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Riedls Dax-RadarDie EZB wird zum Retter des deutschen Aktienmarkts

Der glänzende Börsenstart von Chipdesigner Arm zeigt, wie scharf Investoren auf Erfolgsunternehmen sind. Die Aussicht auf ein Ende der strengen Notenbankpolitik stimuliert zusätzlich. Dem Dax gibt das neuen Auftrieb. Eine Kolumne.Anton Riedl 15.09.2023 - 11:05 Uhr

ARM-IPO an der NYSE.

Foto: REUTERS

Es ist ein gutes Zeichen für die internationalen Aktienmärkte und auch den Dax, wenn der größte Börsengang des Jahres ein richtig großer Erfolg wird. Und das ist beim amerikanischen Chipdesigner Arm der Fall: Die neuen Aktien waren nicht nur vielfach überzeichnet, sie kamen auch zu einem stolzen Preis von 51 Dollar an die Börse – und schossen dann binnen weniger Stunden auf bis zu 61 Dollar; ein amerikanischer Traum. 

Eher ein japanischer. Denn hinter dem genialen Deal steckt ein alter Hase aus Japan, Masayoshi Son, der schon zur Jahrtausendwende mit seiner Beteiligungsgesellschaft Softbank zu den Börsenzauberern gehörte.

Dank seiner einzigartigen Designs von Chips und lukrativer Lizenzverträge mit den ganz großen Hightech-Unternehmen von Apple bis Samsung hat Arm eine Schlüsselstellung am Halbleitermarkt. Die ist so attraktiv, dass sogar Branchenprimus Nvidia die britische Arm für einen Preis von 40 Milliarden Dollar übernehmen wollte. Die Wettbewerbsbehörden allerdings lehnten das ab. 

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Jetzt, beim Comeback an der Börse, funkt niemand mehr Masayoshi dazwischen – und sein Deal ist nicht nur gewaltig, sondern vor allem clever. Masayoshi weiß, dass die Geschichte von Arm ungemein faszinierend ist, gerade jetzt mitten im Hype um Künstliche Intelligenz. Hohe Nachfrage nach seinen Aktien ist damit programmiert. 

Gerade deshalb aber hält Masayoshi das Angebot künstlich sehr knapp. Nur 95,5 Millionen Stück von insgesamt 1,025 Milliarden Aktien wurden den Investoren zur Verfügung gestellt. Diese extreme Knappheit macht den extremen Anstieg möglich. Am deutschen Aktienmarkt hat der Autohersteller Porsche AG im Einklang mit Großaktionär Volkswagen im vergangenen Jahr die gleiche Strategie gefahren: Hochbegehrtes Produkt und ganz wenig freie Aktien – und als Ergebnis kam es trotz schwieriger Börsenlage zu einer wahre Rally. 

Ohne Frage, das Zahlenwerk von Arm ist sehr gut. Bei 2,68 Milliarden Dollar Umsatz im vergangenen Jahr (bis 31. März) blieben 524 Millionen Dollar Nettogewinn. Das sind 20 Prozent Rendite. Das mittelfristig geplante Wachstum von rund 20 Prozent per anno ist angesichts des nachhaltig hohen Bedarfs an Chips durchaus plausibel.

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Die 95,5 Millionen Stück Aktien von Arm bedeuten bei Kursen von 61 Dollar insgesamt 5,8 Milliarden Dollar. Das ist immer noch beachtlich, aber eben keine Dimension, den den Aktienmarkt aus den Angeln hebt. 

Eher schon beeindruckend ist die damit hochgerechnete gesamte Marktkapitalisierung von Arm. Die beträgt nun bei 1,025 Milliarden Aktien und Kursen von 61 Dollar nun insgesamt 62,5 Milliarden Dollar. 

Der große Gewinner der Transaktion ist Masayoshi Son: 5,8 Milliarden Dollar bekommt er Cash aus dem Verkauf von 95,5 Millionen Stück – und 56,7 Milliarden Dollar kann er an Wert nun für seine 929,5 Millionen Stück (gleich 90,7 Prozent vom Grundkapital) amtlich ansetzen.

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Die Bewertung, die Arm damit hat, ist atemberaubend: Bei 20 Prozent prognostiziertem Wachstum könnte Arm in diesem Jahr auf 3,3 Milliarden Dollar Umsatz kommen. Das ergibt eine Umsatzbewertung von 19. Das ist mehr, als Top-Shots zur Jahrtausendrally erzielt hatten. Das KGV dürfte, bei dann möglichen 600 bis 700 Millionen Nettogewinn, den Bereich von 100 touchieren. 

Selbst Nvidia, der Überflieger der Chipbranche, der in guten Jahren mit einer Nettorendite von mehr als 30 Prozent noch rentabler ist als Arm, kommt – je nach Gewinnschätzung – für 2024 nur auf ein KGV im 30er-Bereich. Und bei Infineon, die bei drei Milliarden Euro erwarteten Reingewinn und gut 16 Milliarden Euro Umsatz gar nicht so viel weniger rentabel sind als Arm (obwohl die Deutschen zuallererst Produzent und nicht Designer von Chips sind), liegt die Gewinnbewertung derzeit nur um 14. 

So paradox es klingt, die utopische Bewertung von Arm ist damit nicht ein Zeichen für eine überschäumende Bewertung des Gesamtmarkts, sondern das Ergebnis einer ausgebufften Ipo-Strategie, die über extreme Verknappung zu extremen Kursen führt.

Ebenfalls gut aufgenommen an den Börsen wurde die jüngste Zinserhöhung der EZB, die zehnte in Folge. Zwar war im Vorfeld keineswegs einhellig eine weitere Erhöhung erwartet worden, dennoch hielt sich die Irritation darüber in Grenzen. Die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen, die am 13. September mit 2,69 Prozent fast wieder das Hoch vom Februar erreicht hatten, gaben erst einmal auf rund 2,60 Prozent nach. 

An der grundlegenden Richtung der Anleiherenditen hat sich nichts geändert: Tendenziell besteht zwar nach wie vor eher Druck nach oben, gleichzeitig aber setzt sich die Überzeugung durch, dass die Renditen nun erst einmal ein Plateau erreicht haben könnten. 

Dem Aktienmarkt kommt diese Perspektive durchaus zugute. Immerhin war es im Dax in den vergangenen Tagen immer knapper geworden, ob sich die seit August laufenden Korrektur nach oben auflöst. Zweimal, am 8. und am 13. September, tauchte die Indexkurve dabei sogar unter die Marke von 15.600 Punkten, kann sich nun aber dank EZB-Hilfe von diesen Schocks erholen. 

Günstige Favoriten für neue Höchstkurse

Zu den Top-Aktien im Dax gehört derzeit die Allianz. 2020 und 2022 ist der Versicherer bis auf rund 235 Euro geklettert. Ein Anstieg über dieses Niveau hinaus wäre ein starkes Signal für die Fortsetzung der großen Aufwärtsbewegung, die seit den Tiefen der Finanzkrise läuft. Analytisch ist die Aktie vielversprechend: Die Aussichten, dass es 2023 einen deutlichen Gewinnanstieg gibt, sind angesichts des starken ersten Halbjahres gut. Den deutschen Versicherern – und das gilt für die Münchener Rück und die Hannover Rück genauso – kommt die Gemengelage aus erhöhten Zinsen und lebhafter Nachfrage nach Absicherung voll zugute. Die Bewertungen sind nach wie vor vertretbar, die Dividenden umfangreich und sicher. 

Hochspannung herrscht derzeit bei den Sondersituationen im Dax. Beim Chemiegroßhändler Brenntag mehren sich die Anzeichen, dass Großaktionär Klaus-Michael Kühne seinen bisherigen Anteil von 10 Prozent weiter aufstockt. Mit Kursen um 76 Euro sind Brenntag-Aktien kurz vor einem weiteren, mittelfristig starken Kaufsignal. Der Mix aus stabilem Geschäftsmodell, nachhaltiger Transformation des Unternehmens (die von Kühne unterstützt wird) und Druck durch aktivistische Aktionäre macht Brenntag derzeit zu eine der heißesten Aktien im Dax. 

Ebenfalls im Visier großer Aktionäre ist Kunststoffspezialist Covestro. Hier lotet der potenzielle Käufer, der staatliche Ölförderer Adnoc aus Abu Dhabi, gerade einen möglichen Übernahmepreis aus. Bei Analysten machen Wertberechnungen von weit über 70 Euro die Runde. Gehandelt aber wird die Aktie bisher nicht einmal auf dem Niveau von 55 Euro, das bei den ersten Sondierungen als Anhaltspreis kolportiert worden ist.

Grund für diese Zurückhaltung ist die operative Schwächephase, in der Covestro schon seit längerer Zeit steckt. Zudem hängt über den Verhandlungen durchaus die Gefahr des Scheiterns – denn über den Tisch ziehen lassen von Aktionärswünschen dürften sich die vermögenden Käufer aus Abu Dhabi (die zudem die Branche dank eigener Geschäfte seit langem sehr gut kennen) sicherlich nicht. Immerhin, selbst wenn es zu einem Übernahmepreis im Bereich um 60 Euro käme, wäre dies ein Übernahmeaufschlag von rund 50 Prozent – und damit für beide Seiten kein so schlechter Deal. 

Als Enttäuschung entpuppt sich seit einigen Wochen Bayer. Obwohl der Start des neuen Chefs Bill Anderson zunächst vielversprechend war, hat sich am Abwärtstrend der Aktie bisher nichts geändert. Kein Wunder, dass Anderson nun beim Konzernumbau und den Effizienzmaßnahmen Druck macht – hat er doch aktivistische Aktionäre im Nacken, die noch in diesem Jahr eine tragfähige Strategie für eine Wende sehen wollen. Die jüngste Schwäche der Bayer-Aktie, die wieder unter die 50 Euro gerutscht ist, stimmt vorsichtig. Bevor Bayer nicht wieder über die Marke von 53 Euro kommt, ist weiter Gefahr im Verzug. 

Fazit für den Dax: Der erfolgreiche Börsengang von Arm zeigt, dass Investoren weltweit liquide und willens sind, vielversprechende Unternehmensstories an der Börse zu honorieren. Die jüngste Zinserhöhung der EZB und die mögliche Aussicht auf ein bevorstehendes Zinsplateau ohne weitere, substanzielle Straffungen, passt gut zu dieser insgesamt positiven Börsenperspektive.

Für den deutschen Aktienmarkt hat sich in diesem Umfeld die Chance auf eine weitere Erholung (die zuletzt mit getaxten 60 zu 40 ziemlich knapp geworden ist) nun wieder deutlich verbessert. Kurzfristig sollte mindestens ein Anstieg bis gut 16.000 Punkte möglich sein. Eine Kletterpartie über diese Marke hinaus könnte dann sogar wieder Spielraum bis zu alten Hoch um 16.500 Punkte eröffnen. Nächste Nagelprobe für den Trend wird dann die Sitzung der amerikanischen Notenbank Fed, die am 20. September ansteht.

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