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Erstes Shopping-Wochenende nach Shutdown „Nur 40 Prozent des normalen Geschäftsvolumens erreicht“

Infolge der Kontakteinschränkungen sind viel weniger Menschen als gewöhnlich am Samstag Mittag zum Einkaufen auf dem Hamburger Jungfernstieg unterwegs. Quelle: dpa

Erstmals seit Mitte März war wieder Wochenend-Shopping möglich. Doch die Kauflaune der Deutschen hält sich in Grenzen. Experten fürchten: Die Umsatzverluste werden nicht mehr aufzuholen sein.

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Deutschlands Einzelhändler waren mit gedämpften Erwartungen in das erste Wochenende nach der coronabedingten Schließung ihrer Läden gegangen. Und so zeigte sich denn auch am Samstag: Der große Ansturm blieb aus, wie auch schon unter der Woche reagierten die Deutschen verhalten auf die erweiterten Einkaufsmöglichkeiten. „Das Gros der Betriebe hat auf, viele haben die Chance genutzt“, hieß es etwa vom Handelsverband Niedersachsen-Bremen. In den Innenstädten sei aber noch deutlich weniger los gewesen als an normalen Samstagen.

Ähnlich waren die Eindrücke in den anderen Bundesländern. Etwa Hessen, wo sich die Polizeipräsidien am Samstag zufrieden zum Umgang der Menschen miteinander äußerten. „Für den Bereich Mittelhessen ist alles mehr als überschaubar“, sagte ein Sprecher der Polizei in Gießen.

Auch in Berlin hielt sich der Ansturm in Grenzen. Einzig vor einigen Elektronikfachmärkten der Kette Saturn bildeten sich zum Teil längere Schlangen. Viele Geschäfte blieben aber auch am Samstag geschlossen. Auf der in gewöhnlichen Zeiten vor allem samstags gut besuchten Einkaufsstraße Kurfürstendamm wirkte es vergleichsweise leer. Im Nachbarland Brandenburg waren die Innenstädte belebter als in den Wochen zuvor. In vielen Geschäften sahen sich Kunden um, es gab aber ebenfalls keinen Ansturm.

Seit Anfang der Woche können in den meisten Bundesländern Geschäfte wieder eine Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern öffnen. Doch die Kauflaune der Verbraucher ist noch längst nicht zurückgekehrt. Der Handelsverband Deutschland hatte am Freitag ein erstes Fazit mit Blick auf die Umsätze gezogen. „Trotz Öffnung wird durchschnittlich nur 40 Prozent des normalen Geschäftsvolumens erreicht“, teilte der Verband mit. Für die Aussagen befragte der HDE bundesweit eigenen Angaben zufolge 767 Handelsunternehmen. „Die Umsatzverluste werden vielfach nicht aufzuholen sein“, hieß es.

„Man konnte deutlich beobachten, dass nach der langen Phase der Schließung viele Kunden Bedarfskäufe getätigt haben. Der modische Aspekt stand im Hintergrund“, sagte etwa ein Sprecher von Deutschlands größtem Schuhhändler Deichmann, der rund 90 Prozent seiner etwa 1200 Filialen in Deutschland wieder geöffnet hat. Es würden überproportional viele Kinderschuhe gekauft. „Hier gab es offenbar den größten Nachholbedarf.“

Ein Grund für die Zurückhaltung der Kunden könnten die unübersichtlichen Regelungen sein, vermutet Marco Atzberger vom Kölner Handelsforschungsinstitut EHI. „Die Verbraucher sind verwirrt, welcher der größeren Shopping-Magnete überhaupt offen hat oder mit welchen Einschränkungen bei Sortiment und Fläche.“ Zudem hemmten die notwendigen Hygienemaßnahmen eine positive Shopping-Atmosphäre. „Da lassen die Kunden den Trip in die Einkaufsstraße lieber ausfallen und vertreiben sich die Zeit beim Online-Shoppen auf dem Sofa.“

Gekauft wird derzeit vor allem, was für den Alltag benötigt wird. Bei den Elektronikhandelsketten Media Markt und Saturn machen sich vor allem die veränderten Arbeitsbedingungen in Zeiten von Corona bemerkbar: „Alles rund ums Homeoffice“ sei besonders gefragt, also Headsets, Webcams, Tablets oder Notebooks. Aber auch viele Entertainmentprodukte erfreuten sich größerer Nachfrage. Außerdem kamen viele Kunden, die ein Gerät reparieren lassen oder nach der Reparatur abholen wollten.

Die beiden Elektronikhändler mussten wie alle anderen großen Läden ihre Verkaufsfläche auf 800 Quadratmeter begrenzen. Diese Regelung gilt vom kommenden Montag an auch im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW. Dort sind Kaufhäuser, große Modegeschäfte und andere Filialisten mit viel Verkaufsfläche bislang geschlossen.

Das hat auch Auswirkungen auf die Kundenfrequenz in den Fußgängerzonen. Das EHI-Handelsforschungsinstitut hat etwa für die Millionenstadt Köln festgestellt, dass in den Einkaufsstraßen Hohe Straße und Schildergasse, die normalerweise zu den belebtesten Shoppingmeilen in Deutschland gehören, nur gut jedes zweite Geschäft geöffnet hatte.

In Nordrhein-Westfalen dürfen dagegen Möbelhäuser ohne Verkaufsflächenbegrenzung ihre Ware verkaufen. Der schwedische Möbelriese Ikea konnte deshalb seine elf Filialen im Land seit Mittwoch öffnen. Obwohl sich vor der Öffnung teilweise lange Warteschlangen gebildet hatten, berichtete eine Sprecherin von einem verhaltenen Geschäft in den ersten Tagen. „Viele Kunden sind eher noch zurückhaltend.“ In das Möbelhaus in Köln, das zu den größeren gehört, dürften theoretisch 640 Kunden gleichzeitig rein. Dieses Kontingent sei in den ersten Tagen nur selten ausgeschöpft worden.

Halbwegs zufrieden mit der ersten Verkaufswoche ist der Marktführer im Buchhandel Thalia. „Insbesondere in den Klein- und Mittelstädten waren die Buchhandlungen gut besucht“, berichtete eine Sprecherin. Unter den erschwerten Bedingungen sei man mit den Ergebnissen der Wiedereröffnungswoche erst einmal zufrieden. „Aber wir werden wir den durch den Shutdown verlorenen Umsatz nicht wieder hereinholen können.“

Beim gerade erst aus dem Insolvenzverfahren entlassenen Modekette Gerry Weber liege der Zulauf „weit unter der Vor-Corona-Zeit“, hieß es von dem Unternehmen. Er habe sich seit Montag relativ konstant eingependelt. Um mehr Kunden anzulocken will die Kette mit speziellen Gutscheinen und Aktionen aufwarten. Gerry Weber hat die meisten seiner insgesamt rund 200 eigenen Stores in Deutschland geöffnet.

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