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Riedls Dax-RadarDie Börsen könnten eine Korrektur gut gebrauchen

Aufflammende Zinsängste und Gewinnenttäuschungen dürften die Kurse erst einmal weiter belasten. Nach neun Monaten Kletterpartie könnte eine solche Marktbereinigung dann aber wieder neue Kaufchancen eröffnen.Anton Riedl 23.06.2023 - 12:49 Uhr
Foto: Marc-Steffen Unger

Die jüngsten, zum Teil überraschend deutlichen Zinserhöhungen der Notenbanken in England, der Schweiz und Norwegen zeigen, dass der Kampf gegen die Inflation so schnell nicht vom Tisch sein wird. Zwar sind die Preissteigerungsraten in den führenden Industrieländern mittlerweile nicht mehr zweistellig, doch im mittleren Bereich von fünf bis sieben Prozent bleiben sie zäh.

In Großbritannien sind sie zuletzt sogar wieder gestiegen. Zudem geht die Kerninflation, bei der Preise für Energie und Nahrungsmittel nicht einberechnet werden, nicht so nachhaltig zurück wie gedacht. Und vom Idealziel zwei Prozent Preissteigerung sind die Volkswirtschaften derzeit Welten entfernt.

Die Notenbanken, allen voran die amerikanische Fed und die europäische EZB, hatten lange gezögert, das Problem Inflation überhaupt ernsthaft anzugehen. Seitdem sie aber Hebel umgelegt haben, starteten sie die stärkste geldpolitische Straffungsphase seit Jahrzehnten. Dass sie diesen Prozess nun nach der Hälfte des Weges wieder abbrechen, ist wenig wahrscheinlich.

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Mehr noch: Die bitteren Erfahrungen der Siebzigerjahre haben gelehrt, dass die Inflation bei einem zu frühen Nachlassen der Straffungen schnell wieder aufflammen kann. Aus diesem Grund steht derzeit auch hinter den meisten Äußerungen aus Notenbankkreisen der Gedanke, dass es zwar Pausen im Erhöhungsprozess geben könne, eine generelles Ende der Zinsmaßnahmen aber auf absehbare Zeit noch nicht in Aussicht sei.

An den Aktienmärkten hatte die Hoffnung auf ein frühzeitiges Ende der Geldpolitik die Kurse in den vergangenen Monaten kräftig angeschoben. Überflieger sind derzeit die führenden Hochtechnologiewerte, weil Hightech in der Regel als zinsempfindlich gilt. Dazu kommen als zusätzliche Antriebskraft hochfliegende Prognosen zu den Chancen künstlicher Intelligenz. Dazu gab es von Unternehmensseite insgesamt trotz rezessiver Konjunkturtendenzen im Schnitt eher bessere als enttäuschende Ergebnisse.

Doch wie nachhaltig ist der Mix aus Zinshoffnung, technologischen Erwartungen um neue Trends und guten Unternehmenszahlen wirklich? Dass die Notenbanken aus Rezessionsangst schnell wieder umfallen, ist wenig wahrscheinlich. Neue Trends wie Künstliche Intelligenz sind durchaus ein Booster für schon laufende Entwicklungen wie Automatisierung, Digitalisierung oder Elektromobilität. Die entsprechenden Aktien jedoch sind ja auch schon enorm gestiegen und atemberaubend bewertet, vor allem die Protagonisten Nvidia und Tesla. Und ob die Breite des Aktienmarktes bei einer weiteren Abschwächung der Konjunktur dann immer noch passable Ergebnisse liefern kann, ist offen.

Nagelprobe bei den Chemieaktien

Wie problematisch das werden kann, zeigt derzeit vor allem die Chemiebranche. Im MDax sackte Spezialchemiker Lanxess nach einer Gewinnwarnung auf den tiefsten Stand seit 2010. Binnen drei Jahren hat die Aktie zwei Drittel an Wert verloren. Im Dax rutschte BASF, größter Chemiekonzern weltweit, unter das wichtige Niveau um 44 Euro. Ob die Ludwigshafener angesichts teurer Energie und Rohstoffe sowie schleppender Nachfrage die von Banken für dieses Jahr durchschnittlich erwarteten 3,5 bis 4,0 Milliarden Euro Nettogewinn erzielen können, bleibt spannend. Immerhin, im ersten Quartal waren 1,56 Milliarden Euro Reingewinn keine schlechte Vorlage.

Eine besondere Entwicklung spielt sich hier gerade bei Covestro ab. Zwar sind die Gewinnaussichten des Kunststoffspezialisten für dieses Jahr mit etwas mehr als 100 Millionen Euro erwartetem Nettoertrag nur moderat, doch eine mögliche Übernahme durch den arabischen Ölkonzern Adnoc katapultiert die Aktie nun bis auf fast 50 Euro.

Die große Stärke von Covestro, den Bogen von fossilen Ausgangsprodukten zur nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zu schlagen, würde strategisch gut zu Adnoc passen. Dazu hat Covestro eine starke Marktposition, ist solide finanziert und substanziell günstig. Bei allen Vorteilen sollten Investoren dabei aber nicht übersehen, dass die Entwicklung der Covestro-Aktie nur in der ersten Phase nach dem Börsengang vom Herbst 2015 gut gelaufen ist (auch, weil die Aktie zu einem attraktiven Preis eingeführt wurde), seit 2018 aber in eine riesige Schwankungspartie ohne nachhaltigen Kurstrend überging.

Bis aus dem zyklischen Kunststoffspezialisten Covestro auch im Kurs ein nachhaltiges Investment wird, braucht es mehr als programmatische Hoffnungen oder Übernahmespekulationen. Aktuelle Notierungen von fast 50 Euro sind für Neueinsteiger sicherlich nicht verlockend. Wenn schon, dann erwies sich in der gesamten Börsengeschichte von Covestro immer wieder das Kursniveau zwischen 25 und 35 Euro als interessante Einstiegszone.

Für den Gesamtmarkt hat die gedrückte Entwicklung der Chemieaktien indes sogar einen Vorteil: Auch wenn die geschäftlichen Aussichten bis auf weiteres trübe bleiben, haben die Einzelwerte dies durch die Kursverluste der vergangenen Jahre schon zu einem erheblichen Teil verarbeitet. Selbst wenn BASF, Covestro und dazu auch die ebenfalls weit gesunkenen Henkel-Aktien noch etwas nachgeben sollten, hätte dies für den Gesamtmarkt kein großen Abwärtsdruck mehr zufolge.

Der käme eher zustande, wenn den schwergewichtigen Kurstreibern der vergangenen Monate die Luft ausginge: allen voran SAP, die zwischen 125 und 130 Euro gerade an einer wichtigen Widerstandszone aus dem Jahr 2021 angekommen sind; dann Siemens, die mit 166 Euro zuletzt auf ein neues Hoch vorgedrungen sind; sowie Mercedes-Benz, die im Bereich um 75 Euro langjährige Höhen erreicht haben. Alle drei Aktien könnten nach ihren zuletzt hohen Kursgewinnen Korrekturen in zweistelliger Prozenthöhe einleiten. Und das würde dann den Dax deutlicher drücken als ein weiterer Rückgang der Chemie.

Fazit für den Dax: Zweimal ist der Deutsche Aktienindex in den vergangenen Wochen bis in den Bereich um 16.300 Punkte vorgedrungen – in ähnlicher Weise wie zuletzt im November 2021 und im Januar 2022. Droht deshalb die Gefahr, dass es wie Anfang 2022 wieder zu einem scharfen Markteinbruch kommt? Auslöser dafür könnte eine unverändert straffe Geldpolitik werden und ein dann doch stärkeres Abrutschen der Wirtschaft in die Rezession inklusive weiterer Gewinnenttäuschungen bei den Unternehmen. Dass der Dax zu seiner 200-Tagelinie, die derzeit erst bei 14.448 Punkten verläuft, gut zehn Prozent Abstand hat und dies eine überhitzte Marktlage signalisiert, macht die Börse taktisch dafür auch anfällig.
Lesen Sie hier aktuelle News und die neuesten Nachrichten von heute zum Dax.

Andererseits ist der Grund für diese kurzfristige Überhitzung, der dynamische Anstieg seit Oktober vergangenen Jahres von 12.000 auf bis zu 16.300 Punkten angesichts der Turbulenzen um Inflation, Zinsen und Konjunktur ein wichtiges Zeichen für die Stärke des heimischen Aktienmarkts. Und das spricht dafür, dass der Dax selbst bei einer mehrwöchigen Korrektur (zum Beispiel in den Bereich 15.300 bis 14.700 Punkte) danach seine Aufwärtsbewegung wieder fortsetzen sollte.

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