Gegen die Abhängigkeit von Russland Sparen wir durchs Tempolimit – oder können wir uns das sparen?

Quelle: imago images

Soll auf Autobahnen eine Höchstgeschwindigkeit, gar Tempo 100, durchgesetzt werden? Mit dem russischen Angriffskrieg streitet die Ampel, wie viel Sprit so zu sparen ist. Sieben Antworten.

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Worum geht’s?

Energiesparen sollte für alle zur täglichen Übung werden, heißt es aus der Bundesregierung: Heizung runterdrehen, Pulli überziehen, Fahrrad fahren oder ein vorübergehendes Tempolimit auf den Autobahnen von 100 Stundenkilometern. Nachdem Russland die Ukraine angegriffen hat, steigen nicht nur die Preise für Sprit. Politikerinnen der Ampelkoalition debattieren, ob sich Deutschland mit einem zeitweisen Tempolimit auf Autobahnen schneller unabhängig von russischen Ölimporten machen kann. Vertreter von Grünen und teilweise der SPD machen sich stark für eine generelle Begrenzung auf 100 Stundenkilometer. Teilweise wird auch ein autofreier Sonntag im Monat gefordert, ähnlich wie es das zur Ölkrise in den 1970er Jahren gab.

Wer fordert was?

Die Grünen verlangen schon lang ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf der Autobahn. In den Koalitionsverhandlungen waren die Ökopartei und die SPD für eine Begrenzung, nun nehmen sie einen neuen Anlauf: Es geht um zeitweilig 100 auf der Autobahn. Die Liberalen hatten sich Ende 2021 im gemeinsamen Koalitionsvertrag durchgesetzt. Es heißt darin: Auf der Autobahn bleibt es, wie es ist. Die FDP glaubt nicht, dass eine solche Maßnahme nützt. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) ließ sogar wissen, es gebe kurzfristig gar nicht genug Schilder fürs flächendeckende Tempolimit. Dagegen steht zum Beispiel der Ministerpräsident im Autobauerland Baden-Württemberg Winfried Kretschmann (Grüne), der fordert: „In dieser Krise sollten wir das sofort machen, es spart unmittelbar Energie ein.“ Die Gegnerinnen sollten „eingefahrene Dogmen“ über Bord werfen. Das Limit sei ein mildes Mittel, um während des Ukraine-Kriegs Energie zu sparen.

Was macht die Ampel, damit Sprit gespart wird?

Eigentlich sorgen hohe Benzin- und Dieselpreise an der Zapfsäule dafür, dass die Menschen sparsamer fahren, auf andere Verkehrsmittel umsteigen oder auf Fahrten ganz verzichten. Weil das aber Einzelne teils hart trifft, hat die Bundesregierung sich in ihrem Entlastungspaket für einen anderen Weg entschieden. Die Mineralölsteuer wie geplant abzusenken, fällt unter diesem Aspekt bei ökonomischen Fachleuten allerdings durch. „Schädlich und wenig zielgenau“ sei das, der Schritt biete keinen Anreiz, auf  Energieeffizienz und Einsparungen zusetzen. Und: Niedrigere Energiesteuern senkten den Benzinpreis für alle und komme auch Gutverdienenden mit spritschluckenden großen Autos zugute. Insgesamt also derzeit keine politischen Signale zum Spritsparen.

Wer unterstützt ein Limit und wo gibt es ein solches schon?

Unter dem Eindruck des Krieges spricht sich eine Mehrheit der Menschen in Deutschland für ein zeitweiliges Tempolimit auf Autobahnen aus. 57 Prozent der Befragten finden es nach einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap für die ARD richtig, 38 Prozent falsch. Auch schon vorher ergaben solche Befragungen eine Mehrheit für eine Beschränkung der Geschwindigkeit. Nur wie hoch dieses sein sollte, darüber variieren die Meinungen. Mal sprachen sich 53 Prozent für maximal Tempo 130 aus, dann forderten 57 Prozent eine Geschwindigkeitsbegrenzung im Schnitt von 136 km/h. In einer reinen Online-Befragung forderten 38,5 Prozent durchgehend maximal 130 km/h und 15,6 Prozent eine noch niedrigere Geschwindigkeit.

In Europa ist Deutschland derzeit das einzige Land ohne generelles Tempolimit. In den Nachbarländern Frankreich gilt die Grenze 130 km/h, in der Schweiz und Belgien 120 km/h. Beim westlichen Nachbarn Niederlande sogar dauerhaft nur 100 km/h.

Wie sind die Deutschen auf der Autobahn unterwegs?

Auf 70 Prozent der Autobahnstrecken im Land herrscht freie Fahrt, immer bei einer Richtgeschwindigkeit 130 Kilometern pro Stunde. Wie schnell die Menschen tatsächlich fahren, dazu gibt es Orientierung bei der Bundesanstalt für Straßenwesen. Ohne Limit liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit auf Autobahnen bei 125 km/h, bei einer Grenze von Tempo 120 wird im Schnitt 115 km/h gefahren und bei Limit 100 immerhin noch durchschnittlich 103 km/h.

Auch nach den Werten des Umweltbundesamtes halten sich viele nicht ans Limit. Demnach überschreiten bei Tempo 120 circa 40 Prozent der Autos die vorgegebene Geschwindigkeit.

Obwohl Baustellen und volle Autobahnen einen etwas anderen Eindruck bei den Autofahrerinnen und -fahrern hinterlassen: Bisher sind rund siebzig Prozent der Strecke frei von Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Wie viel Sprit lässt sich sparen?

Nicht nur die Zahl auf dem Straßenschild ist entscheidend für die Ersparnis beim Sprit. Das Limit müsste also auch durchgesetzt werden. Zudem steigt der Spritverbrauch mit höheren Geschwindigkeiten überproportional, so dass auch entscheidend sein dürfte, wie schnell die Menschen tatsächlich unterwegs sind. Auch durch langsames Beschleunigen etwa lässt sich Kraftstoff sparen. Das Umweltbundesamt hatte bereits vor der neuen Ölkrise eine Studie zu den Umweltfolgen und Einsparmöglichkeiten verfasst und jetzt aktualisiert. 2,1 Milliarden Liter fossile Kraftstoffe könnten nach den Untersuchungen jährlich in Deutschland eingespart werden, wenn auf Autobahnen Tempo 100 und außerorts Tempo 80 gelten würde. Das entspricht 3,8 Prozent des Kraftstoffverbrauchs im Verkehr. Die Umweltökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nennt folgenden Orientierungswert: „Ein Tempolimit könnte fünf bis sieben Prozent der russischen Ölimporte reduzieren.“

Wird ein Limit kommen?

Energieökonomin Kemfert propagiert das Mittel als eines, das schnell umzusetzen sei und niemandem wirklich weh tue. „Ein wirklich gutes Mittel, um auch Öl einzusparen, wäre ein Tempolimit, das ist überfällig, oder auch eine Einführung des autofreien Sonntags, auch das wäre der Situation angemessen“, sagte sie schon im März im Radio. Doch ohne weitere Preisschocks oder eine tatsächliche Einschränkung des Angebots ist ein Limit unter den Regierenden in Berlin derzeit wohl (noch) kein mehrheitsfähiges Ampel-Ziel.

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