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Die ZahlenfrauZertifikate lösen keine Probleme

Unsere Welt entwickelt sich rasend schnell – so schnell, dass alte Systeme manchmal nicht hinterherkommen. Wir benötigen in Deutschland eine Revolution des Bildungssystems und müssen uns vom starren Festhalten an zertifizierte Fähigkeiten lösen.Miriam Wohlfarth 07.12.2023 - 10:00 Uhr

Nur mit Brief und Siegel darf man in Deutschland häufig arbeiten. Auch in Branchen, in denen das gar nicht nötig wäre.

Foto: imago images

Wenn ich früher an deutsche Städte dachte, die eine junge Gründerszene etablieren und aktuelle Themen wie Künstliche Intelligenz vorantreiben, hatte ich direkt einige Ideen im Kopf: Vielleicht Berlin oder München – als internationale Metropolen – oder Frankfurt – als Finanzzentrum Deutschlands.

Tatsächlich wurde ich vor einigen Wochen mal wieder eines Besseren belehrt: Im Süden Deutschlands schlummert eine Stadt, die zwar leider Gottes noch nicht an das ICE-Bahnnetz angebunden ist, aber dafür im Bereich Start-up, Tech und KI ganz groß im Kommen ist: Heilbronn.

Das neue europäische KI-Ökosystem?

Anlass dieser Erkenntnis war meine Teilnahme an der Slush’D 2023, einem internationalen Start-up-Festival, bei dem mehr als 1000 Gäste aus aller Welt zusammenkamen und sich über Innovationen in der Gründerszene und neuste Entwicklungen ausgetauscht haben. Ein weiterer Fokus lag dieses Jahr auf einem Bereich, der seit der Einführung von ChatGPT in aller Munde ist: Künstliche Intelligenz (KI).

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Bei dem Event wurde mir deutlich: Heilbronns Gründerszene ist zwar noch sehr jung, entwickelt sich aber rasant und hat tatkräftige Unterstützer:innen. So wird das heilbronn´sche Ökosystem maßgeblich durch die Schwarz Stiftung (Dieter Schwarz, Gründer von Lidl) finanziert und vorangetrieben.

Zusätzlich gibt das KI-Start-up Aleph Alpha der Region gerade zusätzlichen Aufschwung, denn es hat sich in den letzten Monaten zur großen Tech-Hoffnung Europas entwickelt. Der Gründer des Heidelberger Unternehmens, Jonas Andrulis, war selbst auch auf der Slush’D anwesend und sprach auf der Bühne. Zahlreiche namhafte Investor:innen von SAP über Christ&Company und Bosch bis hin zur Schwarz Gruppe haben 500 Millionen Dollar in sein Unternehmen investiert und somit das neu entstehende KI-Ökosystem gestärkt.

Ich bin der Meinung, dass wir in Deutschland definitiv ein solches Ökosystem brauchen, in dem wir Innovationen in der Gründerszene, vor allem in Kombination mit KI, fördern. Es ist ein tolles Zeichen, dass wir uns hierbei nicht nur auf die Politik verlassen, sondern es proaktive Unternehmer:innen gibt, die die Entwicklung eines solch technologiefreundlichen Umfelds vorantreiben. Viel zu lange haben wir uns auf alten Systemen, dem „Made in Germany”-Qualitätssiegel ausgeruht und sind nun dabei, den Anschluss am internationalen Wettbewerb zu verpassen. Wie schaffen wir es also, wieder mehr Top-Talente zu fördern und uns weiterhin als innovative Wirtschaftsnation zu positionieren?

Deutschland und seine Zertifikate

Meiner Meinung nach liegt ein Grundproblem in der starken Tendenz, unser Können zertifizieren zu wollen, anstatt Praxis-Talente anzuerkennen. Es hierzulande reicht einfach nicht, ein KI-Talent zu sein. Dieses Talent hat man gefälligst mit Schulungen, Fort- oder Weiterbildungen, am besten noch mit einem Studium oder einer Ausbildung in genau diesem Bereich zu belegen. Ob man Zugang zu diesen Studienprogrammen hat, entscheidet wiederum der Notenschnitt nach Beendigung der Schule. Das gesamte Bildungssystem in unserem Land ist heute noch, wie vor 50 Jahren, darauf ausgelegt, zu beweisen, welche Disziplinen, die einen für bestimmte Jobs qualifizieren, man gut beherrscht. Wer das aufgrund fehlender Zertifizierungen nicht kann, dem wird der Zugang meist verwehrt.

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Dieser Ansatz ist für mich im Tech-Bereich nicht mehr praktikabel: Zum einen verlieren wir dadurch Talente, die sich beispielsweise das Programmieren selbst beigebracht haben, anstatt ein Studium in diesem Bereich vorweisen zu können. Zum anderen ist unsere Welt im ständigen Wandel: Der Einsatz von KI entwickelt sich so schnell weiter, dass es meiner Meinung nach sogar hinderlich ist, vorauszusetzen, erst einmal eine jahrelange Ausbildung machen zu müssen, um sich im Unternehmenskontext damit beschäftigen zu dürfen.

Natürlich brauchen wir Fachwissen, um gezielt komplexe Situationen lösen zu können. Niemand erwartet, dass jede:r Freiwillige morgen als Richter:in agieren darf, weil er oder sie von Natur aus so einen guten Gerechtigkeitssinn mit an den Tisch bringt. Aber wir müssen auch erkennen, dass für andere Bereiche das Fachwissen auch „on the go“ erworben werden kann und eben nicht zwangsläufig ein Zertifikat benötigt wird.

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Das trifft vor allem auf den IT-Bereich zu: Oft bekomme ich den Eindruck, dass es in diesem Umfeld besser sein kann, wenn jemand aus einer große Leidenschaft fürs Programmieren heraus sich aus purem Interesse das Coden selber beigebracht hat, als einen theorielastigen Abschluss zu haben. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man die Theorie bis zum Umfallen lernen musste, aber eigentlich keine praktische Erfahrung sammeln konnte.

Auch ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Abschlüsse und Zertifizierungen nicht unbedingt immer entscheidend für die Qualitäten sind, die wir mit ins Berufsleben bringen. Ich habe beispielsweise ein Studium abgebrochen und eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau gemacht. Trotzdem bin ich heute Gründerin und Geschäftsführerin in der FinTech-Branche.

Laut meiner Zertifikate oder Abschlüsse wäre ich de facto nicht genügend qualifiziert gewesen, für das, was aus mir geworden ist. Mich stimmt es nachdenklich und traurig, wenn ich mir vorstelle, wie vielen anderen Personen aufgrund ihrer fehlenden Zertifikate der Zugang zu ihrer beruflichen Leidenschaft verwehrt wird.

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Was müssen wir also tun?

Meiner Meinung nach gibt es zwei Optionen: Wir können so weitermachen wie bisher, bei jeder Qualifikation auf ihre jeweilige Zertifizierung pochen und zusehen, wie wir als Wirtschaftsnation immer weiter abgehängt werden. Oder wir richten unseren Fokus auf interaktive, innovative Lehrpläne, die es ermöglichen, auch als Quereinsteiger:in in neuen Disziplinen zu bestehen.

Ganz wichtig ist hierbei: Wir müssen die Leute ausprobieren lassen und wir müssen sie auch scheitern lassen, denn nur so können wir lernen und wachsen. Wir brauchen innovative Ideen, und die bekommen wir nicht, wenn wir uns auf den Ansätzen von vor 30 Jahren ausruhen.

Dazu gehört auch, dass wir unsere Definition eines „Top-Talents“ anpassen: Das muss nicht unbedingt mehr jemand sein, der oder die auf die besten Universitäten gegangen ist und zahlreiche Zertifikate mit an den Tisch bringt. Statt Abitur- und Abschlussnoten sollten wir unser Augenmerk viel eher darauf richten, wer in der Praxis besteht und wer nicht.

Die Ansätze der Zukunft

Was wir dafür brauchen, ist ein Richtungswechsel in unserem Bildungssystem: Wie fördern wir schon in jungen Jahren innovatives Denken und stellen die erbrachte theoretische Leistung nicht mehr über praxisnahes Können?

Ich habe mich dazu mit jemandem unterhalten, der ebenso wie ich der Meinung ist, dass Zertifikate keine Probleme lösen und nicht die Grundlage unserer Arbeitswelt sein sollten.

Thomas Bornheim, Geschäftsführer der Programmierschule „42 Heilbronn“, die auch Teil des Ökosystems Heilbronns ist, sieht einen großen Nachholbedarf im deutschen Bildungssystem, welches auf die Prüfung von Wissen und nicht auf Fähigkeiten ausgerichtet sei. Seine Programmierschule bietet mittlerweile 400 Studierenden ein kostenloses Lernmodell an, mit dem sie direkt in eine Karriere als Programmierer:in einsteigen können.

Die Schule ist in vielerlei Hinsicht anders als andere Bildungsangebote: Es gibt keine Lehrenden, keine Vorlesungen und keine Zertifikate. Die Lernenden bringen sich das Programmieren selbst bei. Das tun sie nicht, indem sie Wissen ansammeln oder mathematische Grundlagen einüben, sondern, indem sie selber Software schreiben.

Ich bin selbst Beirätin bei der 42 Heilbronn und begrüße diese innovative Herangehensweise. Daher freue ich mich sehr über die Ansichten von Thomas Bornheim zu diesem Thema:

Miriam Wohlfarth: Wie denkst du, wird unser Bildungssystem in 50 Jahren aussehen?
Thomas Bornheim: Wenn sich die Trends von heute verstärken, dann werden wir in Zukunft nicht mehr in Rollen, sondern an Missionen arbeiten. Das sind zielgetriebene Projekte, bei denen Menschen mit vorher festgelegten Fähigkeiten und Erfahrungen Probleme lösen. Diese Art der Arbeit erfordert ein hohes Maß an Kollaborationsfähigkeit, und ein Projektportfolio, bei dem die Missionsleitung vergangene Übungen und Arbeiten einsehen kann. Lange Ausarbeitungen werden obsolet sein. Unser Bildungssystem wird neue Schwerpunkte setzen. Kommunikation, Kreativität und Kollaboration werden eine größere Rolle spielen.

Wie können wir zeitaktuelle Themen wie KI besser in das Bildungssystem integrieren?
Unser Bildungssystem ist nicht dafür geschaffen, besonders praxisnah oder zeitaktuell zu sein. Als Eltern sind wir Vorbilder für unsere Kinder. Die Kinder lernen eher aus dem, was wir tun. Und nicht so sehr aus dem, was wir sagen. Unsere Bildungseinrichtungen können zeigen, inwiefern sie selbst lernfähig sind, und den Schüler:innen dabei ein Vorbild sein. Beim Thema „Programmieren an Schulen“ habe ich gelernt: Es liegt an den Lehrer:innen und Schulleitungen, wie gut die Angebote der Schulen sind. Vom System können wir nicht viel erwarten.

Hat Heilbronn das Potenzial, zur neuen KI- und Start-up-Szene Deutschlands zu werden?
Wir brauchen in ganz Deutschland viel Bewegung. Es gibt einige Hotspots, die sich derzeit entwickeln. Der Vorzug von einer kleinen Großstadt besteht darin, dass die Bubbles nicht so groß sind, dass sie sich um sich selbst drehen können. Hinter Heilbronn steckt viel Wumms und Wirtschaftskraft.

Wie kann Deutschland sicherstellen, dass wir uns im internationalen Wettbewerb wieder mehr aufholen?
Künstliche Intelligenz wird Managen und Verwalten entwerten, und Machen und Gestalten aufwerten. Wir brauchen einen vorgezogenen Generationswechsel in Politik & Verwaltung, mehr Digital Natives in Führungspositionen, um diese Entwicklungen zu flankieren.

Wie geht es weiter?
Wir können uns also darauf einstellen, dass in den nächsten Jahren viel passieren wird – einfach auch, weil viel passieren muss. Wir müssen unser Bildungssystem an die Trends von heute anpassen, wegkommen von unserem starren Zertifikatsdenken und viel eher die digitalen Führungskräfte von morgen fördern. Heilbronn könnte dafür das ideale Ökosystem werden. Ich bin gespannt, was sich dort in nächster Zeit tun wird.

Lesen Sie auch: Schulfach Informatik: KI fürs Klassenzimmer

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