Air Berlin: Die verborgenen Seiten des Etihad-Deals
1978
Der amerikanische Pilot Kim Lundgren (im Bild links zu sehen mit seinem Sohn Shane Lungren) gründet gemeinsam mit einem Kollegen die „Air Berlin Inc.“ im US-Bundesstaat Oregon. Damals durften westdeutsche Fluggesellschaften das geteilte Berlin nicht anfliegen. Der erste Flug startet am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.
Foto: WirtschaftsWoche1991
Joachim Hunold, bis dahin Marketing- und Vertriebschef beim Ferienflieger LTU, wird Geschäftsführer und Aktionär. Die restlichen Anteile halten Privatinvestoren wie die Brüder Severin vom gleichnamigen Hausgerätehersteller. Kurz darauf starten 15 Flüge pro Tag.
Foto: WirtschaftsWoche1998
Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft. Sie startet von 12 deutschen Flughäfen. In den Reisebüros beginnt der Verkauf von Einzelplätzen.
Foto: WirtschaftsWoche2003
Neben den Ferienzielen fliegt Air Berlin nun vermehrt europäische Großstädte an und wird zum Jahresende (gemessen an der Zahl der Passagiere) Deutschlands zweitgrößte Airline nach der Lufthansa.
Flugzeuge Jahresende: 46
Foto: WirtschaftsWoche2004
Air Berlin übernimmt 24 Prozent von Niki, der vom ehemaligen Formel 1-Fahrer Niki Lauda gegründeten Fluggesellschaft. Erster Großauftrag an Airbus über die Lieferung von 70 Flugzeugen.
Flugzeuge Jahresende: 47
Foto: dpa2005
Übernahme von Fluggeschäft und Maschinen des Billigfliegers Germania Express. Umorganisation als als PLC nach britischem Recht. Das bringt Steuervorteile und verhindert, dass Arbeitnehmer im obersten Aufsichtsgremium sitzen.
Flugzeuge Jahresende: 79
Foto: WirtschaftsWoche2006
Börsengang mit einer Woche Verschiebung und zu einem niedrigeren Ausgabekurs als geplant. Im August Übernahme des Billigfliegers DBA vom Nürnberger Flugunternehmer und Berater Hans Rudolf Wöhrl, Großbestellung von 75 Boeing-Flugzeugen.
Flugzeuge Jahresende: 117
Foto: AP2007
Im März Übernahme des defizitären Düsseldorfer Ferienfliegers LTU vom Nürnberger Flugunternehmer und Berater sowie von 49 Prozent des Schweizer Ferienfliegers Belair. Übernahme des Thomas-Cook Ferienfliegers Condor wird angekündigt, scheitert aber an Kartellamtsauflagen in 2008. Bestellung von bis zu 40 Exemplaren des Boeing-Langstreckenflugzeugs 787, später gekürzt auf bis zu 20 Exemplare. Durch die Zukäufe der Ferienflieger bietet Air Berlin nun auch Interkontinentalflüge an.
Flugzeuge Jahresende: 124
2008
Die 2007 begonnene Kooperation mit der Luftfahrtgesellschaft Walter aus Dortmund wird ausgebaut. Wegen der Finanzkrise stockt erstmals das Wachstum, Air Berlin rutscht in die roten Zahlen. Ein erstes Sparprogramm folgt.
Flugzeuge Jahresende: 125
Foto: dpa2009
Das Bundeskartellamt stoppt die geplante Fusion mit Tuifly. Stattdessen übernimmt der Reisekonzern Tui 10 Prozent an Air Berlin. Im Gegenzug übernimmt Air Berlin für eine Mitgift von angeblich zehn Millionen Euro das defizitäre Städtefluggeschäft der Tuifly sowie 17 Flugzeuge. Die türkische ESAS-Holding übernimmt gut 15 Prozent an Air Berlin. Große 30-Jahrfeier mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit.
Flugzeuge Jahresende: 152
Foto: WirtschaftsWoche2010
Komplettübernahme der österreichischen Niki, Ankündigung des Beitritts zur Oneworld-Allianz um British Airways, American Airlines, Cathay Pacific aus Hongkong und der australischen Qantas. Außerdem Einstieg ins Mediengeschäft.
Flugzeuge Jahresende: 169
Foto: dapd2011
Ex-Metro-Chef Hans-Joachim Körber wird Chef des Verwaltungsrats und drängt stärker als sein Vorgänger, der Reiseunternehmer Johannes Zurnieden, auf eine Sanierung. Kooperation mit der Fluglinie Intersky aus Friedrichshafen. Wegen der schlechten Zahlen startet Vorstandschef Joachim Hunold ein großes Sparprogramm, tritt aber im August zurück. Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn, seit 2008 Verwaltungsratsmitglied, ersetzt ihn. Ein weiteres Sparprogramm kommt. 18 der mittlerweile 170 Maschinen werden verkauft.
Foto: dapd2012
Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Fluglinie mit Millionen. Ein neues Sparprogramm beginnt. Vollmitgliedschaft von oneworld zum 20. März.
Foto: WirtschaftsWoche2013
Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft.
Flugzeuge: 142 Maschinen.
2015
Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie zuvor.
Foto: dpa2016
Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich aber nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen.
Ende September werden erste Ergebnisse verkündet: Air Berlin soll schrumpfen, ein größerer Teil der Flotte samt Crews an die Lufthansa vermietet werden. Neben den 38 Flugzeuge für den Lufthansakonzern packt Air Berlin weitere 33 Jets in ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Tui und Etihad. Das soll unter dem Markennamen Niki das ehemalige Stammgeschäft bestreiten: Ferienflüge rund ums Mittelmeer für Reiseveranstalter.
Flugzeuge nach dem Umbau: ca. 75
Foto: dpaApril 2017
Wechsel an der Spitze: Im Februar 2017 übernimmt der frühere Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann das Ruder. Stefan Pichler verlässt das Unternehmen. Winkelmann will die Ende 2016 eingeleitete Kurswende weiterverfolgen. "Ich habe die Aufgabe mit dem Ziel übernommen, die Neupositionierung des Unternehmens erfolgreich abzuschließen", erklärt er bei Amtsantritt. Schon da ist klar: Leicht wird das nicht.
Foto: dpaJuli 2017
Überraschend präsentierte Air Berlin einen neuen Verwaltungsratschef und damit den Nachfolger von Joachim Hunold. Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann (rechts) stellte mit Ex-Bahn-Vorstand Gerd Becht einen Juristen und Übernahme-Spezialisten als neuen Chefaufseher vor. „Er ist ausgewiesener Experte für Restrukturierungen und Mergers and Aquisitions. Er wird der Air Berlin mit seiner Erfahrung frische Impulse geben“, so die Botschaft von Air-Berlin-Vorstandschef Thomas Winkelmann. Wem das zu unklar ist: Becht ist Spezialist für das Verkaufen von Unternehmen und soll hier für mehr Schwung sorgen.
Foto: PRAugust 2017
Air Berlin ist pleite. Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft stellte am 15. August 2017 den Insolvenzantrag, nachdem ihr Großaktionär und Geldgeber Etihad Airways ihr den Geldhahn zugedreht hat. Damit sei keine positive Fortführungsprognose mehr gegeben, erklärte die Führung von Air Berlin. Diese ist Voraussetzung, dass ein überschuldetes Unternehmen um einen Insolvenzantrag herumkommt. Der Flugbetrieb solle mit Hilfe eines Überbrückungskredits der Bundesregierung weitergehen, erklärte Air Berlin. Der Kredit ist mit einer Bundesbürgschaft abgesichert.
Foto: dpaWenn es um Air Berlin geht, stellen sich Kunden und Wettbewerber seit fünf Jahren eigentlich nur eine Frage: Wie lange kann die Fluglinie angesichts tiefroter Zahlen und einem ständig wachsenden negativen Eigenkapital eigentlich noch durchhalten. Denn, so der Chef einer anderen Fluglinie: „Etihad kann als Hauptaktionär doch nicht auf Dauer Geld in das Unternehmen hineinpumpen.“ Denn die Linie aus dem Emirat Abu Dhabi, die seit 2012 knapp 30 Prozent an Air Berlin hält, hat nach Schätzungen direkt und indirekt zwar bereits mehr als eine Milliarde Euro an die Spree geschickt.
Damit liegt der Mann offenbar leider gründlich falsch. Denn spätestens seit gestern ist klar: Etihad kann. Denn gerade hat die arabische Staatsfluglinie angekündigt, dass sie ihrer Tochter für rund 300 Millionen die Hälfte des österreichischen Ablegers Niki abkaufen wird.
Auf den ersten Blick erinnert die Transaktion zwar an frühere Aktionen, mit denen Etihad auf verschlungenen Wegen Geld nach Berlin schickte. Denn deutsche Fluggesellschaften müssen mehrheitlich deutschen Anteilseignern gehören und aus Deutschland heraus geführt werden, will eine Linie nicht den größten Teil ihre Flugrechte verlieren. Darum steckte Etihad seit 2012 nicht offen Geld in ihre Tochter, sondern übernahm einen Mehrheitsanteil am Air-Berlin-Vielfliegerprogramm Topbonus für 184 Millionen Euro oder zeichnete eine Anleihe der deutschen Tochter in Höhe von 300 Millionen Euro mit unbegrenzter Laufzeit.
Doch der aktuelle Deal ist es noch merkwürdiger als seine vielen Vorgänger.
Denn Etihad zahlt deutlich mehr als die Beteiligung wert ist. Nicht nur, dass Etihad über Air Berlin ja schon ein Teil von Niki gehörte. Die ganze Air-Berlin-Gruppe hat heute einen Börsenwert von rund 70 Millionen Euro und Niki macht mit ihren 20 Flugzeugen nicht mal ein Sechstel der Gruppe aus.
Tatsächlich stecken hinter dem Deal drei ganz andere Dinge.
Zuerst ist die Vereinbarung eine Art Blutspende in letzter Minute. So sehr sich Etihad und Air-Berlin-Chef Stefan Pichler in ihren offiziellen Mitteilungen auch mühen, die Transaktion als „einen entscheidende Schritt in Richtung unserer neuen strategischen Ausrichtung“, zu loben wie es Pichler gestern tat. Tastsächlicher Treiber ist, dass Air Berlin dringender denn je Geld braucht.
Die Linie hat nicht nur als fast einzige Fluggesellschaft in Europa im vergangenen Sommergeschäft rote Zahlen geschrieben. Nun drohen im Winter nicht nur wie auch viele gesündere Fluglinien höhere Verluste. Ab dem kommenden März können Anleger eine 140 Millionen Euro schwere Wandelanleihe vorzeitig kündigen und der ohnehin klammen Air Berlin viel Geld entziehen. Das ist mehr als wahrscheinlich, denn die Anleihe ist derzeit hoch attraktiv. Sie notiert derzeit mit einem Kurs von 89 Prozent deutlich unter dem Auszahlungswert. Dazu gibt es nochmal gut 1,5 Prozent Zinsen. „Schneller lässt sich mit einer Airline derzeit kaum Geld machen“, so ein Air-Berlin-Mitarbeiter.
Air Berlin rühmt sich, ein der jüngsten Flotten Europas zu haben. Durch den regelmäßigen Austausch bleibe man technisch stets auf dem neuesten Stand und könne so gewährleisten, dass die Flotte sparsam, sicher und umweltschonend bleibe – heißt es zumindest auf der Air-Berlin-Homepage. Doch das ist nur die eine Seite: Die Flugzeuge können so häufig ausgetauscht werden, weil Air Berlin die Flugzeuge gar nicht mehr besitzt: Im Juli wurde bekannt, dass die Airline das letzte eigene Flugzeug verkauft hat und nur noch mit geleasten Flugzeugen unterwegs ist. Was alles in Air-Berlin-Lackierung durch die Lüfte fliegt.
Foto: PRAirbus A319
Anzahl: 11
Sitzplätze: 150
Reichweite: 5.560 Kilometer
Der kleinste Airbus in der Air-Berlin-Flotte ist die A319. Stand Ende Juni sind elf Exemplare im Dienst.
Foto: PRAirbus A320
Anzahl: 60
Sitzplätze: 180
Reichweite: 5.500 Kilometer
Das Rückgrat der Air-Berlin-Flotte bildet die A320. Insgesamt 60 Flugzeuge dieses Typs sind in Europa auf der Kurz- und Mittelstrecke unterwegs.
Foto: PRAirbus A321
Anzahl: 23
Sitzplätze: 210
Reichweite: 5.700 Kilometer
Von der gestreckten Version der A320, der A321, hat Air Berlin 23 Exemplare im Dienst.
Foto: PRAirbus A330
Anzahl: 14
Sitzplätze: 290
Reichweite: 12.300 Kilometer
Die A330 hat mit über 12.000 Kilometern die größte Reichweite in der Air-Berlin-Flotte. Folglich kommen die 14 Exemplare vor allem bei den Transatlantikflügen zum Einsatz.
Foto: PRBombardier Q400
Anzahl: 17
Sitzplätze: 74/76
Reichweite: 2.522 Kilometer
Die Turboprop-Maschinen aus dem Hause Bombardier decken die Kurzstrecken- und Regionalflüge ab. Die Propeller-Maschine ermöglicht es Air Berlin, Frequenzen auf einigen Strecken zu geringeren Kosten zu erhöhen – entweder zwischen kleineren Städten oder als Zubringer zu den Drehkreuzen Berlin und Düsseldorf.
Foto: PRAussortiert: Boeing 737-700/-800
Anzahl: 5/17
Sitzplätze: 144/186
Reichweite: 6.110/5.420 Kilometer
Zu Hochzeiten hatte Air Berlin bis zu 45 Exemplare aus zwei Varianten der 737-Baureihe von Boeing in Betrieb. Um die Wartungs- und Ausbildungskosten zu senken, entschied die Airline allerdings 2014, die Boeing-Flieger zu verkaufen und künftig einheitlich auf Airbus zu setzen. Die Auslistung sollte Ende 2016 abgeschlossen sein.
Foto: PRZum Zweiten ist die Niki-Übernahme Teil eines größeren Umbaus. Etihad wird den überteuert gekauften Anteil an Niki direkt in eine neue Ferien-Linie einbringen. In das Unternehmen mit dem Arbeitstitel Blue Sky bringt auch der Reisekonzern TUI seine 14 bislang an Air Berlin verleasten Maschinen ein und bekommt damit wie Etihad rund ein Viertel des neuen Unternehmens. Die Mehrheit hält die Niki Privatstiftung, die bisher formal auch die Mehrheit an Niki gehalten hat. Nur so kann die Linie als österreichische Linie gelten und ungehindert ins Ausland fliegen. Präsident der Stiftung ist derzeit noch Pichler, der den Posten nach mit Abschluss der Transaktion abgeben soll. Die neue Linie soll ab April 2017 aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Ziele rund ums Mittelmeer und auf den kanarischen Inseln anfliegen. Dazu zählen auch die Flüge nach Mallorca, mit denen Air Berlin in den neunziger Jahren groß wurde.
Ebenfalls im Frühjahr will Air Berlin dann 40 Maschinen an die Lufthansa-Töchter Eurowings und Austrian vermieten. Das ist freilich noch nicht sicher. Die Verhandlungen sollten zwar in den kommenden zwei Wochen abgeschlossen werden. Doch zuletzt waren sich beide Lager noch nicht einig, vor allem wann wieviel Lufthansa für die Maschinen an Air Berlin zahlt.
Dritter und am schwersten auszumachender Teil des Deals ist eine Art Gesichtswahrung für Etihad-Chef James Hogan. Denn der Aufbau von Blue Sky vergrößert das Herrschaftsgebiet der arabischen Fluglinie erneut, erschließt der Airline neue Kundschaft und lässt sich damit als eine Art Investition in die Zukunft rechtfertigen.
Das kann der Australier, der in der vorigen Woche seinen 60. Geburtstag feierte, gut brauchen. Denn er steht laut Insidern bei seinen Eigentümern in Abu Dhabis unter wachsendem Druck. Das unter der Marke Etihad Partners zusammengekaufte Reich aus Etihad und Minderheitsbeteiligungen an derzeit sechs Fluglinien schreibt wachsende Verluste. Zwar waren nicht alle Beteiligungen Verlustbringer. „Doch wenn eine Beteiligung Geld verdiente wie die irische Aer Lingus oder Virgin Australia, wurde Hogan sie wieder los“, so der Insider.
Bislang rechtfertigte Hogan das damit, dass die Gruppe die Marke Etihad weltweit bekannt gemacht habe. „Die Ausgaben“ so Hogan zu den Milliardenzuschüsse in die Partnerlinien, „liegen unter dem was wir hätten ausgeben müssen, um Etihad mit Hilfe von Werbe- und Marketingkampagne so bekannt zu machen wie wir heute sind.“.
Doch das zieht bei Hogans Gesellschaftern offenbar immer weniger. Denn auch wenn die lückenhaften Geschäftsberichte Profite anzeigen: auch nach gut zehn Jahren mit Hogan als Chef ist Etihad laut Insidern von einem echten Gewinn weiter entfernt denn je. „Da neigt sich auch die Gelassenheit der nicht für übertriebene Geduld bekannten Herrscher-Familie Abu Dhabis dem Ende zu“, so der Insider. „Und wenn Hogan fällt, schwindet auch die Hoffnung auf neues Geld für Air Berlin.
Somit könnte der aktuelle Umbau mit der Filetierung von Air Berlin auch eine der letzten Rettungsaktionen durch Etihad sein.