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  4. Impf-Debatte: Die Krankenstände durch Corona erreichen Rekordhöhe. Wenn selbst die Impfprämie kaum noch hilft

Ausfälle durch OmikronCorona-Ausfälle: Der Druck in Homeoffice-armen Unternehmen ist groß

Der Krankenstand durch Corona erreicht neue Höchststände. Vor allem Unternehmen, die eben nicht aufs Homeoffice setzen können, stellt das vor Probleme. Und dann ist da auch noch Gesundheitsminister Karl Lauterbach.Varinia Bernau, Jannik Deters, Rüdiger Kiani-Kreß, Stephan Knieps, Jürgen Salz und Christian Schlesiger 07.04.2022 - 19:57 Uhr

Das Dashboard des RKI am 7. April: Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 1251,3.

Foto: imago images

So schnell wird in Coronazeiten also das Personal knapp – etwa zum Ärger der Passagiere des Frankfurter Flughafens. Noch Mittwochmorgen berichtete die Fraport genannte Betreibergesellschaft des größten deutschen Airports und ihr wichtigster Kunde Lufthansa auf Anfrage der WirtschaftsWoche übereinstimmend, dass sie wegen der hohen Zahl von Coronainfektionen keine Verbindungen absagen müssen. Am Nachmittag kam dann die Korrektur. Man unternehme „verschiedene Maßnahmen zur Stabilisierung des Betriebs wegen betrieblicher Herausforderungen (Verkehrsspitzen, Pandemiefolgen, Personalmangel), vermeldete der offizielle Twitteraccount des Frankfurter Flughafens. Und verkündete „Flugabsagen als vorsorgliche Maßnahmen“. Hierzu zählen unter anderem eine Reihe innerdeutscher Lufthansaflüge, für die die Passagiere nun per Bahn anreisen müssen.

Das sei am Vormittag noch nicht absehbar gewesen und rühre nicht aus der aktuellen Coronawelle, sondern aus einem allgemeinen Personalmangel, entschuldigte sich ein Sprecher. Lufthansa hingegen reagierte offiziell gelassen und erklärte, sie habe genug Mitarbeiter für alle Fälle. Hinter den Kulissen ist die Stimmung etwas gereizt. „Die Dienstleister am Flughafen und auch Fraport haben zuerst zu viele Leute rausgeworfen und zu wenig neue eingestellt, als die Zahl der Buchungen und der Infizierten zunahm“, so ein Lufthansamanager.

Anderswo ist die Lage noch weitaus schlimmer: In Großbritannien mussten Easyjet und British Airways in den vergangenen Tagen Hunderte Flüge absagen, weil zu viele Mitarbeiter in Quarantäne mussten. Solche Ausfälle erwartet die Branche in Deutschland nicht. Für den Optimismus sorgen vor allem die strengen deutschen Hygieneregeln an Bord und am Boden. Während es etwa in Großbritannien und auch den Benelux-Staaten trotz deutlich höherer Inzidenzen keine Maskenpflicht mehr gibt, müssen in deutschen Flugzeugen und Terminals alle Kunden und Mitarbeiter weiterhin eine FFP2-Maske tragen. In den kritischen Bereichen wie den Verkehrsleitstellen gilt zudem weiterhin die 3G-Regel. „Damit ist es deutlich weniger wahrscheinlich, dass sich Mitarbeiter bei ihren vielen oft engen Kundenkontakten anstecken und in Quarantäne müssen“, so ein Lufthansamanager.  

Der Arbeitsplatz als Hotspot?

Das Chaos am Frankfurter Flughafen, aber auch die Zuversicht bei der Lufthansa zeigt beispielhaft, wie die deutsche Wirtschaft derzeit der Omikronwelle zu trotzen versucht: Die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt zwar, aber die Infektionszahlen sind mehr als zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie weiter hoch. In Deutschland betrug die Zahl der Neuinfektionen am Donnerstag 201.729 Menschen. Die Aufhebung der Maskenpflicht dürfte, so sorgen sich nicht wenige, das Infektionsgeschehen eher wieder beschleunigen statt es zu bremsen. Und die nun von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) angekündigte Regelung, wonach sich von Mai an diejenigen, die mit einem Infizierten in Kontakt waren, nicht mehr in Quarantäne begeben müssen, schürt unter vielen Beschäftigten zusätzliche Ängste: Wird der Arbeitsplatz zum gefährlichen Hotspot?

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Die Wirtschaft ächzt vor allem unter den Folgen der höchst ansteckenden Omikronvariante: Nach einer Auswertung der Krankenkasse Barmer hat die Zahl der arbeitsunfähigen Menschen in Deutschland Mitte März einen Rekord erreicht. Vom 14. bis zum 20. März waren 59.502 bei der Barmer versicherte Beschäftigte wegen einer Coronainfektion krankgeschrieben – so viele wie nie seit Beginn der Pandemie. Zu Spitzenzeiten der ersten Coronawelle seien es bis zu 25.100 Erwerbstätige gewesen – und damit nicht einmal halb so viele. Die Barmer versichert 4,2 Millionen Erwerbstätige und ist damit eine der größten Krankenkassen in Deutschland.

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Am stärksten von coronabedingten Arbeitsausfällen ist derzeit Mecklenburg-Vorpommern betroffen. Hier konnten in diesem Zeitraum etwa 27 von 1000 Menschen, die Anspruch auf Krankengeld haben, wegen Corona nicht zur Arbeit gehen. Die Bahn musste in dem Bundesland deshalb bereits Zugverbindungen streichen. Im Bundesschnitt waren es gerundet 17 von 1000. Auch in Thüringen und Bayern lag der Krankenstand hoch. Am wenigsten Krankschreibungen gab es in Hamburg, hier waren rund sieben von 1000 versicherten Erwerbstätigen wegen Corona nicht arbeitsfähig.

Auch die Deutsche Bahn meldet einen Krankenstand, der „aktuell über dem Durchschnitt“ liege, heißt es bei dem Unternehmen. Die Tendenz sei leicht rückläufig – und spiegele in etwa den Trend bei den bundesweiten Corona-Inzidenzen wider. „Wir haben wo nötig die Betriebsabläufe an die Lage angepasst“, sagt eine Sprecherin. Der erhöhte Krankheitsstand habe in den vergangenen Wochen „punktuell“ negative Auswirkungen auf den Bahnbetrieb gehabt. Fahrgäste seien „von geringen regionalen Einschränkungen betroffen“ gewesen.

Dabei ist der Druck vor allem in Industrie, Handwerk und überall dort also, wo die Arbeit nicht im Homeoffice erledigt werden kann, am größten. Für die Unternehmen besteht nach wie vor das Risiko von Produktionsausfällen. In einer aktuellen Auswertung der Förderbank KfW gab jeder vierte der 2400 befragten Mittelständler an, wegen vermehrter Personalausfälle unter Problemen im Geschäftsbetrieb zu leiden. Der KfW zufolge waren dies zehn Prozentpunkte mehr als im September 2021. Wie gehen sie mit den Ausfällen um?

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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte am Dienstag zunächst angekündigt, die Quarantänepflicht für Infizierte aufzuheben, um kurz darauf in einer Fernsehsendung und per Tweet mitten in der Nacht klarzustellen, dass es doch dabei bleibe. Danilo Frasiak, Geschäftsführer der Büromarkt Böttcher AG, nennt Lauterbachs „Rolle rückwärts“ ein „kommunikatives Desaster“. So, wie es nun kommen soll, hätte es laut Frasiak von Anfang an laufen müssen: „Bei einer Infektion halten wir Quarantäne für richtig.“ Dass sich jemand schon nach dem Kontakt zu einem Infizierten isoliert, sei angesichts des hohen Impfschutzes aber nicht notwendig.

Tatsächlich hat wohl kaum ein Unternehmen eine so hohe Impfquote wie Böttcher. Das E-Commerce-Unternehmen aus Jena hatte im November 2021 eine Impfprämie von 5000 Euro an alle Mitarbeiter ausgelobt, die bis Mitte Januar geimpft sein würden. So erhöhten die Manager die Impfquote von 60 auf 88 Prozent. Inzwischen liege sie bei über 90 Prozent, sagt Frasiak. Die Quarantäne zu verkürzen, hält er deswegen für den richtigen Schritt.

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Doch auch Böttchers Unternehmen ist nicht vor Coronaausfällen gefeit. Das zeigt das Dilemma, in dem die gesamte Wirtschaft derzeit steckt: Selbst wenn die Impfplicht in Deutschland nun doch noch kommt, die aktuellen Ausfälle wird das nicht minimieren. Bis zu 40 der 550 Mitarbeiter der Büromarkt Böttcher AG seien zuletzt pro Woche an Corona erkrankt. Durchschnittliche Ausfallzeit: sieben Tage. Schwere Verläufe gab es laut Frasiak nicht. Ausfälle im operativen Geschäft hätten Kollegen aus Bereichen kompensiert, die „nicht geschäftskritisch“ seien, wie bestimmte IT-Prozesse.

Wie Unternehmen mit der Freiwilligkeit zur Quarantäne, die nun für Kontaktpersonen von Infizierten gilt, umgehen sollen, ist noch unklar. Und so folgte die Kritik an Lauterbachs Plädoyer für Eigenverantwortung prompt: „Das fällt grundsätzlich einem ein, der hauptsächlich vom Schreibtisch arbeitet“, sagte der NRW-Landesvorsitzende vom Verband Die Familienunternehmer, David Zülow, auf WDR 5. Einzelhändler, Maurer, Pflegekräfte könnten nun einmal schlecht ins Homeoffice wechseln. Unter Kollegen dürfte die unklar formulierte Regelung unweigerlich zu Konflikten führen, meint der Unternehmer. Die einen sagten, man sei nirgends sicherer als am Arbeitsplatz. Die anderen fühlten sich unwohl und blieben lieber daheim, so Zülow. Die einen hätten kein Problem damit, trotz Kontakt zu einer Infizierten in den Betrieb zu kommen, rümpften aber die Nase, wenn andere deswegen zu Hause blieben – von der Arbeit freigestellt.

Unklarheit sorgt für Zoff in der Belegschaft

Und nicht nur fürs Betriebsklima hätte die Neuregelung wohl ernste Folgen. Auch die Firmenkassen könnten betroffen sein. Dann nämlich, wenn der Staat das Gehalt eines ausgefallenen Mitarbeiters nicht mehr übernehmen sollte, wie er es aktuell nach dem Infektionsschutzgesetz tut. Reinhold von Eben-Worlée, Präsident des Verbands Die Familienunternehmer, sagt, er gehe zwar „im Moment davon aus, dass die Erstattung von Verdienstausfällen nach dem Infektionsschutzgesetz weitergehen wird“. Ausgemacht ist das aber noch nicht. Eben-Worlée verlangt „eine klare Aussage des Gesundheitsministers – und das als Regierungserklärung statt über Twitter oder in Talkshows“.

Konzerne dürften sich naturgemäß leichtertun, das Wegbrechen staatlicher Ausgleichszahlungen zu verkraften, als kleinere Betriebe. Die hohen Krankenstände aber treiben auch die großen Unternehmen um – neben all den anderen Sorgen zu steigenden Preisen und gerissenen Lieferketten. Bei BASF beispielsweise spüren sie, dass sich der Krankenstand in der Belegschaft analog zum Infektionsgeschehen in der Republik entwickelt. Am Standort Ludwigshafen zeigten sich derzeit Personalengpässe in geringem Maße, die es durch bessere Umschichtung zu bewältigen versucht. 

Beim Gütersloher Hausgerätehersteller Miele seien „die Fehlzeiten durch Erkrankungen und anschließende Quarantäne vergleichsweise hoch“, teilt das Familienunternehmen mit. Der Konzern (Umsatz: 4,8 Milliarden Euro) habe nicht mit voller Auslastung produzieren können. Miele beschäftigt mehr als 11.000 Menschen in neun Werken in Deutschland; die größte Produktionsstätte ist das Waschmaschinenwerk am Stammsitz in Gütersloh. „In einigen Bereichen“, heißt es von Miele, „konnten die geringeren Stückzahlen an produzierten Geräten durch längere Schichten und Samstagsarbeit aber bereits wieder ausgeglichen werden.“

Und auch beim Industriekonzern Thyssenkrupp hoffen sie vor allem durch gute Organisation und Vorsichtsmaßnahmen Ausfällen vorzubeugen. In Deutschland stellt das Unternehmen fünf Coronaselbsttests pro Woche zur Verfügung, um sicherzugehen, dass alle anwesenden Mitarbeiter, vor allem auch in der Produktion, ein tagesaktuell negatives Testergebnis haben – unabhängig davon, ob der jeweilige Mitarbeiter bereits geimpft oder genesen ist. „Dies geschieht auf Vertrauensbasis: Thyssenkrupp setzt dabei auf die Solidarität innerhalb der Belegschaft“, heißt es bei dem Konzern.

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