SAP: Das sind die Gründe für den wachsenden Unmut in der SAP-Belegschaft
Nachtaufnahme SAP in Walldorf
Foto: imago imagesSeit Jahresanfang rumort es bei den SAP-Beschäftigten. Inzwischen schlägt sich die interne Unruhe auch deutlich im Betriebsklima nieder: Laut den Ergebnissen der aktuellen Mitarbeiterbefragung, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegen, vertraut derzeit nur noch etwas mehr als jeder zweite Beschäftigte des Walldorfer Softwarekonzerns dem Vorstand (56 Prozent), ein sattes Minus von zwölf Prozentpunkten gegenüber 2023. Überdies würden nur noch 79 Prozent SAP als „großartigen Arbeitgeber“ empfehlen, ein Rückgang von zehn Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr. Auch das Vertrauen in die Umsetzung der SAP-Strategie ist leicht gesunken: um drei Prozentpunkte auf nurmehr 69 Prozent.
„Wir sind uns darüber im Klaren, dass unser globales Restrukturierungsprogramm sowie andere Veränderungen wie die Rückkehr ins Büro einen wesentlichen Einfluss auf diese Ergebnisse haben“, schreibt SAP-Arbeitsdirektorin Gina Vargiu-Breuer in einer internen E-Mail mit dem Vermerk „Confidential“ (dt.: vertraulich), die der WirtschaftsWoche vorliegt.
Auf Anfrage der WirtschaftsWoche betont SAP, die Ergebnisse der letzten Mitarbeiterumfrage hätten bei vielen Themen gute Ergebnisse gezeigt, räumt aber auch ein: „Allerdings gibt es auch Werte mit klarem Verbesserungspotenzial, darunter die gesunkenen Werte für Mitarbeiterengagement und das Vertrauen in den Vorstand“, heißt es dazu aus Walldorf – und weiter: „Wir nehmen diese Kritik sehr ernst. Daher analysieren wir derzeit die Ergebnisse im Detail und entwickeln darauf aufbauend Maßnahmen, die diese Punkte gezielt adressieren.“
Konzernumbau und Stellenstreichungen
Für den wachsenden Unmut in der SAP-Belegschaft gibt es mehrere Gründe: Zum einen will sich SAP verschlanken und künftig stärker auf künstliche Intelligenz (KI) setzen. Dafür hat Unternehmenschef Christian Klein Anfang des Jahres seinem Konzern ein weitreichendes Umbauprogramm verordnet. Zudem hat er bei der Gelegenheit die weltweite Streichung von 8000 Stellen angekündigt, allein 2600 davon in Deutschland. Hierzulande soll der Abbau über ein Freiwilligen- und Vorruhestandsprogramm laufen.
Das lief bisher so gut, dass sich hierzulande bis Ende Juni mit 5300 mehr als doppelt so viele SAPler für das Programm registriert haben als ursprünglich geplant. Weil der freiwillige Ausstieg stärker nachgefragt wird als ursprünglich angenommen, soll der Stellenabbau nun von ursprünglich 8000 auf bis zu 10.000 Stellen ausgeweitet werden, wie SAP-Chef Klein Anfang der Woche bei der Präsentation der Zahlen fürs zweite Quartal verkündete.
Für noch mehr Unruhe sorgt freilich eine weitere Neuerung, die der SAP-Boss Anfang des Jahres verordnete: Während der Coronapandemie im Jahr 2020 hatte SAP seinen Beschäftigten weitgehend freigestellt, von wo aus sie arbeiten. Anfang Januar verpflichtete das Unternehmen sie wieder zu drei Bürotagen pro Woche, wie die WirtschaftsWoche damals exklusiv vermeldete. Seit Anfang Mai gilt die Regel verpflichtend für alle SAPler.
Schockwellen durch den Softwarekonzern
Die neue Präsenzpflicht im Büro sendete offenbar regelrechte Schockwellen durch den gesamten Konzern: „SAP, wie wir es kannten, ist vorbei“, kritisierte der europäische SAP-Betriebsrat die neue Regelung Ende Januar in einer internen E-Mail. „Wir fühlen uns von einem Unternehmen verraten, das uns bis vor kurzem dazu ermutigt hat, von zu Hause zu arbeiten“, so die Arbeitnehmervertreter weiter.
Für weiteren Unmut sorgte Anfang des Jahres ein Bewertungssystem, das helfen soll, Mitarbeiter zu identifizieren, die zu wenig leisten. Zudem kassierte der Vorstand seinerzeit eine schon ausgerufene bezahlte Väterzeit. „Jetzt ist Schluss mit Kuscheln“, überschrieb die WirtschaftsWoche Ende Januar eine große Hintergrundgeschichte über das Betriebsklima bei dem weltgrößten Anbieter von Unternehmenssoftware.
All das gipfelt nun in der Mitarbeiterumfrage des Jahres 2023. Ein ähnliches Ergebnis hat sogar schon mal einen SAP-Chef den Job gekostet: Im Januar 2010 präsentierte der damalige SAP-Vorstand auf einer Mitarbeiterversammlung die Ergebnisse der 2009er-Befragung; seinerzeit war insbesondere die Identifikation mit SAP stark eingebrochen. Unter anderem wegen der miesen Stimmung im Unternehmen musste der damalige SAP-Chef Léo Apotheker kurz darauf seinen Hut nehmen.
SAP-Aktie auf neuem Allzeithoch
Soweit dürfte es jetzt nicht kommen. Denn immerhin kann sich der Vorstand um CEO Christian Klein derzeit wirklich überzeugende Finanzzahlen vorweisen. Wie das Unternehmen Anfang der Woche bekannt gab, stiegen allein die Cloud-Erlöse im zweiten Quartal 2024 um ein sattes Viertel; zudem wurde der Ausblick für 2025 angehoben. In der Folge erreichte die SAP-Aktie kurzzeitig ein neues Allzeithoch.
Jetzt muss das Management die verärgerten Mitarbeiter wieder zufriedenstellen – oder loswerden. Es bleibt spannend, mit welchen Maßnahmen Klein das hinbekommen will.
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