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Robert Spaemann im Interview „Fantastische Annahmen“

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Also Sie meinen, das macht die Sache eher interessant und auch glaubwürdig? Ja, bei vielen Menschen. Und ich kenne auch junge Leute, die dadurch misstrauisch werden. Es wird doch auch die Leugnung anderer Wahrheiten nicht unter Strafe gestellt. Der Islam behauptet ja, zum Beispiel das Jesus nicht gekreuzigt wurde – das ist für die Christen natürlich ein fundamentaler Anschlag auf ein zentrales Motiv ihres Glaubens. Aber sie würden doch nicht verlangen, jemand sollte bestraft werden, der das behauptet. Und im Übrigen, eine Frage: Ist es tatsächlich mit wissenschaftlicher Aufklärung unvereinbar, unbefangen Phänomene zur Kenntnis zu nehmen und zu behaupten, dass die von der Wissenschaft angebotenen Erklärungen die Welt nicht wirklich erklären? Wittgenstein zum Beispiel sagte das. Ist das anti-wissenschaftlich? Das kann ich nicht sehen. Denn nehmen wir mal an, es wäre tatsächlich so, dass einige dieser Sprünge in der Evolution, insbesondere in der Entstehung von Innerlichkeit oder in der Entstehung von Selbstbewusstsein sich aus Zufällen der Mutationen nicht erklären lassen. Und dass im Hintergrund ein Wille steht, der wollte, dass wir sein sollten. Gesetzt den Fall, es wäre so. Was wäre das für eine Wissenschaft, die sagte: Ja aber, wir müssen weiter auf unserer Ebene erklären, auch wenn es uns nie gelingt. Das wäre so wie der Musikwissenschaftler, der sagt, ich weigere mich zur Kenntnis zu nehmen, dass bestimmte Noten deshalb so angeordnet sind, weil da dieser Text heraus kommen sollte. Das ist keine musikalische Betrachtungsweise. Das ist ein Fremdkörper. Und den will ich nicht in Rechnung stellen. Das wäre eigentlich doch nicht wissenschaftlich, oder? Er würde dann ja sagen: Musik darf man nur musikwissenschaftlich erklären. Aber was ist, wenn die Musik nur deshalb so ist, wie sie ist, weil sie einen verschlüsselten Text enthält? Gut, aber das schöne an dem Beispiel Bach ist ja, dass man eine Erklärung gefunden hatte, eben dieses Verschlüsselungsverfahren. Aber was Sie voraussetzen, dass bei diesen Sprüngen doch ein Wille dahinter steht, dass muss ich dann als Glauben in die Wissenschaft einfügen, das kann ich wissenschaftlich nicht nachweisen. Wissenschaftlich zu arbeiten, bedeutet aber, nur Annahmen zu treffen, die sich auch beweisen – oder falsifizieren – lassen. Aber dieses Moment einzufügen, da muss etwas anderes sein, das lässt sich wissenschaftlich nicht überprüfen. Es gibt ja unheimlich viele Entwicklungsschübe in der Wissenschaft, wo man Phänomene nicht erklären konnte und geforscht hat und geforscht hat und irgendwann ist einer drauf gekommen und hat eine Erklärung gefunden. Dass heißt, es wäre doch völlig unwissenschaftlich, zu sagen, gut wir kommen hier nicht weiter und fügen jetzt einfach den göttlichen Willen ein. Dann bräuchte man ja gar nicht mehr weiter zu forschen. Das ist natürlich der klassische Einwand gegen alle teleologischen Erklärungen. Das Argument der „faulen Vernunft“, wie Leibniz und Kant das nannten. Also ich würde sagen: Zum einen, die Wissenschaft tut vollkommen recht daran, auch weiter nach der materiellen Infrastruktur der „Sprünge“ zu suchen. Aber wenn die Vermutung, hier sei noch etwas anderes im Spiel uns ein zusätzliches Licht aufsteckt, warum dieses Licht abweisen? Frau Thoene hat ihre Entdeckung ja nun gemacht. Sie hat das ja nur heraus bekommen, weil sie davon ausging, dass es so etwas gibt und dass Bach so etwas gemacht hat. Sie wäre niemals durch Zufall darauf gestoßen. Ein Musikwissenschaftler könnte hunderte von Jahren daran forschen, ohne darauf zu stoßen. Aber sie wusste, dass Bach in ganz einfachen Fällen wie bei BACH so etwas gemacht hat. Und so hatte sie eine Vermutung, und hat deshalb die Sache hin und her gewälzt. Bis sie plötzlich diesen Text herausgekommen hat. Wenn man ihr verboten hätte, nach diesem Text zu suchen, weil es nichts mit Musikwissenschaft zu tun hat, hätte sei ihn nie gefunden, dann wäre es nie heraus gekommen.

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