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GeldpolitikIst der Zinsgipfel erreicht?

Die US-Notenbank Fed und die EZB entscheiden diese Woche über die Leitzinsen. Ihr Dilemma: Während sich die Wirtschaft auf Rezessionskurs befindet, erweist sich die Inflation als hartnäckiger als erhofft.Malte Fischer 14.06.2023 - 07:24 Uhr

Einig vereint? Die Notenbank-Chefs Christine Lagarde und Jerome Powell.

Foto: REUTERS

Investoren rund um den Globus haben sich diese Woche rot in ihrem Kalender markiert. Denn in den USA und Europa geht es um eine wichtige Frage: Ist nach Monaten kontinuierlicher Zinserhöhungen dies und jenseits des Atlantiks der Zinsgipfel nun erreicht, oder ist mit weiteren Schritten der Notenbanken zu rechnen? An diesem Mittwoch entscheiden zunächst die US-Währungshüter um Fed-Chef Jerome Powell über die Leitzinsen, am Donnerstag folgen die Notenbanker der Europäischen Zentralbank (EZB) um EZB-Chefin Christine Lagarde

Für die USA scheint der weitere Kurs der Geldpolitik auf den ersten Blick etwas klarer zu sein, allein schon weil die Straffung dort weiter vorangeschritten ist als in der Eurozone. Seit März vergangenen Jahres haben die Währungsbeamten in Washington den Leitzins in zehn Schritten um insgesamt 500 Basispunkte auf nunmehr 5,0 bis 5,25 Prozent angehoben. Das ist der schärfste Straffungskurs seit mehr als 40 Jahren.

Der monetäre Bremskurs hinterlässt mittlerweile Spuren in der Realwirtschaft. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie – der wohl wichtigste Frühindikator für die US-Wirtschaft – ist im Mai auf 46,9 Punkte gefallen. Damit liegt er deutlich unter der kritischen Marke von 50 Zählern, die den Expansions- vom Kontraktionsbereich trennt. Auch der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor schwächelt. Mit einem Wert von 50,3 signalisiert er faktisch Stagnation im Servicesektor.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Der unterliegende Preisdruck bleibt hoch

Die nachlassende wirtschaftliche Dynamik setzt die Preise unter Druck. Im Mai sackte die US-Inflationsrate auf 4,0 Prozent, nachdem sie im April noch bei 4,9 Prozent gelegen hatte. Im Vergleich zum Vormonat schwächte sich die Teuerungsrate von 0,4 auf 0,1 Prozent ab. Ausschlaggebend dafür waren die Preise für Energie, die um 3,6 Prozent gegenüber dem Vormonat nachgaben. Dagegen legten die Preise für Nahrungsmittel geringfügig um 0,2 Prozent zu. 

Rechnet man Energie- und Nahrungsmittelpreise heraus, lag die Teuerungsrate im Mai allerdings noch bei 5,3 Prozent. Im Vergleich zum Vormonat erreichte sie zum dritten Mal in Folge 0,4 Prozent. Zu hoch, um das angestrebte Inflationsziel der Fed von 2,0 Prozent zu erreichen. 

Der hartnäckig hohe unterliegende Inflationsdruck erschwert den Notenbankern ihren Job. Das Entscheidungsgremium der Notenbank ist daher ausweislich der Äußerungen einzelner Vertreter gespalten, was den weiteren Kurs der Fed betrifft. Die Vertreter einer eher laxen Geldpolitik dürften in der heutigen Sitzung darauf hinweisen, dass sich die Inflationsrate seit ihrem Höhepunkt von 9,1 Prozent im Juni vergangenen Jahres mehr als halbiert hat, die Fed mithin auf gutem Wege sei, ihr Inflationsziel von zwei Prozent zu erreichen. 

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Dagegen dürften die Vertreter einer eher restriktiven Geldpolitik auf die hartnäckig hohe Kernrate der Inflation und den nach wie vor boomenden Arbeitsmarkt mit hohem Lohndruck verweisen. So schufen die US-Unternehmen im Mai 339.000 neue Stellen. Die Stundenlöhne legten um 4,3 Prozent zu. Geht man von einem trendmäßigen Anstieg der Stundenproduktivität von 1,0 bis 1,5 Prozent aus, dürften die Stundenlöhne nur um 3,0 bis 3,5 Prozent zulegen, um das Inflationsziel der Fed von 2,0 Prozent nicht zu gefährden.  

Tauben gegen Falken

Dass die jüngsten Inflationsdaten sowohl den Tauben als auch den Falken in der Fed Argumente für ihre Position liefern, macht die Sitzung besonders spannend. Die Mehrheit der Beobachter geht davon aus, dass die Fed eine Zinspause einlegt, um abzuwarten, wie sich die bisherigen Zinsschritte auf Konjunktur und Inflation auswirken. Denn die Erfahrung zeigt: Bis Zinsänderungen voll auf die Realwirtschaft durchschlagen vergehen vier bis sechs Quartale. Das spricht dafür, dass das Gros der Dämpfungseffekte die US-Wirtschaft noch gar nicht erreicht hat, diese daher erst in den nächsten Quartalen in die Rezession rutschen dürfte.  

Geldpolitik der Zentralbanken

Erst Inflation, dann Deflation?

von Malte Fischer

Das wiederum könnte die Solvenz vieler Kreditnehmer gefährden und die Probleme im Bankensektor verschärfen. Dass diese noch längst nicht ausgestanden sind, zeigt ein aktueller Bericht der Fed, demzufolge die Banken vermehrt Mittel aus dem Kreditprogramm in Anspruch nehmen, das die Fed im Gefolge der jüngsten Bankenpleiten für die Finanzinstitute aufgelegt hatte. Demnach haben die Institute fünf Wochen hintereinander steigende Liquiditätsvolumina aus dem Kreditprogramm der Notenbank abgerufen. Zuletzt erreichte der Zugriff der Institute mit rund 100 Milliarden Dollar einen neuen Rekordwert.  

Die schwelende Krise im Bankensektor und die Aussicht auf eine Rezession sprechen nach Ansicht von Beobachtern dafür, dass der Zinsgipfel in den USA erreicht ist. Anfang nächsten Jahres dürfte die Fed Analysten zufolge mit dem Abstieg vom Gipfel beginnen. Dann dürften auch die Renditen für Staatsanleihen nachgeben.  

Die EZB steht unter Druck

Anders stellt sich die Lage in der Eurozone dar. Die EZB hat sich faktisch verpflichtet, die Leitzinsen mindestens ein weiteres Mal anzuheben. Ökonomen  gehen daher fest davon aus, dass die Frankfurter Währungsbeamten an diesem Donnerstag erneut an der Zinsschraube drehen und die Leitzinsen um 25 Basispunkte nach oben hieven werden. Der Zins für die Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB läge dann bei 3,5 Prozent. Die EZB hätte ihre Leitzinsen seit dem Beginn der Straffung somit um insgesamt 400 Basispunkte angehoben, 100 Punkte weniger als die Fed. Ob das ausreicht, der Inflation den Garaus zu machen, ist fraglich. 

Das Problem für die EZB ist: Sie hat sich selbst die Hände gebunden. Mit ihrer ultralockeren Geldpolitik hat sie die Regierungen der Eurozone in den vergangenen Jahren geradezu eingeladen, sich immer mehr Schulden auf die Schultern zu laden. Weil die EZB sich in der Pflicht sieht, die Eurozone zusammenzuhalten – koste es, was es wolle – hat sie beim Kampf gegen die Inflation immer auch ein Auge auf die Finanzierungskosten der hoch verschuldeten Regierungen insbesondere im Süden der Eurozone. 

Das spricht dafür, dass in der Eurozone der Weg zum Zinsgipfel nicht mehr weit ist. Wie lange die Zinsen hoch bleiben und wie schnell EZB-Chefin Christine Lagarde anschließend den Abstieg vom Zinsgipfel einleitet, dürfte von den Konjunktur- und Inflationszahlen der nächsten Monate abhängen. Zeigen diese nach unten, könnte die EZB ebenso wie die Fed nächstes Jahr die geldpolitische Wende nach unten einleiten. Man darf gespannt sein, ob die Notenbanker dabei ihr selbstgestecktes Ziel, die Inflationsrate auf zwei Prozent zu drücken, im Auge behalten – oder dieses still und leise aufgeben, um Konjunktur und Staatshaushalte zu retten.

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