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Riedls Dax-RadarKeine Angst vor steigenden Zinsen

Die Commerzbank-Aktie wird beflügelt vom Übernahmekampf, die Münchner Rück von höheren Zinsen. Selbst für Krisenfall Bayer gibt es Hoffnung. Den Dax stützt das in der laufenden Korrektur. Eine Kolumne.Anton Riedl 11.10.2024 - 14:34 Uhr
Foto: imago images, Collage: Marcel Reyle

Mit einem Renditeanstieg von 3,6 auf 4,1 Prozent quittieren zehnjährige US-Staatsanleihen die neue Lage im Kampf gegen die Inflation. Mit 2,4 Prozent lag die Teuerung in den USA zuletzt über den Erwartungen. Die Kerninflation, bei der Nahrungsmittel und Energiepreise ausgeklammert werden, kletterte sogar auf 3,3 Prozent. Vor allem Mieten, Dienstleistungen und Lebensmittelpreise legen derzeit zu. 

Der kräftige Zinsanstieg an den Bondmärkten kam für zahlreiche Marktteilnehmer unerwartet. Bis zuletzt war die seit Mai anhaltende Abwärtsbewegung der Renditen intakt. Anfang September wurde sogar noch das Renditetief von Dezember 2023 unterboten – eigentlich ein Zeichen für einen weiter anhaltenden Renditerückgang. 

Auch der US-Dollar erholt sich plötzlich wieder. Der Dollar-Index, in dem der Wert des Greenbacks gegenüber den wichtigsten anderen Währungen steckt, ist zwar zuletzt ebenfalls knapp unter das letztjährige Tief bei 101 Punkten gerutscht. Er ist allerdings nicht, wie vielfach erwartet, auch gleich unter die Marke von 100 gefallen, sondern hat sich stattdessen bis auf 103 Punkte erholt. 

Beide Entwicklungen, die Stärke der Bond-Renditen und das unerwartete Comeback des Dollars, sind die Hauptgründe, warum die Aktienmärkte derzeit ins Stocken geraten sind. Die schwächeren Bondmärkte signalisieren, dass der von den Notenbanken eingeleitete Zinssenkungsprozess kein Selbstläufer ist, sondern Woche für Woche neu justiert werden muss. Wann es weitere Zinssenkungen der Notenbank geben wird und wie groß die ausfallen, ist dadurch unsicherer geworden. Und Unsicherheit ist für Aktienmärkte immer Risiko. 

Rückversicherer sind die großen Zinsgewinner im Dax

Im Dax kam es durch den Wiederanstieg der Zinsen (auch die Renditen für Bunds kletterten zuletzt um 0,2 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent) zu einem Rücksetzer auf rund 19.000 Punkte. Bisher ist dieser Test positiv verlaufen und damit eine Bestätigung der seit Anfang August anhaltenden Aufwärtsphase. 

Zu den stärksten Werten hierzulande gehören derzeit die Versicherer, ganz besonders die Münchener Rück und die Hannover Rück. Die Sturmschäden in Florida dürften für die europäischen Assekuranzen nach bisherigen Schätzungen überschaubar ausfallen. Zudem sollten sie eher dazu führen, dass bei den nächsten Preisverhandlungen für die Sachversicherungen die Prämien wieder steigen. Die Erwartungen für die anstehenden Quartalszahlen sind optimistisch. 

Beide Rückversicherer entwickeln sich sei Mitte 2022 überdurchschnittlich gut. Als ein entscheidender Grund für ihren Anstieg erweist sich damit das seitdem deutlich erhöhte Zinsniveau, das den Versicherern als großen Kapitalsammelstellen besonders zugute kommt. Zudem ist es ihnen gelungen, trotz vielfältiger Krisen und Konjunkturschwankungen stabile Ergebnisse zu erwirtschaften. Das macht sie auch weiterhin zu Favoriten im Dax, die in Schwächephasen für Nachkäufe infrage kommen. 

Commerzbank und Covestro: Vom Markt unterschätzt, von Strategen gekauft

Zu den besonderen Favoriten im Dax gehört derzeit die Commerzbank. Der gelben Bank gelang in den vergangenen Jahren nicht nur die operative Erholung. Offensichtlich ist die Bank so interessant, dass die italienische Unicredit sie übernehmen will. Und nachdem die Commerzbank lange Zeit nur als Krisenunternehmen betrachtet wurde, die der Großaktionär Bund am liebsten los wäre, ist sie nun auf einmal ins Zentrum des Börseninteresses gerückt. 

Dem Aktienkurs kommt das nur zugute. Dabei ist die Commerzbank als zweitgrößtes Geldhaus des Landes und einer zentralen Position bei wichtigen Themen wie Mittelstandsfinanzierung mit einem Börsenwert von 20 Milliarden Euro noch keineswegs zu teuer. Gerade weil es in den vergangenen Jahren in der deutschen Bankenszene zu einem langen Niedergang kam, bei dem nicht nur traditionelle Adressen wie die Hypovereinsbank verschwanden sondern auch große Landesbanken wie die WestLB, ist eine Lücke entstanden. Und der Bedarf an Banking ist in den vergangenen Jahrzehnten ja nicht geringer geworden – im Gegenteil, wie der Kampf um die Commerzbank zeigt

Im Zuge der Abwehr wird die Commerzbank ihre Kräfte noch mehr als bisher mobilisieren. Der Angreifer Unicredit dürfte nach seinem bisherigen Überraschungserfolg deshalb aber kaum nachlassen. Zudem kann er auch auf die in der EU und der EZB vorherrschenden Tendenzen setzen, die übernationale, größere Verbindungen von Bankhäusern befürworten. Den Kurs der Commerzbank könnte das mittelfristig in den Bereich um 20 Euro befördern. 

Covestro: Kein schlechter Preis

Während der Kampf um die Commerzbank in vollem Gange ist, dürfte Kunststoffspezialist Covestro bald an den arabischen Ölkonzern Adnoc gehen. Mit 58 Euro verharrt der Kurs immer noch ein Stück unter dem gebotenen Übernahmepreis von 62 Euro. Darin drückt sich die bestehende Unsicherheit über den weiteren Ablauf der Transaktion aus. Nach offiziellen Angaben hat Adnoc auch erst 8,5 Prozent an Covestro

Bei einem Kurs von 62 Euro wird Covestro mit 11,7 Milliarden Euro bewertet. Das ist gemessen an den in diesem Jahr wahrscheinlichen Nettoverlusten kein schlechter Preis. Angesichts eines jährlichen Geschäftsvolumens von rund 15 Milliarden Euro aber ist es auch nicht zu viel. 

Mehr noch: Wenn starke Investoren – und das gilt im Grunde auch für die Commerzbank – eine solche Transaktion einleiten, gehen sie mit Sicherheit davon aus, dass im anvisierten Objekt für sie langfristig ein erheblicher Mehrwert steckt. Die Commerzbank und Covestro sind Paradebeispiele dafür, dass es hierzulande wahrscheinlich zahlreiche Unternehmen gibt, deren langfristiges und nachhaltiges Potenzial wegen der verbreiteten Krisenstimmung schlichtweg unterschätzt wird. 

Continental im Aufwind

Dies könnte auch für Continental gelten. Dass einer der wichtigsten und größten Zulieferer der Autobranche, der 40 Milliarden Euro Jahresumsatz auf die Waage bringt und im zentralen Geschäft mit Reifen zu den besten Herstellern der Welt gehört, nur 12 Milliarden Euro Börsenwert hat, grenzt an Dumping. Allein das Eigenkapital in der Bilanz ist mit 14,1 Milliarden Euro höher. Selbst abzüglich von 3,2 Milliarden Euro Goodwill (Firmenwerten) ist der Börsenwert fast komplett substanziell unterfüttert. Kein Wunder, dass die Aktie zuletzt auf Nachrichten von einer Stabilisierung im operativen Geschäft so positiv reagiert. 

Natürlich, zahlreiche gedrückte Aktien im Dax – und das betrifft neben Continental die gesamten Autobranche – sind kurzfristig und aktuell in einer heiklen Lage und klare Anzeichen für einen nachhaltige Erholung gibt es noch nicht. Dennoch ist die Kursstabilisierung dieser Aktien angesichts der negativen Stimmungslage ein bemerkenswertes Zeichen, dass Investoren sich nicht mehr schrecken lassen. Ein solches Kursverhalten ist typisch für eine langfristige Bodenbildung. Jetzt braucht es nur noch einen Auslöser für eine positive Wende.

Bayer könnte eigentlich leicht 50 Milliarden Euro oder mehr wert sein

Ein Spezialfall unter den abgestürzten Dax-Aktien ist Bayer. Die Entwicklung der Aktie hängt mittlerweile fast nur noch von gerichtlichen Entscheidungen ab. Und da hat Bayer richtig Pech, denn nach langwierigen Glyphosat-Klagen kommen nun auch noch Klagen um die umstrittene, alte Chemikalie PCB auf das Unternehmen zu

Ginge es nach dem reinen Unternehmenswert, könnte Bayer bei vielleicht 46 Milliarden Euro Umsatz in diesem Jahr trotz verhaltener Ergebnisse und hoher Schulden leicht auf einen Börsenwert von 50 Milliarden Euro und mehr kommen. Dass es gerade einmal 25 Milliarden Euro sind, ließe sich ohne weiteres als pessimistische Übertreibung werten – schließlich steckt darin ein Abschlag für die juristischen Risiken in zweistelliger Milliardenhöhe.

Dennoch zeigt der jüngste Kurseinbruch, dass diese Unsicherheiten offensichtlich noch nicht komplett eingepreist sind. Die Zitterpartie um Bayer ist noch nicht zu Ende. Jetzt geht es erst einmal darum, dass die Aktie möglichst nicht unter 25 Euro sinkt. Wenn das gelingt, könnte der nächste Anlauf in Richtung 30 Euro auf der Tagesordnung stehen.

Fazit für den Dax: Der jüngste Zinsanstieg bremst die Weltbörsen und könnte nach den starken Monaten August und September die seit Oktober laufende Schaukelpartie erst einmal verlängern. Die anstehende Zahlensaison dürfte sich besonders auf Einzelwerte auswirken; für die generelle Tendenz rückt dagegen die Präsidentschaftswahl in den USA am 5. November stärker in den Blick. Dabei geht es weniger darum, wer gewinnt. Für die Börse kommt es darauf an, dass mit der Wahlentscheidung dann die Unsicherheit beendet ist und allein das dürfte die Märkte wieder beflügeln. Für den Dax wäre es gut, wenn er sich bei möglichen Korrekturbewegungen weiterhin über 18.700 bis 18.800 Punkten hält.

Lesen Sie auch: Bayer-Aktie stürzt ab – eine Spätfolge von PCB

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