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Robert Spaemann im Interview „Fantastische Annahmen“

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Und was denken Sie darüber? Meiner Meinung nach finden in der Evolution Sprünge statt – übrigens sagen dass auch die Biologen, Konrad Lorenz spricht in diesem Zusammenhang von Fulgurationen, das heißt, es entsteht plötzlich etwas Neues. Und zwar nicht eine Variante des bisherigen. Sondern etwas fundamental und kategorial Neues. Nehmen Sie zum Beispiel, das Phänomen der Zielgerichtetheit. Ich meine jetzt nicht Zielgerichtetheit des ganzen Evolutionsprozesses, sondern Zielgerichtetheit beim Menschen und bei höheren Säugetieren. Wir haben Absichten, wir benutzen Mittel, um etwas zu erreichen. So geht der Hund zum Fressnapf, weil er offensichtlich Hunger hat. Und was es heißt, Hunger zu haben, das weiß ich von mir selbst. Wenn man nun davon ausgeht, dass der Evolutionsprozess eine Kategorie wie Zielgerichtetheit überhaupt nicht kennt, sondern dass es sich in Wirklichkeit immer um Kausalprozesse handelt. Aber wie kommt es auf einmal zu einer völlig neuen Sache wie Zielgerichtetheit? Man kann zeigen, dass das Auftreten von Zielgerichtetheit in der Evolution Überlebensvorteile bietet. Man kann also die Selektion eines Phänomens wie das der Zielstrebigkeit leicht verständlich machen. Da liegt nicht das Problem. Wo denn? Das Problem liegt in der Mutation. Die Evolutionsbiologen befassen sich mindestens zu 95 Prozent nur mit der Selektion. Aber was ist mit der angeblich zufälligen Mutation? Irgendwann und irgendwo passiert irgendwas. Das ist eigentlich alles. Das heißt dann “Emergenz“ oder „Fulguration“. Und was die Wissenschaftler dann eigentlich interessiert, ist – wieso überlebt das? Welche Selektionsvorteile bietet das? Aber damit erklären sie nicht das Auftreten von etwas vollkommen neuem. Dass plötzlich in einer komplexen Struktur von Materieteilchen so etwas wie ein Trieb auftaucht, Schmerz auftaucht, Wohlbefinden auftaucht, dafür gibt es auch nicht den Hauch einer Erklärung. Und das geht dann so weiter: Das Auftauchen von Bewusstsein, von Selbstbewusstsein, schließlich das Auftauchen von moralischen Phänomenen, die nun überhaupt nichts mehr mit Überlebensdienlichkeit zu tun haben. Man kann zwar zeigen, dass kooperatives Verhalten prämiert wird in der Evolution... ... so wie der Neodarwinist Richard Dawkins das ja auch tut ... Ja, aber, das erklärt noch nicht, wieso wir uns engagieren für Wesen, die mit uns überhaupt nichts zu tun haben. Warum ich daran interessiert bin, dass Schmetterlinge im brasilianischen Urwald nicht ausgerottet werden. Das ist für mein Überleben, auch für das Überleben der auch menschlichen Gattung völlig gleichgültig. Es ist uns aber nicht gleichgültig. Wo kommt das her? Was ist das? Mitleid mag es auch bei nichtmenschlichen Lebewesen geben. Aber der Mensch verhält sich zu seinem Mitleid. Er kann helfen oder er kann sich den Leidenden vom Halse schaffen. Da fällt mir das Gedicht von Gottfried Benn ein, das ich ja auch schon anderweitig zitiert habe, das Gedicht „Ich habe Menschen gefunden“. Das schließt damit – und Benn war ja ein Agnostiker (Anmerkung: Betrachtet die Existenz eines höheren Wesens als ungeklärt, grundsätzlich nicht zu klären oder hält sie für irrelevant): „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden / woher das Sanfte und das Gute kommt, / weiß es auch jetzt noch nicht / und muß nun gehn.“ Woher das vollkommen Neue kommt, das ist die offene Frage. Die einen sagen, das ist eben alles Zufallsprodukt, wir dürfen nicht annehmen, dass ein Schöpfer hier den so genannten Zufall steuert in der Richtung der Entstehung sinnvoller Gebilde. In der Entstehung von Subjektivität, von Innerlichkeit. Die Wissenschaft hat es nur mit Objekten zu tun, mit der objektiven Wirklichkeit. Innerlichkeit ist etwas, das sprengt die Dimension der Wissenschaft. Sie kann zwar versuchen zu zeigen, wie ein Gehirn beschaffen sein muss, damit es leistet, was es leistet. Aber dazu setzten wir schon voraus, dass wir wissen, wozu ein Gehirn da ist. Man muss wirklich sagen, dass hier ein dogmatischer Kampf geführt wird. Der eigentlich mit Wissenschaft nichts zu tun hat. Ich denke hier beispielsweise an Daniel Dennett. Der ist ja einer der bekannten naturalistischen Bewusstseinstheoretiker. Der schreibt, ich kann das jetzt nicht wörtlich zitieren, in dem bekannten Buch über das menschliche Bewusstsein: Ich will gleich vorab bekennen, dass ich jede dualistische Position, die also noch etwas voraus setzt, das nicht in diesem Mechanismus von Mutation und Selektion erklärbar ist, von vorn herein ohne Diskussion ablehnen werde, so gut auch die Argumente sein möchten, die dafür vorgebracht werden. Er bekennt sich ausdrücklich zu einem ganz konsequent dogmatischen Naturalismus.

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