Weltmarktführer Innovation Day: „Ein Gamechanger für die deutsche Raumfahrt“
Boris Pistorius ist Star-Trek-Fan. Doch was der deutsche Verteidigungsminister am Donnerstagnachmittag der versammelten deutschen Raumfahrtbranche zu erzählen hat, klingt eher nach Star Wars. „Die Konflikte der Zukunft“, sagt Pistorius bei einer Rede auf dem Weltraumkongress des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin, „werden auch im Orbit offen ausgetragen.“
China und Russland hätten in den letzten Jahren ihre Fähigkeiten zur Kriegsführung im Weltraum rasant ausgebaut. Sie könnten Satelliten manipulieren oder zerstören, könnten gar Nuklearwaffen im All platzieren. „Allein während ich hier heute zu ihnen spreche“, sagt Pistorius, „überfliegen uns 39 chinesische und russische Aufklärungssatelliten.“
Dem will die Bundesregierung nun etwas entgegensetzen: „Wir müssen auch im All für unsere Sicherheit einstehen“, verkündet der Verteidigungsminister. „Und wir müssen uns dort auch verteidigen können.“ Bei bloßen Appellen soll es nicht bleiben: „Wir nehmen dafür richtig Geld in die Hand“, verspricht Pistorius. 35 Milliarden Euro wolle die Bundesregierung bis zum Jahr 2030 in die Weltraumsicherheit investieren.
Eine gewaltige Summe: Das diesjährige Budget der europäischen Weltraumorganisation Esa beträgt 7,7 Milliarden Euro – bereitgestellt von 23 Mitgliedsstaaten. Fast genauso viel will Deutschland nun jährlich allein in die Raumfahrt investieren. Eine ganze „Weltraumsicherheitsarchitektur“ sei geplant, sagt Pistorius den anwesenden Managern. „Wir werden Sie, die Industrie, gezielt einbinden.“
Zeitenwende in der deutschen Raumfahrt?
Berlin zündet den Raumfahrt-Turbo – und verspricht einen Geldschub in bisher unerreichter Höhe. Entsprechend erfreut reagiert die Branche: „Die Ankündigung von Minister Pistorius ist ein Meilenstein für unsere Souveränität im All und unsere Sicherheit auf der Erde“, sagt Michael Schoellhorn, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrt (BDLI).
Von einem „historischen Tag“ spricht gar Matthias Wachter, Leiter der Abteilung für Internationale Zusammenarbeit, Sicherheit, Rohstoffe und Raumfahrt beim BDI. „Es ist ein Gamechanger für das deutsche Raumfahrt-Ökosystem – und darüber hinaus“, sagt Wachter. Mit dem angekündigten Budget werde Deutschland zur europäischen Führungsnation in der Raumfahrt. Und damit würden auch Investitionen in der Breite massiv befördert. „Davon wird die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands insgesamt mittelfristig profitieren.“
Doch wenn die Milliarden tatsächlich in den nächsten Jahren investiert werden sollen, steht der Branche, die bisher drei Milliarden Euro jährlich umsetzt, auch ein Kraftakt bevor: Neue Fabriken, Lieferketten, Teams und Innovationen müssen im Eiltempo entstehen, um den Pistorius-Plan in die Tat umzusetzen.
Denn was Pistorius in Berlin ankündigt, betrifft die gesamte Bandbreite der wichtigsten Weltraumtechnologien: Deutschland solle eine „resiliente Struktur aus Satellitenkonstellationen, Bodenstationen, gesicherten Startfähigkeiten und Services” erhalten, sagt der Minister. Obendrein seien auch „gewisse offensive Fähigkeiten“ im All nötig – was das im Detail heißt, blieb am Donnerstag offen.
„Satellitennetzwerke sind heute auch eine Achillesferse moderner Gesellschaften“, sagt Pistorius. „Wer sie angreift, kann ganze Staaten lahmlegen.“ Darum plant der Minister nun ein eigenes militärisches Satellitenbetriebszentrum im Weltraumkommando der Bundeswehr – mit Radaren, Teleskopen und künftigen Wächtersatelliten, die die Lageerfassung im All verbessern.
Die meisten Satelliten sind US-amerikanisch
Von dort aus sollen neue Satellitenflotten gesteuert werden, die die Bundeswehr aufbauen soll. „Wir planen die Beschaffung neuer Satellitenkonstellationen zur Frühwarnung, Aufklärung, zur Kommunikation“, sagt Pistorius. Im Militär gelte: Wer die Höhen innehabe, kontrolliere auch die Täler. China und Russland besetzen aktuell strategisch wichtige Höhen im All.
Ein Bild dieser Lage zeichnet fast zeitgleich zu Pistorius’ Auftritt die Technikchefin des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB, Kristina Wagner, auf dem Weltmarktführer Innovation Day der WirtschaftsWoche in Erlangen. Wagner startet eine Animation auf der Leinwand hinter ihr: Zu sehen ist die Erdkugel, einzelne weiße Punkte schwirren um sie herum. Die Teilchen werden immer mehr, bis ein Schwarm die Erde umkreist.
Die Zeitraffer-Simulation soll zeigen, wie stark die Anzahl der Satelliten im All zugenommen hat – vom ersten, russischen Satelliten Sputnik aus dem Jahr 1957 bis zu den 13.000 Satelliten, die heute im Einsatz sind. Die überwiegende Mehrheit von ihnen kommt aus den USA, aus Russland und aus China.
Doch der Zeitpunkt sei günstig für Europa, um nun aufzuholen, sagt OHB-Managerin Wagner. Die hiesige Fertigung sei an einem „Kipppunkt, wirklich industrialisiert zu werden“. Satelliten können in Serienproduktion gehen, was die Kosten senkt. Die Anleger trauen das den Bremer Raumfahrtingenieuren offenbar zu: Nach der Ankündigung von Pistorius’ Weltraumoffensive schoss der Aktienkurs mehr als 30 Prozent in die Höhe.
In der OHB-Zentrale in Bremen zeigt man sich von dem Tempo aus Berlin überrascht: Es sei dem Unternehmen bewusst gewesen, dass die Bundeswehr ihre Fähigkeiten im Weltraum im Licht der Zeitenwende ausbauen wird, sagt OHB-Vorständin Sabine von der Recke. „Dass es allerdings so zeitnah in diesem Umfang passieren soll, das hat uns schon überrascht.“
Vieles ist noch unklar: Wird das Budget allein für die Bundeswehr zur Verfügung stehen, oder auch für zivile Raumfahrt – und woher kommt es? Sind hier schon die deutschen Beiträge für die Esa eingerechnet, wie sehr wird Deutschland die europäische Zusammenarbeit suchen? Und richtet sich der Wunsch nach mehr Souveränität nur gegen Russland und China – oder ist der deutschen Regierung seit der zweiten Amtszeit Donald Trumps zunehmend unwohler, allein von amerikanischer Satelliteninfrastruktur abhängig zu sein?
Ob Satelliten oder Raketen: Die Industrie ist bereit
Ihr Unternehmen sei für alle Bedarfe der Bundeswehr voll beitragsfähig, sagt OHB-Vorständin von der Recke. Satelliten, Bodenstationen, Raketen: „Diese Architektur aufzubauen, dafür stehen wir bereit”. In der europäischen Raumfahrt spielt OHB eine zentrale Rolle als Industriepartner unter anderem für die Esa oder die Bundeswehr. So lieferte das Tochterunternehmen MT Aerospace etwa zentrale Bauteile für die Trägerrakete Ariane 6 – und hat diesen Freitag einen Folgeauftrag in dreistelliger Millionenhöhe bekannt gegeben. OHB entwickelte Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo und ist führend am Wettersatellitenprogramm MTG der Esa beteiligt.
Profitieren vom neuen Geldsegen aus Berlin könnte auch der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus. Schon im vergangenen Jahr erhielt der Konzern einen Großauftrag der Bundeswehr über 2,1 Milliarden Euro, um zwei neue, tonnenschwere Kommunikationssatelliten samt dem zugehörigen Bodensegment zu bauen.
Neben solchen Großgeräten im All sollen nun wohl aber auch größere Flotten von kleineren Satelliten ins All kommen. Sie sollen im niedrigen Erdorbit von wenigen hundert Kilometern Höhe unterwegs sein und dort sowohl schnellere Funkverbindungen als auch schärfere Aufnahmen der Erde liefern.
„Dass wir große Satellitenkonstellationen bauen können, haben wir gezeigt“, heißt es bei Airbus. So hat der Konzern für die Konstellation OneWeb, inzwischen Teil des französischen Eutelsat-Konzerns, 500 Kommunikationssatelliten gebaut und erst jüngst einen Auftrag über 100 weitere Exemplare erhalten.
Neben solchen Produktionskapazitäten muss die deutsche Raumfahrtindustrie rasch auch Fähigkeiten aufbauen, um die vielen Satelliten ins All zu bekommen. Aktuell hat Europa dazu nur die Ariane- und die kleinere Vega-Rakete. Doch für mögliche neue hunderte Satelliten reichen deren Kapazitäten nicht aus. „Hier setzen wir auf einen Mix“, sagt Pistorius in Berlin: „Kleine Trägerraketen für flexible Starts. Mittelfristig aber auch europäische Schwerlasträger, die im Wettbewerb entstehen.“
Bisher keine kommerzielle deutsche Rakete im All
Auch für die drei deutschen Start-ups, die kleine Trägerraketen, sogenannte Microlauncher, entwickeln, dürften sich daraus neue Aufträge ergeben. „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Kommerzialisierung unserer Orbitalrakete, um die Orbitalfähigkeiten Deutschlands und Europas zu stärken“, sagt Christian Schmierer, CEO vom Raketenbauer Hyimpulse aus Neuenstadt am Kocher. Raumtransport sei eine Schlüsseltechnologie für Europas strategische Unabhängigkeit und Verteidigungsfähigkeit im All.
Bisher allerdings hat es noch keine der kommerziellen deutschen Raketen in den Orbit geschafft. Die OHB-Ausgründung Rocket Factory Augsburg plane einen Startversuch noch in diesem Jahr, verrät OHB-Managerin Wagner in Erlangen. Auch Isar Aerospace aus München will Berichten zufolge dieses Jahr erneut versuchen, in den Orbit zu gelangen. Im Frühjahr war die 28 Meter hohe Spectrum-Rakete der Münchner beim Erststart im nordnorwegischen Andøya nach etwa 30 Sekunden Flug explodiert.
Schon lange hoffen Europas Raumfahrtgründer auf mehr staatliche Ankeraufträge, wie sie etwa Elon Musk für sein Raumfahrtunternehmen SpaceX sehr früh bekam. Nun könnten sie von dem 35-Milliarden-Budget womöglich ersehnte Mittel erhalten, ihre Technologie weiterzuentwickeln und eine Serienproduktion aufzubauen.
„Innovationen von kleineren und mittleren Unternehmen fördern wir künftig unbürokratisch und frühzeitig“, versprach Pistorius in Berlin. „Wir werden auch Dual-Use-Systeme nutzen, die sowohl zivil als auch militärisch einsetzbar sind.“
Solche Technik entwickelt etwa das Start-up The Exploration Company, das an einem privaten Raumschiff baut. „Technologien, die wir für unsere wiederverwendbaren Raumflugzeuge entwickeln – wie Hitzeschilde oder hochpräzise Manövrierfähigkeit im All – lassen sich auch für sicherheitsrelevante Anwendungen der Bundeswehr und europäischer Streitkräfte nutzen“, sagt Victor Maier, Deutschlandchef von The Exploration Company.
Wie schnell das passiert, das hängt auch vom Tempo ab, in dem die Bundeswehr jetzt ihre Weltraumfähigkeiten aufbaut. „Wichtig ist, dass deutsche Weltraumtechnologie schnell beschafft wird, um die Fähigkeiten der Bundeswehr zügig zu stärken“, sagt Funktionär Schoellhorn. Parallel dazu muss die Industrie ihre Kapazitäten ausbauen. Immerhin, am Geld sollte es nun nicht mehr mangeln.
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