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Digitalisierung Warum der elektronische Personalausweis gefloppt ist

Exklusiv
Den elektronischen Personalausweis nutzen bislang nur wenige.

Seit zehn Jahren kann man sich in Deutschland auch online ausweisen. Doch der E-Perso wird kaum genutzt, wie eine Studie zeigt. Eine Idee, wie sich das ändern ließe, haben sich die Autoren bei Peter Altmaier abgeguckt.

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Manchmal sind es die kleinen Dinge, in denen großes Potential für den digitalen Fortschritt schlummert. In einem Personalausweis zum Beispiel. Seit zehn Jahren gibt es den „Perso“ in Deutschland nun bereits mit eingebauter elektronischer Funktion, damals „neuer Personalausweis“ getauft. Mit der richtigen technischen Ausstattung ist es seitdem möglich, sich mit seinem Kärtchen auch online auszuweisen. Authentifizierung durch eine elektronische ID (eID) nennen das die Fachleute.

Max Mustermann kann so jederzeit also auch online beweisen, dass er wirklich Max Mustermann ist. Zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis wird der elektronische Personalausweis noch immer nur selten benutzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) und der Technologiefirma Nortal, die der WirtschaftsWoche vorliegt.

Demnach steigt zwar die Zahl der Personalausweise, bei denen die Online-Funktion aktiviert ist: mittlerweile sind es 33,8 Millionen. Zum Vergleich: 62,3 Millionen Persos sind im Umlauf und wären eID-fähig. Genutzt werden die Funktionen aber dennoch eher selten, wie die Studienautoren von BCG und Nortal analysieren: in diesem Jahr etwa 2,5 bis 3 Millionen Mal – was im internationalen Vergleich ziemlich wenig ist. BCG-Partner Thilo Zelt fordert daher, eine ambitioniertere Herangehensweise bei der eID: „Das geht nur mit einer gemeinsamen Anstrengung von Staat und Wirtschaft.“

Man musste es schon wollen

Wer schon einmal versucht hat, mit dem E-Perso etwa eine Geburtsurkunde oder ein Führungszeugnis digital zu beantragen, für den kommt die bescheidene Bilanz wohl wenig überraschend. Zu Beginn brauchte man ein Kartenlesegerät, um den neuen Perso auch elektronisch zu nutzen, damals ein nicht gerade handliches Zusatzprodukt. Inzwischen gibt es die AusweisApp2, die zwar wesentlich angenehmer zu bedienen ist, aber auch erst 4,2 Million heruntergeladen wurde.

Die Studie verweist neben der fehlenden Nutzerfreundlichkeit auf einen weiteren Hauptgrund, warum in den ersten Jahren nur wenige Deutsche die Online-Ausweisfunktion aktiviert hatten: Man musste es wirklich wollen. Erst seit Mitte 2017 läuft es genau umgekehrt: Die digitalen Funktionen wird bei Ausstellung eines Persos automatisch aktiviert – wer das nicht will, muss explizit widersprechen.

Das ist ein Fortschritt, beantwortet aber noch nicht die eigentliche Frage: Warum wird der elektronische Personalausweis kaum benutzt?

Die ziemlich simple Antwort: Weil es schlicht zu wenig Möglichkeiten gibt, diese vom Staat vergebene eID zu nutzen. Es gibt zwar inzwischen Serviceleistungen von Bund, Ländern und Kommunen, die sich bequem von zu Hause beantragen lassen – und für man sich online ausweisen muss. Aber dabei ist es eben wie mit dem Besuch im analogen Bürgeramt: Der ist vielleicht ein- bis zweimal im Jahr nötig, wenn überhaupt. „Die Akzeptanz des neuen Personalausweises steht und fällt mit der Einbindung in Geschäftsvorfälle abseits der öffentlichen Hand“, sagt BCG-Partner Zelt. Diese Gelegenheit hat man aber bisher eher selten: bei gerade mal 28 privatwirtschaftliche Anbietern.

Es geht um die digitale Souveränität Deutschlands

Es ist ein Dilemma: Weil den elektronischen Perso nur wenige verwenden, ist es für Unternehmen kaum attraktiv, ihn als eID für ihr Online-Angebots einzubinden. Und weil es nur wenige Anbieter gibt, bei denen man sich mit dem neuen Personalausweis elektronisch identifizieren kann, nutzen ihn so wenige. „So kommt es zu einem negativen Netzwerkeffekt“, schreiben die Studienautoren von BCG und Nortal. Hierzulande sei daher „eine heterogene Landschaft von eID-Lösungen entstanden“.

Die Deutschen melden sich mit ihrer Sparkassen-ID an, um Geld zu überweisen, sie nutzen eine Apple-ID um ein E-Book zu kaufen, oder bestellen die Taschenbuchausgabe davon bei Amazon – logisch: mit ihrem Amazon-Zugang. Bei Apple und Amazon ist das Sicherheitsniveau der Authentifizierung nicht so hoch wie beim Online-Banking, aber die großen Technologiefirmen im Silicon Valley arbeiten längst daran, auch eID-Lösungen anzubieten, die für den sicheren Austausch sensibler Daten und Dokumente zwischen Bürger und Staat geeignet wären. 

„Die digitale Wirtschaft braucht eine leistungsstarke eID-Plattform“, sagt BCG-Partner Zelt. Wenn der deutsche Staat sie jetzt nicht schaffe, könnten ausländische Anbieter in die Lücke springen. „Das ist dann wieder ein Bereich verlorener digitaler Souveränität für Deutschland.“ Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zeigten, dass ein breites Angebot der wesentliche Erfolgsfaktor ist. Hierzu müssten Kooperationen zwischen Verwaltung und Wirtschaft verstärkt werden.

Dabei wäre die Finanzbranche der wohl entscheidende Hebel. Denn selbst in Ländern wie Schweden, Estland und Dänemark, in denen nahezu alle staatlichen Verwaltungsleistungen online verfügbar sind, machen sie nur 10 Prozent der Nutzung von eID-Lösungen aus. Die Finanzwirtschaft hingegen hat durch die Online-Banking mit bis zu 75 Prozent einen besonders hohen Anteil.

Eine europäische Lösung könnte helfen

Im für den elektronischen Personalausweis zuständigen Bundesinnenministerium kennt man diese Zahlen und Argumente. Auch die Beamten von Horst Seehofer (CSU) wissen, dass ihre eID nur ein Erfolg werden kann, wenn sie öfter genutzt werden kann als für den jährlichen Blick auf den Rentenbescheid. Eine enge Kooperation mit der Privatwirtschaft scheut man jedoch – vor allem aus ordnungspolitischen Gründen.

„Ausschließlich unsere eID staatlich zu pushen wäre ein unzulässiger Eingriff in den Markt“, sagte der damals zuständige Abteilungsleiter noch im März der WirtschaftsWoche. Die Autoren von BCG und Nortal schlagen deshalb eine weitere Möglichkeit vor, wie aus dem bisher weitestgehend gefloppten E-Perso noch ein Erfolg werden: mit einer europäischen Initiative.

Als Vorbild dient dabei ein Lieblingsprojekt von Peter Altmaier (CDU). Unter dem Namen Gaia-X baut der Wirtschaftsminister derzeit eine europäische Cloud-Infrastruktur auf. Dabei schließen sich europaweit Firmen zusammen, koordiniert durch die Bundesregierung. Ziel ist es nicht, eine komplett neue Cloud zu bauen, sondern bereits bestehende Produkte geschicktes zu vernetzen. „Wir brauchen eine Art Gaia-X-Projekt für digitale Identität, in dem Wirtschaft und öffentlicher Sektor zusammenkommen“, fordert BCG-Partner Zelt.

E-Perso auch für digitale Unterschrift nutzen

Die Studie nimmt sich zudem noch einen weiteren Aspekt vor, bei dem Deutschland im internationalen Digitalisierungsvergleich weit abgeschlagen liegt, obwohl man hierzulande ursprünglich einmal ziemlich früh dran war. Bereits 1997 schaffte die damalige Bundesregierung eine gesetzliche Grundlage für die elektronische Signatur, also für die Möglichkeit, digital zu unterschreiben. Das war notwendig, um Rechtsgeschäfte über das Internet zu ermöglichen – wird aber bis heute von der breiten Bevölkerung nicht genutzt.


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Das müsse sich dringend ändern, findet Ole Behrens-Carlsson, der Deutschland-Chef von Nortal. „Deutschland sollte die Infrastruktur des neuen Personalausweises nutzen, um eine kostenlose Signaturlösung einzuführen“, schlägt er vor. Das könne der Schlüssel zu einer höheren Nutzung des E-Persos sein, sowohl bei privatwirtschaftlichen Anbietern, also auch bei den Verwaltungsleistungen von Bund, Ländern und Kommunen.

Denn schon jetzt haben viele Behörden immerhin PDFs hochgeladen, die man zwar ausfüllen kann – zum Unterschreiben bisher aber ausdrucken muss. Das wäre dann vorbei, die Unterschrift per Mausklick möglich. „Mit dieser Funktionalität kann die rechtssichere Digitalisierung Deutschlands auf ein neues Level gebracht werden“, sagt Behrens-Carlsson.

Wie wichtig die E-Signatur für die Digitalisierung ist, zeigt auch der Blick ins Ausland. In Estland, wo Nortals Geschäftsgeschichte eng mit dem Aufstieg des Baltenstaats zum digitalen Vorreiter verbunden ist, spendiert der Staat jedem Bürger pro Monat zehn kostenlose digitale Unterschriften. Mit Erfolg: Die Möglichkeit wird intensiv genutzt – bereits seit 2002.

Mehr zum Thema: Die Bundesregierung unterstützt eine digitale Transformation.

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