkten zu sehen ist. Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) will sich allerdings noch nicht festlegen. Im Sommer will Klöckner eine Verbraucherbefragung starten, bei der vier bis fünf Kennzeichnungssysteme zur Auswahl stehen. Verbraucherschützer fordern aber mehr Tempo.

Es sei höchste Zeit, dass Klöckner sich von der „unbelehrbaren deutschen Süßwaren- und Junkfood-Industrie“ emanzipiere und dem besten Modell für Europas Verbraucher auch in Deutschland zum Durchbruch verhelfe, sagte Luise Molling von der Organisation Foodwatch jüngst der Nachrichtenagentur dpa. Mit Nutri-Score sei auf einen Blick zu erkennen, wie ausgewogen oder unausgewogen verarbeitete Lebensmittel sind. Die Kennzeichnung bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz auch empfehlenswerte Bestandteile wie Ballaststoffe oder Proteine in die Bewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an – auf einer fünfstufigen Skala von dunkelgrün bis rot.

Foodwatch stellte eine Studie vor, die fünf Modelle aus anderen Ländern untersuchte. In diesem Vergleich sei Nutri-Score „das effizienteste System“ zur Aufklärung über die Ernährungsqualität gewesen. Die Teilnehmer sollten Produkte mit und ohne Kennzeichnung nach der höchsten, mittleren oder niedrigsten Qualität einordnen. In Deutschland wurden 1000 Menschen befragt, aber ausgewählt nach bestimmten Kriterien und nicht als repräsentative Stichprobe der Bevölkerung. Die Studie stammt den Angaben zufolge von Forschern der Universität Paris-Nord – diese waren auch an der Entwicklung von Nutri-Score beteiligt – sowie der Curtin University in Australien.

Getestet wurde auch die britische „Ampel“, über die lange heiß diskutiert wurde. Sie zeigt in separaten Feldern in Rot, Gelb und Grün einen hohen, mittleren oder niedrigen Gehalt an Zucker, Fett und Salz. Und es gibt noch weitere Modelle. So warnen in Chile schwarze achteckige Logos in Stoppzeichen-Form etwa vor einer „großen Menge Zucker“. In Australien und Neuseeland gibt es eine Kennzeichnung, die eine zusammenfassende Bewertung in einem Logo darstellt – je gesünder, desto mehr von fünf möglichen Sternen in einem Kreis werden schwarz unterlegt.

Eine vergleichende Einschätzung hat auch schon das bundeseigene Max-Rubner-Forschungsinstitut für Ernährung (MRI) vorgelegt. Fazit: Jedes untersuchte Modell habe „Vorteile, jedoch auch Einschränkungen“ - auch Nutri-Score. Das System sei als „wissenschaftlich fundiert und nachvollziehbar“ anzusehen und richte sich an die Breite der Bevölkerung. Fragezeichen machte das MRI aber etwa bei Bewertungen zum Gehalt an Ballaststoffen und Zucker. Generell sei zu klären, ob ein Modell Einzelkomponenten oder das Gesamtprodukt beschreiben und bewerten solle. Um Verwirrung zu vermeiden, solle die Bundesregierung dann auch nur ein Modell unterstützen, das einheitlich aussieht.

Das Max-Rubner-Institut stellte auch ein eigenes Modell vor. Nährwerte wie Salz, Zucker oder Fett werden darin gesondert ausgewiesen. Daneben steht eine Gesamtbewertung, die bis zu fünf Sterne vergibt. Je mehr Sterne ein Produkt bekommt, desto dunkler die Schattierung einer blaugrünen Farbe, mit der der Stern unterlegt ist. Verbraucherschützer hatten das Logo aber wegen angeblich zu neutraler Farbgebung kritisiert.

Auch der Spitzenverband der Lebensmittelbranche (BLL) hat bereits einen Vorschlag gemacht. Damit würde auf der Packungsvorderseite der Gehalt an Nährstoffen und die Kalorienzahl veranschaulicht – aber über eine Darstellung in fünf Kreisen, mit Hellblau und Lila. „Ampelfarben und Buchstaben mögen verständlich sein, aber deren Aussage ist nicht immer die richtige“, kritisierte der Verband. Das Thema sorgt aber für Krach: Der Tiefkühlkostanbieter Iglo, der Nutri-Score einführen will, trat unter Protest aus dem BLL aus. Die Zuckerbranche warnte: „Lebensmittel lassen sich nicht in gesund und ungesund einteilen.“

Wie schnell die Entscheidung nach Klöckners Verbraucherabstimmung über die verschiedenen System fällt, muss sich erst noch zeigen. Für die SPD betonte Ernährungsexpertin Ursula Schulte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: „Nutri-Score hat das Zeug zu einem europäischen Projekt, das das Wohl der Verbraucher in den Mittelpunkt stellt.“ Der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold hatte angekündigt, nach der Europawahl einen neuen Anlauf zu starten, EU-weit eine „Lebensmittelampel“ einzuführen. FDP-Fachpolitiker Gero Hocker wandte sich indes dagegen, mit noch einer Kennzeichnung den Weg zu einer „Entmündigung des Bürgers“ zu gehen.

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