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Unions-KanzlerkandidaturDie anderen lassen Merz vor? Als ob!

CSU-Chef Markus Söder gibt sich loyal: CDU-Chef Friedrich Merz wird Kanzlerkandidat der Union. Und Hendrik Wüst wirkt, als habe er alles inszeniert.Benedikt Becker 17.09.2024 - 17:15 Uhr

„Friedrich Merz macht's“, sagte Markus Söder (rechts) und gratulierte dem gekürten Kanzlerkandidaten von CDU und CSU.

Foto: REUTERS

Viele Wege führen nach Bayern – und manchmal sind sie recht kurz. Die bayerische Landesvertretung liegt mitten im Berliner Regierungsviertel, zehn Gehminuten vom Bundestag entfernt, zehn Autominuten von der CDU-Parteizentrale. Eine Steintreppe führt hinauf ins helle Atrium. Spätsommersonnenlicht.

Nur wenige Meter zum Mikrofon musste CDU-Chef Friedrich Merz an diesem Dienstagmittag gehen, um sich die Kanzlerkandidatur der Union zu sichern. Ein paar Schritte, mehr nicht. Kein Weißwurst-Frühstück in Nürnberg-Mögeldorf, wo der CSU-Chef lebt. Kein Kreuzgang durch die Münchner Staatskanzlei, wo der bayerische Ministerpräsident arbeitet. Nein, Markus Söder ist extra ins preußische Ausland gereist, um konziliant den Kürzeren zu ziehen. Immerhin, die CSU durfte die Einladung verschicken.

Im Spätsommer wollten Merz und Söder sich einigen, wer Kanzlerkandidat der Union wird. So war es vereinbart. Nun stand Söder neben Merz im Atrium seiner Freistaat-Botschaft, die Hose knittrig, das Jackett offen, und beendete mit drei Sätzen, was die Union monatelang auf Trab gehalten hat: „Die K-Frage ist entschieden. Friedrich Merz macht’s. Ich bin damit fein und ich unterstütze dies ausdrücklich.“

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Merz hörte zu, das Jackett geschlossen, den Blick stur geradeaus, nur kurz gönnte er sich ein Lächeln, so als wolle er sagen: Na also, geht doch, lieber Markus! Hat dieses Schauspiel endlich ein Ende.

Der CDU-Chef hat bekommen, was er wollte. Viele in der Partei werden nun aufatmen. Eine Sorge weniger. Aber ganz ohne Drama können sie nicht mehr in der Union. Im Augenblick größtmöglich inszenierter Einigkeit zeigen sich neue Spuren verletzter Eitelkeit. Eine gute Gelegenheit, das Geschehene kurz zu sortieren. Ging ja dann doch alles ziemlich schnell.

Hendrik Wüst in Düsseldorf beendet den „Prozess“

Am besten beginnt man damit einen Tag zuvor, nicht in Berlin und nicht in München, sondern in Düsseldorf. Bei einem Mann, der nun für sich in Anspruch nehmen kann, einen Prozess gelenkt zu haben, auf den er eigentlich nie wirklich Einfluss hatte.

Über Hendrik „Henne“ Wüst ist bekannt, dass er in seiner Jugend recht passabel Handball gespielt hat. Größter Erfolg: Kreismeister in der C-Jugend. Er sei nicht besonders wurfgewaltig gewesen, hat sein Trainer mal erzählt. Jetzt allerdings hat Wüst bewiesen, wie gut er es auch als NRW-Ministerpräsident zuweilen versteht, souverän aus dem Rückraum zu treffen, wenn gerade keiner mit einem Abschluss rechnet. Und zwar so platziert, dass man nur anerkennend feststellen kann: Der saß – aber mal so richtig.

Spontan lud Wüst am Montagabend zu einer Pressekonferenz. Da war vom Merz-Söder-Termin noch gar nicht die Rede. Wüst verkündete: „Ich stehe aktuell nicht für die Kanzlerkandidatur zur Verfügung.“ Er und seine NRW-CDU unterstützten Friedrich Merz. Es brauche eine geschlossene Union, um die Ampel abzulösen. Merz und Söder müssten nun einen Vorschlag machen. Liebe Grüße nach München, Abgang, Ende der Pressekonferenz.

Was war das denn?

Es kommt nun weniger darauf an, ob und mit wem sich Wüst über diesen Vorstoß abgesprochen hat. Es kommt vielmehr darauf an, wie sein Auftritt wahrgenommen wurde – und in welchen Kontext man ihn künftig einordnen wird.

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Wiederholt haben die Landesfürsten der CDU gefordert, am Prozess zur Klärung der K-Frage beteiligt zu werden. Was stets die Frage aufwarf: Welchen Prozess meinen die eigentlich? Friedrich Merz hat schließlich nicht drei Anläufe auf den Parteivorsitz unternommen, um sich dann einer Findungskommission unter Vorsitz von Daniel Günther als möglicher Kandidatenkandidat vorzustellen.

So läuft das nicht, und das war allen Beteiligten immer klar.

Friedrich Merz befragt sich selbst

Den Prozess durfte man sich daher in etwa so vorstellen: Merz befragt sich selbst. Dann fragt er seine Frau. Und dann ruft er Söder an, um ihm mitzuteilen, dass er auch künftig weiterhin Chef von Bayern bleiben darf. Ende des Prozesses. Merz konnte sich immer nur selbst schlagen. Und es gab Augenblicke, da wäre es ihm fast gelungen. Da hat er sich provozieren lassen, da war die Lunte zu kurz für einen, der es vielleicht demnächst mit Trump und Putin zu tun bekommt.

Auch in den vergangenen Wochen bot Merz in der Migrationspolitik ausreichend Anschauungsmaterial für all jene, die an seiner Kanzlertauglichkeit zweifeln – aber nicht genug Angriffsfläche für diejenigen in den eigenen Reihen, die einen anderen Kandidaten bevorzugt hätten. Die Sache war längst durch.

In dieser Situation also tritt Hendrik Wüst vor die Presse, verzichtet, unterstützt Merz, und gibt Söder einen mit, bevor der sich in der K-Frage abschließend äußern konnte. So als habe es im Hintergrund eben doch einen Prozess gegeben, der vorsah, dass sich Wüst genau jetzt erklärt. So als sei er bis zum Schluss ein aussichtsreicher Kandidat gewesen. War er nicht. Aber dieser Eindruck bleibt. Darauf kann Wüst nun bauen, wenn er irgendwann ernsthaft um die Kanzlerschaft mitringen möchte.



Ganz nebenbei schlüpfte er noch in die Rolle von Armins spätem Rächer. In der NRW-CDU haben sie Söder bis heute nicht verziehen, wie er 2021 Armin Lascht demontiert hat. Wüsts Verzicht am Montag ließ Söders Verzicht am Dienstag umso mehr wie einen Vollzug des ohnehin zu Erwartenden aussehen. Wie eine reine Formalie, eine Reaktion auf den netten Herrn Wüst aus NRW.

Man kann diese Interpretation der Ereignisse nun als überzogen abtun. Oder man zitiert Söder: „Beide Parteivorsitzenden bilden am Ende das Zentrum der Union. Es gibt viele Ministerpräsidenten, aber nur zwei Parteivorsitzenden in der Union.“

Wüst ist einer von vielen, so die Botschaft. Der CSU-Chef ist derjenige, der im Zentrum der Macht steht. Ein Markus Söder kann einfach nicht nicht reagieren.

Es blieb allerdings die einzige echte Spitze, die er sich beim Auftritt mit Merz gestattete. Söder gab sich alle Mühe, Merz seine Loyalität zu versprechen. Und Merz gab sich alle Mühe, als habe er keinerlei Zweifel an dessen Treuebekundungen. Er wird es besser wissen.

Was hat Söder in den vergangenen Monaten nicht alles versucht, um im Gespräch zu bleiben. Er hat in Schweden einen Abba-Song gesungen und in einer Hamburger Hafenkneipe ein Seemannslied, in China einen Stoff-Panda geknuddelt, im Vatikan den Papst mit Bier beschenkt. Er hat sich einen Bart wachsen lassen. Er postete fleißig bei Instagram und Co., was er gerne isst (Wurst) und was er nicht gerne isst (vegane Wurst). Und weil Söder bei alledem ein politischer Mensch geblieben ist, äußerte er sich ab und an auch zur K-Frage. „Wenn die CDU mich bittet, dann drücke ich mich nicht“, hatte er kürzlich dem „Spiegel“ gesagt. Und damit sein größtes Problem gleich benannt: Warum hätten sie ihn bitten sollen?

Söders Lust am Spiel war unverkennbar. Nur einen Spielplan, der aufgeht, hatte er ganz offensichtlich nicht.

Lesen Sie auch: „Ich bin fein damit“: Die sprachlichen Unfeinheiten des Markus Söder

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